Einst “als junger Mann in einer mittelgroßen deutschen Kleinstadt aufgebrochen”, hat Boris Herrmann rund eineinhalb Jahrzehnte gebraucht, bis er auf seinem Weg an dem Punkt angekommen ist, an dem er mit Pierre Casiraghi 2016 Team Malizia gegründet hat. Gemeinsam haben der gebürtige Oldenburger und der Monegasse das Fundament gegossen, auf dem ihr Traum von einem Segelteam zur Realität wurde und wuchs.
“Der Teamname symbolisiert gewissermaßen dem Gründungsmythos von Monaco und bedeutet in auch Pirat. Das passt ganz gut zu unserer Denkweise. Wir wollen die Dinge nicht einfach anderen nachmachen, sondern versuchen, sie ein wenig anders zu machen, in unserem eigenen Stil”, erklärt Boris Herrmann in der Filmdokumentation “Unconventional”.
Wir haben gerne diesen kleinen Piratenstil in unserem Team.” Boris Herrmann
Das erste Jahrzehnt als internationaler Segelrennstall feiert Team Malizia in diesem Jahr. Dazu hat das Team jetzt die Doku veröffentlicht, die tiefe Einblicke in die Gedankenwelt, Träume, Hoffnungen und vor allem die Arbeit jener gibt, die einst aufbrachen, Team Malizia aufzubauen und zu dem zu machen, was es heute ist. Teil des Kernteams ist auch Team-Direktorin Holly Cova. Sie managt Team Malizia seit 2018.
Selbst in einer Segelfamilie aufgewachsen, sagt die studierte Juristin von: “Das Segeln war immer meine Leidenschaft, aber ich wusste nicht, das so ein Beruf existiert. Es war mir nicht klar, dass man Teammanagerin eines Rennteams sein kann.” Heute blickt die leidenschaftliche Naturliebhaberin und Mentorin für Frauen an Bord auch mit Stolz auf das, was Team Malizia erreicht hat.
Es ist ein Traumpojekt, daran teilzuhaben. Es war keine einfache Reise.” Will Harris
Boris Herrmanns langjähriger treuer Wegbegleiter und Co-Skipper Will Harris kam im August 2019 zum Team. Selbst Brite wie die Team-Direktorin, sagt Harris heute: “Ich glaube, ich verbinde mittlerweile jeden Aspekt meines Lebens damit, was wir erreichen zu versuchen. Und mit dem, was wir mit Team Malizia schon erreicht haben.”
Will Harris hatte 2019 gerade die Solitaire du Figaro mit eigenem Projekt bestritten, als ein Journalist ihm erzählte, dass er in einem Interview von Boris Herrmann gehört habe, dass der Deutsche einen Co-Skipper für das Transat Jacques Vabre suchte. Der Journalist fügte nach Harris’ Erinnerungen noch hinzu: “Ich glaube, Ihr beide würdet gut zusammenpassen.” Harris hatte damals keine Ahnung, wer Boris Herrmann oder Malizia waren.
Er habe das dann via Facebook zügig herausgefunden und einen Videoclip mit Pierre Casiraghi gefunden, der beim Start zur Route du Rhum einen Rückwärtssalto vom Boot machte. “Es wurde ein ziemlich berühmtes Video”, erinnert sich Will Harris heute noch. Und dann habe er die Chance gesehen: “Das Imoca-Segeln würde ich gerne probieren.” Also bewarb er sich, dachte noch: “Den Job kriege ich nie. Da sind sicher 100 Leute, mit denen Boris vor mir segeln möchte. Aber ich habe ihm eine Nachricht geschickt um zu sehen, was wohl passiert.”
Will Harris traf Boris Herrmann erstmals persönlich an dem Tag, an dem Team Malizia den Atlantik-Törn mit Greta Thunberg öffentlich vorstellte. Harris erzählt in der Dokumentation “Unconvential”: “Er gab mir die Hand und sagte Hallo. Und dann sagte er: ‘Wir habe gerade Folgendes angekündigt: Wir bringen Greta Thunberg über den Atlantik. Ich muss schnell telefonieren’. Dann habe ich ihn zwei Tage nicht mehr gesehen.”
Er sei, so Harris, “wirklich an dem Tag zum Team gekommen, an dem es richtig groß wurde und alle wussten, wer und was es war”. Im April 2019 hatte Team Malizia Greta Thunberg von Plymouth aus über zwei Wochen zum UN-Klimagipfel nach New York gesegelt. “Es ist nicht so, dass Boris 2018 berühmt gewesen wäre. Ich glaube, ganz am Anfang war da auch die Sorge: Würden wir das Geld finden, um weiterzumachen?”, erinnert Holy Cova an die frühe Entwicklung von Team Malizia, das seinen Bekanntheitsgrad damals durch das Thunberg-Projekt erheblich vergrößerte.
