Timm Kruse: Auf der “Thor Heyerdahl” passiert weiterhin fast alles per Hand. Es wird ja sogar ohne Autopilot gesteuert. Ist das genau das, was die Stärke dieses Segelschulschiffs ausmacht?
Fabian Boerger: Ich glaub tatsächlich, ja. Ich glaube sogar auch, es wird uns allen ein wenig besser tun, eher in Richtung “Thor Heyerdahl” zu tendieren. Viele Boote haben mittlerweile so viel Technik, dass es gar nicht gelingt, sie selber mehr zu reparieren. Es braucht Fachleute, die das übernehmen. Bei der “Thor Heyerdahl” läuft alles noch per Hand. Also selbst das Ruder – es braucht durchgängig einen Rudergänger. Ich mein, was macht das mit einer Crew? Sie ist viel aufmerksamer, sie ist viel mehr dabei. Sie ruht sich nicht auf den ganzen Vorteilen, die natürlich auch eine Technologie mit sich bringt, aus. Und ich glaub, dadurch bildet sich einfach ein viel tieferes und ein viel festeres Wissen. [...] Und das, muss ich sagen, find ich bei der Thor Heyerdahl eben so toll, dass wirklich alles von der Crew umgesetzt wird. Da braucht es eben diese Teamarbeit und das ist ja am Ende auch das Schöne, warum wir rausfahren, oder? Dieses Miteinander sein, der Natur nahe sein – und das schafft man, glaub ich, tendenziell eher mit weniger Technik als mit zu viel.
Timm Kruse: Detlef Soitzek (Gründer des Projekts “Thor Heyerdahl”) sagt diesen spannenden Satz: „Der beste Pädagoge an Bord sind das Schiff und die See." Erklär uns doch mal, was er damit meint, gerade wenn es um Jugendliche geht.
Fabian Boerger: Ich glaube, dass dieses Vor-Ort-Sein, also an Bord sein und die Naturgewalten zu erleben, das macht ja was mit uns allen. Also alle Seglerinnen und Segler, die draußen sind, haben ein Erlebnis, eine Erfahrung. Und die ist mal gut, die ist aber auch mal schlecht. Und ich glaube eben, das sind wichtige Dinge, aus denen man lernen kann. Man macht einen Fehler, man schlägt beispielsweise ein Segel falsch an. Das macht man aber nur einmal, diesen Fehler, weil man sofort merkt, was am Ende daraus wird. Und natürlich, wenn man eben oben in den Rahen steht oder eben auch oben ist bei schlechter See, dann wird man sicherlich nicht sein Werkzeug vergessen, was man braucht. Beziehungsweise man vergisst es einmal, aber dann hoch und runter zu klettern. So was festigt sich einfach und das bildet einen natürlich ganz stark weiter. Also ich glaube, da sind ganz viele Dinge, wo die Natur uns einfach oder auch den Seglerinnen und Seglern viele wesentliche Lehren erteilen kann, aber dadurch eben auch dieses Lernen überhaupt möglich macht. Und ich glaube, ein anderer Punkt, der einfach auch wichtig ist: Was es bedeutet, Verantwortung zu übernehmen – das ist ein Konzept, was ich dort an Bord kennengelernt hab. Eben dieses sich von anderen Crew-Mitgliedern Dinge abgucken, auch mal zu schauen: „Was macht der eigentlich? Wie setzt der die Segel? Kann ich das auch? Und kann ich das auch mal machen?" Oder: „Kann ich auch mal ans Steuer gehen oder in die Masten klettern?" All das ist da eben möglich, weil man lernt voneinander und man kann eben auch andere anlernen. Also dieses Verantwortung übernehmen ist ein ganz wichtiges Element dort an Bord, was sehr hilfreich ist, um eben junge Leute auch zu lehren in gewissen Dingen.
Timm Kruse: Sind Jugendliche heute teilweise weniger selbstständig und bräuchten vielleicht mehr Unterstützung als früher?
