MeinungSpitzensegler als Vorbilder? Sie tun uns gut!

YACHT

 · 30.03.2024

Meinung: Spitzensegler als Vorbilder? Sie tun uns gut!
YACHT-Woche – Der Rückblick

Themen in diesem Artikel

yacht/bullseye-yacht-woche-tati-2000x500_fa044b595a81975289e10b3151270235

Liebe Leserinnen und Leser,

das Segelsuperjahr 2024 ist so prall gefüllt mit Großereignissen wie die Osterkörbe an diesem Wochenende: In der zweiten Jahreshälfte steigen die Olympischen Spiele in Marseille. Mehr als zwei Monate America’s-Cup-Action in Barcelona folgt ab Mitte August, bevor uns die Vendée Globe ab 10. November mit Boris Herrmann und Isabelle Joschke wieder in Atem hält. Diese und viele weitere Regatten versprechen packenden Sport, vor allem aber mitreißende Protagonisten in ihrem Element.

Es gäbe keinen der drei Segelsportgipfel, auch nicht den SailGP oder andere Regatten, ohne ihre Herausforderer. Es sind die Seglerinnen und Segler, die den Regattasport prägen und ihn auch für uns zum Fest, zum Aufreger, zum Krimi und nicht selten zu einer Quelle der Inspiration machen. Sie tun uns gut.

Inspiration aus dem Segelsport

Leistungssportler können in einer Welt voller Krisen und Unwägbarkeiten starke Felsen in der Brandung sein. So wie Boris Herrmann, der bei seiner Vendée-Globe-Premiere in kargen Corona-Zeiten einer rasant wachsenden Fanschar Abenteuer und Erlebnisse wie aufregende Ausflüge in die Freiheit schenkte und zum Helden aufstieg.

Meistgelesen

1

2

3

4

5

Spitzensegler sind gute Vorbilder für alle Generationen, wenn es ums Kämpfen, um Einsatzwillen, um das Erreichen von hoch gesteckten Zielen und eine vorwärtsgewandte positive Lebens- und Arbeitseinstellung geht.

Auf diese Weise haben Paul Kohlhoff und Alica Stuhlemmer 2021 eine olympische Bronzemedaille gewonnen. Die beiden Kieler haben damit viele Menschen begeistert. Kinder und Jugendliche eifern ihnen nach. Jetzt wollen es die beiden national konkurrenzlos guten Nacra-17-Dompteure bei der Olympia-Regatta in der Bucht von Marseille wieder wissen. Ihr Ziel in diesem olympischen Sommer ist eine zweite Medaille. Dafür gehen sie „all in“.

Dass ihr Trainer Marcus Lynch sie zu Jahresbeginn völlig überraschend im Stich ließ und ein halbes Jahr vor Olympia zum amerikanischen Seglerverband US Sailing wechselte, hat sie kalt erwischt. Abrupt war ihr Erfolgstrio Geschichte. Statt ihren Schock darüber regieren zu lassen, suchte und fand das dynamische Duo mit dem Australier Andrew Palfrey in kürzester Zeit einen neuen Coach. Nun biegen sie mit entschlossener „Jetzt erst recht“-Einstellung auf die olympische Zielgerade ein.

Ein Nachdenk-Beitrag aus Kiel

In dieser Woche veröffentlichte das Team Kohlhoff/Stuhlemmer einen Nachdenk-Beitrag, in dem es um Profis im Segelsport, Demut und Dankbarkeit geht. Erklärt wird darin auch, warum es im Segelsport schwerer fällt, den Begriff des „Profisportlers“ anzuwenden als in anderen Sportarten. Da heißt es:

„Aufgrund der im Vergleich zum Fußball geringen Popularität des Segelns bezeichnen wir uns selber lieber als Vollzeit-Athleten im olympischen Segelsport. Wir schätzen uns glücklich und sehen es als großes Privileg, den Nacra 17 unser Büro nennen und das Segeln aktuell als unseren Beruf bezeichnen zu dürfen. Dass wir nach unserer Zeit als Kinder und Junioren im Kieler Yacht-Club über einen so langen Zeitraum und bis heute derartig viel Zuspruch und Unterstützung erfahren durften, erfüllt uns mit Stolz und stimmt uns demütig – vor allem, weil wir in vielen unserer treuesten Wegbegleiter langjährige, hoffentlich lebenslange Mentoren und Freunde kennenlernen durften. Als besonders vielschichtiger und komplexer Sport ist der Segelsport eine sehr beliebte Anlaufstelle für Menschen mit erfolgreichen und/oder inspirierenden Hintergründen aller Art, was es uns Seglern ermöglicht, über die Membran der olympischen Blase hinauszublicken und andere Perspektiven aus erster Hand kennenzulernen.“

Es steckt viel Gutes drin in diesem Bekenntnis, das man sich nur schwer aus dem Munde des einen oder anderen saturierten Fußball-Millionärs vorstellen kann.

