Atlantic Ocean RaceNichts für schwache Nerven!

Tatjana Pokorny

 · 14.09.2026

Atlantic Ocean Race: Nichts für schwache Nerven!Foto: The Ocean Race Atlantic/Teilnehmer-Teams
Die Skipper: oben Paul Meilhat, Francesca Clapcich und Kojiro Shiraishi, unten Boris Herrmann, Oliver Heer und Conrad Colman
Beim Ocean Race Atlantic sollte sich „Malizia 4“ erstmals beweisen. Der Start geriet vielversprechend, dann folgten ein herber Rückschlag und eine furiose Aufholjagd. Die Skipper über die schwierigen Wetterbedingungen, die ständigen Führungswechsel und ein Herzschlagfinale, das an Dramatik kaum zu überbieten war.

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“Es ist ein Traum, eine Transatlantikregatta über mehr als 3.000 Meilen zu segeln und am Ende nur wenige Minuten auseinanderzuliegen“, sagt Frankie Clapcich nach dem Ocean Race Atlantic. Die Skipperin von „11th Hour Racing“ spricht damit aus, was die Premiere des Team-Transats von den USA nach Frankreich geprägt hat: ein Hochseerennen, das sich in den letzten Stunden zu einem olympischen Matchrace entwickelte.

Mehr als 25-mal wechselte die Führung, sechs Imocas unterschiedlichster Generationen kämpften sich durch Starkwind, Flaute und schwierige taktische Situationen. Am Ende lagen zwischen dem Sieger „United by the Ocean“ und „11th Hour Racing“ gerade einmal 8:56 Minuten. Für Paul Meilhat und seine Crew war es der Triumph in der Heimat des Skippers und Navigators. Für Clapcich überwog trotz der verpassten Chance die Freude über Platz zwei: „Sechs Stunden früher hätten wir uns dieses Ergebnis noch nicht erhoffen können. Also sind wir superglücklich.“

Meilhat selbst sieht den Erfolg weniger in taktischen Kunststücken als in konsequentem Boots- und Crewmanagement begründet. In den Starkwindpassagen sei es nicht um „taktische Zaubertricks“ gegangen, sondern um Umsicht, um Boot und Mannschaft sicher durch das Tief zu bringen. Der Franzose kennt die Stärken und Schwächen seiner 2022 gebauten Imoca genau. Unter dem früheren Namen „Biotherm“ hatte sie ihn im Jahr zuvor zum Sieg beim Ocean Race Europe getragen, bei der letzten Vendée Globe segelte er damit auf Rang fünf.

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„Beim Reachen in druckvolleren Bedingungen sind einige Boote schneller als wir“, sagt Meilhat rückblickend. „Wir versuchten, dranzubleiben, das Boot zu managen und unsere Siegchance zu wahren.“ Seine Hoffnung: ein Finale in leichten Winden. Genau dort konnte „United by the Ocean“ seine Stärken ausspielen.

Gegensätzliche Konzepte

Boris Herrmann zieht trotz der Kollision mit einem mutmaßlichen Wal oder großen Fisch eine positive Bilanz des ersten Atlantik-Stresstests von „Malizia 4“. „Unser Schiff ist superschnell am Wind. Und auch beim Reachen“, sagt er. „Raumschots und bei Seegang sind wir noch nicht so schnell. Das hatten wir bislang noch wenig. Das müssen wir noch lernen.“

Der Vergleich mit „DMG Mori Global One“ zeigt, wie unterschiedlich die beiden Neubauten ausgelegt sind. „DMG Mori“ kam auf eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 16,89 Knoten, „Malizia 4“ trotz des beschädigten Foils auf 16,95 Knoten. Herrmann: „Die beiden Boote sind ziemlich gegensätzlich in ihrem Leistungsprofil: Wir sind schnell am Wind, die sind schnell downwind.“

Das zeigte sich bereits in der Startphase, als „Malizia 4“ gegenüber der japanischen Imoca erheblich Boden gutmachte. Meilhat würde sich dennoch vermutlich für Herrmanns neues Boot entscheiden: „Das Konzept ist echt interessant, das Boot wahrscheinlich polyvalenter.“

