Tatjana Pokorny
· 11.07.2026
Boris Herrmann und sein Team haben wenige Tage nach dem Stapellauf der neuen “Malizia 4” nur Gutes zu berichten. Von “Liebe auf den ersten Segelschlag” war die Rede. Und von einer “unglaublich reibungslosen und beeindruckenden ersten Woche”. Genau so sah es auch beim genauen Hinsehen vor Ort aus. Dem Stapellauf war der 90-Grad-Krängungstest gefolgt, bei dem nur der Kran kurz muckte, nicht aber das schwarz-rote Geschoss von Team Malizia.
Schon zwei Tage nach dem Stapellauf war “Malizia 4” bereit für den ersten Segeltest. Am Mittwochabend ging es nur 36 Stunden nach dem Stapellauf in leichten bretonischen Winden zur blauen Stunde raus ins Revier zwischen Lorient und der Îsle de Groix. Die kurze Fahrt reichte, um die Foils und Segel zu testen. Die Crew zog jedes Segel aus dem Bestand einmal hoch, überprüfte die Systeme und bekam ein erstes Gefühl für das neue Boot.
Für die Crew, aber auch viele Neugierige an den Ufern brachte die Testfahrt noch ein optischen Höhepunkt, der nicht zu übersehen war: Die Neue zeigte sich auf dem Wasser erstmals komplett in ihren neuen Farben. Das war selbst für die Mannschaft, die das Farbdesign von Jean-Baptiste Epron viele Monate nur auf Renderings, Lackierschablonen und Fotos vom Bau hatte sehen können, ein besonderer Moment.
Am Freitag dann bemühte sich auch der Wind in der Bucht von Lorient und dem umliegenden Revier etwas mehr. Die stärkere Brise nutzte Team Malizia für den ersten Flug. Erstmals ging es auf die Foils. Mit dem Ergebnis waren Boris Herrmann und sein Team nach zweijähriger Entstehungszeit mehr als zufrieden. Der Skipper reagierte glücklich und heiter, sagte: “Und was, wenn es funktioniert?”
“Malizia 4” hob sanft auf ihren Foils ab. Gleich im ersten Versuch gelang ein beeindruckend stabiler Flug. Für alle ihre Väter und Mütter, die über zwei Jahre so intensiv an der Entstehung dieses Bootes gearbeitet haben, war es einer der wichtigsten Momente. Bemerkenswert an dieser ersten Woche war zudem, wie planmäßig die ersten Schritte des Teams mit der neuen Imoca verliefen, wie schnell das Boot auf hohem Niveau einsatzbereit war.
Fünf Tage nur brauchte das Team vom Stapellauf bis zum erfolgreichen ersten Abheben. Die Präzision im zügigen wie zielorientierten Voranschreiten spiegelt auch den engen Zeitplan wider, den die Mannschaft unbedingt einhalten will, weil die erste große Regatta mit dem Start zum neuen Ocean Race Atlantic am 1. September in New York naht und der Neubau noch dorthin überführt werden muss. So sind Segeln, Foilen, Fliegen, Lernen und Optimieren die Gebote der Stunde.
Geplant ist beispielsweise für die kommende Woche auch ein interessanter Test gemeinsam mit der jüngsten Vendée-Globe-Siegerin “Macif”. Die schmale “Malizia 4” – rund einen Meter schlanker als ihre Vorgängerin “Malizia 3”, die mit weniger Widerstand und starken, etwas gestreckteren Foils aufkreuzt, scheint bereit für die nächsten Schritte in ihrem noch jungen Leben.
Einen ersten Eindruck davon, ob “Malizia 4” die den Designern zu Beginn gestellte Aufgabe erfüllen kann, nicht nur ihre Vorgängerin vor dem Wind und in stärkerem Druck, sondern auch die Vendée-Globe-Königin “Macif” bei glattem Wasser und in leichten Winden überflügeln zu können, könnte das geplante Rendezvous bringen. Wer die aktuelle “Macif” einmal übernehmen wird, ist noch nicht sicher. Sicher ist aber, dass Sam Goodchild im kommenden Jahr eine neue Imoca für seine zweite Vendée Globe bekommt.
Die wird dann aus der Feder von Guillaume Verdier stammen und dürfte eher dem auch gerade vorgestellten und radikalen Entwurf für das Team DMG Mori ähneln. Deren neues Geschoss machte mit Bustle und seitlichen Wasserballasttanks viel Eindruck. Auch beim Team Malizia. “Das ist schon ein sehr, sehr radikaler Entwurf”, sagte Boris Herrmann in Lorient.
Offen blieb aber bei den neuen Verdier-Booten zunächst noch die genaue Stoßrichtung des Gesamtkonzepts, weil die Foils bei DMG Mori noch nicht installiert waren. “Wir wissen noch nicht, wie deren Foils aussehen. Davon wird viel abhängen”, erklärte Boris Herrmann. Der “Malizia 4”-Skipper machte keinen Hehl daraus, dass er wie die gesamte Imoca-Familie überrascht von der DMG-Mori-Radikalität des Designs war.
“Da müssen wir abwarten, wie es sich entwickelt. Das Boot scheint radikal fürs Ocean Race gebaut worden zu sein”, beschrieb Boris Herrmann seine ersten Eindrücke. The Ocean Race ist das bekannteste Mannschaftsrennen um die Welt, das Boris Herrmann gerne mit Team Malizia gewinnen würde. Für das Rennen ist quantitativ zum jetzigen Zeitpunkt noch keine riesige Konkurrenz beisammen. Qualitativ aber mindestens sehr interressante. Davor steht aber der nächste Imoca-Gipfel in diesem Jahr: das Ocean Race Atlantic im September.

Freie Reporterin Sport
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