Gestern noch sagte er, er müsse erst selbst nachdenken. Die Nacht und die dramatischen Ereignisse waren zu nah, das Erlebte zu groß. Seine Frau hatte ihn am frühen Morgen aus dem Krankenhaus abgeholt, sein Boot musste versorgt werden. In der Nacht des Silverruders war Matija – seinen Nachnamen möchte er nicht veröffentlicht wissen – von seiner Beneteau First 18 SE über Bord gegangen. Anderthalb Stunden wurde er hinter seinem eigenen Boot hergezogen, das mit vier Knoten in stockdunkler Nacht einfach weitersegelte. Er brauchte Zeit.
Heute früh erzählt er von den Ereignissen. Seine Stimme klingt ruhig, als wäre es ihm wichtig, die Dinge in der richtigen Reihenfolge zu erzählen. Nicht für sich – sondern für andere.
Matija ist 50 Jahre alt und segelt seit neun Jahren eine Beneteau First 18 SE. Das Silverruder 2026 war sein zweiter Start bei der Einhand-Regatta rund Fünen. Beim ersten war er Finisher. Das zweite wurde zu seinem zweiten Geburtstag.
„Das erste Drittel war wirklich schön. Ich habe das Rennen genossen – es war windig, aber absolut beherrschbar. Dann begann der Upwind-Teil an der Nordspitze Fünens. Es war böig, aber noch machbar. Ich sagte mir: Ich versuche es, und wenn es zu hart wird, drehe ich um und suche einen Hafen. Das Tageslicht war noch da. Aber jetzt, wenn ich zurückblicke – das war mein erster grundlegender Fehler. Ich hätte dort umdrehen sollen. Ich habe meinen Zustand falsch eingeschätzt. Wie lange ich in diesen Bedingungen noch sicher segeln kann. Das war der Kernfehler.”
„Ja. Ich entschied mich, dichter unter Land zu gehen – so wie die meisten anderen Boote auch. Dort waren die Wellen kleiner, der Wind schwächer. Ich war schnell. Aber diese kurzen, steilen Wellen waren für so ein kleines Boot sehr unangenehm. Das Boot tauchte ein, stoppte kurz ab, tauchte wieder ein. Man hält sich mit den Beinen und den Gurten, es gibt nichts, an dem man sich festhalten kann. Es gibt keinen Moment der Ruhe. Ich hatte auch keinen Autopiloten.
Dann passierte ich die Insel Æbelø und kam wieder in offeneres Wasser. Die Wellen wurden größer, der Wind böiger. Ich wusste, was das bedeutete. Das war die zweite Gelegenheit umzudrehen. Ich habe sie nicht genutzt."
Es war kurz vor Mitternacht. Komplett dunkel. Ich war müde und habe beschlossen, eine kurze Pause zu machen. Ich habe die Fock eingerollt, Wasser getrunken, ein Sandwich gegessen. Ich dachte, das reicht – und dann geht es weiter.
Als ich wieder losfahren wollte, habe ich die Fock ausgerollt. Aber der Wind hat das Boot von der falschen Seite erwischt, ich habe die Fockschot nicht schnell genug gefiert. Das Boot wurde komplett umgelegt – der Mast lag auf dem Wasser, die Segel tauchten unter. Ich habe die Schoten gefiert. Aber dann – ich war in Panik – bin ich auf den Kiel geklettert, um das Boot wieder aufzurichten. Das war dumm. Es ging so schnell, dass ich im Wasser war, bevor ich überhaupt realisierte, was passierte."
„Ja. Seit dem Ablegen im Hafen war ich die ganze Zeit eingepickt – an eine Lifeline, die am Mast befestigt war. Ich habe mich nie ausgeclipt. Die Lifeline war lang genug, um das ganze Boot zu umrunden. Und lang genug, dass ich mich bis ans Heck hangeln konnte, als ich erst einmal im Wasser war. Ich war etwa 30 Zentimeter hinter dem Boot. Ich dachte, okay, jetzt rufe ich Hilfe. Aber dann merkte ich: Die Fockschot war noch nicht vollständig gefiert. Das Boot lief an. Es wurde schneller. Und schneller. Das Boot lief mit über vier Knoten. Der Wasserdruck war so stark, dass ich mich nicht hochziehen konnte. Nicht einmal annähernd. Ich habe es immer wieder versucht. Aber es war unmöglich."
„Nach vielleicht fünf, zehn Minuten. Als mir klar wurde, dass ich es aus eigener Kraft nicht zurück an Bord schaffe, habe ich Kanal 16 gerufen. Und ich bin unendlich dankbar, dass ich das Funkgerät dabei hatte. Es war das erste Mal in neun Jahren, dass ich es am Körper trug – in der Tasche meiner Rettungsweste. Davor hatte ich es immer irgendwo im Boot gelassen. Ohne dieses Funkgerät hätte mich niemand gefunden. Es war stockdunkel, mein Boot lief alleine. Niemand konnte wissen, dass da ein Mensch hinterhergezogen wird."
„Wie lange ich wirklich im Wasser war – ich weiß es nicht mehr genau. Eine Stunde, vielleicht anderthalb. Das Zeitgefühl war weg. Irgendwann merkte ich, dass meine Hose und meine Schuhe mich nach unten zogen – wie ein Fallschirm im Wasser. Ich habe sie ausgezogen. Ich dachte, vielleicht schaffe ich es dann leichter zurück an Bord.
