Route du RhumUltim-Podium komplett, Boris wird nach hinten durchgereicht

Andreas Fritsch

 · 17.11.2022

Kam gestern nachmittags ins Ziel: François Gabart mit seiner "SVR Lazartigue"
Foto: Vincent Olivaud RDR 2022
François Gabarts ”SVR Lazartigue” im Ziel gestern

Das Ultim-Podium bei der Route du Rhum ist komplett: François Gabart wird Zweiter, Thomas Coville Dritter. Bei den Imocas machen die Verfolger Druck auf den Führenden Charlie Dalin

Gabart überquerte mit seinem eleganten, futuristischen Tri “SVR Lazartigue” gestern Nachmittag etwa drei Stunden nach Charles Caudrelier die Ziellinie. Zum zweiten Mal hintereinander wird er damit in der Ultim-Klasse Zweitplatzierter der Route du Rhum, nachdem er sich bei der letzten Ausgabe um Haaresbreite (7 Minuten) Francis Joyon geschlagen geben musste.

Knapp sieben Stunden nach Gabart überquerte dann Thomas Coville mit “Sodebo Ultime” die Ziellinie. Er wäre eigentlich dichter dran gewesen, doch auf der Westseite von Guadeloupe verfing sich der Franzose unglücklich mit seinem Boot in einem Fischernetz, musste den Tri komplett aufstoppen und kämpfte zwei Stunden damit, sich aus dem Netz zu befreien. Dafür überquerte er später in Brassfahrt mit 30 Knoten im Passat die Linie.

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Überschattet wurde die Zielankunft von einem tragischen Unglück: Ein Motorboot des Race-Organisators kenterte mit elf Personen an Bord bei einer Ausfahrt zu den Tris, und zwei Personen kamen dabei ums Leben. Wie es genau zu dem Unglück kam, ist noch unklar.

Das Imoca-Feld der Route du Rhum ist gespalten

Derweil geht das Rennen auf dem Atlantik unvermindert weiter, und das gewaltige und nicht sehr klar begrenzte Azorenhoch zehrt ganz gewaltig an den Nerven der Imoca-Skipper, wie Jérémie Beyou von Bord seiner “Charal” meldet:

“Der Wind ist nicht leicht zu lesen. Auf dem Wasser sind gewaltige Unterschiede in Stärke und Windwinkel. Mal sind es 20 Knoten, und dann stoppt es komplett. Du musst die ganze Zeit genau auf das Boot hören und das Beste aus dem Wind holen, was geht, ständig den Segelplan anpassen. (...) Es ist auf jeden Fall noch nicht vorbei. Der Weg ist noch weit, es gibt noch viele mögliche Schlaglöcher bis zum Ziel!”

Jérémie Beyou


Eins davon ist bekanntermaßen die vorgeschriebene Race-Route um die Westseite von Guadeloupe. Wegen der hohen Berge dort herrscht dort nachts oft Totenflaute. In der kann das führende Boot, wenn es nachts vorbeimuss, einparken und die Konkurrenz mit dem Passat im Rücken heranfliegen. Kommt die dann im Hellen an, kann es noch einmal spannend werden.

Stand des Rennens heute am Morgen. Klar zu sehen, wie die Führungsgruppe den Passatwind erreicht, Boris Herrmann aber zusammen mit einigen anderen Booten in der Flaute feststecktFoto: RDR 2022
Stand des Rennens heute am Morgen. Klar zu sehen, wie die Führungsgruppe den Passatwind erreicht, Boris Herrmann aber zusammen mit einigen anderen Booten in der Flaute feststeckt

Obwohl sein Vorsprung auf nur 27 Meilen (gestern noch über 70) vor Thomas Ruyants “Linked Out” zusammengeschrumpft ist, fühlt sich der Führende Charlie Dalin wohl in seiner Haut. “Seit dem Start der Saison bin ich in einer schönen Harmonie mit meinem Boot. Es ist selten, dass man diesen Level der Vollständigkeit erreicht.” Zurzeit sieht es so aus, als ob Dalin zeitgleich mit seinen Verfolgern in den Passat kommt, was bedeuten würde, dass der Abstand zu den Verfolgern nicht automatisch wieder größer wird, weil er zuerst den stärkeren Wind erreicht.

Zufrieden ist auch Paul Meilhat mit seiner brandneuen “Biotherm”, auf der er vor dem Rennen erst 15 Tage segeln konnte und auf Platz vier liegend ein sensationell gutes Rennen fährt.

“Die letzte Generation der Imocas sind beeindruckend, die Verbesserung am Wind ist einfach enorm. Natürlich erleben wir die Probleme, die man mit so jungen Booten hat, wir müssen basteln, aber nichts Ernstes. Ich checke regelmäßig die Struktur des Bootes, alles ist gut.”

Paul Meilhat


Boris repariert, die Konkurrenz zieht vorbei

Geradezu tragisch steckt mittlerweile Boris Herrmann in der Flaute fest. Nachdem er gestern stundenlang mit keinen drei Knoten Speed dahindümpelte, sieht es heute nicht besser aus. Er ist auf Platz 24 durchgereicht worden und mit gerade einmal fünf Knoten unterwegs. Sein defensiver Start mit kleinerer Besegelung und der frühe Rückstand schon beim Kap Finisterre rächen sich jetzt. Die Spitze und mittlerweile auch der Großteil des Feldes ziehen auf und davon, eine gute Platzierung unter den Top 10 oder sogar 15 scheint kaum noch möglich, zumal er heute wohl laut Vorhersage auch noch weitere sechs bis neun Stunden im Schwachwind hängen bleibt, während die Spitze schon im leichten Passat segelt und mit 10 bis 15 Knoten mehr Speed enteilt. Taktisch hatte er mit der Positionierung im Südosten des Feldes danebengegriffen, genau wie Sam Davies, die mit ihrer neuen “Initatives Cœur” ebenso festhängt wie er. Dafür konnte er die relative Ruhe an Bord gestern zu einer Reparatur am Bordcomputer nutzen, wie er in einem Video von Bord erklärt.

Selbst die Spitzengruppe der Class 40 ist mittlerweile dem Ziel dichter als viele Open 60s. Dort beharken sich der Führende Yoann Richomme mit seiner “Paprec Arkea”, Xavier Macair (“Groupe SNEF”) und Corentin Douguet (“Queguiner Innoveo”) um die Podiumsplätze. Keine 30 Meilen trennt das Trio, hier ist also noch lange nichts entschieden. Doch auch sie dürften morgen in einem Flautenloch hängen bleiben.


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