Leistungssportler kennen keine 40-Stunden-Woche

Es sind die Geschichten der Segelsportprotagonisten, die auch uns lernen, träumen, mitfiebern, mitfreuen oder mitweinen lassen. Wir identifizieren uns mit ihnen, leiden mit ihnen, freuen uns mit ihnen. Wie viel harte Arbeit hinter ihrer Leistung und den Erfolgen steckt, wird dabei leicht übersehen.

Segelleistungssportler kennen keine 40-Stunden-Woche. Ihre Arbeitswochen haben mindestens sechs Tage. Die Tage beginnen früh morgens im Fitness-Studio und enden nach kraftzehrenden Stunden auf dem Wasser mit Debriefings, Presseanfragen, technischen Herausforderungen und logistischen Hausaufgaben.

Deutschlands historisch erfolgreichster Lasersegler Philipp Buhl hatte seine nie endende Arbeit und Hingabe vor seiner zweiten Olympia-Teilnahme in Enoshima 2021 in einen ebenso sehenswerten wie zeitlosen Clip gegossen.

Im Buhls Video geht es nicht um schneller, höher, weiter, sondern um Hingabe und Einsatzwillen für das große Ziel: eine olympische Medaille. Als Fünfter hat er sie vor drei Jahren in Enoshima im größten olympischen Feld der Ilca-7-Segler trotz starker Leistung nicht bekommen. Die ansteckende Freude an seinem Sport ist geblieben. Aktuell kämpft Philipp Buhl um seine dritten Olympia-Chance. Der Weltmeister von 2020 ist nicht nur als Spitzensportler ein Vorbild. Er inspiriert mit seiner Beharrlichkeit und überzeugendem Fairplay auf dem Wasser.

Boris Herrmann: hart erarbeitete Erfolge

So wie Boris Herrmann in seiner Domäne des Offshore-Segelns in Verbindung mit Team Malizias Bemühungen um Klimaschutz und die Gesundheit der Ozeane. Der Mann, für den die Google-Suchmaschine heute in einer Drittelsekunde mehr als 2,7 Millionen Ergebnisse ausspuckt, wurde nicht als Segelstar und fünffacher Weltumsegler geboren.

Auch er, der heute gern gesehener Gast in Deutschlands großen Talkshows ist, hat sich seine Erfolge hart erarbeitet und musste tiefe Täler durchschreiten, bevor er mit starken Mitstreitern an seiner Seite zu dem wurde, der er heute ist: ein nahbarer Profi und international bekannter Segelsport-Player, der wie die Olympioniken und weitere Segelsport-Vorreiter mehr zum Vorbild taugt als manch ein saft- und kraftloser Politiker in unserer Zeit, denen das Anpacken und Machen, das Vorleben einer positiven Lebenseinstellung so schwer zu fallen scheint.

Kluge Köpfe in einem komplexen Sport

Man könnte und müsste an dieser Stelle viele deutsche Segelsportlerinnen und Segelsportler nennen, die mit ermutigender Kraft agieren, Härten meistern und Hindernisse überwinden, um ihre Ziele zu erreichen. Anastasiya Winkel ist so eine: Die gebürtige Urkrainerin und Sportwissenschaftlerin kämpft mit ihrem Ehe- und Steuermann im 470er-Mixed um ihren zweiten Olympia-Start und engagiert sich in ihrer neuen Heimat Deutschland für ukrainische Flüchtlinge, nutzte die Segelszene und ihre Mitstreiter im German Sailing Team, um Wohnungen und Unterkünfte zu vermitteln. Da hat sich das Netzwerk Segelsport-Deutschland stark bewährt.

Weil dieser Segelsport ein komplexer Sport für kluge Köpfe ist, trifft man in ihm auf überdurchschnittlich viele multitalentierte Menschen mit der Fähigkeit, über den Horizont hinauszublicken. Einen wie Buhls jüngeren Herausforderer ums Olympia-Ticket: Nik Aaron Willim ist Leistungssportler und Buchautor (“Grüne Tiger”), leidet gleichzeitig seit Langem unter Bruximus, dem unbewussten starken Zähneknirschen und -pressen, sowie den damit verbundenen Kopfschmerzen und Schlafproblemen. Seine Ziele verfolgt der 27-Jährige trotzdem unbeirrt – und optimistisch.

