Rahsegel und Luggersegel zählen zu den markantesten traditionellen Segelformen. Wie sie sich in Stellung, Wirkung und Manöververhalten unterscheiden und warum manche Lösungen auf Yachten, Kuttern und Arbeitsbooten bis heute nachwirken.
Jeder kennt von den Wikingerschiffen, den Hansekoggen und den Großseglern des 19. und 20. Jahrhunderts das Rahsegel. Die letzten Fischerboote, die in Europa Rahsegel führten, sind sicherlich die polnischen Barkas. Das Rahsegel ist abgesehen von dem meist hohl geschnittenen Unterliek rechteckig, quadratisch oder trapezförmig. Es kann breit und niedrig oder hoch und schmal sein. Als Trapez kann es oben oder unten breiter sein. Immer aber ist die Rah, an der das Oberliek des Segels angeschlagen ist, mittig am Mast befestigt und steht in Ruhestellung querschiffs. Dagegen werden alle Segel, die in Ruhestellung längsschiffs stehen, also praktisch alle außer Rahsegeln und Spinnakern, unter dem etwas eigenartigen Begriff Schrattsegel zusammengefasst.
Mehr zu traditionellen und alternativen Riggs findest du bei YACHT unter Formenlehre der Segelphysik, zum Thema Traditionssegeln mit großem Gaffelrigg und bei einer modernen Yacht mit Dschunkenrigg.
Hauptvorteile des Rahsegels sind: Es zieht raumschots und vor dem Wind gut und ist auch platt vor dem Wind sicher, weil eine unfreiwillige Halse unmöglich ist. Außerdem können mehrmastige Fahrzeuge mit Rahsegeln eine größere Gesamtfläche setzen als mit einer Schonertakelung. Hauptnachteile des Rahsegels sind sein schlechter Wirkungsgrad am Wind und das umständliche Wenden.
Manche gaffel- oder hochgetakelten Yachten führen eine Breitfock. Das ist nichts anderes als ein Rahsegel, das als Beisegel für raume Kurse am vorderen Mast gefahren wird. Häufig sieht man es auf den Ostsee-Jachtschonern. Bei Segelyachten wurde eine Breitfock für Langfahrten früher oft dem Spinnaker vorgezogen.
Über der Breitfock kann manchmal ein Spitzer gesetzt werden. Oft ist das Oberliek der Breitfock nicht in ganzer Länge an der Rah angeschlagen, sondern nur an drei Punkten. Dann wird das Segel über Blöcke an den Nocken, wie die Enden der Rah heißen, und in der Mitte der Rah vorgeheißt und ausgeholt. Geborgen wird so ein Segel einfach durch Wegfieren, die Rah bleibt oben. Es braucht auch niemand aufzuentern.
Auf einigen englischen Hochseefischkuttern und Yachten wurde die Breitfock nicht an einer festen Rah gefahren, sondern an zwei einzelnen Spreizbäumen, die ähnlich wie Spinnakerbäume aussahen, aber höher angebracht waren und außer Gebrauch heruntergeklappt wurden.
Auf manchen Schiffen wird als Breitfock ein hohes, schmales Rahsegel verwendet, dessen Oberliek kürzer ist als die Rah. Dieses Segel wird immer an der Luvseite der Rah, also gegenüber dem Großsegel, gefahren. Dabei wird somit der Teil der Breitfock eingespart, der ohnehin durch das Großsegel oder Schonersegel abgedeckt wäre. Dieses Rahsegel wird zwar asymmetrisch gefahren, aber auch dabei ist die Rah in der Mitte aufgehängt.
Das ist bei den verschiedenen Arten der Luggersegel anders. Beim Luggersegel stehen Rah und Segel in Ruhestellung längsschiffs. Die Rah ist meist nicht in der Mitte aufgehängt, sondern näher am vorderen Ende. Fast immer steht die Rah wie eine Gaffel mehr oder weniger schräg, achtern höher als vorn.
Wie alle weiteren beschriebenen Segel gehören auch die Luggersegel zu den Schratsegeln. Jedes Luggersegel ist am Wind wirkungsvoller als ein Rahsegel. Manche Luggersegel leisten am Wind sogar mehr als ein Gaffelsegel. Es gibt lose Luggersegel, auch Dippluggersegel genannt, Balanceluggersegel, feste Luggersegel, auch stehende Luggersegel genannt, und chinesische Luggersegel.
Das lose Luggersegel wird Dippluggersegel genannt. Es wurde in England und Frankreich oft auf Fischerbooten benutzt. Sein Hals ist ein Stück vor dem Mast befestigt, etwa am Stevenkopf, meist an einem Haken. Auch die Rah überragt den Mast ein gutes Stück nach vorn, sodass ein beträchtlicher Teil der Segelfläche vor dem Mast steht. Oft wird vor einem solchen Segel daher auch gar kein zusätzliches Vorsegel gefahren.
Das Dippluggersegel ist recht leistungsfähig, auch am Wind. Das liegt vor allem daran, dass das Segel in ungebrochener Kurve vom Stevenkopf bis weit nach achtern reicht und der Mast nicht vor dem Vorliek steht und dessen Anströmung stört, sondern in ziemlichem Abstand neben dem Segel, wo er den Luftstrom am Segel kaum beeinträchtigt. Das hat dieses Segel mit einer Genua gemeinsam.
