Fabian Boerger
· 08.10.2026
Seit dem Start Anfang September in Les Sables-d’Olonne hat sich der Franzose Damien Guillou mit seiner Rustler 36 „Solarem“ vom Feld abgesetzt. Sein engster Verfolger ist der Ire Pat Lawless mit der Saltram Saga 36 „Silvermines Hydro“. Beide segeln südlich des Äquators im Südostpassat auf die brasilianische Insel Trindade zu. Auf Rang drei liegt der Brite Ertan Beskardes mit seiner „Miss Beagle“. Die übrigen Teilnehmer kämpfen unterdessen weiter mit wechselhaften Winden in der innertropischen Konvergenzzone.
Auch abseits der Spitze bleibt das Rennen in Bewegung: Nach der Reparatur struktureller Schäden auf Lanzarote hat der US-amerikanische Skipper Guy deBoer seine Weltumsegelung mit der „Spirit“ wieder aufgenommen. Er segelt nun in der Chichester-Klasse und liegt damit außerhalb der regulären Wertung. Die Klasse ermöglicht Teilnehmern nach einem Zwischenstopp die Fortsetzung ihrer Fahrt, ohne sie weiter als Nonstop-Teilnehmer zu werten.
Abseits des eigentlichen Renngeschehens sorgt derzeit vor allem ein anderes Element des Golden Globe Race für Diskussionen: das neu eingeführte GGR Window Live. Kaum eine Neuerung dieser Ausgabe ist technisch anspruchsvoller und zugleich so umstritten.
Das System wurde mit dem schwedischen Unternehmen TriPeak entwickelt. Es sendet Bilder und ausgewählte Daten von teilnehmenden Yachten an Land. Die Skipper bekommen darüber keine Informationen zurück. So soll die Technik zum analogen Konzept des Rennens passen.
Zuschauer können die Segler in wechselnden Live-Fenstern verfolgen. Die Bilder machen den Alltag an Bord sichtbarer, als es bei früheren Ausgaben möglich war. Nach Schätzung der Veranstalter ist die Wirkung des Rennens in sozialen Medien gegenüber 2022 um 400 bis 500 Prozent gestiegen.
Was für Einblicke das System liefern kann, zeigte zuletzt Gunnar Christensens Bericht nach dem Tropensturm „Gonzalo“. Er schilderte eindrücklich wie er die Bedingungen mit 50 Knoten Wind und hoher See erlebte und Teile seiner Ausrüstung verlor.
Es ist ein Novum – und sorgt zugleich für geteilte Meinungen und hitzige Debatten. Den Stein ins Rollen brachte die norwegische Skipperin Helga Marie „Mara" Løvenskiold Kveseth. Während einer ihrer Live-Schalten stellte sie die Fortsetzung ihrer Regatta-Kampagne infrage, falls ihr Shore-Team die Social-Media-Kommunikation nicht deutlich ausbauen würde.
Die Norwegerin sieht ihre Teilnahme am Golden Globe Race 2026 vor allem als Chance, auf Frauenrechte aufmerksam zu machen. Sie will Frauen im Extremsport sichtbarer machen. In der Live-Session sagte sie: Der große persönliche und finanzielle Aufwand lohne sich für sie nur, wenn sie die Aufmerksamkeit für ihre Botschaft und ihre Stiftung nutzen könne. Reichweite ist deshalb ein wichtiger Teil ihrer Kampagne.
Zuvor hatte sie vorbeifahrende Handelsschiffe per Funk gebeten, ihren Social-Media-Auftritt zu überprüfen. Unzufrieden mit den erzielten Reichweiten nutzte sie das Kommunikationsfenster anschließend nicht, um über ihre Situation an Bord zu berichten, sondern um ihrem Shore-Team taktische und kommunikative Anweisungen zu erteilen. Der Veranstalter wertete dies als klaren Regelverstoß und sprach eine Verwarnung aus.
Doch der Vorfall löste weit mehr aus als eine Diskussion über die Einhaltung des Regelwerks. Vor allem in den sozialen Medien wurde zunehmend die Frage nach dem Geist des Rennens gestellt. Lässt sich ein Rennen, das die Bedingungen der legendären Weltumsegelung von 1968 möglichst originalgetreu nachstellen will, überhaupt mit den Erwartungen des digitalen Zeitalters vereinbaren? Die Übertragung kann das Publikum näher an das Rennen bringen. Zugleich birgt es die Gefahr, den ursprünglichen Geist des Events zu verfälschen.
Doch auch abseits dieser Debatte gibt es Kritik am Format, die der Veranstalter durchaus selbstkritisch aufgreift. Nicht alle Skipper stehen dem Konzept uneingeschränkt positiv gegenüber.
Von den ursprünglich acht Teilnehmern haben sich zwei bereits zurückgezogen. Auch der Schwede Pär Nyman äußerte zuletzt zunehmend Bedenken. Er befürchtet, dass die permanente Kamerapräsenz die Privatsphäre der Segler einschränkt und den für eine Weltumsegelung wichtigen Raum für persönliche und mentale Entwicklung verkleinert.
Der erste Monat zeigt damit beides: Das GGR Window Live ermöglicht unmittelbare Einblicke in eine weitgehend abgeschottete Regatta. Es stellt Teilnehmer und Veranstalter zugleich vor Fragen, die das ursprüngliche Rennen nicht kannte - und die wohl auch erst im Laufe der nächsten Monate eine Antwort finden werden.

Redakteur News & Panorama
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