Saisonstart-SpecialRaus aus der Halle, ab aufs Wasser!

YACHT-Redaktion

 · 23.04.2022

Saisonstart-Special: Raus aus der Halle, ab aufs Wasser!Foto: YACHT/Ben Scheurer

Endlich beginnt die neue Saison. Bevor das Boot aber wieder in sein angestammtes Element kommt und es auf den ersten Törn geht, stehen einige Vorbereitungen an. Der große Ratgeber für alle To-dos.

Die Tage werden länger, die Temperaturen steigen, in den Winterlagerhallen wird es hektischer – untrügliche Zeichen für den nahenden Saisonbeginn. Damit es danach nicht zu bösen Überraschungen kommt, ist beim Auswintern der Yacht vieles zu kontrollieren und zu warten. Wir haben das Wichtigste in ausführlichen Artikeln mit erklärenden Videos zusammen gestellt.

Die Themen in der Übersicht (bitte anklicken):

Von der Sorgfalt bei den Vorbereitungen hängen Komfort und auch Sicherheit auf dem Wasser ab. So können kleine Versäumnisse große Probleme verursachen. Ist etwa eine der Schlauchschellen gelockert, welche die Kühlwasserleitung am Seeventil sichern, kann dieses Teil, das keine 3 Euro kostet, den Unterschied zwischen schöner Saison und Havarie ausmachen. Nicht ganz so tragisch wäre, die Anode des Bugstrahlers bei der Kontrolle zu vergessen. Davon geht nicht gleich das Schiff unter, unnötige Kosten entstehen im Zweifel trotzdem.

  Dirk HilckenFoto: Christan Beeck
Dirk Hilcken

Das können vor allem die Versicherer bestätigen, bei denen am Ende meistens die Rechnung für Schäden eingereicht wird. Wir sprachen mit Dirk Hilcken über die häufigsten Fehler und Versäumnisse im Winterlager. Dirk Hilcken ist Koordinator Vertrieb und Underwriting bei Europas führendem Anbieter von Yachtversicherungen Pantaenius und hat in seinen 20 Jahren Berufsleben einiges an Erfahrungen gesammelt. Manch einer hat ihn sicher auch schon mit dem Pantaenius-Sicherungs-RIB auf Klassiker-Regatten gesehen.

„Wenn es von oben aufs Deck fallen oder von unten ins Schiff eindringen kann, dann hole ich mir zumindest fachlichen Rat.“

YACHT: Herr Hilcken, warum ist das Thema Saisonstart aus Ihrer Sicht so wichtig?

Dirk Hilcken: Ganz einfach: Vorbereitung ist das beste Mittel, um sicher einen Törn zu starten und die Saison ohne Schaden zu überstehen. Natürlich kann nicht alles, was einem auf dem Wasser so passieren kann, mit regelmäßiger Kontrolle und dem richtigen Werkzeug vermieden werden. Mindestens 15 Prozent der bei uns registrierten Schäden, das sind in Summe etwa 1000 pro Jahr, lassen sich jedoch auf mangelnde Pflege und Wartung zurückführen. Die Dunkelziffer dürfte etwas höher liegen. Dabei scheitert es in der Regel nicht am Willen, sondern vielleicht eher am Zeitmanagement. Den Saisonstart vernünftig zu planen und vorzubereiten, halten wir deshalb für extrem wichtig.

Welche Schäden gehören zu denen, die Pantaenius auf Wartungs- und Instandhaltungsmängel zurückführt?

Das sind zunächst fast alle Mastbrüche und andere Schäden am Rigg. Der Trend, den Mast im Winter nicht mehr zu legen, sei es aus Komfort- oder Kostengründen, trägt leider dazu bei, dass gründliche Checks und Sichtprüfungen nicht oder nur unregelmäßig durchgeführt werden können. Daneben sind es Wassereinbrüche durch marode wasserführende Armaturen oder Borddurchlässe, Brand- und Sengschäden im Bereich der Elektrik und Verkabelung sowie insbesondere auch Motorschäden, hervorgerufen durch Verunreinigungen, Korrosion oder anderes.

Bedeutet Trend, dass es diese Probleme früher nicht gab?