Für Meilhat ist die Leistung der Technikteams ohnehin mindestens so bemerkenswert wie der sportliche Ausgang: „Es ist irre für Neubauten, so kurz nach ihrem Stapellauf zweimal den Atlantik zu überqueren. Das wäre vor fünf Jahren noch undenkbar gewesen!“

Auch Herrmann hebt die Zusammenarbeit an Bord hervor. „Wir haben in jedem Moment gekämpft, nie den Fuß vom Gaspedal genommen und als Team supergut zusammengearbeitet“, sagt Co-Skipperin Cole Brauer. Herrmann spricht vom „Privileg, mit diesen Weltklasseseglern zu arbeiten“.

Den Sieg gönnt er Meilhat ausdrücklich: „Er verdient es. Er ist ein Hero für mich, einer der besten Segler. Dass er das mit seinen Leuten auf supercoole Weise aus dem alten Schiff herausholt, freut mich sehr für ihn.“ Der Erfolg könnte zudem helfen, das Budget für Meilhats Teilnahme am Ocean Race um die Welt zu sichern. Der Start ist für den 17. Januar in Alicante vorgesehen. Zuvor steht ab dem 1. November die Route du Rhum an – unter anderem mit Boris Herrmann und „Malizia 4“.

Auch die übrigen Crews ziehen Lehren

Für „11th Hour Racing“ war das Finale besonders bitter. Kurz vorm Ziel führte die Crew mit Clapcich, Will Harris, Alberto Bona und Elodie-Jane Mettraux fast drei Stunden lang das Feld an. Der Sieg schien greifbar. „Wenn man dem Sieg so nahekommt, dann will man doch verdammt noch mal gewinnen, oder?“, sagt Clapcich.

Oliver Heer und sein Team auf „Embrace the Challenge“ erlebten dagegen ein Rennen mit jähem Rückschlag. Die 2018 gebaute Ex-„Charal“ war gut gestartet, doch ein riesiger Riss im Großsegel zwang die Schweizer Crew in eine längere Reparatur. Zwei Siege in den Supersprints waren nur ein kleiner Trost. In den Starkwindbedingungen fand das Team zudem noch nicht die optimalen Einstellungen. „Das ist eine Lernkurve für uns“, sagt Heer.

Dass Conrad Colmans betagte Nicht-Foilerin „MSIG Europe“ als Letzte ins Ziel kam, war hingegen keine Überraschung. „The crazy Kiwi“ zieht seine Energie aus dem Abenteuer, der Entwicklung junger Talente und dem gemeinsamen Erlebnis auf dem Ozean.

Genau dieses Gemeinschaftsgefühl verkörpert das Siegerteam mit seinem Slogan „United by the Ocean“. Die Premiere hat gezeigt, dass auch ein Team mit bescheidenerem Budget Großartiges leisten kann.

Die Höhepunkte des Rennens: Favoritenstart für „Malizia 4“

Anfang September versammelt sich vor New York eine kleine, aber hochkarätige Flotte zum ersten Ocean Race Atlantic. Niemand ahnt zu diesem Zeitpunkt, was sich in den folgenden acht Tagen auf dem Atlantik abspielen wird.

Die Fans von Boris Herrmann und Team Malizia müssen nicht lange auf einen ersten Erfolg warten. Die erst knapp zwei Monate alte „Malizia 4“ stürmt an die Spitze des Feldes. Ebenso als Favoritin gilt „DMG Mori Global One“, die Anfang Juli vom Stapel gelaufen ist. Nun soll sich zeigen, wie sich das Koch-Design und der Verdier-Entwurf im direkten Wettstreit schlagen.

Herrmann gewinnt zunächst den ersten von acht täglich ausgetragenen 20-minütigen Supersprints. Diese als Show-Element in die Atlantikhatz integrierten Kurzrennen sind wegen der je nach Bootsposition unterschiedlichen Bedingungen allerdings nur grobe Indikatoren für das Leistungspotenzial der Yachten.

