Das Silverruder – die „Challenge of the Sea" rund um Fünen, von manchen auch der „Ironman of the Sea" genannt – ist längst mehr als eine Regatta. Es ist hochklassiger Amateurwettbewerb, der Jahr für Jahr dieselben Gesichter anzieht: Wiederholungstäter, die der Herausforderung nicht widerstehen können. Sie treten in echten Rennmaschinen oder modernen Klassikern antreten, in Kielbooten oder auf offenen Trimaranen. Die “Silverrudder-Familie”. Heute ging das Rennen in seine 15. Runde. Der Start verlief bei idealen Bedingungen: moderater Wind, klare Sicht, ein Hafen voller Vorfreude. Das Silverruder 2026 ist gestartet.
Von 443 gemeldeten Booten sind 332 tatsächlich gestartet. Was die anderen zurückgehalten hat, ist schnell erzählt: das Wetter. Und das hat es in sich.
Wer den Start verpasst hat, kann ihn hier nachschauen: ➡ Start-Video auf YouTube
Der Meteorologe und Seascape-Segler Jure Jehrmann zeigte beim Briefing Böen bis 30 Knoten – das dänische Wettermodell legte noch eine Schippe drauf und sah bis zu 35 Knoten aus westsüdwestlicher Richtung. Vor allem an der Nordspitze Fünens, die der Kurs gegen den Uhrzeigersinn als härteste Passage enthält, dürfte das eine Herausforderung werden.
Moderator Jan Hansen – langjähriger Kenner dieser 134 Seemeilen und selbst vielfacher Silverruder-Teilnehmer – rechnet dort mit bis zu vier Stunden auf der Kreuz. Sein Rat für alle, die es bis dorthin schaffen: dichter unter Land gehen. Drinnen sind es vielleicht 20 statt 25 Knoten Wind, aber die kurze, steile Welle – die dort entsteht, wo tiefes Wasser auf flaches trifft – bleibt draußen.
Die gute Nachricht: Eine Flaute unter den Brücken, die beim Silverruder gelegentlich für stundenlange Geduldproben oder sogar Rückwärtssegeln im Strom sorgt, ist nach aktuellem Stand eher nicht zu erwarten. Ob der Wind am Ende für neue Rekorde reicht, werden die nächsten Stunden zeigen.
Organisator Philip Cossen sagte beim Start in Svendborg, was viele seiner Teilnehmer ohnehin schon wissen: Wer lange Distanzen und Nachtfahrten allein absolvieren kann, kann beim Silverruder die 134 Meilen mitsegeln und finishen. Auch Jan Hansen betont den besonderen Charakter des Rennens: „This is not a race for winning – this is a race to become a finisher."
Und diese möglichen Finisher kommen aus aller Welt. Mit 252 gemeldeten Booten stellen Deutsche das mit Abstand größte Kontingent – bemerkenswert für eine dänische Heimregatta, an der 123 dänische Boote teilnehmen. Dahinter folgen Schweden (34), Polen (7), Norwegen (6) und die Niederlande (5). Aus der Schweiz, Finnland, dem Vereinigten Königreich und Slowenien sind jeweils zwei bis fünf Boote gekommen, aus Frankreich zwei – darunter auch ein besonderer Name. Auch Italien und Ungarn sind mit je einem Boot vertreten. Insgesamt segeln heute Menschen aus 15 Nationen gegeneinander, unter ihnen fünf Frauen.
Wenn es ein Boot gibt, das in dieser Saison in der dänischen Segelszene schon vor dem Start für Gesprächsstoff gesorgt hat, dann ist es die Kimoca Khaos von Kim Haugaard aus Nyborg. 3,5 Jahre Bauzeit, alles selbst gemacht: Rumpf, Deck, Kohlefasermast, Kohlefaserbaum. Was dabei entstanden ist, ist kein gemütlicher Einhandkreuzer, sondern eine Maschine: Im Hafen liegt sie brav und schmal, doch auf dem Wasser klappt Kim die Ausleger aus – und aus 3,5 Metern werden sieben. Der Mast ragt 20 Meter in den Himmel, der Bugspriet streckt sich 2,5 Meter nach vorn, die Segelfläche allein beim Code Zero: 75 Quadratmeter. Darunter: ein Schwenkkiel, der seitlich geschwenkt werden kann, um den Rumpf auch bei Starkwind aufrecht zu halten. Dazu Schwerter, zwei heb- und senkbare Ruder, zwei Backstagen, Wasserballast. Gebaut für zwei Mann – alleine wird Haugaard alle Hände voll zu tun haben.
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Aktuell führt die “Khaos” in der Klasse Keelboats Medium – und kämpft damit um einen Streckenrekord, der seit 2021 steht: Jan Hansen selbst hält ihn in dieser Gruppe mit 18 Stunden, 31 Minuten und 47 Sekunden. Dass Hansen heute den Start moderiert statt zu selbst zu segeln, gibt der Sache eine eigene Ironie. Ob Kim Haugaards “Khaos” ihm seinen Rekord abnimmt, könnte sich auf der Kreuz mit dem breiten und komplexen Boot an der Nordspitze Fünens entscheiden.
75 Jahre alt, ein hochsportliches offenes Boot, und eine Geschichte, die man sich auf Seglertreffen noch Jahre später erzählt: Franz Schollmayer vom Segelclub Rheingau ist einer jener Segler, die dem Silverruder seit Jahren die Treue halten. Mit seiner Corsa 30 „Firlefranz" ist er eine feste Größe im Feld – und das, obwohl es beim Vegvisir Race einmal so richtig schiefging: Schollmayer ging über Bord - schwamm aber allein zur Küste.