Das Problem ist vermutlich älter als Pantaenius aber wir nehmen wahr, dass Wartungsstaus und die daraus resultierenden Probleme zunehmen. Boote werden heute immer häufiger Mittel zum Zweck und sind nicht mehr unbedingt der Lebensmittelpunkt ihrer Besitzerinnen und Besitzer. Das klingt vermutlich nach Romantisierung der guten alten Zeit, aber so ist es nicht unbedingt gemeint. Früher war die Winterarbeit am Schiff einfach selbstverständlicher und die Boote natürlich insgesamt etwas kleiner und technisch weniger komplex. Im Jahr 2000 war ein bei uns versichertes Boot im Wert von rund 60.000 Euro im Schnitt noch etwas über acht Meter lang. Zwanzig Jahre später liegen wir bei deutlich über neun Metern. Inflation einberechnet. Von der zugenommenen Komplexität bei Kabelbäumen und Elektronik ganz zu schweigen. Der allgemeine Alterungsprozess der GFK-Flotte trägt natürlich auch zu diesem Effekt bei und sorgt dafür, dass es heute mehr altes Boot für verhältnismäßig weniger Geld gibt, aber ich glaube, die Entwicklung wird deutlich.

Was kann der Eigner heute noch gut bewältigen und was gibt er lieber gleich in die Hände eines Fachbetriebs?

Das lässt sich für uns pauschal eigentlich kaum beantworten und hat viel mit persönlichem Geschick und Schiffstyp zu tun. Es gibt schließlich nicht den einen Wintercheck und hinzu kommt, dass es kaum eine Werft geben dürfte, die als einzelner Fachbetrieb alle relevanten Systeme prüfen, beurteilen und warten kann. Es handelt sich eben um eine Vielzahl von Gewerken, die da ins Spiel kommen. Meiner Erfahrung nach fährt man am besten mit einer möglichst detaillierten Dokumentation aller Serviceintervalle im Bordbuch. Wer sich unsicher ist, kann die dafür notwendigen Infos heute einfach im Internet bekommen oder mit persönlicher Beratung auch bei der nächsten Messe. Denn auch, wenn ein Fachbetrieb beauftragt wird, kann man nicht pauschal davon ausgehen, dass dieser alle Eckdaten genau kennt und auch die Hersteller werden Eigner nicht automatisch an die Einhaltung entsprechender Intervalle erinnern, wie man es vielleicht vom Neuwagen gewohnt ist.

Was sollten sich Eigner aus Sicht der Bootsversicherung lieber nicht zumuten?

Finger weg, wenn es um stromführende Leitungen und elektrische Installationen geht. Unsachgemäße Verkabelungen, korrodierte Steckverbindungen und ähnliches sind bei uns eine der häufigsten Ursachen für Feuer an Bord und Totalverluste. Nur die wenigsten dürften berufsbedingt oder aufgrund persönlicher Begabung über Wissen und Geschick verfügen, das nötig ist, um solche Arbeiten wirklich sicher durchzuführen. Ansonsten gilt für mich die Faustregel: wenn es von oben aufs Deck fallen oder von unten ins Schiff eindringen kann, dann hole ich mir zumindest fachlichen Rat. Das heißt, wenn es um Rigg, Seeventile, Ruderkoker usw. geht, ist eine persönliche Begutachtung häufig durchaus machbar aber nur dann, wenn man von einem erfahrenen Praktiker gelernt hat, wonach man eigentlich sucht.

Sie haben eingangs das Thema Zeitmanagement erwähnt. Was ist dabei besonders zu beachten?

Wer Aufträge vergeben will, der sollte das gegen Ende der Saison machen. Also dann, wenn das Schiff noch im Wasser ist. Dann können Dienstleister die Arbeiten gut terminieren und man selbst hat Gelegenheit, auf das ein oder andere dabei entdeckte Problem zu reagieren. Außerdem sind es manchmal die Kleinigkeiten, die am Ende einen Unterschied machen und die hat man in der Regel dann am besten vor Augen, wenn man das Boot gerade noch segelt. Wie verhalten sich die Teile eigentlich unter Belastung? Im Frühjahr Aufträge zu vergeben wird hingegen zumeist schwierig. Dann sollten sich Eigner in jedem Fall auf sicherheitsrelevante Aspekte anstelle von Schönheitskorrekturen beschränken, denn die meisten Fachbetriebe sind bereits verplant.

Was kann man unerfahrenen Eignern raten, um die Zeitfalle zu vermeiden?

