Ursula Meer
· 29.09.2026
Beim Silverrudder 2026 ging ein Segler in stockdunkler Nacht von Bord seiner Beneteau First 18 SE und wurde mehr als eine Stunde lang hinter seinem eigenen Boot hergezogen. Er überlebte. Als wir ihn kurz nach seiner Entlassung aus dem Krankenhaus interviewten, kannte er selbst noch nicht alle Details seiner Rettung. Inzwischen haben sich Mitsegler, Seenotretter und Organisator Philip Cossen bei der Redaktion gemeldet – und das Bild dieser Nacht hat sich vervollständigt.
Seit 15 Jahren zieht das Silverrudder im September Hunderte von Seglern aus aller Welt nach Svendborg – eine Einhand-Regatta mit Kultstatus, eine Gemeinschaft, die sich Jahr für Jahr wiedersieht.
Das Wetterbriefing vor dem Start der 15. Edition klang anspruchsvoll, aber beherrschbar: Wettermann Juri Jehrmann prognostizierte frischen bis starken Wind mit Böen bis 30 Knoten, das dänische Wettermodell sah stellenweise bis zu 35 Knoten aus westsüdwestlicher Richtung. Das Komitee gab den Start frei. Zahlreiche erfahrene Skipper entschieden sich dennoch eigenverantwortlich gegen einen Start.
Matija – seinen Nachnamen möchte er nicht in der Zeitung lesen – segelte seine Beneteau First 18 SE “Taormina” in die Bedingungen. Neun Jahre lang hatte er sein Handfunkgerät irgendwo im Boot verstaut. An diesem Abend trug er es zum ersten Mal in der Tasche seiner Regattaweste. Es war die Entscheidung, die ihm das Leben retten sollte.
Das vollständige Interview mit Matija ist unter dem Titel „Mayday um Mitternacht" nachzulesen. Was dort noch nicht stand: wie die Rettung aus der Perspektive der anderen Beteiligten ablief. Matija bat die Redaktion, ihm zu helfen, Kontakt zu seinen Rettern aufzunehmen. Seitdem haben sich mehrere Beteiligte bei uns gemeldet.
Die freiwilligen Seenotretter aus Juelsminde hielten am Dienstag nach dem Rennen ein eigenes Debriefing ab. Matija rief einen der Männer persönlich an, um sich zu bedanken. „Das bedeutet sehr viel für die Ehrenamtlichen", schreibt der Einsatzleiter. Und: „Hoffentlich mit einer Stimme, die ganz anders klingt als die von quälender Verzweiflung geprägte Stimme, die ich in jener Nacht hörte.“
Und die berechtigt war. Denn - das sollte Matija erst in seinem Gespräch mit den Seenotrettern erfahren - seine Haut hat beim Zeitpunkt der Rettung bereits einen grau-weißen Ton angenommen. Ein untrügliches Zeichen schwerer, lebensbedrohlicher Unterkühlung.
Organisator Philip Cossen ist am Tag nach dem Vorfall sichtlich bewegt. Er habe persönlich mit Matija und weiteren Beteiligten gesprochen.
Mitmachen kann grundsätzlich jeder bei Silverrudder – vorausgesetzt, das Boot ist seetüchtig und die Skipper erfüllen die Sicherheitsanforderungen. Die sind klar definiert: Die Rettungsweste muss zu jeder Zeit getragen werden, Sicherheitsgeschirr, Lifeline, UKW-Funkgerät, Leuchtraketen, Taschenlampe, Messer, Anker, Erste-Hilfe-Set und Feuerlöscher gehören zur Pflichtausrüstung. Das Sicherheitskomitee behält sich dabei ausdrücklich das Recht vor, kleinere Boote bei zu starkem Wind vom Start auszuschließen.Die Sicherheitskette habe funktioniert – aber er kündigt an, das Rennen eingehend auszuwerten und ernsthaft zu prüfen, wie die Sicherheit verbessert werden könne, etwa mit verpflichtenden PLBs. Dabei ist ihm eines wichtig: Das Silverrudder sei bewusst eine Regatta für jedermann – erschwinglich, ohne komplizierte Regeln. Zudem weist er auf eine regulatorische Besonderheit hin: In Dänemark müsse eine PLB registriert sein, was ein UKW-Funkzeugnis und eine Funkstationslizenz voraussetzt – für viele Teilnehmer eine zusätzliche Hürde. „Wir müssen uns also zuerst die Optionen anschauen“, sagt er.
