Wochenlang hat die Jury Neuheiten gesichtet, Entwürfe studiert und über Konzepte diskutiert. Nun stehen die 21 Nominierten für den European Yacht of the Year 2027 Award fest. Manche waren zu erwarten, andere überraschen. Schon die kompakten Kandidaten zeigen, wie viele unterschiedliche Ideen sich auf wenigen Metern verwirklichen lassen. Im Feld der mittelgroßen Yachten treffen vertraute Fahrtenkonzepte auf neue Mischformen. Und bei den größten Nominierten lässt sich kaum noch eindeutig sagen, wo Performance aufhört und Luxus beginnt.
Diese Mischung macht den Jahrgang so interessant. Sie erzählt viel darüber, wohin sich der Yachtbau bewegt. Mehrrumpfer sind längst keine Randerscheinung mehr, Crossover-Modelle sprengen die vertrauten Kategorien und klassische Fahrtenyachten aus Großserie werden im Feld der Neuheiten seltener.
Der European Yacht of the Year Award wurde von der YACHT initiiert und 2004 erstmals auf der boot Düsseldorf verliehen. Heute gehören zwölf Segelmedien aus zwölf europäischen Ländern zur Jury. Damit treffen unterschiedliche Märkte, Reviere und Segeltraditionen aufeinander. Die Vertreter der Fachmagazine wählen die Kandidaten gemeinsam aus und segeln sie anschließend bei mehrtägigen Vergleichstests. Kein Boot kann allein mit Zeichnungen, Datenblättern oder einer gelungenen Präsentation gewinnen.
Wie Europas Yachten des Jahres gewählt werden, erklärt Jury-Vorsitzender Jochen Rieker im YACHT-Podcast mit Einblicken in die Entstehung und den Ablauf des Verfahrens. Die unmittelbaren Eindrücke unter Segeln, die Funktion des Deckslayouts, das Verhalten im Seegang und die Qualität des Ausbaus bilden anschließend die Grundlage der Beratungen.
Sieben der 21 nominierten Boote segeln auf zwei oder drei Rümpfen. Damit stellen Mehrrumpfer ein Drittel des gesamten Feldes. Vor einigen Jahren wären Katamarane und Trimarane in einer solchen Auswahl noch deutlich schwächer vertreten. Die hohe Zahl zeigt, wie breit das Segment inzwischen aufgestellt ist. Mehrrumpfer werden nicht mehr allein über Wohnfläche und Chartertauglichkeit definiert. Neben geräumigen Fahrtenkatamaranen treten leichtere und leistungsorientierte Konstruktionen an. Auch Trimarane und ungewöhnliche Mischformen erweitern das Angebot.
Für die Jury verschärft das den Vergleich. Ein schneller Trimaran folgt anderen konstruktiven Prioritäten als ein schwerer Fahrtenkatamaran. Beide können dennoch ähnliche Zielgruppen ansprechen, wenn Segelleistung, Platz und einfache Bedienung miteinander verbunden werden.
Umgekehrt fällt auf, wie wenige konventionelle Fahrtenyachten aus Großserien nominiert sind. Mit der Dufour 39 und der Sun Odyssey 455 haben es lediglich zwei Neuerscheinungen aus dem früheren Volumensegment in die Auswahl geschafft.
Das bedeutet nicht, dass klassische Fahrtenyachten für den Markt bedeutungslos geworden sind. Die Nominierungsliste legt jedoch nahe, dass ein großer Teil der Entwicklungsarbeit inzwischen in speziellere Konzepte fließt. Werften suchen nach Booten, die mehrere Anforderungen verbinden oder sich deutlicher von bestehenden Baureihen absetzen.
Die Grenzen zwischen Familiencruiser, Performance-Yacht, Blauwasserboot und Luxusyacht werden unschärfer. Ein geräumiger Cruiser soll heute oft zugleich leicht zu bedienen und bemerkenswert schnell sein. Sportliche Modelle erhalten wohnlichere Ausbauten, während Fahrtenkatamarane mehr Segelleistung bieten sollen.
Am deutlichsten zeigt sich diese Entwicklung bei der „Skaw A“. Sie verbindet einen extrem breiten Scow-Rumpf mit aufholbaren Foils, geschütztem Cockpit und einem für die Bootslänge ungewöhnlich großzügigen Innenraum. Das Boot soll die Geschwindigkeit eines Racers mit dem Raumangebot eines Mehrrumpfers verbinden. Preis und Bauweise rücken es zugleich in die Nähe einer Luxusyacht. Eine eindeutige Zuordnung zu den bisher üblichen Klassen wäre deshalb voreilig.
Die Jury legt die Kategorien in diesem Jahr erst nach der Testwoche fest. Die Einteilung der Kandidaten nach Rumpflänge dient zunächst nur der Übersicht. Damit reagiert das Verfahren auf einen Markt, in dem sich immer mehr Boote zwischen den bekannten Segmenten bewegen.
Mitte Oktober 2026 müssen sich die Kandidaten in der Bucht vor Palma de Mallorca bewähren. Die Jury der zwölf europäischen Segelmedien versammelt die Yachten an den Stegen des Club de Mar und erprobt sie im direkten Vergleich. Erst auf dem Wasser zeigt sich, ob die versprochenen Eigenschaften zusammenpassen. Ein großes Raumangebot kann zulasten der Segeleigenschaften gehen. Ein ambitioniertes Rigg muss sich bedienen lassen, ein innovatives Deckslayout auch bei Manövern funktionieren. Ebenso wichtig ist, ob Konstruktion, Ausbau und Ausrüstung dem Anspruch und Preis eines Bootes entsprechen.
Wie unterschiedlich die Ergebnisse solcher Vergleichstests ausfallen können, zeigt die Auswahl der Yachten des Jahres 2026, bei der ein Fahrtenkatamaran, ein Trimaran, ein Aluminium-Explorer und ein kompakter Performance Cruiser ausgezeichnet wurden.
Die Sieger des neuen Jahrgangs werden im Januar 2027 auf der Flagship Night von Delius Klasing und der boot Düsseldorf bekannt gegeben.
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