Ein Text von Ole Puls und Fabian Boerger
Mitte April liegt die „Slimöv“ wieder im Wasser. Nach Monaten in der Halle beginnt jetzt nicht nur der Spaß, sondern auch die Arbeit. Und die fängt nicht beim Feintrimm oder den Segelprofilen an, nicht bei Übungsschlägen oder Taktik – sondern bei der Basis: dem Rigg. Für viele ist das stehende Gut ein Mysterium. Eines, das viele Fragen offenlässt: Wie viel Spannung muss auf welchen Draht, warum überhaupt, und wofür braucht man das zweite Paar Unterwanten? Dabei ist das Ganze gerade bei älteren Booten überraschend einfach. Schließlich handelt es sich bei unserer Erria 25, Baujahr 1972, nicht um einen Hightech-Racer mit Hydraulikverstellung, verschiedensten Stagen und anderen Spielereien. Genau deshalb lohnt der genaue Blick. Mit ein paar einfachen Handgriffen lassen sich Riggtrimm und Bootshandling spürbar verbessern – und das ohne nennenswerte Kosten.
Bevor man sich allerdings dem eigentlichen Trimm widmet, muss zunächst der Mast gerade im Boot stehen. Dafür lösen wir das Großfall, fixieren es etwa 20 Zentimeter oberhalb der Püttinge und hängen eine Fisch- oder Kofferwaage an das Fall. Dann messen wir zu beiden Seiten. Zeigt die Skala identische Werte, steht der Mast gerade. Falls nicht, korrigieren wir über die Oberwanten – die Unterwanten müssen dafür gelöst sein.
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Stimmt die Grundlinie, geht es im nächsten Schritt an den Riggtrimm. Im Kern sind dabei drei Dinge besonders wichtig: der Mastfall, die seitliche Ausrichtung und die Mastbiegung. Klingt komplizierter, als es ist.
Das Mastfall beeinflusst das Verhalten des Bootes deutlich, denn schon kleine Änderungen sind spürbar. Mehr Fall nach achtern bedeutet mehr Luvgierigkeit, weniger Fall macht das Boot neutraler auf dem Ruder. Bei Fahrtenbooten liegt der Richtwert zwischen ein und drei Grad. Für unsere „Slimöv“ haben wir uns mit zwei Grad für die goldene Mitte entschieden. Doch wie misst man das? Dafür wird das Großfall mit einem Gewicht beschwert – beispielweise einem mit Wasser gefüllten Eimer. Zusätzlich brauchen wir das P-Maß des Großsegels, also die Länge des Vorlieks. Dieses P-Maß in Metern multipliziert mit 1,75 ergibt den Abstand am Großbaum in Zentimetern für ein Grad Mastfall. Mit 3,49 multipliziert ergibt sich der Wert für zwei Grad, mit 5,23 für drei Grad. Mithilfe von Stift, Zettel und Taschenrechner lässt sich die Neigung nach achtern bestimmen.
Bei unserem Rigg mit 90-Grad-Salingen tragen die Oberwanten vor allem die seitliche Stabilität, die Unterwanten geben die Grundform vor, das Achterstag zieht den Mast in die Biegung. Ziel ist eine gleichmäßige Kurve über den gesamten Mast. Das Zusammenspiel ist entscheidend. Das Achterstag wirkt nicht nur auf das Großsegel, sondern auch direkt auf die Vorstagspannung – je nach Riggtyp ist dieser Effekt stärker oder schwächer. Beim Partialrigg läuft viel über das Achterstag, beim Topprigg braucht es eher eine vorbereitete Vorbiegung im Mast, damit sich sinnvoll arbeiten lässt, da die Kräfte fast nur ins Vorstag gehen. Wir haben ein Siebenachtelrigg und stellen den Mast daher relativ gerade, die Biegung holen wir uns später beim Segeln über das Achterstag.
Die Wantenspannung misst man entweder mit einem Messgerät oder per Zollstockmethode. Wir haben uns für das Messgerät entschieden. Der Spannungsmesser kostet rund 85 Euro und ist leicht zu bedienen: Man klemmt ihn mit zwei Schrauben an das Want, spannt eine Feder und liest den Wert auf einer Skala ab. Auf einer aufgeklebten Tabelle lässt sich dann die prozentuale Bruchlast ablesen. Diese sollte bei einem 1x19-Draht um etwa 15 Prozent liegen. Unsere Wanten haben wir auf 12 Prozent gespannt – für das alte Boot völlig ausreichend. Wichtig: Beide Seiten gleichzeitig und Schritt für Schritt angleichen, damit der Mast gerade bleibt. Günstiger geht es mit Zollstock, Messschieber und Klebeband aus dem Baumarkt. Die Zollstockmethode erfordert allerdings deutlich mehr Sorgfalt, da sich die Dehnung des Drahtes unter Spannung im Millimeterbereich bewegt und entsprechend präzise abgelesen werden muss.