So wie Deutschlands neuolympische Top-Kiterin Leonie Meyer, “Leo Löwenherz”, die als Athletin, Medizinerin und Mutter ihr Mammut-Programm auf Kurs Olympia mit so großem Herzen und von ihrer Familie beflügelt bestreitet. Sohn Levi wurde mit einer Unterschenkelfehlbildung geboren und in seinem jungen Leben schon mehrfach bei Spezialisten in den USA operiert. Seine Mama ist immer dabei, sagt über ihn: “Er ist ein Sonnenschein, ein glückliches Kind.” Die Kraft, die sie ihm gibt, schöpft sie auch aus dem Sport.

Ohne Passion keine Profession

Jeder Athlet und jede Athletin haben ihre eigene spannende Geschichte. Als Spitzensportler sind sie Motivatoren für ihre Fans. Dass ihnen als sogenannten Profis hin und wieder die Leidenschaft abgesprochen wird, weil sie Geld mit ihrem Sport verdienen, ist absurd. Das Gegenteil ist der Fall. Einigen wenigen ist es gelungen, ihre Berufung zum Beruf zu machen, weil sie besonders gut sind in dem, was sie tun. Die weite Mehrheit der in vielen Segelfeldern erfolgreichen deutschen Spitzensportler wird nicht reich mit der Profession, die zugleich ihre Passion ist.

Es gibt 2024 viele Gelegenheiten, sie kennenzulernen. Menschen wie den zweimaligen Olympia-Dritten Erik Heil, der in Sebastian Vettels jungem deutschem SailGP-Team um den Aufstieg in der Formel 1 des Segelsports kämpft. Erik Heil ist ein kluger und humorvoller Mann der eher leisen Töne, der trotz olympischer Erfolge mit beiden Füßen auf dem rauen norddeutschen Boden steht, den er als Hofbesitzer in der Nähe von Strande bewirtschaftet. Ach ja, sein Medizinstudium wuppt er außerdem noch parallel und erfolgreich. Nicht nur Erik Heil zeigt: Es ist so vieles möglich, wenn man es will.

Wir berichten gern von den schon bekannten und noch kommenden Segelsport-Persönlichkeiten. Es lohnt sich, sie kennenzulernen.

Vorolympisches Gipfeltreffen in Palma

Aktuell tobt die nationale Olympiaausscheidung ihren Entscheidungen entgegen. Es geht in diesen Endspurt-Wochen darum, wer im Sommer unter den fünf Ringen um olympische Medaillen kämpfen darf. Alle Kandidaten haben ihr Leben diesem Ziel untergeordnet. Sie haben geschuftet, auf vieles verzichtet, kommen teilweise mit sehr wenig Geld klar, jagen ihre Träume, die sich am Ende aber nur für ein deutsches Boot oder Board in jeder der zehn olympischen Segeldisziplinen verwirklichen kann.

Ab Ostermontag geht es beim Spanien-Klassiker Trofeo Princesa Sofía zur Sache. In vielen der zehn olympischen Disziplinen fallen dort nicht nur im deutschen Team Entscheidungen oder Vorentscheidungen über die Vergabe der Olympia-Fahrkarten. Wir werden vor Ort sein und für Sie und Euch aus dem Segeleldorado zwischen Can Pastilla und S’Arenal berichten.

Wer gerade selbst auf Mallorca ist, bekommt dort einen guten Eindruck von der Welt des olympischen Segelsports, wo mehr als 1.000 Frauen und Männern aus 71 Nationen, Segler, iQFoil-Surfer und Kiter rund vier Monate vor dem ersten Marseille-Startschuss ihre olympischen Träume jagen. Jeder mit der eigenen Geschichte an Bord. Es macht Spaß, sie kennenzulernen.

Ich wünsche Ihnen und Euch ein wunderbares Osterwochenende und inspirierende Begegnungen!

Tatjana Pokorny,

YACHT-Autorin

Newsletter: YACHT-Woche

Der Yacht Newsletter fasst die wichtigsten Themen der Woche zusammen, alle Top-Themen kompakt und direkt in deiner Mail-Box. Einfach anmelden:


Draufklicken zum Durchblicken:

Die Woche in Bildern

Pure Eleganz: die 47 Meter lange "Aquarius" bei der St. Barths Bucket
Foto: Cory Silken / Royal Huisman

Lese-Empfehlungen der Redaktion

yacht/Myproject-122_588dd1e2bf08c53ce7f0b81757956597

Bordstrom aus Wind

Wann sich ein Windgenerator lohnt

yacht/100231989_bae7b3e9365f844fda81f6f77495c01d

Windgeneratoren liefern auch nachts und bei bedecktem Himmel Strom. Was Eigner über realistische Leistung, Starkwindregelung, Montage und Sicherheit wissen müssen.


