Schwierige Wetterbedingungen waren für das diesjährige Vegvisir Race angekündigt. Windig und anspruchsvoll werde es, hatte Meteorologe und Seascape-Segler Jure Jerman beim Wetterbriefing vor dem ersten Start vorhergesagt. Ein Tief westlich von Skandinavien beeinflusste das Wetter in der Region, mehrere Fronten sollten über die dänischen Gewässer ziehen. Und so kam es auch.
„Es war vielleicht nicht die härteste, aber sicherlich eine der härtesten Ausgaben“, sagt Jochen Rieker, ehemaliger Chefredakteur und Herausgeber der YACHT. Zum vierten Mal nahm er am Vegvisir Race teil, in diesem Jahr gemeinsam mit Christian Holtappels auf dessen Luffe 4004 „Pamwe Chete“.
Es sei ein nasses und kräftezehrendes Rennen gewesen, so Rieker. „Alle bisherigen Rennen hatten schwierige Phasen, aber so anhaltend viel Wind kann einem irgendwann schon auf die Nerven gehen.“ Mehr noch als bei früheren Ausgaben habe vor dem Start die Frage im Raum gestanden, ob man unter diesen Voraussetzungen überhaupt antreten sollte. „Schließlich kann man sich bei solchen Bedingungen ernsthaft verletzen.“
Viele Teilnehmer zogen daraus ihre Konsequenzen. Von 114 gemeldeten Booten sagten 25 bereits vorzeitig ab. Weitere 19 der 91 Boote auf den Starterlisten traten nicht an. Von den schließlich 72 gestarteten Crews erreichten 40 das Ziel, 32 gaben das Rennen vorzeitig auf. Besonders anspruchsvoll wären die Bedingungen für die Einhandsegler auf dem langen Kurs geworden. Alle dafür gemeldeten Solisten entschieden sich nach Angaben des Veranstalters, an Land zu bleiben.
Während in den vergangenen Jahren häufig Leichtwind das organisatorische Geschick der Veranstalter gefordert hatte, war diesmal zu viel Wind das Thema. Die Organisatoren reagierten und verkürzten beide Kurse.
Der “rote Kurs”, die Langstrecke, wurde von ursprünglich 200 auf rund 180 Seemeilen verkürzt. Die Route führte von Nyborg durch den Großen Belt und das Smålandsfahrwasser, weiter um Langeland und über den Svendborgsund zurück nach Nyborg. Der ursprünglich geplante Abstecher bis in die Flensburger Förde entfiel.
Auch der “grüne Kurs”, die Kurzstrecke, wurde von rund 100 auf etwa 66 Seemeilen verkürzt. Statt durch das Smålandsfahrwasser und weiter in den Guldborgsund führte die Route über Agersø und Romsø zurück nach Nyborg.
„Ich denke, dass es uns gelungen ist, die Strecken segelbar zu gestalten und gleichzeitig verantwortungsvoll zu handeln“, sagt Morten Brandt Rasmussen. „Wir haben die Teilnehmer nicht leichtfertig in übermäßig schwierige Bedingungen geschickt.“ Rasmussen ist Initiator des Vegvisir Race und hat auch Veranstaltungen wie das Lyø Escape, die Silverrudder Challenge und das Round Denmark Race ins Leben gerufen.
Meteorologe Jerman, der die Organisatoren bei der Planung unterstützte, fasst die Wirkung der Anpassung so zusammen:
„Die Kursverkürzung verringert die Belastung und das Gegenanbolzen etwas. Tricky bleibt es allemal.“
Viele Teilnehmer begrüßten die Entscheidung, darunter auch Rieker. „Dadurch wurde der Anteil der wirklich knüppelharten Kreuz auf ein handhabbares Maß reduziert.“ Rückblickend sagt Rasmussen zwar, dass besonders der grüne Kurs mit 66 Seemeilen vielleicht etwas zu kurz geraten sei. Angesichts der Bedingungen seien die Rückmeldungen der Teilnehmer jedoch durchweg positiv gewesen.
„Beim Vegvisir Race sprechen wir normalerweise von Ausdauer als einer der entscheidenden Fähigkeiten“, so Rasmussen. „Man muss gut navigieren, sein Boot beherrschen und lange durchhalten können.“ Diesmal sei das Rennen zwar kürzer gewesen, dafür hätten die Teilnehmer über weite Strecken 90 oder 95 Prozent leisten müssen.
