Anfang der 80er-Jahre rief Detlef Soitzek das Projekt „Thor Heyerdahl“ ins Leben – ohne zu wissen, ob sein Vorhaben jemals gelingen würde. Aus der kühnen Idee entstand ein Segelschulschiff, das bis heute junge Menschen auf das Leben vorbereitet und traditionelle Seemannschaft bewahrt. Im YACHT-Interview spricht der 75-Jährige über finanzielle Tiefpunkte, die Kraft des Ehrenamts, veränderte Generationen und die Kunst, ein Lebenswerk in neue Hände zu geben.
YACHT: Herr Soitzek, wenn Sie heute auf die „Thor Heyerdahl“ blicken, was sehen Sie da: ein Schiff, eine Schule, ein Lebenswerk?
Detlef Soitzek: Alles zusammen. Es ist nicht nur ein Schiff, sondern in der Rückschau auch mein Lebenswerk. Ich bin schon ein bisschen stolz darauf, dass es sich so entwickelt und erhalten hat - und auch wachsen konnte.
Wenn Sie zurückschauen: Wie verrückt war dieses Vorhaben?
Das waren Ideen, die man eben mit 26 Jahren hat. Da fragt man nicht lange nach den Risiken, sondern krempelt die Ärmel hoch und packt an. Wir haben damals alles investiert, was wir hatten. Wir haben Darlehen aufgenommen und Freunde angepumpt. Vier Jahre lang haben wir unbezahlt gearbeitet und dieses Projekt aufgebaut. Das war schon ein großes Risiko. Wir wussten nicht, ob wir damit jemals auch nur eine D-Mark einnehmen würden. Das war völlig ungewiss.
Aber wir sind dieses Risiko eingegangen. Heute würde ich dreimal darüber nachdenken, vermutlich absagen und zum Schluss kommen: „Nein. Finger weg, das wird nichts.“ Aber damals hat man viel Kraft und noch nicht all die Erfahrungen, die man später im Leben sammelt. Das ist auch gut so, denn sonst packt man so etwas gar nicht erst an.
Was für Rückmeldungen erhielten sie damals auf diese Idee?
Gerade in der Anfangsphase waren sie sehr verhalten. Wir haben praktisch einen alten Rumpf wieder aufgebaut. Es fing damals vor allem bei HDW (Howaldtswerke-Deutsche Werft in Kiel, Red.) an. 1979/80 haben wir dort zum ersten Mal festgemacht. Man sagte uns: „Das sind zwar zwei Verrückte, aber die haben Kraft und Ahnung.“
Es war ja nicht so, dass wir völlig unbedarft waren und gar nicht wussten, was auf uns zukommt. Wir hatten fachliche Kenntnisse und wussten ziemlich genau, was wir wollten.
Das fand mehr Anerkennung und Unterstützung, als wir damals ahnen konnten.”
Welche Idee stand anfangs hinter dem Projekt „Thor Heyerdahl“?
Dafür muss ich ein wenig bei meiner Biografie anfangen. Schon mit neun Jahren hatte ich die Idee, zur See zu fahren. Das habe ich später dann auch gemacht. Mit 15 Jahren ging ich an Bord. Anschließend erwarb ich mein Kapitänspatent und fuhr als Schiffsoffizier und Kapitän zur See.
Irgendwann war ich bereit für etwas anderes und bekam die Möglichkeit, als Navigator an der TIGRIS-Expedition des norwegischen Forschers Thor Heyerdahl teilzunehmen. Wie sich später herausstellte, war ich der einzige Deutsche, der jemals an einer seiner Expeditionen teilgenommen hat. Das hat mein Leben ziemlich verändert. Diese Erfahrung schlägt sich auch im Namen des Schiffes nieder.
Als wir zurückkamen, wollte ich nicht mehr in die Seefahrt zurück. Ich beendete mein Zweitstudium in Bremen und traf die Entscheidung, ein Schiff aufzubauen, um meine Erfahrungen und Kenntnisse an junge Leute weiterzugeben. Das war die ursprüngliche Idee. Dabei ist es bis heute geblieben. Vielleicht ist das auch die Begründung für den Erfolg: Die Zielrichtung war immer dieselbe. Sie hat sich durchgesetzt und ist schließlich sehr erfolgreich geworden.
Was hat sich im Laufe der Jahre verändert?