In der frühen Rennphase ist „Malizia 4“ tatsächlich das schnellste Schiff der Flotte. Beim dritten Supersprint legt sie laut Tracker sensationelle zwölf Seemeilen zurück. Auf den 24-Stunden-Rekord von 641,13 Seemeilen, den die Vorgängerin „Malizia 3“ im Ocean Race um die Welt aufgestellt hat, hochgerechnet, ergäbe das theoretisch eine Tagesleistung von 864 Seemeilen. Auf dem Atlantik lässt sich diese Sprintleistung jedoch nicht dauerhaft halten.

Deutlich wird dennoch: Besonders am Wind kann „Malizia 4“ Druck machen.

Der Rückschlag nach zweieinhalb Tagen

Zweieinhalb Tage nach dem Start überflügelt ausgerechnet die alte „Malizia 3“ die jüngere Schwester. Als „11th Hour Racing“ und mit Skipperin Francesca Clapcich an Bord übernimmt sie in zunehmend starken und stürmischen Winden eines Tiefs die Führung. Zunächst scheint es, als spiele das frühere Schlachtross seine bekannte Stärke aus.

Dann erreicht Team Malizia eine Eilmeldung von Bord: „Malizia 4“ ist vermutlich mit einem Wal oder einem großen Fisch kollidiert. Das Foilsystem an Backbord wird beschädigt.

„Das Foil steckt in zwei Lagern, oben und unten. Unten ist es auf dem Rumpf, sodass man das Foil im Winkel einstellen kann, also den Rake“, erklärt Herrmann. „Das obere wird vom Hydraulikzylinder hin und her bewegt. Der ist durch den Aufschlag nach vorne gedrückt worden und da abgerissen, wo er mit dem Schott verschraubt ist. Das ist gefährlich.“

Die Crew sucht unter Zeitdruck nach einer Lösung. Herrmann beschreibt die Notreparatur später so: „Wir haben den Foil-Rake auf ein Minimum reduziert, also quasi alles mit dem Zylinder komprimiert. So konnten wir das Foil in seinem Winkel arretieren. Dadurch war der Anstellwinkel nun aber negativ, sodass das Foil kein aufrichtendes Moment mehr erzeugte. Wir waren so bei minus ein Grad.“

Kollision und Reparatur kosten die Crew etwa zwei Stunden. Danach muss sie neu lernen, mit dem gerade erst optimierten Boot zu segeln. Die Konkurrenz zieht vorbei, der Rückstand auf „11th Hour Racing“ wächst binnen kurzer Zeit auf 50 Seemeilen und später sogar auf 120 Seemeilen an.

„Wir haben versucht, das Boot schräger anzustellen, sodass es den Bug von selbst hochnimmt“, sagt Herrmann. „Wir mussten aber mindestens 20 Knoten fahren, damit das Foil überhaupt Wirkung erzielt. Wenn du langsamer wirst, hängt das Boot schief und kommt nicht mehr in Gang. Du musst meterweise die Großschot fieren und wieder dichtholen. Das hat es schwer für uns gemacht.“

Starkwind, Welle und ein schwieriges Hoch

Weil die Crew auf „DMG Mori“ in den ersten Tagen noch nicht in ihren Rhythmus findet, segeln zunächst die beiden 2022er Imocas „United by the Ocean“ und „11th Hour Racing“ vor den Neubauten. Bei kräftigen Atlantikwinden von bis zu 40 Knoten machen sie zwei Tage lang das Tempo.

Zur Mitte des Rennens geraten die Crews in Starkwind und eine unangenehme Welle. Schlafen, Essen und jede Bewegung an Bord werden zur Herausforderung. Anschließend nimmt das Führungsquartett den Hochdruckrücken in den Blick, der sich von Nordwest nach Südost über den Kurs schiebt. Anfangs bewegt sich das Hoch nur langsam. Team Malizia wählt den stärksten Nordbogen, um dem Hochdruckgebiet auszuweichen.

„Wir hatten gehofft, dadurch in einem etwas besseren Winkel rauszukommen, statt ins Zentrum des Hochs reingezogen zu werden“, erklärt Herrmann. Die Extraschleife kostet zusätzliche Seemeilen und wird in den drehenden Winden zunächst nicht belohnt. Die flaue Zone zieht schneller als erwartet unter dem Feld hindurch.