Koos van der Zee, der aus Dänemark schreibt, segelte seine Bianca 107 „Isella" in jener Nacht nördlich von Æbelø. Was er erlebte, hat er der Redaktion in zwei eindrücklichen Mails geschildert:
„Ich hörte den Notruf gegen 23 Uhr. Die Stimme über das Funkgerät ließ keinen Zweifel: Das war ernst. Einer der anderen Teilnehmer, mit deutschem Akzent, setzte sofort ein Mayday-Relay an die Rettungskräfte ab.
Ich erkannte schnell, dass der Mann über Bord wahrscheinlich irgendwo in der Nähe war. Ein Handfunkgerät hat nur eine begrenzte Reichweite – ich wusste, wenn ich ihn hören konnte, war er nicht weit. Ich startete den Motor, barg die Segel, schnappte mir eine Taschenlampe und begann zu suchen.
Nach kurzer Zeit sah ich etwas Reflektierendes in der Dunkelheit und steuerte darauf zu. Als ich näher kam, erkannte ich: Es war eine aufgeblasene Rettungsweste. Für einen kurzen Moment spürte ich enorme Erleichterung – überzeugt, den Segler lebend gefunden zu haben. Dieses Gefühl verschwand sofort, als ich erkannte, dass die Rettungsweste leer war. Mein Herz sank.
Zu diesem Zeitpunkt wusste keiner von uns, dass der Segler noch am Boot hing – hinter ihm hergezogen. Ich meldete die Koordinaten der Rettungsweste an die Rettungskräfte, die inzwischen eingetroffen waren.
Bald waren Rettungsboote, ein Hubschrauber und sogar ein Handelsschiff in die Suche eingebunden. Mächtige Scheinwerfer strichen über das Wasser. Die Sicht war schlecht, die Kommunikation schwierig, und die Kombination aus Dunkelheit, Wind und Wellen ließ alles chaotisch erscheinen.
Schließlich hörte ich über Funk, dass der Segler gefunden worden war und man ihn in Decken wickelte. Diese wenigen Worte brachten eine enorme Erleichterung. Wenn sie ihn einwickelten, lebte er.
Für mich war das Rennen nun vorbei. Beim Sichern der Segel auf dem Vorschiff rutschte ich aus und renkte mir die Schulter aus. Nach einiger Mühe schaffte ich es zurück ins Cockpit, setzte den Autopiloten auf Bogense und begann die lange und unbequeme Fahrt in den Hafen. Etwa 45 Minuten später gelang es mir schließlich, die Schulter selbst einzurenken. Als ich in Bogense einlief, erkannte ich die Yacht des Verunglückten – jetzt im Hafen vertäut. Gegen 3 Uhr war ich endlich fest."
In einer zweiten Mail schreibt Koos:
„Was mich seitdem beschäftigt: Nur wenige Boote schienen sich aktiv an der Suche zu beteiligen. Natürlich weiß ich nicht, was die anderen gehört haben oder mit welchen Situationen sie selbst an Bord konfrontiert waren. Trotzdem hat mich der Vorfall zum Nachdenken gebracht: Sind wir als Segelgemeinschaft klar genug darüber, was von uns erwartet wird, wenn sich eine realistische Such- und Rettungssituation während einer Regatta entwickelt?
Ich würde jeden ermutigen, den TracTrac-Replay ab etwa 23 Uhr anzuschauen. Er zeigt, wie schnell sich die Ereignisse entwickelten – und wie schwer es sein kann, das Gesamtbild in Dunkelheit und rauer See zu erfassen.
Offshore-Segeln legt großen Wert auf Vorbereitung, Ausrüstung und Seemannschaft. Diese Erfahrung hat mich daran erinnert, dass ein ebenso wichtiges Element unsere Bereitschaft ist, füreinander einzustehen, wenn etwas schiefgeht."
Max Käkenmeister aus Deutschland – zum achten Mal beim Silverrudder, freiwilliger Feuerwehrmann – war mit seiner Westerly Discus „Takarafune" ebenfalls nördlich von Æbelø unterwegs. „Es war so ein total übersteuertes, verrauschtes ‚I'm in the water, I'm in the water'", erzählt er. „Wo du denkst: Ist das ein Scherz? Ist das real? Und dann kam es nochmal."
