Der vergangene Mittwoch sah die Flensburger Außenförde von erstem Herbstwetter heimgesucht. Fronten mit starken Regenfällen und Böen mit 28 Knoten Wind beuteln das Ehepaar Pietsch, unterwegs mit ihrer Moody 38 „Andiamo“ von Maasholm zum Heimathafen Toft im dänischen Gråsten. Kurz vor dem Ziel zieht sich der Skipper mit stechenden Schmerzen in der Brust in den Salon zurück. Über das folgende Geschehen berichtet seine Frau Gunda Pietsch im Gespräch mit der YACHT.
Gunda Pietsch: Mein Mann und ich wollten für eine Woche noch mal mit unserer „Andiamo“ Absegeln und waren am Mittwoch morgen noch im Hafen von Maasholm in der Schlei. Wir wollten eigentlich weitersegeln nach Eckernförde, aber weil ich morgens schon starke Halsschmerzen und Ohrenschmerzen hatte, hatten wir entschieden, doch wieder zurück in die Flensburger Förde zu segeln, Richtung Heimathafen Marina Toft. Wir waren auf Höhe von Langballigau, da ballte sich eine riesige schwarze Wolke am Horizont zusammen und wir dachten, da kommt bestimmt gleich ordentlich viel Regen und starke Windböen raus. Also haben wir da schon mal die Segel runtergeholt und sind unter Motor weitergefahren. Kurz danach kamen dann auch schon die Böen mit 25 bis 28 Knoten und viel Regen. Kurz vor Holnis sagte mein Mann plötzlich: „Ich habe Stechen in der Brust und bekomme keine Luft“, und ging nach unten. Er war kaum noch ansprechbar, konnte sich nicht mehr richtig bewegen, zitterte, hatte Schweißausbrüche und war grün im Gesicht. Das war ein Albtraum.
Ich fühlte mich in dem Moment entsetzlich alleine. Aber dann schießt einem so viel Adrenalin in den Körper, dass man einfach nur noch funktioniert. Keine Halsschmerzen mehr, keine Ohrenschmerzen mehr, kein Hunger oder Durst. Ich habe einen Bootsführerschein und einen Funkschein, und musste jetzt abrufen, was ich irgendwann mal gelernt hatte. Ich war froh, dass ich bei dem Wetter jetzt nicht auch noch erst die Segel bergen musste.
Mein Mann ist der erfahrene Teil von uns, ein Vollblutsegler. Ich habe zwar alle Scheine gemacht, wir sind aber auch schon viele Jahre gemeinsam gesegelt und haben schwierige Situationen erlebt. Die waren zu zweit allerdings immer gut zu bewältigen.
Autopilot an, Kurs auf Marina Minde und Leinen und Fender vorbereiten. Unser Heimathafen liegt nur 15 Minuten weiter entfernt von Marina Minde, aber dort hätte ich auf die Brückenöffnung warten müssen und somit steuerte ich den nächstliegenden Hafen, Marina Minde, an. Es zählte jetzt jede Minute. Das Funkgerät in die Hand zu nehmen und dann tatsächlich ernsthaft Mayday Mayday zu rufen, kostete mich dann trotz allem noch Überwindung.
