MeinungFlieg, Boris, flieeeeg!!!!!

YACHT-Redaktion

 · 19.11.2022

Meinung: Flieg, Boris, flieeeeg!!!!!Foto: Marin LE ROUX - polaRYSE
“A Race we must (want) to win”

YACHT-Woche – der Rückblick


Liebe Leserinnen und Leser,

Für Fans des Hamburger Imoca-Skippers war es eine harte Woche. Er hatte zwar im YACHT-Interview vor dem Start durchblicken lassen, dass er die Route du Rhum mehr als Überführung und Zuverlässigkeitsfahrt für die neue „Malizia – Seaexplorer“ sieht denn als Wettfahrt. Aber so?!?

Schon beim Auftakt war Boris Herrmann einer der wenigen, der untertakelt über die Linie vor Saint-Malo ging, mit gerefftem Groß und kleiner Fock. Wie angekündigt, ging er das Solo-Transat vorsichtig und kontrolliert an, obwohl die Bedingungen keineswegs stürmisch waren.

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Bei der Rundung der Nordwestküste der Bretagne nutzte er nicht, wie Charlie Dalin und andere Imoca-Skipper, die Stromeffekte weit unter Land. Er setzte seine Wende nach Süden, vorbei an der Ile de Ouessant, später als die Führenden. Dennoch blieb er in Schlagdistanz.

Würde er mit Eintreffen der ersten Schwerwetterfront im freien Wasser attackieren? Würde er die Trümpfe seines bewusst für harten Seegang optimierten VPLP-Designs ausspielen, wie viele Beobachter hofften? Würde er die Regatta auch als echten Test nutzen für die Bedingungen, die dem Team bei der Erprobung im Spätsommer stets gefehlt hatten?

Nichts dergleichen.

Boris, dem Segel- und Liedermacher Frank Schönfeldt vor anderthalb Jahren beim Vendée-Finish noch den Song „Flieg, Boris, fliiieg!“ gewidmet hatte, ließ sein Boot nicht von der Leine – und die Segler daheim am PC rätselnd zurück.

Mit jedem Tag wuchs sein Rückstand. Und dann traf er, der sonst so ein gutes Händchen hat für Wetter und Kurswahl, auch noch eine taktische Fehlentscheidung, die ihn 30 Stunden lang in einer Schwachwindzone festhielt. Man mochte kaum mehr hinschauen.

Am Freitagmittag, neun Tage nach dem Start, lag der Hochsee-Profi fast 740 Seemeilen hinter Thomas Ruyant und Charlie Dalin auf Platz 24. Yoann Richomme, dessen neuer Imoca-Foiler noch im Bau ist, lag rund 100 Meilen vor ihm – auf einer Class 40!

Vor vier Jahren, als Boris sein Debüt in der Imoca-Klasse und bei der Route du Rhum gab, hatte er mit einem älteren Boot kurzzeitig sogar in Führung gelegen. Am Ende wurde er starker Fünfter. Jetzt kann er bis Guadeloupe nicht einmal mehr auf Platz 10 hoffen, selbst unter günstigsten Bedingungen nicht.

Es tut weh, dem beizuwohnen. Denn Skipper und Schiff haben ungleich größeres Potenzial. Warum aber ruft Boris diese Leistung nicht ab? Andere wie Paul Meilhat oder Maxim Sorel mit ebenfalls neuen, kaum erprobten Booten, mit kleineren Budgets muten sich und ihren Boliden viel mehr zu, gehen weit höheres Risiko – und werden nach dieser Regatta weit wertvollere Erkenntnisse gewonnen haben, sofern alles gut geht.

Ich fürchte, es ist Unwohlsein, Angst, die ständige Sorge, nur ja nichts kaputt zu machen, die Boris hemmt.

Seine „Malizia – Seaexplorer“ ist ein SUV zur See. Er kann was ab. Doch das Schiff ist vollgepackt mit Sensoren und Alarmgebern, deren schrille Töne ständigen Ausnahmezustand signalisieren. Es muss ein Horror sein, sich dem permanent allein auszusetzen, geschweige denn, damit Regatta zu segeln.

Auch das Trauma der Kollision mit dem Frachter vom Vorabend seiner Zielankunft bei der Vendée ist womöglich noch nicht ganz verarbeitet. Denn im Ärmelkanal und der Biskaya fand Boris tagelang so gut wie keinen Schlaf, was untypisch ist für ihn, wie er selbst sagte.

Es schien, als habe er die Lust an seinem Sport, seiner Berufung verloren, jedenfalls am Solosegeln.

Viele Regattasegler, auch hoch dekorierte, fiebern in diesen Tagen daheim mit ihm mit, leiden mit ihm mit – auch, weil er sich nicht verstellt, weil er in seinen Videos offen über seine Probleme und Nöte spricht. Die kollektive Verwunderung wird er in seiner Raumkapsel auf dem Atlantik kaum registrieren. Ob sein Team ihn damit konfrontiert? Schwer zu sagen. Es wäre ihm zu wünschen. Denn er macht das ja nicht für sich, sondern für die Öffentlichkeit.

Einen Zug zu verpassen, den Biss zu verlieren, das kann jedem passieren. Der Sport lebt davon. Oft erreichen Profis ihren Zenit, nachdem sie zuvor am Boden waren. Aber kaum irgendwo entfaltet sich ein solcher Aufprall in der Realität derart in Zeitlupe, derart gnadenlos wie bei dieser Route du Rhum, wo Boris jeden Kontakt zur Spitze unwiederbringlich verloren hat.

Wenn es eines Weckrufs bedurft haben sollte, um ihn an die Bedeutung des Slogans auf seinem Großsegel zu erinnern, dann war er deutlich. „A Race we must win“, steht da übergroß. Derzeit wäre angebrachter, es hieße: „A Race we must want to win“.

Jochen Rieker, Chefredakteur YACHT


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