Will Harris erinnert sich an “viele Höhen und Tiefen” in der Aufbruchzeit. Er weiß noch, dass es an der Sponsorenfront anfangs nicht rosig aussah, erzählt: “Es gab keine potenziellen Anzeichen dafür, dass wir Partner oder Sponsoren bekommen würden.” Auch Boris Herrmann kann sich gut an diese Zeiten erinnern: “In einem Land einen Sponsor zu finden, das nie an einer Vendée Globe teilgenommen hat, der es machen will, ist fast unmöglich, würde ich sagen”, taucht Boris Herrmann an seine Gedankenwelt von einst ein. Doch er wusste auch: “Wenn wir die erste Teilnahme machen würden, sollte das eine gute Story sein.”
Und das wurde sie wirklich, wie die jüngste Dokumentation und viele andere Filme und Bücher inzwischen erzählen. Boris Herrmann erlebte seine Vendée-Globe-Premiere 2020/2021. “Da muss man verstehen, dass dieses Rennen ein historisches Ereignis war, dass sich so nie wiederholen wird. Inmitten der Covid-Pandemie war der Rest der Welt zuhause und machte nichts. Kein anderer Sport fand statt. Die TV-Sender wussten nicht was sie senden sollten. Und dann sind wir da draußen auf dem Ozean…”
Die Vendée Globe 2020/2021 war ein magisches Ereignis in der Sportgeschichte.” Boris Herrmann
Boris Herrmann glaubt sogar, dass “wir immer noch auf der Welle dieses herausragenden Events surfen”. Zwei Wochen nach dem Thriller-Finale, der Kollision mit einem Fischerboot in der letzten Nacht, dem trotzdem umjubelten fünften Platz und dem anschließenden Medien-Hype und Talkshow-Marathon sagte dann Holly Cova zu Boris Herrmann: “Okay, du stoppst sofort alle Interviews, alle Meetings. Es ist jetzt oder nie: Wenn wir eine Kampagne mit einem neuen Boot machen wollen – The Ocean Race und die Vendée – dann sind wir jetzt schon spät dran. Wir müssen heute anfangen.”
Die folgende Entwicklung ist bekannt. Das Team schafft es, eine so engagierte wie potente Gruppe von Partnern und Sponsoren zusammenzubringen, die eigene Imoca zu planen und zu bauen. Getauft wurde sie am 9. September 2022 in Hamburg vor XL-Publikum zu Füßen der Elphi. Inzwischen ist längst auch Boris Herrmanns zweite Vendée Globe Geschichte. Dabei hat Team Malizia es nicht belassen. Der Nachhaltigkeitsanspruch im Team gilt dem Sport und den Weltmeeren.
Darauf und viele Apsekte mehr des Rennstalls geht die Dokumentation intensiv ein, lässt ihre Protagonisten ausführlich zu Wort kommen. “Team Malizia ist in seinem Herzen ein Offshore-Segelrennstalt. Drumherum haben wir das großes Klimaschutzprogramm. Wir haben Zyklen von vier, fünf Jahren”, erklärt Holly Cova den “Lebensrhythmus” des Rennstalls heute. “Wir haben Gipfel-Events. Die Vendée Globe ist eines davon, ein Solorennen um die Welt. Das andere Rennen ist The Ocean Race. Das Crew-Rennen führt auch um die Welt, aber mit Zwischenstopps.”
Die Boote des Rennstalls Team Malizia sind allesamt bekannt: Zwischen 2016 und 2018 hat das damals noch sehr kleine Team mit dem GC32-Katamaran “Malizia 1” an Regatten teilgenommen. Es folgten vier Jahre mit der gebraucht gekauften Imoca 60 “Seaexplorer – Yacht Club de Monaco” zwischen 2018 und 2022. Daran schloss sich die Zyklus mit dem Imoca-Eigenbau “Malizia – Seaexplorer” an. Ende Juni soll die jüngste “Malizia 4“ in Lorient vom Stapel laufen. Sie wird das Zentrum des jüngsten, bereits angelaufenen Fünf-Jahres-Kapitels von Team Malizia sein.
Team Malizias Mitgründer Pierre Casiraghi sagte zum Jubiläum: “Vor zehn Jahren haben Boris und ich uns zum Ziel gesetzt, weit mehr als nur ein Rennteam aufzubauen. Unser Ziel war es, ein langfristiges Projekt zu schaffen, das sportlichen Ehrgeiz, Innovation und ein echtes Engagement für die Ozeane vereint. Außerdem wollten wir jüngere Generationen inspirieren und neue Berufungen im Segelsport wecken.”
Casiraghis Gedanke nach einem Jahrzehnt Team Malizia: “Jahrzehnt Wenn ich mir anschaue, was aus dem Team Malizia heute geworden ist, bin ich sehr stolz auf den Weg, den wir in den letzten zehn Jahren gemeinsam mit unseren Seglern, Partnern und Unterstützern gegangen sind. Was diesen Meilenstein besonders auszeichnet, ist, dass der Geist, mit dem wir in Monaco begonnen haben, bis heute unverändert geblieben ist.“

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