Auf dem Wasser, bei moderatem Wind, sieht man schnell, ob der Trimm passt: Ist der Mast unten zu gerade, sind die Unterwanten zu fest. Fehlt oben die Biegung, fehlt Achterstagspannung. Wandert der Mastkopf zur Seite, stimmt die seitliche Spannung nicht. Kleine Korrekturen geben dem Masttrimm den finalen Schliff. Ein Tipp: Da sich das Boot über die Saison minimal dem Druck anpasst und sich damit der Trimm verändert, ist der Riggtrimm kein einmaliger Vorgang. Deshalb nutzen wir eine Schablone für die Wantenspanner – so stellen wir den Ausgangstrimm jederzeit wieder her, ohne neu messen zu müssen.
Jetzt, wo der Mast richtig steht, nehmen wir uns das laufende Gut vor. Wir haben Spifall und Schoten ausgetauscht und auf verjüngte Leinen gesetzt. Das spart Gewicht und verbessert das Durchlaufen in den Blöcken – gerade bei wenig Wind macht sich das bemerkbar. In die Enden haben wir Augen gespleißt, um alles sauber und belastbar zu halten. Auch die Fockschoten bekommen Spleiße, da sie beim Wenden an den Wanten hängen bleiben. Das erschwert die Manöver – und nervt. Außerdem haben wir einige Dinge ersetzt oder überholt. Das Tauwerk war einer der größten Posten auf der Liste und schlägt mit rund 300 Euro zu Buche. Verjüngungen kosten im Grunde nicht mehr als normale Fallen, solange wir sie selbst herstellen.
Nun lassen sich Details optimieren, die in Summe einen großen Unterschied machen – und Kummer ersparen. Um die Segel zu schonen, kleben wir alle Splinte und scharfen Kanten ab. So gehen wir auf Nummer sicher, dass nichts verhakt und beschädigt wird – gerade Spinnaker sind dafür anfällig. Mit einer Rolle Isoliertape ist das schnell gemacht. Außerdem brauchen die Winschen noch etwas Liebe. Sie werden oft vernachlässigt, tragen aber eine große Last. Wir haben sie komplett zerlegt, mit Waschbenzin gereinigt und neu gefettet. Wichtig: Die Sperrklinken dürfen kein Fett abbekommen – sie könnten verkleben und nicht mehr sperren. Beim Thema Winschen noch ein Tipp: Winschaufsätze, sogenannte Wincher, gibt es in verschiedenen Größen und machen aus normalen Winschen selbstholende – ohne dass neue gekauft werden müssen. Sie kosten im Doppelpack etwa 90 Euro.
Nicht minder wichtig, aber ungemein hilfreich sind Markierungen. Ein Takling am Spifall zeigt, wann das Segel wirklich oben ist. Das ist vom Cockpit aus oft schwer zu erkennen. Taucht die Markierung in Griffhöhe oder an einer selbst gewählten Stelle auf, ist das Segel vollständig gesetzt. Das Prinzip funktioniert nicht nur bei Schoten und Fallen, sondern auch auf Fock- und Genuaschienen. So werden Einstellungen reproduzierbar. Ratsam ist, sich alles aufzuschreiben. Nur so weiß man später, welche Einstellung zu welchem Wind, Segel oder Kurs passt. Die Kosten sind minimal, ein Edding und etwas Tape genügen.
Zum Schluss noch ein Punkt, der oft unterschätzt wird: Gewicht. Alles, was schwer ist, gehört möglichst tief und mittig ins Boot – das verändert das Verhalten deutlich. Selbst ein Zweitanker ist unter der Salonbank seglerisch meist besser aufgehoben als irgendwo vorne oder achtern.
Nach einem halben Tag Arbeit sind der Riggtrimm und das Feintuning abgeschlossen. Am Ende haben wir kein neues Boot, aber ein deutlich besser abgestimmtes. Und der Aufwand hält sich in Grenzen. Es sind die Basics des Regattasegelns, genau die Dinge, über die man als Fahrtensegler oft nicht nachdenkt. In der Summe macht vielleicht genau das den Unterschied, um einen Platz weiter vorne zu landen – und wenn nicht, haben wir neben einem getrimmten Boot ein deutlich besseres Gefühl.

Redakteur News & Panorama