…Ja. Wir hatten vor einigen Jahren gemeinsam den Funkschein gemacht. In der Prüfung muss man einen Notruf akkurat abarbeiten: „Mayday, Mayday“, das eigene Rufzeichen, die Position und alle wichtigen Informationen. Unser Ausbilder hatte damals gesagt: Wenn ihr in Not seid, redet einfach drauflos. Die Funkstelle fragt schon nach, was sie wissen muss. Daran habe ich mich erinnert. Zunächst rief ich Lyngby Radio über Funk, aber dort meldete sich niemand. Also setzte ich den Notruf direkt ab: „Mayday, mayday, mayday. Hier ist die „Andiamo“, eine Segelyacht vor Marina Minde. Mein Mann hat wahrscheinlich einen Herzinfarkt. Wir brauchen medizinische Unterstützung.“ Kurz darauf meldete sich Bremen Rescue. Dort sagte man mir, dass man den Notruf gehört habe und nun einspringe, weil die Verbindung zu Lyngby Radio nicht funktioniert hatte. Ich sollte meine Position durchgeben. Anschließend hieß es: „Wir sehen Sie. Sie haben AIS. Sehr schön, wir sehen Sie.“ Da konnte ich kurz durchatmen. Ich wusste: Irgendjemand sieht mich. Es war kein anderes Segelboot in der Nähe, nur Freunde von uns, die ein paar Seemeilen hinter uns waren. Dieses Gefühl, völlig allein zu sein, war furchtbar. Schließlich kämpfte mein Mann gerade um sein Leben – und er ist der Mensch, der mir am wichtigsten ist.
Sie fragten, ob der Rettungsdienst alarmiert sei. Das hatte ich versucht, konnte über mein Handy aber die Notrufnummer 112 in Dänemark nicht erreichen. Ich rief nun aber unsere dänischen Freunde an, die wenige Meilen hinter uns segelten. Und die haben dann den Rettungsdienst alarmiert und nach Marina Minde gebeten und auch den Hafenmeister dort informiert.
Nun musste ich bei dem schlechtem Wetter nach Marina Minde einlaufen. Die Anleger beim Segeln macht bei uns immer mein Mann. Ich hasse es anzulegen und mache es nur sehr selten und dann ist mein Mann auch immer dabei. Aber diesmal, mit einem kranken Mann unten im Schiff mit ernsthaftem Verdacht auf Herzinfarkt, bei strömendem Regen und immer noch über 20 Knoten Wind, wurde mir sehr viel abverlangt. Es war auch keine Menschenseele zu sehen. Ich holte daher das Nebelhorn heraus und gab wie blöd Signale, um eventuell doch noch den einen oder anderen Menschen im Hafen zu mobilisieren. Dann legte ich die Fender und Leinen vor und fuhr an den Steg. Und dann kamen der Hafenmeister, Klaus, und Horst, ein Festlieger, angelaufen. Keiner, der so etwas nicht schon mal erlebt hat, kann sich vorstellen, wie sehr ich mich in dem Moment über diese beiden Menschen gefreut habe.
Ja. Klaus und Horst standen am Steg und konnten die Leinen greifen. Ich hatte sie so vorbereitet, dass sie sie vom Steg aus erreichen konnten. Sie machten das Boot fest. Ich ließ den Motor weiterlaufen und ging sofort zu meinem Mann nach unten. Er zitterte nur noch. Klaus kümmerte sich um das Boot und sicherte alles. Es herrschte ein heftiger Sturm.
Horst fragte, ob er an Bord kommen dürfe. Er stellte sich vor und erklärte, dass er uns über Funk gehört habe. Er strahlte eine unglaubliche Ruhe aus und sprach ganz ruhig mit meinem Mann. Dann fragte er mich, ob ich etwas zum Kühlen hätte. Ich holte alles aus dem Kühlschrank, was ich finden konnte: Lachs, ein Paket Butter und andere Dinge. Damit kühlten wir meinen Mann, der stark überhitzt war.
Etwa 20 Minuten. Das war sehr lang und wirklich furchtbar. Vom Mayday-Ruf bis zum Anlegen hatte ich ungefähr 15 Minuten gebraucht. Danach dauerte es noch einmal fast 20 Minuten, bis die Rettungskräfte kamen. Insgesamt war es mehr als eine halbe Stunde.
Die Rettungskräfte mussten aus Sonderburg kommen.