Früher hielt er mit seiner legendären Esse 850 – ebenfalls „Firlefranz" – den Streckenrekord in der kleinen Klasse bei 20 Stunden, 23 Minuten und 14 Sekunden. Bis Oliver Schmidt-Rybandt ihn 2021 mit seiner Dehler 30 OD um fast zwei Stunden unterbot.
Seit sie sich als Segeleinsteigerin erstmals für das Silverruder angemeldet hat, hat Marlene Brudek kaum eine bedeutende Regatta ausgelassen. Erst eine kleine Sunbeam, dann eine First 27, und nun die JPK 10.3 „Heartbeat 2" – ein Boot, mit dem sie inzwischen sogar den Atlantik in beide Richtungen überquert hat. Die JPK 10.30 ist gegenüber ihrer alten First 27 ein Quantensprung in Geschwindigkeit und Segelfläche – aber eben auch in der Komplexität. Unter engen Regattabedingungen, mit anderen Booten dicht an dicht beim Start, ist die sportliche Französin deutlich anspruchsvoller zu handhaben.
Jan Hansen kann in diesem Jahr nicht mitsegeln, denn seine Tochter heiratet an diesem Wochenende. Seinen Platz an Bord seiner Beneteau First 38E “The Beast” – Rekordhalter in ihrer Klasse – nimmt stattdessen ein Franzose ein: Sam Manuard, der Designer des Bootes selbst. Manuard machte zuletzt mit der Entwicklung der Pogo RC von sich reden. Wenn er nun sein eigenes Werk allein durch den Svendborgsund steuert, könnte er eine besondere Geschichte schreiben: Kann er mit dem Boot, das er selbst gezeichnet hat, den Rekord brechen, den sein Auftraggeber gesetzt hat?
In der Klasse Keelboats Small hätte es angesichts der Windvorhersage ein spannendes Duell werden können. Die Dehler 30 OD gilt als schnellstes Serienboot in ihrer Klasse, und die vergangenen Editionen haben gezeigt, was in ihr steckt: 2021 lieferten sich Oliver Schmidt-Rybandt und Max Gurgel einen Zweikampf über 134 Seemeilen, der am Ende mit zwei Sekunden Vorsprung für Schmidt-Rybandt endete – nach fast 18,5 Stunden. Schmidt-Rybandts Rekord von 18 Stunden, 32 Minuten und 58 Sekunden steht seitdem.
Heute Morgen hat Jan Hansen beim Start noch Max Gurgel als Favoriten in der Klasse ausgerufen. Nur: Max Gurgel ist nicht gestartet. Ebenso wenig wie die anderen gemeldeten Dehler-30-OD-Skipper – darunter Rolf Beckmann, der sich nach dem Wetterbriefing für sein selbst gesetztes Limit von 30 Knoten entschieden hat. „Das war eine schwere Entscheidung", erzählt er. Was ihn letztlich überzeugte, war nicht allein der Wind, sondern die Bedingungen an der Nordspitze Fünens: „Da baut sich eine relativ kurze, steile Welle auf, weil die da von tieferem Wasser auf flaches trifft – anderthalb Meter, aber kurz. Und die ist alles andere als schön für diese Schiffe." Die Aussicht auf derartiges Gebolze, dazu noch in der Nacht, hat ihn wie viele andere Teilnehmer dazu bewogen, im Hafen zu bleiben.
Einer ist trotzdem gefahren: Kasper Wedersøe auf seiner „The Hulk". Allein gegen die Uhr, allein gegen Schmidt-Rybandts Rekord. Ob der Wind ihm die Chance gibt, ihn zu brechen, wir sich zeigen.
Das Silverruder ist nicht nur eine Einhand-Regatta – es ist auch jedes Jahr Austragungsort der Europameisterschaft für die First 27 SE, ausgerichtet unter dem Dach von EUROSAF. Eine Einzel-EM, bei der man kein Profi sein muss, um teilzunehmen. Sieger im letzten Jahr waren Kåre Gibsholm-Madsen (Dänemark) vor Peder Edman und Janne Magnusson (beide aus Schweden).
Dass die First 27 SE – ebenfalls ein Design von Sam Manuard – heute ihre eigene Europameisterschaft innerhalb des Silverruders austrägt, während Manuard selbst zeitgleich auf Jan Hansens First 38E durch den Svendborgsund segelt, ist einer dieser kleinen Zufälle, die das Silverruder so besonders machen. Und wer die Klasse kennt, weiß: Die Boote sind schnell, die Flotte eng zusammen – und der Titel ist heiß umkämpft.
An der Spitze der Multihull-Large-Klasse liegt erwartungsgemäß Jan Andersen mit seiner Black Marlin. 2021 vollendete er die 134 Seemeilen in 14 Stunden, 8 Minuten und 53 Sekunden – ein Rekord, der seitdem steht. Bei den heutigen Windbedingungen ist nicht auszuschließen, dass die schnellsten Multihulls bereits heute Nacht ins Ziel einlaufen.
In der Keelboats-Large-Klasse führt aktuell Wolfram Heibeck mit seiner „Black Maggy". Der Bootsbaumeister aus Hooksiel, der sein Open-40-Boot einst wortwörtlich in der Mitte zersägt hat, um in der nächsthöheren Klasse anzutreten, hält mit 17 Stunden, 36 Minuten und 50 Sekunden den Klassenrekord seit 2021.
Alle aktuellen Zwischenstände sind live auf dem Tracker zu verfolgen: ➡ Tracker hier klicken
Den Start verpasst? Hier gibt es ihn nochmal: ➡ Start-Video auf YouTube

Redakteurin Panorama und Reise
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