Das Dippluggersegel muss mit seiner Rah immer in Lee des Mastes stehen. Sind Rah und Segel auf der Luvseite, dann drückt sich der Mast ins Segel hinein und der vordere Teil des Segels steht, wie eine backgehaltene Fock, verkehrt herum und „bremst“.
Der große Nachteil dieser Art des Luggersegels ist, dass man es beim Wenden oder Halsen nur dadurch auf die richtige Seite des Mastes bekommt, dass man es wegfiert, Rah und Segel auf die andere Seite des Mastes bringt und auf der neuen Leeseite wieder vorheißt. Dadurch ist dieses Segel für Fahrzeuge mit kleiner Besatzung völlig ungeeignet, und das Kreuzen mit kurzen Schlägen, beispielsweise in engen Fahrwassern, ist damit praktisch ausgeschlossen.
Dieser Nachteil wurde auf manchen Fischereifahrzeugen und anderen Gebrauchsbooten mit vielköpfiger Besatzung aber wegen der Einfachheit der Takelung (kurzer Mast, kaum Beschläge, also billige Herstellung) und der Zugkraft dieses Segels in Kauf genommen.
Einfacher ist das Manövrieren mit dem festen Luggersegel. Dieses Segel ist so geschnitten, dass der Hals ebenso wie bei einem Gaffel- oder Hochsegel fest am Mast gefahren wird, aber nur der Hals, nicht das ganze Vorliek. Wie bei allen Luggersegeln überragt die Rah auch hier den Mast nach vorn. Vor dem Mast befindet sich aber nur ein viel kleinerer Teil der Segelfläche als beim losen Luggersegel.
Auch das feste Luggersegel steht besser, wenn die Rah in Lee des Mastes liegt. Das Segel weht dann mit seinem oberen Teil nicht so weit aus, verwindet sich also weniger. Anders als beim Dippluggersegel ist es aber nicht unbedingt notwendig, das Segel bei jeder Wende zu schiften, also auf die neue Leeseite zu bringen. Bei kurzen Kreuzschlägen kann man sich diese Mühe durchaus sparen. Man wendet dann ganz genauso wie mit einem Gaffel- oder Hochsegel.
Soll das Segel einwandfrei stehen, sollte man es aber beim Wenden oder Halsen schiften. Dazu greift man ins Vorliek oder, wenn man herankommt, direkt an die untere Nock der Rah, zieht sie nach achtern, sodass die Rah senkrecht steht, und lässt sie dann auf der richtigen Seite des Mastes, also auf der neuen Leeseite, wieder nach vorn rutschen oder drückt sie dorthin. Das hört sich schwieriger an, als es ist. Jeder, der schon einmal auf einem Marinekutter oder Jugendkutter gesegelt ist, weiß Bescheid.
Außer auf diesen Kuttern wird das feste Luggersegel auch auf Handelsschiffsrettungsbooten und Yachtbeibooten benutzt. Die Zeesenboote Mecklenburg-Vorpommerns fahren es als Besan, sonst wurde es in Deutschland auf Fischerbooten selten benutzt.
Der Hauptvorteil des festen Luggersegels ist, dass es eine billig herzustellende Takelung mit kurzem Mast ermöglicht. Außerdem ist es schnell zu setzen und zu bergen, denn im Gegensatz zum Gaffelsegel wird nur ein Fall benötigt. Das Handling beim Manövrieren ist einfacher als das des losen Luggersegels. Zudem bietet es gute Segeleigenschaften, am Wind umso besser, je steiler die Rah steht. Es ist ein ideales Beibootsegel, da Mast und Rah im Gegensatz zur Hochtakelung im Boot zu verstauen sind, ohne herauszuragen. Nachteile machen sich erst bei größeren Luggersegeln bemerkbar, die Rah, die, besonders wenn sie ziemlich steil steht, recht lang ist, ist schwer und unhandlich.
Das Balanceluggersegel ähnelt dem losen Luggersegel, hat aber einen Baum, der ebenso wie die Rah nach vorn am Mast vorbeiragt. Der Hals des Segels sitzt vorn am Baum. Das Balanceluggersegel wird normalerweise nicht geschiftet. Da es flach geschnitten wird, drückt der Mast es nur wenig ein, wenn das Segel auf der Luvseite steht.
Dieses Segel wird oft ohne Vorsegel, also als Cat-Takelung, gefahren. Es kam und kommt in England und Frankreich sowie im östlichen Mittelmeer vor, war in Deutschland und Skandinavien aber, abgesehen von wenigen Sportbooten um die Jahrhundertwende, kaum gebräuchlich. Der Vorteil dieses Segels ist die recht große Segelfläche an einem kurzen Mast, ähnlich wie beim losen Luggersegel, aber ohne die schwierige Handhabung, kein Dippen, kein Schiften.
Nachteilig ist, dass das Balanceluggersegel in Luv des Mastes nicht optimal steht, selbst wenn es sehr flach geschnitten ist, und dass eine Fock, wenn sie überhaupt gefahren wird, sich beim Wenden leicht an dem vorstehenden Baum verhakt. Der Nachteil, dass die Rah bei größeren Segeln ziemlich unhandlich wird, gilt hier ebenso wie bei den anderen Luggersegeln.
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