Traditionelle SegelWas Gaffel und Spreizgaffel können

YACHT

 · 21.07.2026

Rigg mit Spreizgaffel.
Foto: Tobias Stoerkle
​Das Gaffelsegel war über Jahrhunderte eine der prägenden europäischen Segelformen. Dieser Teil der Serie erklärt, warum es so erfolgreich wurde, welche Varianten es gibt und wie daraus moderne Formen wie das Wishbone-Rigg entstanden.

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Text von Klaus Berger

Das Gaffelsegel ist viereckig und wird an seiner Gaffel mit zwei Fallen gesetzt, dem Piekfall und dem Klaufall. Das Gaffelsegel hat, seit es vor mehreren Jahrhunderten entwickelt wurde, die meisten anderen Segelformen fast völlig verdrängt, abgesehen vom Rahsegel bei Großseglern und von einfacheren Segeln wie Sprietsegel und Luggersegel bei kleinen Booten, bis es bei Berufsfahrzeugen von der Maschine und bei Yachten vom Hochsegel abgelöst wurde.

Man kann mindestens zwei grundverschiedene Arten des Gaffelsegels unterscheiden: den klassischen Typ und den holländischen Typ.

Der klassische Typ mit Toppsegel

Beim klassischen Gaffelsegel ist die Gaffel nur wenig kürzer als der Baum und bildet mit dem Masttopp oder der Stenge einen Winkel von 35 bis 50 Grad. Dieser Piekwinkel ergibt sich aus dem Schnitt des Segels: Das Ober- oder Gaffelliek bildet in der Regel einen rechten Winkel mit der Diagonale zwischen Klau- und Schothorn. Das bedeutet, dass die Gaffel eines schmalen Segels, etwa des Großsegels einer Ketsch, nie so steil steht wie bei einem breiten Segel. Da ein Segel mit hoher Piek aber besser zieht, ist das nur ein notwendiges Übel, weil eine steilere Gaffel bei einem schmalen Segel zu weit auswehen würde.

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Zu einem klassischen Gaffelsegel gehört ein Toppsegel, damit das Schiff bei leichtem Wind nicht zu langsam wird. Deutliche Unterschiede gibt es zwischen der Gaffeltakelung britischer und französischer Bootstypen und derjenigen deutscher sowie skandinavischer Boote.

Besonders bei den britischen Fahrzeugen ist das Großsegel immer recht niedrig mit ziemlich kurzem Mastliek. Darüber wird dann ein verhältnismäßig großes Toppsegel gesetzt, das schon wegen seiner Fläche zur normalen Amwind-Besegelung gehört und alles andere als ein unwichtiges Leichtwind-Beisegel ist. In Deutschland und Skandinavien dagegen hat man schon immer höhere Gaffelsegel und verhältnismäßig kleinere Toppsegel benutzt.

Steilere Gaffel, kurzer Mast

Viele Yachten, die um die Jahrhundertwende und bis in die Dreißigerjahre gebaut wurden, tragen ein Großsegel mit steilerer Gaffel. Dieser Segeltyp ist am Wind wirkungsvoller, weil das recht steile Gaffelliek zusammen mit dem Vorliek oder Mastliek eine lange Anschnittkante bildet. Diese Segel werden immer ohne Toppsegel gefahren, das bei dem spitzen Winkel zwischen Gaffel und Masttopp ohnehin nur winzig sein könnte. Verglichen mit einem Hochsegel ist diese Art des Gaffelsegels immer noch etwas umständlicher zu handhaben. Dafür ist aber der Mast recht kurz, sodass das Rigg bei geborgenem Großsegel wenig Toppgewicht und Windfang hat.

Auf Binnengewässern ist ein weiterer Vorteil nicht zu verachten: Mit dem kurzen Mast kommt man unter manchen Brücken noch ohne Mastlegen hindurch, wenn man nur die Gaffelpiek wegfiert.