Die Menschen sind andere geworden – auch die Jugendlichen, die heute zu uns an Bord kommen. Wenn man jene von 1983 mit denen von heute vergleicht, sieht man Unterschiede. Ich möchte das gar nicht bewerten, aber früher hatte ich das Gefühl, dass die Jugendlichen selbstständiger und lebenstüchtiger waren.
Heute bekommen wir oft Schülerinnen und Schüler, die – etwas polemisch ausgedrückt – kaum lebensfähig wären, wenn man sie irgendwo allein abstellen würde. Sie brauchen mehr Unterstützung, aber auch einen gewissen Anstoß, damit sie auf den Weg kommen und selbstständig werden.
Wie ist es beim Schiff: Hat sich da etwas geändert?
Zwischen 2007 und 2009 wurde der gesamte Rumpf neu gebaut. Es hat einen moderneren Innenausbau bekommen, ist von den Abmessungen her allerdings gleichgeblieben. Wir haben weiterhin kaum Automatik an Bord, außer dort, wo sie wirklich notwendig ist, etwa bei moderner Navigations- und Sicherheitstechnik. Das ist alles auf dem neuesten Stand. Aber der gesamte Segelbetrieb ist Handarbeit. Man braucht viele Leute, um das Schiff zu betreiben. Das bedeutet zugleich, dass wir auf diesem Traditionsschiff traditionelles Handwerk am Leben erhalten.
Wie schwer ist das?
Der Vorteil ist, dass wir uns tagtäglich damit befassen. Ich selbst habe das Handwerk hier in Kiel gelernt, vor allem durch die damalige Zusammenarbeit mit HDW. Dort gab es noch Takler, die an alten Segelschiffen gearbeitet, die Gorch Fock überholt und andere alte Schiffe aufgebaut hatten.
Das hat sehr viel mit Handarbeit und mit Kenntnissen zu tun, die mir damals beim Aufbau der „Thor Heyerdahl“ vermittelt wurden. Wir haben dieses Wissen übernommen, viel mit Tauwerk und Segeltuch gearbeitet und auch das Rigg so aufgebaut, wie es auf alten Seglern üblich war.
Diese Fähigkeiten und Kenntnisse sind inzwischen weitgehend verloren gegangen. Von den damaligen Taklern und Segelmachern ist niemand mehr übrig. Wir tragen dieses Wissen nun weiter – die traditionelle Art des Auftakelns, die Arbeit mit Knoten und Tauwerk und vieles mehr.
Rennen Sie mit dem traditionellen Handwerk bei jungen Leuten offene Türen ein?
Ja, definitiv. Alle wollen zum Beispiel am Rigg arbeiten. Niemand möchte besonders gerne Rost klopfen, obwohl auch das auf einem Stahlschiff manchmal notwendig ist. Am liebsten arbeiten gerade die jungen Leute mit den Segeln, dem Tauwerk und im Rigg.
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Wenn wir noch einmal auf die Geschichte des Projekts eingehen: Gab es einen Zeitpunkt, an dem es ernsthaft auf der Kippe stand?
Ja, den gab es auf jeden Fall. Die ersten fünf Jahre waren finanziell ein Desaster, bis wir uns freischwimmen konnten.
Eine weitere schwierige Zeit war die Neubauphase. Das Schiff musste nicht nur restauriert, sondern komplett neu gebaut werden. Es wurde im Trockendock untersucht und geschallt. Dabei stellte sich heraus, dass 60 Prozent der Beplattung unter dem Sollwert lagen. Auch das gesamte Deck hätte ausgewechselt werden müssen.
Die Entscheidungsträger bei HDW sagten damals: „Setz dich hin. Es lohnt sich nicht, dieses Schiff zu reparieren. Wir bauen es neu.“ Das bedeutete allerdings einen erneuten zweijährigen Neubau und Kosten von 2,7 Millionen Euro. Verglichen mit anderen Schiffen dieser Größenordnung ist das nicht viel. Aber wenn man das Geld nicht hat, sind 2,7 Millionen Euro sehr viel.
Wir haben es tatsächlich geschafft, dieses Geld zusammenzubringen. Natürlich gab es Rücklagen, aber die reichten hinten und vorne nicht. Viele Vereinsmitglieder gaben uns Kleindarlehen und halfen tatkräftig mit. Für die schiffbaulichen Arbeiten und die Maschinentechnik brauchten wir selbstverständlich Fachleute.
