Los geht's. Endlich. Ein halbes Jahr lang hatten wir auf diesen Moment hingearbeitet. Wir hatten unsere Erria 25 „Slimöv“ vorgestellt, das Rigg getrimmt, die Elektrik angepasst und Regattamanöver trainiert. Wir hatten uns mit anderen Low-Budget-Projekten beschäftigt und überlegt, was sich mit einfachen Mitteln aus einem alten Boot herausholen lässt. Die „Slimöv“ war bereit, wir waren bereit. Jetzt fehlte nur noch eines: das Vegvisir Race selbst. Doch so weit sollte es nicht kommen.
Die heiße Phase begann rund anderthalb Wochen vor der geplanten Überführung von Schleswig nach Nyborg. Vor uns lagen rund 80 Seemeilen und noch so einige offene Fragen: Was muss mit? Welche Sicherheitsausrüstung ist vorgeschrieben, was fehlt noch? Die „Notice of Race“ sollte da weiterhelfen. Vorgeschrieben waren zum Beispiel Schwimmwesten, Lifebelts, Seenotsignalmittel. Dazu Strecktaue, für die wir Dyneema besorgten ... Punkt für Punkt arbeiteten wir die Liste ab, bis hinter jedem Punkt ein Haken war.
Eine Woche vor der Abfahrt folgte die Generalprobe. Bei vier Windstärken segelten wir ein letztes Mal bei einer der wöchentlichen Vereinsregatten mit. Der Start gelang, die Manöver saßen. Wir setzten, shifteten und bargen den Spinnaker, wurden Zweite in unserer Klasse und landeten insgesamt auf Rang vier. Wir waren zufrieden, die Probe war geglückt. Das Ergebnis war dabei fast nebensächlich. Wichtiger war das Gefühl: Wir funktionierten als Crew – und das Boot machte, was wir von ihm wollten.
Danach flog alles von Bord, was nicht unbedingt gebraucht wurde: ein unzuverlässiger Autopilot, unnötiges Geschirr, überzählige Getränke. Vielleicht 100 Kilogramm, vielleicht mehr. Danach war die „Slimöv“ bereit. Nur das Wetter war es nicht.
Denn was erste Prognosen verlauten ließen, sollte nichts Gutes bringen. Auf dem Wetterfilm zeigten sich mehrere Fronten, die während der Regatta über die dänischen Inseln ziehen sollten. Gemeinsam mit unserem Kollegen Hauke Schmidt spielten wir die Bedingungen in einem Wetterrouting durch. Das Ergebnis war wenig ermutigend. „Das könnte hart werden, vor allem wenn ihr gegenan müsst“, sagte er.
Wir hatten uns im Vorfeld für die Kurzstrecke entschieden. Klein anfangen, dachten wir. Der Kurs sollte uns rund 100 Seemeilen von Nyborg durch den Großen Belt ins Smålandsfahrwasser und weiter bis in den Guldborgsund führen. Anschließend wäre es zwischen Femø und Fejø zurück in den Großen Belt gegangen. Für die Nacht waren sechs bis sieben Windstärken vorhergesagt.
Zunächst hätte der Wind noch von achtern geweht. Nach der Wendemarke im flachen und strömungsreichen Guldborgsund aber wäre eine Kreuz durch die Inselwelt gefolgt, wie unser Routing vorhersagte. Das hieße: Gegenan. Mit kurzer, steiler Welle. Und das mit 25 Fuß. Respekt hatten wir reichlich. Trotzdem fiel zunächst die Entscheidung: Wir fahren los und schauen, wie sich die Lage entwickelt.
Drei Tage vor unserem Start ging die Reise für uns los. Früh morgens fuhren wir zur „Slimöv“. Ausrüstung verstauen, Diesel bunkern, Leinen los. Unter Motor ging es zunächst die Schlei entlang in Richtung Ostsee. Wir erwischten die Brückenöffnung in Lindaunis, setzten wenig später Segel und erreichten auch Kappeln planmäßig. Der Wind war böig, die Stimmung gut. Noch.
Denn kurz hinter Kappeln will Ole eine Dose Cola holen. Stattdessen bemerkt er den nassen Teppich. Darunter liegen die Bodenbretter und darunter wiederum die Bilge. Als er die Bretter anhebt, wird sofort klar: Hier stimmt etwas ganz und gar nicht. Sämtliche Sektionen standen voll Wasser. Die Bretter waren nass, teilweise schwammen sie bereits auf.
Wie kann das sein? Ein Loch? Ein gebrochenes Seeventil? Erst vor wenigen Tagen hatten wir die Bilge beim Leerräumen kontrolliert. Sie war staubtrocken gewesen. Und nun das!