Sofort. Sie brachten meinen Mann in den Rettungswagen. Auf dem Weg zum Rettungswagen hatte er weiterhin starken Druck in der Brust und bekam kaum Luft. Im Rettungswagen wurde er halb ohnmächtig. Ich sah nur, wie die Sanitäter eine Spritze nach der anderen aufzogen, um ihn zu stabilisieren. Zunächst hieß es, er müsse mit dem Hubschrauber nach Odense in ein Herzzentrum geflogen werden. Ein Notarzt, der mit einem zusätzlichen Fahrzeug kam, untersuchte ihn jedoch noch einmal und sagte: „Dafür haben wir keine Zeit. Wir müssen sofort nach Flensburg.“ Die Rettungskräfte brachten ihn in die Diako nach Flensburg. Ich fragte, ob ich mitfahren solle, aber sie sagten, ich solle zunächst am Hafen bleiben. Als ich dann mit Hilfe von unserem befreundetet Ehepaar, das kurz nach mir in den Hafen einlief, unser Boot nach Marina Toft überführt hatte und endlich in Flensburg im Krankenhaus ankam, hatten sie meinen Mann bereits operiert. Es war ein Herzinfarkt und nun hat er einen Stent bekommen und liegt aber noch auf der Intensivstation.
Ja. Klaus sagte, ich könne das Boot in Minde liegen lassen und mich direkt auf den Weg nach Flensburg machen. Aber das konnte ich nicht. Ich musste das Boot versorgen. Ich wusste, dass mein Mann als Erstes fragen würde: „Was ist mit dem Boot?“ Und als er später wieder ansprechbar war, fragte er natürlich auch als Erstes: „Was ist mit dem Boot?“ Ich wusste, dass diese Frage kommen würde. Dann sagte er sogar: „Ich wusste doch, dass du anlegen kannst. Warum machst du das nicht?“ Ich antwortete: „Ich will es nicht – und schon gar nicht unter solchen Umständen.“ Das war ein bisschen Galgenhumor.
Man funktioniert einfach. Es flossen keine Tränen. Ich weiß nicht, wie viel Adrenalin in diesem Moment durch meinen Körper gepumpt wurde. Irgendwie versucht das Gehirn, alles abzurufen: Was kann ich? Was geht? Was muss ich tun? Ich schaffe das, weil mich jemand sieht. Ich hatte ja keine andere Wahl. Ich konnte nicht einfach rechts ranfahren und jemanden bitten, mir zu helfen. Ich musste zunächst anlegen. Und die Bedingungen waren wirklich schwierig. Wir hatten ungefähr 20 Knoten Wind. Kurz zuvor hatte ich noch zwei Fotos gemacht, auf denen man eine schwarze Wand vor uns sieht. Mein Mann beobachtet den Himmel ständig und sagt meistens rechtzeitig: „Pass auf, da hinten kommt etwas.“ Diesmal hatte er wieder recht. Dann kamen heftige Böen. Wir waren sehr froh, dass die Segel bereits unten waren.
Man sollte das Anlegen häufiger üben. Am besten in einem bekannten Hafen. Die Prüfung allein reicht nicht. Man muss das Manöver tatsächlich einmal selbst durchgeführt haben. Ich habe die Prüfung gemacht und zwischendurch auch immer wieder angelegt. Aber meistens herrschte dabei Ententeichwetter: keine Wellen und kaum Wind.
Er sagt, dass es ihm ganz gut geht, und dass er im Krankenhaus gut versorgt wird. Die Ärzte haben ihn im Blick. Jetzt müssen wir von Tag zu Tag sehen, wie es weitergeht. Für mich ist es gut, dass er in Flensburg liegt. So kann ich schnell hinfahren.
Ja, auf jeden Fall. Segeln ist eines der schönsten Hobbys, die man sich vorstellen kann. Was uns passiert ist, erlebt zum Glück nicht jeder. Statistisch gesehen sollte jetzt eigentlich nichts mehr passieren – jedenfalls hoffe ich das. Natürlich kann auf dem Wasser viel geschehen, aber an Land ebenfalls. Ich möchte mir das Segeln nicht verderben lassen.

Stellvertretender Chefredakteur YACHT
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