Fabian Boerger: Die Jugend ist weniger selbstständig geworden, beschreibt Detlef Soitzek die Entwicklung. Ich glaube, wenn man zu viele technische Hilfsmittel benutzt, konzentriert man sich weniger oder trägt weniger Verantwortung. [...] Ich kann mir bei Google Maps genau anzeigen lassen, wann ich wo sein muss und wie lange ich dorthin brauche. Ich glaube, früher musste man da viel mehr weitsichtig sein und den Alltag planen. Und wenn man eben jetzt an solche Touren denkt, die eben auch die “Thor Heyerdahl” macht – zum Beispiel über den Atlantik zu segeln oder auf schwierigeren Passagen zu segeln – dann braucht es eben all das. Es braucht diese Weitsicht, es braucht diese Vorbereitung, und da hilft es nicht, in einer brenzligen Situation sein Smartphone zu zücken, weil kein Empfang da ist. Ich glaube, das muss eben auch eine jüngere Generation wieder lernen. Insofern hat er vielleicht nicht ganz unrecht, indem er sagt, wir sind unselbstständiger geworden – was ich auch für mich sagen könnte, dass eben das Handy schon einfach ein wichtiger Teil des Alltags ist.
Timm Kruse: Wir hören uns noch mal einen Clip an, in dem Detlef Soitzek bewusst über dieses altmodische Schiff spricht und was das pädagogisch bedeutet.
Detlef Soitzek: Ich will das jetzt auch nicht bewerten, aber früher – die Jugendlichen – hab ich das Gefühl – die waren selbstständiger und lebensfüchtiger. Wir bekommen heute oft Schüler, die, wenn man sie alleine irgendwo abstellt, unbeholfen wären. Die brauchen heute mehr Unterstützung, aber auch ein gewisses Pushen, damit sie selbstständiger werden.
Timm Kruse: Auf der “Thor Heyerdahl” werden alte Fähigkeiten weitergegeben, die teilweise ja ausgestorben sind: traditionelles Takeln, Arbeiten mit Tauwerk, klassische Seemannschaft. Ist die “Thor Heyerdahl” da inzwischen fast so etwas wie ein schwimmendes Handwerksmuseum?
Fabian Boerger: Ein Museum ist eher ein Gebäude oder ein Raum. Das Spannende auf der “Thor Heyerdahl” ist, dass man dort selber anpackt. Man nimmt alles in die Hand, man arbeitet damit. Das macht es eben so besonders und der Begriff Schule passt in dem Zusammenhang besser, weil dieses traditionelle Handwerk vielleicht in der Breite ausgestorben ist. An Bord werden die Segel wie früher gesetzt. Es werden viele Manöver wie früher gefahren. Ich glaube, dafür braucht es eben auch dieses Wissen und es braucht diese Fähigkeiten und die müssen immer weitergegeben werden. Das heißt, sich das nur anzuschauen, wie man es in einem Museum machen würde, reicht in dem Falle gar nicht aus. Es muss wirklich von den Alten an die Jungen weitergegeben werden, damit sie die Segel reparieren, das Schiff und das Rigg instand halten und sich selbst darauf vorbereiten können. Eine bessere Schule gibt es da gar nicht.
Timm Kruse: Wir müssen mal über die Stammcrew reden, die das seit Jahrzehnten ehrenamtlich macht. Es sind immer Seemänner und -frauen an Bord, die bestimmte Fähigkeiten haben und sind wochenlang unterwegs. Wie funktioniert das für die Leute?
Fabian Boerger: Viele sind einfach fasziniert von dem Schiff und von diesem ganzen Projekt und auch von diesem Spirit, der da auch an Bord lebt. Genau das ist das, was viele motiviert, dabei zu bleiben. Die Crewmitglieder – also die Stammcrew, die eine gewisse Ausbildung gemacht hat, bei der sie ein paar Tage mitsegeln und alles Grundlegende lernen – engagieren sich in dem Verein, den es dazu gibt. Dort sind sie versammelt und können sich auf unterschiedlichste Weise einbringen. Ein solches Schiff ist unfassbar aufwendig: Es muss in die Werft, repariert und betrieben werden, es will Touren segeln, gewartet werden etc. Dafür braucht es immer Leute. Der Verein hat etwa 1.700 Mitglieder, wobei die Stammcrew, die regelmäßig dabei ist, natürlich deutlich kleiner ist – aber genau diese Leute braucht es, um all die Aufgaben erfüllen zu können. Es sind wirklich sehr motivierte Menschen. Ich war selbst sehr überrascht und habe mich gefragt, ob sie ihre Freizeit dafür opfern, dieses Schiff am Laufen zu halten. Viele sehen es aber nicht als Opfer, sondern als Hobby und als eine sinnvolle Art, ihre Zeit zu verbringen. Ich war selbst sehr angetan und konnte am Ende sehr gut nachvollziehen, welche Vorteile man daraus zieht und was man dabei alles lernt. Insofern ist es ein sehr spannendes Hobby, das viele verbindet: einen alten Schoner gemeinsam weiter zu betreiben.
