Liebe Leserinnen und Leser,
irgendwo auf dem Atlantischen Ozean, kein Land in Sicht, ruft eine junge Frau auf einem 36-Fuß-Boot über Funk ein vorbeifahrendes Handelsschiff an. Ihre Bitte ist ungewöhnlich: ob die Besatzung wohl kurz ihren Auftritt in den sozialen Netzwerken checken könne, für den sie eigens ein Team engagiert hat.
Man muss sich das vorstellen. Einsamkeit ringsum, die nächste Menschenseele vermutlich auf eben jenem Frachter und die dringlichste Frage gilt der Reichweite. Helga Marie Løvenskiold Kveseth, kurz Mara genannt, segelt beim Golden Globe Race 2026. Das ist jene Regatta, die sich zum erklärten Ziel gesetzt hat, die Bedingungen von 1968 zu rekonstruieren: solo, nonstop, ohne Zwischenstopp um die Welt – mit der Technik von damals.
Wer dabei an Kirsten Neuschäfer denkt, ahnt, was dieses Format eigentlich verfolgt. Sie war die Siegerin von 2022. Sparsam in der Kommunikation, eher schweigsam. Neuschäfer machte ihr Ding, hörte auf sich selbst und erntete dafür den Respekt der breiten Seglergemeinde.
Mara ist so etwas wie der Gegenentwurf. Sie will Aufmerksamkeit, für sich und das Thema Frauenrechte. Sie ist die einzige Frau im Rennen, hat eine Stiftung und eine Botschaft. Und sie hat den Anspruch, den enormen Aufwand dieser Reise in Reichweite zu verwandeln.
Das für sich ist völlig legitim, wie ich finde. Die Feeds von Instagram und TikTok sind voll mit Menschen, die genau das tun: Aufmerksamkeit generieren, um jeden Preis. Wer gehört werden will, muss heutzutage laut sein. Gefällt nicht jedem, ist aber so.
Ähnlich war es auch bei Cole Brauer, die 2023/24 die Global Solo Challenge segelte und ihren Alltag bei Insta teilte. Das Rennen um die Welt war ihr Sprungbrett. Heute ist sie festes Crew-Mitglied im Team Malizia.
Doch es gibt einen entscheidenden Unterschied: das Format selbst. So hat Mara mit dem Golden Globe Race ausgerechnet jenes Regatta-Format für ihre Kampagne gewählt, das sich als Gegenentwurf zur zunehmend technologisierten (Segel-)Welt versteht. Im Netz hat das einen Nerv getroffen. Ein Streit zwischen zwei Lagern entbrannte: zwischen jenen, die in Mara eine Aktivistin für Frauenrechte sehen, und jenen, die das Ende des 1968-Spirits fürchten.
Die Kurzfassung: Mara zweckentfremdete ein neues Live-Format des Veranstalters für ihre eigene Social-Media-Strategie. Die Reaktionen ließen nicht lange auf sich warten. Befürworter und Gegner lieferten sich erbitterte Debatten, Vorwürfe wurden ausgetauscht, Entschuldigungen eingefordert, Grenzen überschritten. Die Diskussion verselbstständigte sich und heizte sich immer weiter auf.
Alle Details dazu lesen Sie hier: Streit beim Golden Globe Race – was steckt dahinter?
Der Reichweite kommt ein Streit wie dieser zugute, der Regatta schadet er. Die eigentliche Leistung, und das ist das Bittere, versinkt dabei im Lärm. Dass zum Beispiel Gunnar Christensen bei 50 Knoten Wind und mit beschädigter Ausrüstung durch einen Tropensturm segelte, interessiert im Kommentarfeld kaum jemanden. Die Debatte tut es.
Es ist Maras gutes Recht, Aufmerksamkeit für eine gute Sache zu erzeugen. Aber dafür sollte sie sich einen anderen Rahmen suchen. Dass ihr Vorgehen auf Widerstand stoßen würde, hätte sie wissen müssen. Schließlich steht alles in den Wettfahrtregeln, die jeder Teilnehmer an Bord hat.
Allerdings hat das GGR Window Live – das neu eingeführte Satellitenübertragungsformat – den Nährboden für genau diesen Streit erst bereitet. Es zeigt, was früher allenfalls Monate später im Logbuch zu lesen war – Erschöpfung, Frust, Konflikte. Es macht das Rennen nahbarer. Und es funktioniert: 400 bis 500 Prozent mehr Reichweite gegenüber 2022, erklärte der Veranstalter stolz. Eine Regatta, die 1968 nachahmen will, hat sich damit ein Instrument geschaffen, das 2026 denkt.
Mara wollte eine Bühne. Der Veranstalter wollte Reichweite. Beide haben bekommen, was sie wollten. Mitsamt allem, was dazugehört. „Die ich rief, die Geister, werd' ich nun nicht los." Das wusste Goethe. Don McIntyre und Mara Kveseth wissen es jetzt auch.
Ein angenehmes Wochenende wünscht Ihnen
Fabian Boerger
YACHT-Redakteur
Alles gut, K. schildert Kirsten Neuschäfers Weg zum Sieg beim Golden Globe Race. Die Seglerin erzählt von ihren Anfängen, den Herausforderungen des Solosegelns und der Rettung Tapio Lehtinens im Indischen Ozean. Wer das Rennen über Ergebnisse und Positionsmeldungen hinaus verstehen möchte, erhält hier eine persönliche Perspektive auf die Anforderungen einer Einhand-Weltumsegelung und die Erfahrungen der späteren Siegerin.
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