„Die Ausdauer wurde in diesem Jahr deshalb auf eine ganz neue Art gefordert.“
Zum neunten Mal führte das Vegvisir Race 2026 Einhand- und Zweihandcrews durch Dänemarks Inselwelt. Veranstaltet wird die Segelrallye von Shorthand ECM gemeinsam mit dem Nyborg Sejlforening. Die wechselnden Kurse verbinden küstennahe Passagen mit offenen Schlägen und navigatorisch anspruchsvollen Engstellen.
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Das Leitmotiv „Find your way“ bekam in diesem Jahr zudem eine zusätzliche Bedeutung. Die Veranstalter hatten schon vorab deutlich gemacht, dass niemand starten sollte, der sich oder sein Boot den Bedingungen nicht gewachsen sah. Viele folgten diesem Rat. Andere brachen unterwegs ab. Für die 40 Crews, die nach Nyborg zurückkehrten, wog die Zielankunft entsprechend schwer.
Wie anspruchsvoll es wurde, erlebten Rieker und Holtappels vor allem am frühen Freitagmorgen. In der Nacht waren Schauer und Böenfelder über die dänischen Gewässer gezogen. Die Böen erreichten bis zu 28 Knoten. Die „Pamwe Chete“ hatte Femø gerundet und kreuzte anschließend durch das Smålandsfahrwasser gegen den Wind.
„Durch den Regen kühlte man schnell von innen heraus aus“, berichtet Rieker. „Gleichzeitig konnte man kaum unter Deck gehen und sich schon gar nicht hinlegen. Eine Person wurde für die Navigation und die Schoten gebraucht, die andere am Steuer.“
Tagsüber beruhigten sich die Bedingungen etwas. Zum Abend hin nahm der Wind jedoch erneut zu. In Böen wurden mehr als 30, teilweise 35 Knoten gemessen. Vor allem auf den Kreuzkursen bedeutete das viel Arbeit. Gleichzeitig schwankte der Wind stark, die schlechte Sicht erschwerte die Navigation zusätzlich.
„Wir hatten die kleine Fock gesetzt und das Großsegel meistens im zweiten Reff“, sagt Rieker. „Gefühlt haben wir etwa 30-mal ein- und ausgerefft.“ Über viele Stunden blieb kaum Zeit, sich zurückzuziehen oder länger zu schlafen.
Vor allem die Solisten und weiteren Starter auf dem grünen Kurs trafen die raueren Bedingungen. Sie waren am Freitagabend gestartet, als der Wind noch vergleichsweise moderat war. In der Nacht frischte er jedoch deutlich auf. Teilweise sei es nahezu unsegelbar geworden, berichtet Rieker. Besonders der Abschnitt von Agersø nach Romsø müsse für die Einhandsegler extrem hart gewesen sein. Viele von ihnen brachen das Rennen ab.
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Die schwierigen Bedingungen eröffneten zugleich die Chance auf hohe Durchschnittsgeschwindigkeiten. Nach Angaben des Veranstalters wurden alle bisherigen Geschwindigkeitsrekorde gebrochen. Maßgeblich waren dabei nicht allein die Streckenzeiten, sondern die über die tatsächlich gesegelte Distanz erzielten Mittelwerte.
Auf dem grünen Kurs setzte „Grand Délice“, eine Beneteau First 36.7 in der Kategorie Medium, mit Anders Heine Hansen und Michael Stempe die Bestmarke: 70,08 Seemeilen mit durchschnittlich 6,511 Knoten.