Doch auch die südlicher positionierten Teams kämpfen mit den schwierigen Bedingungen zwischen dem zurückliegenden Tief und dem sich erst neu aufbauenden Wind. Dadurch rücken die vier Führenden wieder zusammen. An der Spitze segelt nun „DMG Mori Global One“.

Die Aufholjagd von „Malizia 4“

Der Rückstand von „Malizia 4“ ist am Tag vor dem Finale von 240 auf 40 Seemeilen geschrumpft. Im Reaching legt der schwarz-rote Foiler sogar noch einmal deutlich zu. Bei 15 bis 16 Knoten Wind erreicht er Topspeeds von mehr als 30 Knoten und Vier-Stunden-Schnitte von über 20 Knoten.

Für die erneute Übernahme der Führung reicht es jedoch nicht. Kojiro Shiraishi, Samantha Davies, Nico Lunven und Arisa Moriya verteidigen ihre Position auf „DMG Mori Global One“. Als bereits alles auf einen Sieg der Japaner hindeutet, beginnt vor der französischen Küste der Bretagne-Krimi.

Das Finale vor Penmarch

Am 10. September weht es in den letzten Stunden des Transats nur leicht. Am Finalmorgen um 6.30 Uhr liegt „Malizia 4“ noch 25 Seemeilen hinter „DMG Mori“. Herrmann und seine Crew starten dennoch ihren Angriff und kommen dem Führungstrio immer näher.

Am nördlichen Eingang der Biskaya, kurz vor Penmarch, fangen „11th Hour Racing“ und „United by the Ocean“ die Japaner zunächst ein. Mit zwei Knoten mehr Geschwindigkeit umfahren sie die Kojiro-Crew. Deren Hoffnung auf Thermik dichter unter Land erfüllt sich nicht.

Fast drei Stunden lang führt „11th Hour Racing“ mit Frankie Clapcich, Will Harris, Alberto Bona und Elodie-Jane Mettraux. Dann schlägt die Stunde von „United by the Ocean“. Eine Separation bei den Glénan-Inseln bringt die entscheidende Wende: „11th Hour“ passiert die Inseln südlich, „United by the Ocean“ und die beiden Verfolgerinnen nördlich. Meilhats Team kommt am besten durch die bretonische Brise und lässt sich den Sieg in der Heimatstadt des Skippers und Navigators nicht mehr nehmen.

Nach 7 Tagen, 23 Stunden, 39 Minuten und 11 Sekunden quert „United by the Ocean“ als Erste die Ziellinie. Das Team mit dem kleinsten Budget im Spitzenquartett gewinnt die Premiere des Ocean Race Atlantic.

Nur 8:56 Minuten später folgt „11th Hour Racing“. Kurz darauf gelingt Team Malizia beim letzten Angriff auf „DMG Mori“ beinahe noch „das kleine Wunder von Lorient“. „Wir dachten bis kurz vor dem Ziel, dass wir den dritten Platz noch schaffen können“, sagt Herrmann. „Denn ‚DMG‘ ist nach meinem Gefühl downwind und bei Leichtwind echt langsam. Wir waren immer so mit 12, die mit 10 Knoten unterwegs. Unser Schiff ist bei Leichtwind schnell.“

Am Ende fehlt weniger als eine halbe Meile zum Podiumsplatz. Nur fünf Minuten nach „DMG Mori Global One“ passiert „Malizia 4“ die Ziellinie als Vierte.

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Tatjana Pokorny

Tatjana Pokorny

Freie Reporterin Sport

Tatjana „tati“ Pokorny ist Autorin von neun Büchern. Sie arbeitet als Reporterin für die YACHT, berichtete unter anderem von neun Olympischen Spielen, als Korrespondentin für die Deutsche Presse-Agentur (DPA), das Hamburger Abendblatt sowie weitere nationale und internationale Medien. Kernthemen sind der America's Cup, das Ocean Race, die Vendée Globe, SailGP und weitere nationale und internationale Regatten und ihre Protagonisten. Lieblingsdisziplin: Portraits von und Interviews mit Segelsportpersönlichkeiten.

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