Matijas Handfunkgerät hatte eine zu geringe Reichweite, um klar zur Rettungsleitstelle durchzukommen. Mindestens einer der Teilnehmer sendete ein Mayday-Relay an Lyngby Radio. Max nutzte Tracker und Startnummer, um die Position des Bootes zu bestimmen und weiterzugeben. „Ich habe in dem Moment nicht an das Segeln gedacht", sagt er. „Sondern nur: Was ist jetzt das Richtige?". Ein anderer Segler alarmierte das Silverrudder-Sicherheitsteam, das sofort Kontakt mit Lyngby Radio aufnahm die Positionsdaten immer wieder durchgab.
Der Funkverkehr sei chaotisch gewesen, schildert Käkenmeister: „Es war viel durcheinander auf dem Funk. Nachrichten kamen nicht immer an, Positionen waren schwer zu kommunizieren und zu verstehen." Nasse Finger, Dunkelheit, Welle. „Alle, die beteiligt waren, haben das Richtige versucht", sagt Käkenmeister. „Aber du merkst, wie schwierig das alles gleichzeitig ist – das eigene Boot im Griff behalten, den Funk verfolgen, Entscheidungen treffen."
Im Nachhinein beschäftigt ihn eine Frage: „Hätte ich umdrehen und aktiv suchen sollen? Ich habe meine eigene Position in dem Moment falsch eingeschätzt." Langsamer fahren konnte er nicht – das Boot wäre in den Wellen unkontrollierbar geworden.
Zum Funk wurde später noch ein weiteres Detail bekannt: Der Hubschrauberpilot konnte Matija nur in den Momenten per Funkpeilung orten, wenn dieser das Gerät aktiv betätigte. „Hätte er das Funkgerät nicht zufällig am Mann gehabt", sagt Max, „kein Mensch hätte es mitgekriegt, dass da jemand hinter seinem Boot hinterhergezogen wurde."
Wettermann Juri Jehrmann hatte ein präzises Briefing geliefert – und trotzdem erwischte das Rennen viele Segler härter als erwartet. Nicht nur im Norden Fünens, wo man die schlimmsten Bedingungen befürchtet hatte, sondern an mehreren Stellen des Kurses. Die meisten Boote segelten die letzten sechs bis acht Stunden unter Fock und gerefftem Groß. Nicht vorhergesagte Regenschauer brachten Böen bis 32 Knoten.
Jehrmann räumt im Nachgespräch mit Organisator Philip Cossen ein: „Wir haben einige Schauerzellen verpasst." Die brachten Böen bis 32 Knoten. Grundsätzlich sei die Wetterlage mit dem starken Westsüdwest beherrschbar gewesen – aber das Silverruder stelle Meteorologen vor besondere Herausforderungen: „Es gibt so viele Ecken, so viele Kaps, Strömungen. Die Windrefraktion an den Landzungen überrascht mich jedes Mal." Dazu kommt die extreme Heterogenität des Feldes – von ultraschnellen Trimaranen bis zu langsamen Langkielern aus den 1970ern. Für das nächste Jahr denken Jehrmann und Cossen über klassenspezifische Wetterpakete nach oder eine App, in die Segler die Geschwindigkeitsdaten ihres Bootes eingeben können – damit die Wettervorhersage nicht nur für das gesamte Feld gilt, sondern für jedes einzelne Boot.
Wie sich die Bedingungen konkret anfühlten, schildert Patrik Heinrichs – Klassensieger in Keelboats Small auf seiner Esse 850 „Jynx" – in eindrücklichen Worten. An der Nordspitze bauten sich die Wellen auf anderthalb Meter auf, alle Gegner drehten nacheinander ab Richtung Süden. Er blieb draußen. Bei Æbelø zog eine Schauerzelle auf: „Die sah NICHT GUT aus." Im Kleinen Belt dann stockdunkle Nacht, Wind von vorne, Wellen über das Boot, zunehmender Schiffsverkehr: „Ein paar Salzwasserduschen nach Mitternacht ersetzen ja den Kaffee zum Wachbleiben." Und am Ende, im Svendborgsund, nochmal heftige Böen, nochmal unbeleuchtete Tonnen: „Es nahm einfach kein Ende mit dem Wind."

Redakteurin Panorama und Reise
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