Malizia 4Erst der Foil-Schaden, jetzt reißt das Großsegel

Lars Bolle

 · 15.10.2026

"Malizia 4" in Action.
Foto: Julien Champolion - polaRYSE / Malizia
Erst der schwere Foil-Schaden beim Ocean Race Atlantic, jetzt ein Riss im Großsegel: Die ersten drei Monate der neuen „Malizia 4“ verliefen nicht ohne Rückschläge. Team Malizia gewährt ungewöhnlich tiefe Einblicke in die technischen Schäden, die Reparaturen und die Schwierigkeiten, den Neubau rechtzeitig für Boris Herrmanns Solostart bei der Route du Rhum vorzubereiten.

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Seit dem Stapellauf am 6. Juli hat die neue „Malizia 4“ bereits zwei Atlantiküberquerungen absolviert und ihre erste große Regatta hinter sich gebracht. Nicht ohne Probleme: Beim Ocean Race Atlantic beschädigte eine Kollision das Foilsystem, nach der Rückkehr wurden weitere Schäden an der Rumpfstruktur entdeckt. Beim jüngsten Starkwindtraining riss nun auch noch das Großsegel.

Team Malizia gewährt ungewöhnlich ausführliche Einblicke in die technischen Probleme und die Arbeit an Bord sowie im Stützpunkt in Lorient. Dabei wird deutlich, wie intensiv der Neubau nach seinen ersten Belastungsproben überarbeitet werden muss und unter welchem Zeitdruck die Vorbereitungen auf Boris Herrmanns erste Solo-Atlantikregatta mit der „Malizia 4“ stehen.

Die „Malizia 4“ steht noch am Anfang ihrer Entwicklung

Boris Herrmann zeigt sich trotz der bisherigen Schwierigkeiten begeistert von seinem neuen IMOCA. „Sie ist ein großartiges Boot. Ich bin wirklich verliebt in sie“, sagt der Skipper im Rückblick auf die ersten drei Monate. Gleichzeitig räumt er ein, bei der Erschließung des Geschwindigkeitspotenzials noch ganz am Anfang der Lernkurve zu stehen.

Wie groß die Unterschiede zum Vorgängerboot sind, verdeutlichen die Polardiagramme. Sie beschreiben, welche Geschwindigkeiten bei unterschiedlichen Windstärken und Windwinkeln erreichbar sein sollten. Die bislang bekannten Leistungsdaten müssen für den Neubau teilweise erheblich verändert werden. Bei einzelnen Kombinationen aus Windstärke und Windwinkel spricht das Team von Anpassungen um bis zu 150 Prozent gegenüber den bisherigen Werten.

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Dass die „Malizia 4“ bereits sehr schnell ist, zeigte das Ocean Race Atlantic von New York nach Lorient. Trotz technischer Probleme erreichte die Crew den vierten Platz, nur rund fünf Minuten hinter „DMG Mori Global One“. Auch unsere Auswertung der Trackerdaten zeigte, dass die neue Yacht in vielen vergleichbaren Situationen das stärkste Geschwindigkeitsprofil der Spitzengruppe aufwies.

Um dieses Potenzial dauerhaft nutzen zu können, muss allerdings auch die Technik zuverlässig funktionieren. Und damit hatte das Team auf der ersten Atlantikregatta einige Schwierigkeiten.

Vier gebrochene Schrauben legen die Foilverstellung lahm

Besonders aufschlussreich sind die technischen Hintergründe des Foil-Schadens beim Ocean Race Atlantic. Nachdem das Backbordfoil bei hoher Geschwindigkeit mit einem Objekt kollidiert war, brachen vier Schrauben an der Befestigung des Hydraulikzylinders. Der Zylinder, mit dem sich der Anstellwinkel des Foils verändern lässt, war damit nicht mehr fest mit seiner Aufnahme verbunden.

„Wenn man bei 30 Knoten etwas trifft, entstehen enorme Kräfte auf das Foilsystem“, erläutert ein Mitglied des Technikteams. Die Folgen beschreibt er knapp: „Alle vier Schrauben sind gebrochen.“ Damit war eine zentrale Einstellmöglichkeit des Foils außer Funktion gesetzt. „Wir konnten den Rake und den Anstellwinkel des Foils nicht mehr verstellen.“

Die Crew musste den Mechanismus mit Tauwerk sichern und das Foil in einer festen Position belassen. Eine improvisierte Lösung, die zwar die Weiterfahrt ermöglichte, aber erhebliche Einschränkungen mit sich brachte.

Normalerweise lässt sich der Foil-Rake in einem Bereich von null bis fünf Grad verändern. Die Crew kann so je nach Wind, Seegang und Geschwindigkeit mehr oder weniger Auftrieb erzeugen und die Flughöhe des Boots beeinflussen.

