Rennkutter “Nobile”Traditionssegeln ist hier echte Knochenarbeit

Karolina Meyer-Schilf

 · 21.06.2026

Imposante Erscheinung. Unter Vollzeug macht die mit 510 Quadratmetern gewaltige Segelfläche der „Nobile“ ordentlich Eindruck.
Foto: Michael Schad
​Erst sollte sie geschassten Werftarbeitern Ersatzjobs verschaffen, später anderen Traditionsschiffen als Ausbildungsboot dienen. Doch dabei blieb es nicht. Wie aus der „Nobile“ ein waschechter Renner wurde.

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​Auf diesem Schiff trägt niemand Segelschuhe. Stattdessen: Wanderstiefel. Trekkingschuhe. Arbeitsschuhe mit Stahlkappe. Auf diesem Schiff wird auch nicht gefaulenzt – sondern gearbeitet, das ist von Anfang an klar. Dieses Schiff, das ist der Rennkutter „Nobile“. Ein Gaffelkutter mit Stahlrumpf und beeindruckenden Maßen: Der Mast ragt 34 Meter in den Himmel, der Baum misst satte 22 Meter, und der Klüverbaum bringt es auf stolze elf Meter. Bis zu 510 Quadratmeter Segelfläche werden auf der „Nobile“ gesetzt – von Hand. Und dabei trägt man eben besser Arbeitsschuhe.


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Die „Nobile“ ist zur Hanse Sail nach Ros­tock gekommen. Neben den 22 Mann Besatzung strömen nach und nach 28 zahlende Gäste an Bord, die einen Tag auf dem Traditionsschiff verbringen wollen. Torsten Riehmann steht an der Gangway und hakt auf einer Liste gewissenhaft die Namen ab. Er gehört zum „Förderverein alter Traditions­segler“, der die „Nobile“ betreibt. Eignerin ist hingegen die Stadt Wolgast.

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Diese Konstellation hat ihren Ursprung in einer Arbeitsbeschaffungsmaßnahme. Als kurz nach der Wende die traditionsreiche Wolgaster Peene-Werft abgewickelt und die Belegschaft von über 4000 Beschäftigten auf 800 reduziert wird, legt das Arbeitsamt ein ungewöhnliches Programm auf: Der Bootsbaumeister und Konstrukteur Detlev Löll zeichnet Entwürfe für drei unterschiedliche Großsegler. Die sollen nicht in Gänze neu gebaut werden, vielmehr will man geeignete ausgemusterte Schiffe umbauen. In der Folge entstehen der Großtoppsegelschoner „Fridtjof Nansen“, die Brigg „Roald Amund­sen“ und die „Nobile“. Insgesamt 240 der ehemaligen Werftarbeiter sind daran beteiligt.

​​Vom Fischlogger zum Traditionssegler

Zu diesem Zeitpunkt hat die „Nobile“ bereits eine bewegte Vergangenheit. 1919 läuft sie als Zweimast-Fischlogger „Kathleen“ in England vom Stapel. Mehrere Kollisionen und selbst das Bombardement durch deutsche Flugzeuge im Zweiten Weltkrieg können ihrem Stahlrumpf wenig anhaben. Nach dem Krieg wird sie nach Norwegen verkauft. Umgetauft auf den Namen „Jødnafjell“, ist sie dort ebenfalls in der Küstenfischerei im Einsatz. 1985 wechselt sie erneut in andere Hände. Ihre Masten werden entfernt, fortan dient sie als Dynamitfrachter.

Schließlich kommt 1993 Detlev Löll ins Spiel. „Ich habe mich hingesetzt, den Entwurf gezeichnet – und dann den passenden Rumpf gesucht.“ Über einen Schiffsmakler findet Löll in Norwegen insgesamt 16 infrage kommende Schiffe, die er besichtigt. Die „Jødnafjell“ schließlich soll es sein.

​Wie aus einem Frachter die Nobile wurde

Wichtig bei der Auswahl war ihm „zum einen natürlich der Preis. Und es sollte vom Rumpf her ein Segler sein, mit einem stark aufgekimmten Bilgenbereich, einem überhängenden Heck und einem geraden Steven.“ Das alles findet er bei dem alten Dynamitfrachter vor. 60000 D-Mark kostet der damals, Löll geht selbst in Vorleistung. Mehr noch, er bringt die „Jødnafjell“ auch auf eigenem Kiel von Norwegen nach Wolgast.