Das war noch einmal eine sehr schwierige Phase. Wir standen praktisch wieder bei null und mussten trotz aller finanziellen Schwierigkeiten weitermachen. Noch einmal zwei Jahre lang ein solches Schiff zu bauen, nachdem ich bereits die ersten vier Aufbaujahre hinter mir hatte, war für mich sehr hart.
Was hat Sie in solchen Momenten weitermachen lassen?
In einer bestimmten Phase gab es nur noch die Wahl: entweder jetzt aufhören oder weitermachen. Letztlich hing alles an einem Kredit über 400.000 Euro, der unbedingt bewilligt werden musste. Der ging bei unserer Hausbank gerade noch durch. Das war die absolute Tiefphase. Danach ging es wieder aufwärts. Das hat natürlich sehr viel Kraft und Nerven gekostet.
Außerdem fahre ich einfach gerne zur See und bin gerne mit jungen Leuten zusammen. Das sind zwei wichtige Aspekte. Außerdem ist mir dieses Schiff ans Herz gewachsen. Wenn es irgendwo vor Anker liegt, man auf einer Insel ist und es von außen betrachtet, sieht es einfach gut aus. Daran kann ich mich bis heute erfreuen. Das hat mir die Motivation gegeben.
Ich habe es nie bereut. Es waren harte Zeiten, aber ich würde es immer wieder machen.“
Der Großteil des Schiffbetriebs wird von Ehrenamtlichen getragen. Wie gelingt es, aus der Begeisterung auch ein Verantwortungsbewusstsein für die Crew und das Schiff entstehen zu lassen?
Das geht gewissermaßen von allein. Der beste Pädagoge an Bord ist das Schiff selbst – und die See. Alle wissen: Wenn wir auslaufen und auf hohe See hinauswollen, müssen bestimmte Voraussetzungen erfüllt sein. Das Schiff muss seetüchtig und wir müssen gut ausgerüstet sein. Jeder, der schon einmal draußen war, weiß das.
Beim ersten Mal gibt es natürlich große Augen und viel Staunen darüber, was alles notwendig ist. Wer aber ein halbes Jahr lang auf dem Atlantik unterwegs war, weiß: Es muss sein, daran führt kein Weg vorbei.
Es findet außerdem ein Austausch statt. Es sind immer Ehemalige dabei, die bereits Erfahrungen gesammelt haben und diese weitergeben. Das kommt an, weil es nichts künstlich Aufgesetztes ist.
Was lernt man auf einem solchen Schiff, das man an Land nicht lernen kann?
Man lernt, Geduld zu haben und durchzuhalten. Außerdem lernt man, auf engstem Raum seinen Kram zusammenzuhalten. Seeleute kommen an Land eigentlich immer gut zurecht. In einer großen Wohnung verliert man sich manchmal, aber an Bord lernt man, mit wenig auszukommen.
Auch für 50 Leute schmackhaftes Essen zuzubereiten – und das dreimal am Tag – ist eine Herausforderung. An Land ist das eher einfacher als auf See. Wer das sechs Monate lang durchhält, kann anschließend problemlos ein Restaurant oder einen Hotelbetrieb eröffnen.
Wie fühlt es sich an, über eine so lange Zeit auf engem Raum an Bord zu sein?
Lange Zeit mochte ich das gar nicht mehr. Ich hatte es einfach zu viel gemacht. Ich war mehr als 43 Jahre lang unterwegs.
Inzwischen habe ich es für mich neu entdeckt – vor allem das Gefühl, auf dem Wasser zu sein, die Stille beim Segeln oder auch beim Ankern. Mir ist wieder bewusst geworden, welch unglaublicher Vorteil und Luxus dort draußen liegt. Das kennen wir hier an Land kaum noch. Hier wird man mit Werbung und anderen äußeren Einflüssen zugemüllt. Draußen konzentriert sich alles auf das Wesentliche. Das habe ich ganz neu entdeckt und wieder ins Herz geschlossen.
Ein Großteil der Fahrten richtet sich an Jugendliche. Es gibt viele Jugendprojekte, unter anderem die Karibikfahrt mit dem „Klassenzimmer unter Segeln“. Gleichzeitig fällt auf, dass die Stammcrew vom Alter her sehr gemischt ist. Wie wichtig ist diese Verbindung der Generationen?
Im Grunde ist zwischen acht und 80 Jahren für jeden etwas dabei. Es muss nicht jeder nach oben gehen, die Topsegel setzen oder die Segel aus- und einpacken. Für jeden gibt es Möglichkeiten, sich einzubringen.
