Liebe Leserinnen und Leser,
vielleicht geht es Ihnen wie mir und Sie haben sich gefreut, in der aktuellen YACHT Classic oder auf diesen Seiten über traditionelle Segelformen zu lesen. In dem dreiteiligen Artikel klärt Klaus Berger detailreich über Dschunke- und Sprietsegel oder Gaffel und Spreizgaffel auf. Mir besonders angetan haben es die Rah- und Luggersegel. Breitfock, Halbspitzer, Kopfrah – Überbleibsel einer vergangenen Ära? Für mich kein segelnder Anachronismus. Ich finde es faszinierend, gebe mich gern verstaubten Fachtermini hin. Auch wenn oder gerade weil in der Praxis sich eher wenige Segler damit konfrontiert sehen, sollte dieses Wissen hochgehalten werden.
Allein vom Dippluggersegel zu erfahren, herrlich! Dazu die liebevollen Illustrationen mit braunem Tuch und handschriftlichen Erläuterungen. Comme il faut. Die Ausführungen zum Lugger ließen mich an Roger Barnes denken. Seinem Youtube-Kanal, Enthusiasmus und nordenglischen Akzent war ich eine Zeit lang regelrecht verfallen. Der Brite lebt in der Bretagne und besegelt die Küste oftmals allein mit einem Fahrtendinghy von anno dunnemals. Ein Mann, ein offenes Boot, ein Segel, viele Ziele.
Bei schweren Traditionsbooten und -Schiffen geht es um weitaus größere Segelgarderoben, komplexe Takelagen erlauben mannigfaltige Kombinationsmöglichkeiten. Immer wieder erstaunlich ist es zu erleben, wie im entsprechenden Windbereich kaum ein Zentimeter zwischen den hölzernen oder stählernen Spieren unbetucht bleibt. Zu IOR-Zeiten ergänzten und stabilisierten kunstvoll geformte Blooper die Vortriebsleistung bauchiger Spinnaker und sorgten für bunte Bilder von den Regattabahnen.
Die „Wir ziehen, was wir haben“-Maxime kommt gewissermaßen auch bei zeitgemäßen Performance-Riggs wieder zum Tragen. Wandert der Mast immer weiter nach achtern, wächst das Vordeck zur Experimentierbühne heran. Teils wird aus ganzen Batterien an Vorsegeln gewählt, die wiederum untereinander kombinierbar sind. Ganz allgemein bildet die ständige Anpassung an den Luftstrom eine Facette des Segelns ab, die es für mich so spannend macht. Dieses ständige Optimieren aus trimmen, zuppeln oder eben Segel hin- und herwechseln.
Ob das Tuch nun grün, lilafarben, schwarz, bunt, dreieckig, rechteckig, trapezförmig, viereckig, fächerartig, profiliert, lüftbefüllt oder gar zwischen den Rahen nicht mehr vorhanden ist, die im Wind stehende Vielfalt macht doch den Reiz aus. Alles ist da. Um zu bleiben. Hoffentlich.
Sören Gehlhaus
YACHT-Redakteur
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