Die „Nobile“, wie sie nach dem Umbau getauft wird, ist das letzte Projekt der Arbeits­beschaffungsmaßnahme. Der ursprüng­liche Plan, nach dem ein Verein alle drei Tradi­tions­schiffe betreiben sollte, spiegelt sich in deren unterschiedlichen Entwürfen wider: „Die ‚Nobile‘ war eigentlich als Trainings- und Ausbildungsschiff für die anderen gedacht“, sagt Konstrukteur Löll. Denn: „Die ‚Fridtjof Nansen‘ und die „Roald Amund­sen“ sind komplizierter getakelt. Da wissen die meisten Leute nach einer Woche an Bord zwar, wie sie an einer Leine ziehen müssen, aber nicht, warum.“

Das ist auf der „Nobile“ anders, hier kann man rasch richtig Segeln lernen. „Deshalb ist die Takelage im Grunde einfach gehalten, sodass man alles nach ein, zwei Tagen verstehen kann.“ Gleichzeitig soll das Segeln auf der „Nobile“ teambildend wirken: „Wir wollen den Leuten klarmachen, dass sie hier allein nichts ausrichten können, sondern dass man mit acht bis zehn Leuten an der Großschot ziehen muss, um das Segel reinzukriegen“, erklärt Löll.

​Großes Tuch, großer Umbau

Die „Nobile“ trägt nach Angaben des Vereins das größte Gaffelsegel in Europa. Allein 40 Minuten dauert es, bis das Toppsegel gesetzt ist – allerdings inklusive Anlegen des Sicherungsgurtes und Aufentern. Das Tuch zu bergen benötigt noch mehr Zeit. Damit die alte „Jødnafjell“ die Takelage überhaupt tragen konnte, waren einige Umbauten erforderlich. „Wir haben den Rumpf verstärkt, Rahmenspanten eingezogen und Püttinge eingeschweißt“, sagt Löll. Außerdem hätten etwa 20 Prozent der Außenhaut ersetzt und ein Schwertkasten eingebaut werden müssen.

Mit komplett heruntergelassenem Schwert hat die „Nobile“ einen Tiefgang von 6,20 Metern. „Das machen wir aber nur, wenn besonders anstrengende Jugendgruppen an Bord sind“, sagt Skipper Reimar Beckert. Das Schwert wieder hochzukurbeln braucht 90 Umdrehungen an der Winde. „Damit kannst du Kinder schön müde machen“, sagt Beckert und lacht.

Der 32-Jährige ist Steuermann auf einem Kümo, hat regelmäßig zwei Monate Dienst an Bord zwischen Ostsee und Biskaya, dann zwei Monate frei. „Der Rhythmus ist für mich ideal, weil ich dann zwischendurch viel segeln kann“, sagt Beckert.

Am meisten Spaß bereite ihm das Manövrieren in kitzligen Situationen – eine Vor­liebe, die er mit der „Nobile“ gründlich ausleben kann. Das 38 Meter lange Schiff mit 100 Tonnen Verdrängung ist nicht nur aufgrund des Klüverbaums eine Herausforderung. Angetrieben wird sie zwar von einem 300 PS starken Diesel, doch ein Bugstrahl­ruder gibt es nicht. Und auch ohne die 510 Quadratmeter Segelfläche bietet der Rennkutter reichlich Angriffsfläche für den Wind.

​Ablegen mit Millimeterarbeit

So ist auch das Ablegen in Rostock Maßarbeit. Der Wind steht auf den Kai, und der Koloss bewegt sich nur in Zeitlupentempo. Alles ist perfekt abgefendert, die kantigen Out­rigger sind gar mit Autoreifen gesichert: „Unsere Outrigger lösen bei Päckchenliegern immer Panik aus“, sagt Beckert und grinst. Er dampft in die Heckleine ein, der gigantische Kugelfender wird zwischen Heck und Kaimauer flach zusammengepresst. Immer wieder gibt er Schub, dann ist es geschafft: Die „Nobile“ kommt rum und nimmt Kurs warnowabwärts Richtung Ostsee.

Die Tagesgäste verteilen sich nach der Sicherheitseinweisung an Deck und bestaunen den glitzernden Strom. Während der Hanse Sail herrscht Hochbetrieb, zwischen die unzähligen Schiffe passen manchmal gerade zwei Armlängen. Draußen auf der Ostsee dann gibt es endlich das, worauf Crew und Gäste gewartet haben: Segel-Action.