Nach der Notreparatur war der Winkel auf ungefähr 1,3 bis 1,5 Grad fixiert. In bestimmten Bedingungen erzeugte das Foil damit zu wenig Auftrieb. „Das Boot war dann deutlich langsamer als die Konkurrenz“, erklärt der Techniker.

Der Schaden beeinträchtigte somit nicht nur die maximale Geschwindigkeit, sondern auch die Möglichkeit, das Boot auf wechselnde Bedingungen einzustellen. Gerade bei einem foildenden IMOCA, dessen Leistung erheblich von der richtigen Fluglage abhängt, ist das ein gravierender Nachteil.

Für vergleichbare Situationen entwickelt das Team inzwischen eine zusätzliche mechanische Notfallsicherung am Foilsystem. Sie soll verhindern, dass ein Defekt an der regulären Verstellung erneut zu einer derart großen Einschränkung führt.

Zwei gebrochene Stringer im Rumpf entdeckt

Das Foilsystem war allerdings nicht der einzige Bereich, der nach dem Ocean Race Atlantic Aufmerksamkeit erforderte. Schon während der Atlantiküberquerung hatte eine beschädigte Inspektionsöffnung am vorderen Ballasttank zu einem Wassereinbruch im Vorschiff geführt.

Nach der Rückkehr nach Lorient wurde die „Malizia 4“ aus dem Wasser genommen und gründlich untersucht. Dabei entdeckten die Techniker auch zwei gebrochene Stringer, also längs verlaufende Versteifungselemente der Rumpfstruktur.

Die Reparaturen erforderten Arbeiten unter beengten Verhältnissen tief im Vorschiff. An den betroffenen Stellen musste die Carbonstruktur vorbereitet und mit zusätzlichem Fasermaterial verstärkt werden. Die Stringer dienen dazu, die Rumpfschale zu versteifen und auftretende Belastungen aufzunehmen.

Ob die Beschädigungen unmittelbar mit der Foilkollision zusammenhängen oder eine Folge anderer Belastungen während der Atlantikregatta sind, ist nicht geklärt.

Auch das betroffene Foil wurde ausgebaut und eingehend untersucht. Zusätzliche zerstörungsfreie Materialprüfungen sollten sicherstellen, dass keine unentdeckten Schäden an der Composite-Struktur vorhanden waren.

Das Technikteam arbeitete anschließend daran, die beschädigten Bereiche zu verstärken und die aufgetretenen Schwachstellen zu beseitigen. Ziel ist es, das Boot für die nächsten großen Belastungsproben zuverlässiger zu machen.

Riss im Großsegel beim Starkwindtraining

Doch auch nach den Reparaturen ist die Entwicklungsarbeit noch lange nicht abgeschlossen. Bei einer der letzten längeren Trainingsfahrten vor der Route du Rhum musste die Crew erneut einen erheblichen Schaden beheben.

Geplant war ein etwa 24-stündiger Törn bei kräftigem Wind, zunächst über eine längere Vorwindstrecke und anschließend auf Am-Wind-Kurs zurück nach Lorient. Das Team wollte die neue Yacht noch einmal unter hoher Belastung testen. Dabei erreichte die „Malizia 4“ Geschwindigkeiten von bis zu 35 Knoten.

Dann riss das Großsegel. Die Crew musste die Fahrt unterbrechen, das Segel herunterholen und den Schaden untersuchen.

„Wir haben ein Loch ins Großsegel gerissen“, berichtet ein Crewmitglied. „Jetzt versuchen wir, es zu reparieren, damit wir wieder am Wind segeln können.“

Die beschädigte Stelle befindet sich im Bereich einer verstärkten Partie des Segels. Zunächst versuchte die Crew, den Riss mit einer Segelmacherahle und Garn zu schließen. Dabei zeigte sich, dass selbst eine vermeintlich einfache Notreparatur auf einem IMOCA erheblichen Aufwand erfordern kann. Nicht alle benötigten Nähutensilien waren in der gewünschten Ausführung an Bord, sodass die Segler improvisieren mussten.

Wie wenig sicher der Erfolg zunächst erschien, macht die Einschätzung eines Crewmitglieds deutlich: „Im Moment bin ich nicht besonders zuversichtlich, aber eine bessere Lösung haben wir noch nicht.“

Anschließend wurden zusätzliche Verstärkungen und Reparaturmaterial aufgebracht. Mehrere Crewmitglieder arbeiten gemeinsam daran, die beschädigte Fläche vorzubereiten, die Materialien auszurichten und die Reparatur zu befestigen. Dabei musste sorgfältig gearbeitet werden, denn das Großsegel sollte auf dem Rückweg wieder erhebliche Kräfte aufnehmen können.

Zwischendurch hieß es warten, bis das aufgebrachte Material ausreichend ausgehärtet war. Erst danach konnte versucht werden, das Segel wieder zu setzen und die Rückfahrt anzutreten.