Es wurde sofort still an Bord. Kein langes Beraten, kein Diskutieren. Ole begann zu schöpfen, ich nahm die Eimer entgegen und leerte sie über Bord. Gleichzeitig lief die elektrische Bilgepumpe auf Hochtouren. Eimer für Eimer. Zwanzig, dreißig, vierzig, vielleicht mehr. Am Ende dürften sich mehr als 200 Liter Wasser im Boot befunden haben.
Doch woher kam das viele Wasser? Weil wir ein größeres Leck nicht ausschließen konnten, drehten wir um. Die Henningsen-&-Steckmest-Werft lag am nächsten. Wir fuhren an den nächstbesten Pfahl. Hauptsache nahe am Kran. Wer weiß, auf was wir stoßen sollten.
Nach etwa einer halben Stunde war die Bilge frei von Wasser. Da offensichtlich keine Wassermassen nachflossen, konnte die Suche beginnen. Wir kontrollierten die Seeventile und Borddurchlässe, die Püttinge und die Deck-Rumpf-Verbindung. Alles trocken. Auch die Kühlwasserleitungen des Motors sahen unauffällig aus. Wir starteten die Maschine, legten vorwärts und rückwärts den Gang ein und beobachteten jeden Winkel. Wieder nichts.
Nur an der Wellendichtung trat etwas Wasser ein. Sie blieb damit die einzige erkennbare Eintrittsstelle – und folglich unsere wahrscheinlichste Spur. Allerdings war die Menge viel zu gering, um die volle Bilge zu erklären. Wir setzten die Fahrt vorsichtig bis Schleimünde fort. Die Bilge blieb dabei weitgehend trocken. An der Giftbude machten wir fest und öffneten im Cockpit erst einmal eine Dose Bier. Was nun?
Ein Schauer war gerade durchgezogen. Wir saßen im nassen Ölzeug auf einem nassen Boot. Über uns grauer Himmel, vor uns eine schwierige Entscheidung. Einerseits: ein halbes Jahr Vorbereitung, die Vorfreude, die Berichterstattung und das gemeinsame Ziel. Andererseits: ein ungeklärter Wassereintritt, ein 54 Jahre altes Boot und sechs bis sieben Windstärken in der Vorhersage. Dazu unsere begrenzte Erfahrung mit Offshore-Regatten und Nachtfahrten unter solchen Bedingungen.
Nach Nyborg weiterfahren und dort abwarten? Keine gute Lösung. Das angekündigte Tief hätte uns möglicherweise tagelang in Dänemark festgesetzt – mit einem Boot, dessen Zustand wir nicht sicher beurteilen konnten. Zu Hause in Schleswig waren die Möglichkeiten zur Fehlersuche deutlich besser.
Ein Flammkuchen aus der Giftbude half schließlich bei der Entscheidung, denn mit dem letzten Stück stand sie fest: Wir drehen um. Das Vegvisir Race findet ohne uns statt.
Auf dem Rückweg sammelten sich erneut einige Liter Wasser in der Bilge. Weit weniger als zuvor, aber genug, um zu zeigen: Erledigt war das Problem nicht.
Schließlich erreichten wir Schleswig ohne weitere Zwischenfälle. Dort soll „Slimöv“ nun aus dem Wasser und gründlich untersucht werden. Was die Ursache war, ist noch immer unklar. Klar ist, dass unser Versuch, beim Vegvisir Race zu starten, gescheitert ist. Das lässt sich nicht anders sagen – und trotzdem war das Projekt nicht vergeblich.
Wir haben gelernt, wie sehr eine Regatta den Blick auf das eigene Boot verändert. Wie schnell kleine Fehler in den Manövern auffallen. Was ein sauber getrimmtes Rigg bewirkt. Welche Anforderungen eine Nachtfahrt an Elektrik, Ausrüstung und Crew stellt. Und wie viel sich auch mit einem alten Boot und überschaubarem Budget erreichen lässt. Außerdem zeigte sich, wie viele weitere spannende Projekte es gibt, bei denen Crews mit kleinem Budget Großes auf die Beine stellen – etwa die Jungs von „Sailing Generation“ oder die Opti-Väter, die beim Fastnet mitsegelten.
Die wichtigste Erkenntnis kam erst ganz am Schluss: Seemannschaft zeigt sich nicht nur darin, bei Wind und Welle weiterzumachen. Manchmal bedeutet sie auch, gar nicht erst auszulaufen. Das war enttäuschend. Umsonst war es nicht. Der Haken hinter dem Vegvisir Race blieb zwar aus, wird aber ganz sicher zu einem späteren Zeitpunkt nachgeholt.

Redakteur News & Panorama
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