Liebe Leserinnen und Leser,
können Sie segeln? So gut, dass Sie in der Lage wären, ein Schiff alleine in den nächsten Hafen zu steuern und dort einigermaßen unfallfrei anzulegen? Und zwar nicht bei Sonnenschein und lauer Brise, sondern bei Schietwetter und Starkwind?
Ich frage aus aktuellem Anlass. In der YACHT 21 und auf yacht.de haben wir ein von meinem Kollegen Lasse Johannsen geführtes Interview mit Gunda Pietsch veröffentlicht. Sie hatte sich während eines Törns auf der Flensburger Förde plötzlich auf sich allein gestellt gesehen. Ihr Ehemann war an Bord zusammengebrochen: Herzinfarkt! Gunda Pietsch musste sich sowohl um ihren Gatten kümmern als auch das Schiff – nun alleine – führen. Wie sie die Situation gemeistert und ihrem Mann letztlich das Leben gerettet hat, finde ich bemerkenswert.
Ruhe bewahren, Hilfe rufen, sich an das Erlernte aus einem nicht selten viele Jahrzehnte zurückliegenden Erste-Hilfe-Kurs erinnern - schon an Land wären viele Menschen hoffnungslos überfordert, wenn der Partner oder die Partnerin einen medizinischen Notfall erleiden würde. Auf einer Segelyacht, bei Wind und Welle, in solch einem Moment nicht in Panik zu geraten, sondern im Gegenteil besonnen zu agieren – wäre man selber wohl dazu in der Lage?
Die Antwort hängt von zwei Faktoren ab: wie gut man sich selbst und wie gut man sein Schiff im Griff hat. Gerät eine Person in eine akute medizinische Notlage, geht dieser gar ein Unfall an Bord voraus, ist es leicht gesagt, kühlen Kopf zu bewahren. Vor allem dann, wenn einem der Verunglückte nahesteht. Sei es der Partner oder die Partnerin, das Kind oder ein guter Freund.
Gunda Pietsch berichtet, dass ihr das Adrenalin durch den Körper geschossen sei und sie „einfach nur noch funktioniert“ habe. Eine Schutzfunktion des Körpers. Sie hilft, in einer Ausnahmesituation nicht in Panik zu verfallen. Stattdessen tut man automatisch das Richtige. In Gunda Pietschs Fall: den Gatten erstversorgen, das Schiff auf Kurs zum nächsten Hafen bringen und zugleich über Funk und Handy Rettungskräfte alarmieren.
Pietsch erzählt aber auch, dass Sie zwar eine routinierte Seglerin sei und schon manche Herausforderung auf See gemeistert habe. Aber eben nie allein. Stets sei ihr Mann an ihrer Seite gewesen. Zu zweit ist Vieles dann eben doch einfacher zu bewältigen. Und Anlegemanöver im Hafen seien noch nie ihr Ding gewesen. Die habe sie meist bereitwillig ihrem Mann überlassen.
Die Eheleute Pietsch sind vielen anderen Seglerpaaren dennoch voraus. Abgesehen von den missliebigen Anlegern sind beide in der Lage, ihr Schiff zu steuern, Segelmanöver zu absolvieren und zu navigieren. Das ist längst nicht der Normalfall. Häufiger beschränkt sich die Rollenverteilung auf den versierten Skipper und dessen lediglich „mitsegelnde“ Partnerin.
Er gibt die Kommandos, er steht bei allen wichtigen Manövern am Ruder, er bestimmt Kurs und Position. Sie führt aus, was er sagt: bedient die Festmacher, holt die Fender ein, nimmt die Schot dicht und übernimmt allenfalls kurzfristig auch mal Pinne oder Steuerrad. Die Rolle der Schiffsführerin würde sie sich niemals zutrauen.
Warum das so ist, ist pauschal schwer zu sagen. Es mag an tradierten Rollenbildern liegen. Oder weil der Wunsch, ein Segelboot anzuschaffen, öfter vom Mann als von der Frau ausgeht und sie „ihm zuliebe“ nur mitmacht.
Natürlich gibt es zum Glück inzwischen viele Gegenbeispiele. Sowohl Frauen, die souverän als Solo-Skipperinnen unterwegs sind, als auch Ehepaare, in denen beide gleichberechtigt und gleich gut das gemeinsame Schiff führen. In der Mehrheit sind sie aber eben nicht.
Der Fall von Gunda Pietsch und ihrem Ehemann regt daher hoffentlich zum Nach- und Umdenken an. Auch wenn es nicht immer gleich ums Überleben geht: Sollte es nicht selbstverständlich sein, dass beim Segeln zu zweit jeder jederzeit die Skipperrolle übernehmen kann?
Und nicht nur das. Sollten nicht auch beide an Bord in der Lage sein, ihr Boot auch ohne den anderen zu beherrschen? Zumindest, es sicher in den nächsten Hafen zu bringen, insbesondere bei unhandigem Wetter.
Das lässt sich üben. Man kann beispielsweise beim nächsten Törn den Partner oder die Partnerin einfach mal alleine machen lassen. Eine Wende fahren, das Segel reffen, in der Karte den Kurs berechnen und zugleich Kurshalten. Und vielleicht sogar mithilfe eines Fenders ein Mensch-über-Bord-Manöver absolvieren.
Wer dann feststellt, dass die Defizite groß sind und sich auch nicht mithilfe des (besserwissenden) Partners beseitigen lassen, sollte handeln. Viele Segelschulen und -vereine bieten spezielle Manövertrainings an, teilweise eigens nur für Frauen.
Auch die YACHT hat in der Vergangenheit solche Kurse organisiert; im kommenden Jahr bieten wir ein Training speziell für Katamaran-Einsteiger und -einsteigerinnen an. Für die Motorbootfraktion gibt es Fahrtrainings für beiderlei Geschlechter von unserer BOOTE-Redaktion.
Erfreulich ist: Diese Fahrtrainings sind begehrt, die Plätze meist früh ausgebucht. Und der Erkenntnisgewinn der Teilnehmer und Teilnehmerinnen ist ein ums andere Mal groß. „Warum habe ich das nicht schon viel früher gemacht!“, ist ein Satz, der regelmäßig fällt.
Es ist beim Segeln und Bootfahren zum Glück selten zu spät, Versäumtes nachzuholen. Der nun anstehende Winter ist vielleicht die beste Zeit, sich einmal selbstkritisch zu hinterfragen, wie gut es sowohl um die eigenen Erste-Hilfe- als auch um die eigenen Skipperfähigkeiten bestellt ist.
Wer zu dem Schluss kommt, dass ein wenig Nachhilfe oder Auffrischung nicht schaden kann, sollte bestenfalls gleich Nägel mit Köpfen machen und einen entsprechenden Praxiskurs buchen. Damit es nicht beim guten Vorsatz bleibt. Sondern damit Törns in der nächsten Saison mit der Gewissheit angetreten werden können, das Schiff notfalls auch alleine zu beherrschen.
Pascal Schürmann
YACHT-Textchef
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