Timm Kruse: Man kann sich als Außenstehender gar nicht vorstellen, was ein solches Boot verschlingt. Die Erneuerung des Rumpfes kostete 2,7 Millionen Euro. Und das für ein Schiff mit einem relativ kleinen Verein. Wie haben die das gestemmt?
Fabian Boerger: Ich finde diese Zahl auch spannend. Ich war auch kurz geschockt, aber dann sagte Detlef Soitzek auch zu mir: ”Na ja, das ist eigentlich jetzt nicht unbedingt so viel für ein Boot.” Wenn man Schiffe dieser Größe vergleicht, ist der finanzielle Aufwand, den man betreiben muss, um ein solches Schiff am Leben zu halten, wirklich immens. Das Projekt hat viel Unterstützung von unterschiedlichen Personen, Privatleuten und Organisationen erhalten, die alle bereit waren zu helfen und das Vorhaben zu unterstützen. Nichtsdestotrotz war es natürlich ein riesiger Kraftakt, das alles stemmen zu können. Auch die Bank musste mitspielen und Kredite ermöglichen. Am Ende hat alles geklappt – aber es war durchaus bange, ob es so funktionieren würde. In den Jahren 2007 bis 2009, als das Schiff neu gebaut und restauriert wurde, war einigen wirklich nicht ganz wohl dabei, ob es am Ende gut gehen würde. Zum Glück ist es das.
Timm Kruse: Für mich ist es die größte Leistung von Detlef Soitzek, dass er erstens durchgezogen hat und ich glaube, dass er es geschafft hat, Menschen an dieses Projekt zu binden, die immer wieder bereit waren, Geld und Zeit da reinzustecken. Hast du ihn von seinem Charisma her auch so erlebt?
Fabian Boerger: Er ist ein totaler Motivator. Er steckt mit seinem Drive und seiner Art total an. Aber ich glaube, es ist noch viel mehr als das: Es ist der Geist, der Spirit, der an Bord herrscht – dieses gegenseitige Helfen, das Tragen von Verantwortung, dieses Miteinander. Das ist einfach total ansteckend. Detlef Soitzek ist dabei sicherlich ein wichtiger Aspekt, aber es ist dieser Geist, der motiviert, der hält und der ansteckt. Ich glaube, das ist es, was die meisten Menschen an diesem Schiff hält – was sie begeistert, immer wieder neu motiviert und ihnen hilft, alle Hürden zu überstehen, die es sicherlich gab, gibt und auch geben wird. Ich mache mir da keine Sorgen: Solange diese Motivation und dieser Drive am Leben gehalten werden, wird es immer Menschen geben, die das Projekt fortführen und daran festhalten. Sie sind auf einem sehr guten Weg. Es war jedenfalls spannend, das einmal so kennenlernen zu dürfen.
Timm Kruse: Nach mehr als vierzig Jahren geht Detlef Soitzek jetzt von Bord. Kann man so ein Lebenswerk wirklich übergeben?
Fabian Boerger: Das ist eine gute Frage – ich würde sie ihm auch gerne in zehn Jahren noch einmal stellen. Ich glaube aber, dass sie auf einem guten Weg sind. Ich hatte zumindest den Eindruck, dass das, was gerade passiert, sehr durchdacht ist. Es wird eine Stiftung gegründet – das ist noch im Prozess – mit dem Ziel, dieses Lebenswerk von einer einzelnen Person, nämlich Detlef Soitzek, zu lösen und auf neue Beine zu stellen. Die Stiftungsform ist dafür eine sehr hilfreiche Struktur. Den Eindruck, den ich gewonnen habe, ist, dass darüber lange und intensiv nachgedacht wurde und dass alle genau wissen, warum sie diesen Weg gehen. Ich glaube daher, dass das Schiff und seine Finanzierung – die, wie wir mehrfach angesprochen haben, Unsummen verschlingt – auf einem wirklich guten Weg sind. Es wurde genau überlegt, wie man das Projekt am effektivsten fortführen kann, damit auch in Zukunft noch tausende junge Schülerinnen und Schüler an Bord sein können – und nicht nur sie, sondern Menschen aller Generationen, die mitsegeln und dieses Erlebnis für sich erfahren können.
Das Interview führte Timm Kruse.
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Redakteurin Wassersport Digital-Redaktion
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