Der holländische Typ

Das holländische Gaffelsegel hat ein ziemlich langes Mastliek, ein langes Unterliek und eine sehr kurze Gaffel, die manchmal gebogen ist. Bisweilen ist die Gaffel so kurz, dass das Segel aus der Entfernung wie ein breites Hochsegel aussieht. Ähnliche Segel trugen früher auch zahlreiche amerikanische Bootstypen, oft in einer schonerähnlichen zweimastigen Takelung.

Da der Segelschwerpunkt bei dem oben recht schmalen holländischen Gaffelsegel ziemlich niedrig liegt, eignet es sich besonders für flache, ballastlose Fahrzeuge wie die holländischen Plattbodenschiffe, die weniger Stabilität als tiefgehende Schiffe mit Ballast haben. Das lange Mastliek bildet eine gute Anschnittkante, sodass diese Segel auch ohne Toppsegel am Wind gut ziehen, jedenfalls besser als ein niedriges Gaffelsegel, wenn es ohne Toppsegel steht.

Normalerweise wird auch die kurze Gaffel mit Piek- und Klaufall vorgeheißt. Besonders bei kleineren Booten kann man aber auch mit einem einzigen Fall auskommen, das entweder ein Stück hinter dem Mast an der Gaffel ansetzt oder über mehrere an der Gaffel verteilte Blöcke läuft.

Baum, Schotensegel und Spreizgaffel

Ebenso wie fast alle anderen Segelformen kann das Gaffelsegel mit oder ohne Baum benutzt werden. Das Baumsegel wurde früher oft auch Gieksegel genannt, das baumlose Segel Schotensegel. Das Unterliek des Baumsegels kann mit Reihleine, Rutschern oder in einer Nut am Baum befestigt sein oder ein loses Fußliek haben, wie bei den meisten Gebrauchsbooten. Es lässt sich so einfacher reffen. Außerdem kann man dann den Hals aufholen, um das Segel schnell vom Winddruck zu entlasten.

Eine moderne Weiterentwicklung des herkömmlichen Gaffelriggs ist die Spreizgaffeltakelung, auch als Wishbone-Rigg bekannt. Das Spreizgaffelsegel wird am Großmast einer Ketsch mit Rutschern und Schiene gesetzt wie ein Hochsegel. Es ist aber dreieckig wie ein hochgeschnittener Klüver und wird am Schothorn durch eine Spreizgaffel gestreckt, die fast so aussieht wie ein Gabelbaum. Eine Gaffelschot führt von der äußeren Nock der Spreizgaffel zum Besanmast.

Unter dem Spreizgaffelsegel wird an einem festen Stag, das vom Topp des Besanmastes zum Fuß des Großmastes führt, ein Stagsegel, meist mit Baum, gefahren. Dessen Vorteil ist eine große Segelfläche, weil der Raum zwischen Groß- und Besanmast, anders als durch ein Hochsegel, voll ausgefüllt wird. Außerdem ist die Handhabung leichter als bei der Gaffeltakelung mit Toppsegel.

Ein Nachteil ist die wegen der gebogenen Form der Spreizgaffel und der komplizierten Beschläge teure Herstellung. Außerdem entstehen schwer zu lösende Probleme, wenn die Gaffelschot bricht und die Spreizgaffel sich hoch oben im Rigg selbstständig macht.

So weit die in unseren Breiten heute gebräuchlichen, traditionellen Segelformen. Natürlich gibt es noch zahlreiche weitere, exotische Segelformen wie das Lateinersegel oder das pazifische Krebsscherensegel. Die sind aber ein Thema für Schiffsarchäologen oder Völkerkundler.


Mehr Aufwand, mehr Charme, oft auch mehr Eigenheiten: Hat das Gaffelrigg heute noch echte Relevanz, oder lebt es vor allem von Tradition und Ästhetik? Schreiben Sie Ihre Meinung in die Kommentare.

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