Die Arbeiten zogen sich über mehrere Stunden. Schließlich entschied die Crew, das eigentliche Training abzubrechen und nach Lorient zurückzukehren.

Notreparatur soll Boris Herrmanns Solotraining ermöglichen

Im Stützpunkt wurd das Großsegel erneut untersucht. Mitarbeiter von North Sails kontrollierten die beschädigte Stelle und die auf See ausgeführte Reparatur. Zusätzliches Reparaturmaterial wurde vorbereitet, zugeschnitten und aufgebracht, um den beschädigten Bereich vorläufig weiter zu verstärken.

Denn der Zeitplan lässt kaum Spielraum. Boris Herrmann soll vor der Route du Rhum noch ein abschließendes Solotraining absolvieren. Dafür muss das Großsegel zumindest vorübergehend wieder belastbar sein.

Nach Angaben des Teams soll die Reparatur zunächst nur für dieses Training ausreichen. Anschließend ist vorgesehen, das Segel zu North Sails zu bringen und dort dauerhaft instand setzen zu lassen.

Damit steht das Team vor einem typischen Problem bei der Entwicklung eines neuen IMOCA: Einerseits müssen die letzten Trainingsmöglichkeiten genutzt werden, um das Boot unter realen Bedingungen besser kennenzulernen. Andererseits erfordern die dabei auftretenden Schäden weitere Werkstattarbeiten, die den ohnehin engen Zeitplan zusätzlich belasten.

Nach der Route du Rhum geht es direkt weiter

Für Boris Herrmann folgt am 1. November mit der Route du Rhum die nächste große Bewährungsprobe. Erstmals wird er die neue „Malizia 4“ allein über den Atlantik segeln.

Dafür sind weitere Anpassungen am Boot erforderlich. Die bislang für den Crew-Betrieb eingerichtete Yacht wird auf den Einhandbetrieb umgerüstet. Zahlreiche kleinere Änderungen sollen sicherstellen, dass Herrmann das Boot allein möglichst effizient bedienen und kontrollieren kann.

Nach den letzten Arbeiten und Trainingseinheiten in Lorient soll die „Malizia 4“ nach Saint-Malo überführt werden. Von dort führt die Route du Rhum nach Guadeloupe.

Anschließend übernimmt wieder eine Crew das Boot und überführt es direkt nach Alicante. Dort stehen weitere Vorbereitungen, ein Refit und zusätzliche Trainingseinheiten an, bevor im Januar 2027 mit The Ocean Race die nächste Weltumsegelung beginnt.

Die ersten drei Monate haben bereits gezeigt, welches Geschwindigkeitspotenzial in der neuen „Malizia 4“ steckt. Die Erfahrungen machen aber ebenso deutlich, wie viel Entwicklungsarbeit noch nötig ist, damit der Neubau seine Leistung unter den extremen Bedingungen einer Solo-Atlantikregatta und später einer Weltumsegelung zuverlässig abrufen kann.


Buchtipps

Boris Herrmann und das Rennen um die Welt schildert Team Malizias Teilnahme am früheren Ocean Race. Das Buch begleitet die Vorbereitung der damaligen „Malizia Seaexplorer“, das Zusammenwachsen der Crew und die Regatta. Es behandelt auch Rückschläge wie einen Foil-Bruch und einen Riss im Mast. Wer die aktuellen Schäden an der „Malizia 4“ einordnen möchte, erhält damit einen Blick auf die Erfahrungen des Teams mit einem früheren Boot – nicht auf die Reparaturen des Neubaus.

Rumpf- und Decksreparaturen von Don Casey erklärt anhand von Bildfolgen Arbeiten an Kunststoffyachten, darunter Laminat- und Rumpfreparaturen, Lecks und Schäden an Deck. Das hilft, die Begriffe und grundlegenden Arbeitsschritte hinter den im Video gezeigten Strukturreparaturen zu verstehen. Der Praxisratgeber beschreibt jedoch keine Reparaturanleitung für einen hochbelasteten IMOCA-Rumpf; die Arbeiten an der „Malizia 4“ müssen vom spezialisierten Technikteam beurteilt und ausgeführt werden.

Welcher der gezeigten Schäden stellt Team Malizia vor der Route du Rhum aus Ihrer Sicht vor die größte Herausforderung?

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Lars Bolle

Lars Bolle

Chefredakteur Digital

Lars Bolle ist Chefredakteur Digital und Gründer von YACHT-Online. Viele Jahre war der Diplom-Sportwissenschaftler als Redakteur der YACHT in den Bereichen Sport und Seemannschaft tätig und hat die größten Segelsport-Veranstaltungen der Welt begleitet, vom America's Cup bis zu Olympischen Spielen. Seine persönliche Segel-Vita reicht vom Leistungssport in der Jolle (Deutscher Meister 1992 im Finn Dinghi) über historische und moderne Jollenkreuzer bis hin zu europaweiten Charter-Törns.

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