Liebe Leserinnen und Leser,
„Wer war das, Papa, kanntest du die?“ Meine Besatzung feixt. Lässig habe ich, das Ruder in der einen Hand, die andere zu einer ausladenden Bewegung gehoben. Und mit großer Zufriedenheit habe ich dem Rudergänger der entgegenkommenden Yacht dabei zugesehen, wie er mit der gleichen Geste reagiert.
Es ist Saisonbeginn, unser erster Wochenendtörn, und ich merke, wie viel Zufriedenheit sich einstellt, als vermisste Gewohnheiten wie diese aus dem Winterschlaf zurückkehren, ohne dass darüber ein Gedanke verschwendet werden muss.
Das ändert sich jetzt. Die Frage stimmt mich tatsächlich nachdenklich. Und ich komme mir ein wenig vor wie Käpt’n Blaubär, als ich mich an einer Erklärung versuche. Dabei ist die relativ einfach. „Auf dem Wasser“, sage ich meinen heranwachsenden Mitseglern, „gibt man aufeinander acht. Man hilft sich. Und um zu wissen, ob jemand Hilfe benötigt, grüßt man in Sicht kommende Schiffe und wartet auf die Reaktion. Wird zurückgegrüßt, ist alles in Ordnung und man segelt weiter. Wenn nicht, muss man der Sache auf den Grund gehen.“
So weit die Theorie. Und auch die Praxis – wenn man nur gelegentlich jemandem auf dem Wasser begegnet und tatsächlich gerade am Ruder sitzt.
Doch begebe man sich einmal am Pfingstsonntag auf die Schlei. Da kann, wer den alten Brauch beherzigt, eigens einen Gruß-Onkel einstellen, der dann aussieht wie die solarbetriebenen Plastikfiguren mit Winke-Arm aus China.
Oder segeln Sie in der Heringssaison durch ein Feld von Angelbooten (das ist schon ohne Gruß-Ambitionen eine Herausforderung). Da müsste ja eigentlich die gleiche Regel gelten.
Und wie verhält es sich mit Windsurfern? Ich grüße die schon deshalb, weil die Reaktionen so spannend sind. Nur selten nimmt einer routiniert eine Hand vom Gabelbaum und winkt lässig. Verständlich.
Doch ich habe auch schon Situationen erlebt, in denen der Gruß seinen wahren Zweck erfüllte. In denen jemand froh war, dass sein Blickkontakt gesucht wurde. Etwa, weil er einen Schlepp brauchte. Es geht also nicht um das Beklagen des Verfalls der Sitten, wenn festgestellt wird, dass der oft als Traditions-Gedöns abgetane Brauch nicht mehr zu den Standards dessen gehört, was neuen Mitseglern vermittelt wird. Eher um die Hoffnung, dass sein Sinn erkannt wird.
Denn über Sinn und Unsinn von Yachtgebräuchen und Ritualen an Bord wurde schon viel Sinn- und Unsinniges geschrieben. Der Gruß von Bord zu Bord allerdings hat sogar einen sehr tiefen Sinn und wird hoffentlich alle Diskussionen überleben.
Lasse Johannsen,
stellv. Chefredakteur YACHT
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