Auf dem roten Kurs fielen drei Rekorde:
| Wertung | Kategorie | Boot und Crew | Ankunft |
| 2Star 200 | Multihull Large | „Ra“, Seaon 9.6, Jacob Haaber / Thomas Palm Hansen | 16:27:19 (Freitag) |
| 2Star 200 | Multihull Small | „Uijuijui Fly“, Dragonfly 28 Performance, Juliane Hausmann / Zoe Coers | 18:33:24 (Fr) |
| 2Star 200 | Large | „Frostboksen“, Frost 38, Michael Møllmann / Klaus Rønn Madsen | 18:14:32 (Fr) |
| 2Star 200 | Medium | „Khaos“, Kimoca 35, Kim Haugaard / Jonas Sørensen | 17:47:58 (Fr) |
| 2Star 200 | Small | „Kleine Brise“, 30er JK Mod., Markus Schöner / Niklas Ganssauge | 19:08:46 (Fr) |
| 2Star 100 | Large | „Hexen“, X-362 Sport, Kjeld Lærke / Jakob Lærke | 03:32:35 (Samstag) |
| 2Star 100 | Medium | „Grand Délice“, First 36.7, Anders Hansen / Michael Stampe | 04:05:41 (Sa) |
| 2Star 100 | Small | „Jay“, J/88, Petra Weber / Christian Weber | 04:17:29 (Sa) |
| Singlehand 100 | Large | „Cassiopeia“, Comfortina 38, Ulrich Booxk | 04:38:55 (Sa) |
| Singlehand 100 | Small | „JYNX“, ESSE 850, Patrik Heinrichs | 02:38:22 (Sa) |
Vor allem das junge Team der „Uijuijui Fly“ machte mit seinem Rennen auf sich aufmerksam. Juliane Hausmann, 22, ist Offshore-Seglerin und angehende Bootsbauerin. Sie hat bereits an anspruchsvollen Ein- und Zweihandregatten wie dem Silverrudder und der Baltic 500 teilgenommen. Beim Vegvisir Race startete sie zum zweiten Mal. Ihre ebenfalls 22-jährige Teamkollegin Zoe Coers kommt aus dem Nacra 17, nahm dort an Europa- und Weltmeisterschaften teil und sammelte zuletzt zunehmend Offshore-Erfahrung. Gemeinsam waren die beiden bereits mehrfach unterwegs.
„Für uns waren vor allem die ersten zehn Stunden bis zum Morgen hart“, berichtet Hausmann. „Es war viel Wind, und natürlich wollten wir mit den anderen Booten mithalten.“ Nach einer mühsamen Kreuz in Richtung Romsø ging es unter Gennaker nach Süden. Bei rund 20 Knoten Wind erreichte ihre Dragonfly zwischen 15 und 19 Knoten Bootsgeschwindigkeit.
Immer wieder waren Reffmanöver nötig. Mehr als 30 Minuten Schlaf am Stück seien nicht möglich gewesen, zudem sei wegen des anhaltenden Regens alles klitschnass gewesen. Trotzdem empfand Hausmann die Bedingungen insgesamt als beherrschbar. „Wir waren allerdings wieder im Ziel, bevor das wirklich schlechte Wetter kam.“
Bei völliger Dunkelheit erreichte die „Uijuijui Fly“ nach Angaben der Seglerinnen 19,4 Knoten. Rasmussen traf das Duo nach der Zielankunft. Ganz selbstverständlich hätten beide davon erzählt, wie viel Spaß sie gehabt hätten.
„Da dachte ich: Das ist die neue Generation.“
Hausmann und Coers waren über das Jugendprogramm „Young Guns“ zum Rennen gekommen. Es soll Seglerinnen und Seglern unter 25 Jahren den Einstieg in Offshore-Veranstaltungen erleichtern, indem die Startgelder für sie entfallen.
Für Hausmann liegt der Reiz des Vegvisir Race gerade in der Mischung des Feldes. Klassiker, schnelle Serienyachten und leistungsorientierte Mehrrumpfboote segeln auf denselben Kursen. Erfahrene Teilnehmer treffen auf junge Teams, professionelle Lösungen auf selbst entwickelte Umbauten.
Viele kämen jedes Jahr wieder, sagt Hausmann. „Außerdem sind viele Seglerinnen und Segler mit kleineren Booten dabei, es wird viel gebastelt, und teilweise fahren auch ein paar ziemlich verrückte Leute mit.“
Auch Rieker ist rückblickend froh, sich für den Start entschieden zu haben. „Im Ziel anzukommen, fühlte sich dadurch noch besser an. Man durfte schon ein wenig stolz auf sich sein, weil man ein hartes Stück gesegelt und einen Kurs bewältigt hatte, der voller navigatorischer Herausforderungen und flacher Stellen war.“
Kurz vor Nyborg wurde die Crew der „Pamwe Chete“ schließlich mit einem doppelten Regenbogen belohnt. „Nach rund 24 Stunden ohne nennenswerten Sonnenschein war das ein Moment des Aufatmens“, sagt Rieker. „Plötzlich kam wieder Farbe in den Himmel.“
Mehr Infos zum Rennen finden Sie hier.

Redakteur News & Panorama
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