Alle müssen mit anpacken, um das gigantische Gaffelgroß zu setzen. In den vergangenen Tagen gab es allerdings viel Wind, und der Seegang ist noch recht ruppig. Da wird sofort klar: Die „Nobile“ segelt nass. Der Freibord ist niedrig, die See flutet regelmäßig durch die Speigatten das Deck. Der frische Wind erfordert ein Reff im Groß, zusätzlich wird nur die Fock gesetzt, Flieger und Toppsegel bleiben verzurrt. Dennoch macht der Kutter gute sieben Knoten Fahrt, und den ersten Tagesgästen wird infolge der kabbeligen See schlecht.

​Abruptes Ende des Segeltags

Später liegen einige Gäste unter kuscheligen Wolldecken an Deck und wettern die Seekrankheit ab. Die anderen genießen die Sonne, die Rauschefahrt unter Segeln – und das Essen, das ein Teil der Crew in der Zwischenzeit unter Deck in der gemütlichen Kombüse gezaubert hat. Es gibt Spaghetti Bolognese und später Kaffee mit selbstgebackenem Blechkuchen.

Kapitän Beckert hat das Steuerrad seinem Rudergänger überlassen und genießt ebenfalls den Segeltag – bis ihm auffällt, dass am Rigg etwas nicht stimmt. Ein kurzer Rundumblick in den Mast und in die Back­stagen, dann eilt er zum Bug. Dort entdeckt er das Malheur: Am Ende des Klüverbaums ist der Beschlag für das Wasserstag gebrochen.

Mit ruhiger Stimme gibt er das Kommando: „Alle Segel bergen!“ Ein Team sichert derweil das lose Stag mit einem Kettenzug. Wie es zum Bruch des massiven Beschlags kommen konnte, bleibt vorerst unklar. Er war erst vergangenes Jahr in der Werft eigens neu angefertigt und von Fachleuten montiert worden.

​Der Charme des Unperfekten

Die „Nobile“ nimmt Kurs zurück auf Rostock. Angekommen, muss sich die Crew auf die Suche nach einem neuen Beschlag machen. In wenigen Tagen steht der nächste größere Törn an, bis dahin muss Ersatz her. Eine schwierige Aufgabe: „Die Teile, die wir brauchen, kann man ja kaum irgendwo fertig kaufen“, erklärt Torsten Riehmann das Problem jedes Traditionsschiffs. „Das Meiste muss extra angefertigt werden, also geht die Sucherei los, wer das machen kann.“ Mitunter hätten andere Traditionssegler einen passenden Block oder Beschlag übrig, man helfe sich untereinander, so Riehmann.

Vieles erledige man zudem in Eigen­regie, vor allem während des Winters, wenn die „Nobile“ ins Lager nach Hamburg-Finkenwerder kommt. Dort halten sich viele Vereinsmitglieder regelmäßig in den Weihnachtsferien auf, um den Rennkutter wieder auf Vordermann zu bringen. Alle zwei Jahre kommt die „Nobile“ aus dem Wasser. Dann erhält sie nicht nur neues Antifouling und einen frischen Anstrich – per Ultraschall wird auch die Dicke des Stahls kontrolliert. Im letzten Winterlager kam außerdem ein neues Holzdeck aufs Achterschiff.

Von den rund 150 Vereinsmitgliedern fahren 50 bis 70 regelmäßig auf der „Nobile“ mit. „Viele kommen nur zum Schrauben ins Winterlager“, sagt Torsten Riehmann, „das ist für die das Schönste!“ Und zu schrauben gebe es auf dem Schiff immer etwas. Es sei halt nicht ganz pflegeleicht. Aber gerade das hat ja auch seinen Charme.


Technische Daten der “Nobile”

  • Schiffstyp: Gaffelkutter
  • Baujahr/-ort: 1919 in Lowestoft
  • Umbaujahr/-ort: 1994/95 in Wolgast
  • Länge über alles: 38,50 m
  • Breite (inkl. Outrigger): 6,60 m
  • Tiefgang max. (Schwert): 6,20 m
  • Segelfläche: 510 m²
  • Gewicht: 100 t
  • Maschine: 6-Zyl.-Caterpillar, 300 PS

Der Artikel erschien erstmalig 2027 und wurde für diese Onlineversion überarbeitet.

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