The Ocean Race Atlantic

Schneller Check mit dem Live-Tracker

yacht/tracker-aufmacher_445717799d7dca17a5e737252a4e1413

Karte, Wetter, Routing und Bootsdaten: So lesen Sie den PredictWind-Tracker zum Ocean Race Atlantic richtig.


​European Yacht of the Year 2027

21 Yachten schaffen es in die Endauswahl

yacht/6c4f861f-d59f-4370-b728-56efa54007ba-image-edit-oai-img-sfsz2ltewickb-t8yct_c24c966ac08a2846d24cc692f3c95b0f

21 Yachten treten beim European Yacht of the Year 2027 an. Sieben Mehrrumpfer und nur zwei klassische Seriencruiser zeigen, wie stark sich der Yachtbau verändert.


Volamare

Aufblasbares Bimini ohne Gestänge

yacht/asset-02-f750c667d0_87068cc5a3fd3f08750c15d267d66a17

Volamare stellt ein aufblasbares Sonnensegel für Segelyachten, Motorboote und Katamarane vor. Die Konstruktion soll ohne Gestänge auskommen und rund 4,5 Quadratmeter Schatten liefern.


Ocean Race Atlantic

Speedrace! In unter sieben Tagen nach Lorient?

yacht/785214455-2709486722780029-2050619029943036130-n_106e70a9971bf7098624242a044af632

Am 1. September beginnt das Ocean Race Atlantic mit der Parade in New York. Boris Herrmanns Neue ist dabei. Erwartet wird ein Highspeed-Rennen nach Lorient.


Seenotretter

Lebensbedrohlich erkrankter Einhandsegler auf der Nordsee abgeborgen

yacht/2026-08-28-seenotretter-u-bundespolizei-fuer-einhandsegler_41670f3f5a938f34fc0556a72bd75287

Ein schwer erkrankter Einhandsegler hat am Donnerstag, 27. August 2026, einen aufwendigen Rettungseinsatz auf der Nordsee ausgelöst und wurde per Hubschrauber und Seilwinde von Bord geflogen.


GFK-Klassiker

21. Gipfeltreffen in Maasholm

yacht/100144414_0fc5a3412eae3b5a556484606b897a8b

Am kommenden Wochenende, vom Freitag, den 24., bis Sonntag den 26. September 2026, findet im Hafen von Maasholm das alljährliche Treffen der GFK-Klassiker statt. Dort wird das schönste Boot gekürt, eine Wettfahrt gesegelt und gemeinsam gefeiert.


Kommunikation

Womit würde Elon Musk auf Langfahrt gehen? Starlink bringt neuen Segler-Tarif mit 40-Fuß-Grenze

yacht/16623_48d93e502f230354fc69b627f39a68b8

Starlink führt den Tarif Personal Maritime für private Boote ein. Er beendet die 30-Tage-Grenze im Ausland, gilt aber nur bis 40 Fuß und verteuert Daten auf hoher See deutlich.


52 Super Series

“Platoon Aviation” fliegt zum Sieg

yacht/52ss-260827nms-nms0509_5f438018ef62124d195711169ee86a81

Harm Müller-Spreers "Platoon Aviation" hat den zweiten Lanzarote-Gipfel der 52 Super Series gewonnen. Das Team liegt vor dem Saisonfinale in Pole Position.


App

Seanturion warnt bei Yacht-Diebstahl und überwacht Batterien

yacht/unbenannt-28-august-2026-um-113346-1_33a40c740a852d05558c28ab7422ee7f

Seanturion überwacht Boote aus der Ferne: GPS-Position, Bilge und Batterie laufen direkt per App aufs Smartphone. Der Preis besteht aus Abo und Hardware.


Saisonstart-Special

Raus aus der Halle, ab aufs Wasser

Dehlya 25 „Willy“ nach Refit (Ort: Kappeln, Datum: 08.11.2019, Redakteur: Lars Bolle)

Endlich beginnt die neue Saison. Bevor das Boot aber wieder in sein angestammtes Element kommt und es auf den ersten Törn geht, stehen einige Vorbereitungen an. Der große Saisonstart-Ratgeber für alle To-dos



Newsletter: YACHT-Woche

Der Yacht Newsletter fasst die wichtigsten Themen der Woche zusammen, alle Top-Themen kompakt und direkt in deiner Mail-Box. Einfach anmelden:

Artikel teilen:
Kommentare

Diskutieren Sie mit – fair, sachlich und respektvoll. Es gilt unsere Netiquette.

Meistgelesen in der Rubrik Allgemeiner Service