Weil es überall verschiedene Arbeiten und Bereiche gibt, können sich sowohl junge als auch ältere Leute langfristig wohlfühlen und ihren eigenen Bereich finden. Erstaunlicherweise funktioniert das sehr gut.
Wir haben das immer so gehalten. Wir haben nie reine Jugendreisen oder Reisen nur für eine bestimmte Gruppe gemacht:
Die Zusammensetzung war immer gemischt – und das funktioniert.”
Wenn Sie all die Elemente berücksichtigen, die das Projekt tragen: Was ist das Erfolgsrezept der „Thor Heyerdahl“?
Das Erfolgsrezept besteht zunächst darin, an der Idee festzuhalten. Außerdem muss man alle Leute einbeziehen. Man darf nicht autoritär handeln, sondern muss alle am Gesamtprozess beteiligen. Das ist das Wichtigste.
Dazu gehört auch, den Menschen die notwendigen Informationen zu geben, bevor eine Reise losgeht. Eine gute Vorbereitung mit allen Beteiligten ist entscheidend. Manchmal nimmt man sich dafür nur einige Stunden, manchmal auch mehrere Tage. Man bildet die Leute aus und zeigt ihnen alles.
Anschließend muss man aber auch Aufgaben abgeben und sagen: „Jetzt seid ihr dran, jetzt macht ihr das.“ Damit wird Verantwortung übertragen – und natürlich auch erwartet. Wenn es nicht funktioniert, muss man wieder zusammenkommen, darüber sprechen und es verbessern. Daran führt kein Weg vorbei.
Stichwort Verantwortung übertragen: Sie sind Ende August in den Ruhestand gegangen. Wie schwer fiel es Ihnen, Verantwortung abzugeben?
Inzwischen fällt es mir leicht, weil ich weiß, dass es gute Nachfolger gibt. Ich habe ein gutes Gefühl, wenn ich die Verantwortung jetzt weitergebe, und bin sicher, dass es gelingen wird.
Der Wechsel erfolgt nicht von null auf hundert, sondern ist über längere Zeit gewachsen. Es gibt Menschen, die seit Jahren dabei sind und das Projekt weitertragen. Ich hoffe, dass es sich auch in Zukunft noch viele Jahre oder sogar Jahrzehnte weitertragen wird. Wer weiß das schon? Der Weg ist jedenfalls allen bekannt: Verantwortung übertragen, weitergeben und die Menschen machen lassen.
In diesem Jahr steht bei der „Thor Heyerdahl“ eine weitere große Veränderung an: Gemeinsam mit dem Verein Segelschiff „Thor Heyerdahl“ e.V. gründen Sie eine Stiftung. Was ist geplant und warum gehen Sie diesen Schritt?
Die Stiftung wird unter anderem ins Leben gerufen, um das Schiff von Einzelpersonen unabhängig zu machen. Das war auch vielen Menschen im Verein und im Projekt ein Anliegen.
Natürlich hing bislang ziemlich viel an mir. Ich habe aber immer wieder Aufgaben abgegeben – und das zunehmend. In Zukunft soll sich das Projekt unabhängig weiterentwickeln können. Die Stiftung wird die neue Eigentümerin des Schiffes. Sie muss natürlich entsprechend besetzt sein, zunächst noch mit mir und dann mit Vertretern des Vereins.
Inwiefern wird sich das auf den regulären Betrieb des Schiffes auswirken?
Ich glaube und hoffe, dass sich nur wenig verändern wird. Es soll und muss einfach so weiterlaufen wie bisher. Natürlich müssen an der einen oder anderen Stelle modernere Aspekte hinzukommen. Auch muss immer wieder vieles erneuert werden. Das erfordert ein Schiff, das im Atlantik und auf hoher See unterwegs ist.
Aber der Kurs muss gehalten werden, um es einmal so auszudrücken.”
Was wünschen Sie der „Thor Heyerdahl“ für die nächsten Jahrzehnte?
Für die nächsten 50 Jahre wünsche ich ihr eine gute Reise und gutes Gelingen. Langfristig wünsche ich mir außerdem, dass wir mit immer weniger Diesel und irgendwann ganz ohne Diesel über den Atlantik fahren können. Das ist eine meiner Visionen.
Technisch wäre das heute bereits möglich, aber es ist noch nicht finanzierbar. Vielleicht kommt es irgendwann dazu.
Dann wünschen wir Ihnen alles Gute und bedanken uns herzlich für das Gespräch.

Redakteur News & Panorama
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