Was dabei hilft, den Überblick zu bewahren, sind Notizen zu all den Dingen, die einem während der Saison aufgefallen sind. Wo tropft es, wo gibt es ein schwergängiges Teil und wo ist plötzlich zu viel Spiel? Alle Checks und Wartungsarbeiten auf die Nebensaison zu schieben ist ohnehin kaum ratsam. Wer längere Schläge unternimmt, der sollte logischerweise auch während der Saison regelmäßige Funktions- und Sichtprüfungen vornehmen. Routine gegen böse Überraschungen. Motorradfahrer, Hobbypiloten oder selbst Radsportler kennen das Prinzip. Wer dann noch eine ergänzende Checkliste mit den wichtigsten Punkten zu den verbauten Systemen hat, der ist optimal für effizientes Arbeiten im Winterlager gerüstet.
Wenn dann doch etwas Wichtiges vergessen wurde oder die Zeit einfach nicht gereicht hat, aber der Hafenbetreiber drängt, den Platz freizumachen: nicht aus der Ruhe bringen lassen. Oft gibt es die Möglichkeit, etwa im Freilager oder auf Ausweichplätzen gegen ein geringes Entgelt das Kranen noch etwas hinauszuzögern, ohne den ganzen Betrieb aufzuhalten.

Prüft die Versicherung denn im Schadenfall, ob und wann Wartungsarbeiten durchgeführt wurden?

Nein, die Versicherung prüft erst einmal nicht, welche Serviceintervalle eingehalten wurden. Einzige Ausnahme sind bei uns Deckungserweiterungen, etwa für Motor- und Maschinenanlage. Da die Leistungen hier weit über die übliche Herstellergarantie hinausgehen, ist für uns die Einhaltung der vom Motorenhersteller vorgegebenen Wartungsintervalle Pflicht. Diesen Zusatzbaustein muss jedoch niemand abschließen. Darüber hinaus prüft die Versicherung aber natürlich, was schadenursächlich war. Daraus sollte Eignern bei einem guten Versicherungsanbieter jedoch kein Strick gedreht werden. Qualitativ hochwertige Policen schließen zwar das schadhafte Teil selbst aus, kommen jedoch für den Folgeschaden auf. Ein Want, das ich über Jahre vernachlässigt habe, bekomme ich somit nicht ersetzt. Den daraus resultierenden Schaden am stehenden Gut schon.

Wie sieht es bei Versicherungsabschluss aus?

Hier wird in der Regel genau hingeschaut, wenn es um das Rigg geht und bei alten oder sehr alten Schiffen ein professioneller Riggcheck oder ein Austausch des stehenden Gutes verlangt. Versicherungen sollen vor dem Unerwarteten schützen. Unsere Statistik zeigt jedoch, dass kapitale Riggschäden mit zunehmendem Alter immer wahrscheinlicher werden. Ab einem bestimmten Punkt geht es also nicht mehr um die Frage, ob etwas passiert, sondern wann. Nahezu alle Hersteller bestätigen unsere Beobachtungen in dieser Hinsicht. Auch, wenn Ausnahmen wie immer dazugehören und der tatsächliche Grad der Abnutzung oder Materialermüdung sehr individuell ausfallen kann. Je nachdem, wo das Boot liegt, wie es genutzt wird und ob der Mast im Winter gelegt wird oder das Boot aufgeriggt bleibt. Ist ein Boot erst einmal in Deckung, stellen gute Versicherungsanbieter wie bereits erwähnt in der Regel keine Anforderungen an Wartung oder Ersatz des stehenden Gutes. Das sollte man jedoch im eigenen Interesse nicht überstrapazieren. Am Ende gewinnt Mast gegen Kopf.

Haben Sie noch so etwas wie ein Schlusswort, einen guten Rat für Segler zum Saisonstart?

Ein Schaden bleibt nicht ohne Schaden. Das sagen wir nicht, weil uns die Rolle des Bedenkenträgers so gut gefällt, sondern, weil wir uns seit über 50 Jahren jeden Tag mit den kleineren und größeren Problemen von Yachteignern beschäftigen. Auch, wenn die meisten Schäden versichert sind, der Ärger für die Betroffenen ist trotzdem groß. Wenn Dinge schiefgehen, dann zum ungünstigsten Zeitpunkt und am ungünstigsten Ort. Gerade dieser Tage ist auch die Versorgung mit Ersatzteilen oder freien Plätzen in Reparaturbetrieben nicht immer selbstverständlich. Von neuen Booten ganz zu schweigen. Am Ende vertraue ich dem Schiff aber auch mein Leben an und sollte mit entsprechender Ehrfurcht bei der Sache sein. Mit der richtigen Planung habe ich mehr Zeit fürs Wesentliche und das sind für mich in erster Linie der Spaß am Segeln und lange Tage auf dem Wasser.

Interview: Lars Bolle

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