Ich habe es immer wieder versucht. Ich drückte gegen das Ruderblatt, um das Boot in den Wind zu zwingen – damit es stoppt, damit ich klettern kann. Und manchmal hat es funktioniert, das Boot stand kurz im Wind. Aber in dem Moment, wo ich das Ruder losließ, um mich hochzuziehen, nahm das Boot sofort wieder Fahrt auf. Jedes Mal. Es war... es war wirklich sehr stark, dieser Wasserdruck. Ich konnte nicht.
Alle paar Minuten habe ich auf Kanal 16 gerufen. Meine Rennnummer, meine Segelnummer – immer wieder. Ich dachte: Wenn jemand mein Boot auf dem Tracker sieht und die Nummer kennt, können sie mich finden. Ich wollte der Welt sagen, dass ich noch da bin. Dass ich noch lebe.
Irgendwann flog dann der Hubschrauber über mich hinweg – und flog weiter. In diesem Moment begann ich zu zittern. Zum ersten Mal spürte ich die Kälte wirklich. Ich dachte: Entweder ich schaffe es irgendwie selbst, oder das Boot treibt irgendwann an Land und stoppt dort. Das waren meine letzten Optionen."
„Ja, vielleicht zehn, fünfzehn Minuten später kam ein Rettungsboot. Ein Mann sprang direkt auf mein Boot und zog mich aus dem Wasser. Er war wirklich ein Experte. Als er mich aus dem Wasser zog, konnte ich Arme und Beine kaum noch heben. Aber ich war wie neu geboren – aus dem Wasser geboren.
Der Rettungsmann wusste nicht, wie er die Segel bergen sollte – also habe ich es ihm gezeigt. Dann haben sie mich auf das Rettungsboot gebracht. Dort lag ich auf einer Liege, sie wickelten mich sofort in diese goldene Rettungsfolie. Ein zweiter Mann wärmte mich mit seiner Körperwärme und sprach die ganze Zeit mit mir – er hat nicht aufgehört. Etwa fünf Minuten später wurde der Arzt aus dem Hubschrauber zu uns heruntergelassen. Sie waren wirklich außergewöhnliche Profis. In jeder Hinsicht.
„Ich wurde in den Helikopter gewinscht, an Land geflogen und mit dem Krankenwagen in das Krankenhaus nach Odense gebracht. Dort haben sie alles gemacht – EKG, Blutabnahme, Wärmedecke. Wenn ich zurückrechne: die Rettungsleute auf dem Boot, im Hubschrauber, im Krankenwagen und im Krankenhaus – das waren elf, zwölf Menschen, die sich um mich gekümmert haben. Ich bin ihnen von ganzem Herzen dankbar. Ich würde sie wirklich gerne noch einmal treffen."
„Ich glaube, ich kam gegen halb zwei ins Krankenhaus. Dann hat eine Krankenschwester die Silverruder-Rennleitung angerufen – und die haben ihr die Telefonnummer meiner Frau gegeben. So konnte ich endlich mit ihr sprechen. Der Arzt sagte, ich müsse mindestens zwei Stunden bleiben, damit sie alles überprüfen können. Meine Frau kam um fünf Uhr morgens zu mir ins Krankenhaus. Wir sind dann kurz darauf in unsere Ferienwohnung gefahren."
„Das Rettungsboot hat es in den nächsten Hafen geschleppt. Am nächsten Nachmittag haben wir es aus dem Wasser geholt – ein Freund aus der Seascape-Community hat mir dabei geholfen. Jetzt steht sie auf dem Trailer, bereit für die Heimreise."
„Erstens: Das Funkgerät gehört an den Körper. Immer. Nicht irgendwo im Boot – am Körper. Das hat mir das Leben gerettet. Daran bin ich zu 100 Prozent überzeugt.
Zweitens: Wenn das Boot kentert, steige nicht auf den Kiel. Rolle zuerst die Fock ein. Das Boot richtet sich selbst auf. Warte an Bord und rufe notfalls Hilfe.
Drittens – und das ist vielleicht das Wichtigste: Kenne deine Grenzen. Für diesen Bootstyp sind 25 Knoten das Maximum für dauerhaftes sicheres Solo-Segeln. Vielleicht eine, zwei, drei Stunden in 30 Knoten – aber nicht eine ganze Nacht. Ich habe das auf die harte Tour gelernt.
Und dann ist da noch die Lifelineinenlänge: Bleibt immer eingeclippt. Aber achtet auf die Länge der Leine. Meine war so kurz, dass ich mich kaum bewegen konnte. Eine längere Leine hätte mir mehr Bewegungsfreiheit gegeben – vielleicht hätte ich es damit zurück an Bord geschafft."
„Segeln – ja, auf jeden Fall. Aber eine Einhand-Nachtregatta? Das werde ich mir sehr genau überlegen. Ich war so nah an meinem Ende. Ich weiß es nicht. Wenn wir segeln gehen, dann meine Frau und ich – zusammen. Zu zweit ist das eine völlig andere Situation”
Matija ist es ein großes Anliegen, sich bei der Rettungsmannschaft noch einmal persönlich zu bedanken. Wer weiß, wie er Kontakt aufnehmen kann, meldet sich bitte bei uns in der Redaktion (mail@yacht.de oder meer@yacht.de) – wir leiten den Kontakt weiter. Danke!

Redakteurin Panorama und Reise
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