„Steuerbord, zehn“, sagt Kapitän Alexandre Poirier. Der 36-Jährige steht auf dem Achterschiff des Dreimast-Toppsegelschoners „Thor Heyerdahl“. Kurze Hose, Mütze, verspiegelte Sonnenbrille. Von hier, leicht erhöht, kann er gut über das gesamte Deck blicken. Wenige Meter hinter ihm wiederholt die junge Rudergängerin das Kommando: „Steuerbord, zehn.“ Mit vollem Körpereinsatz kurbelt Fenja, 16, am traktorreifengroßen Steuerrad und stoppt. Dann meldet sie: „Liegt.“ Träge dreht sich der Koloss nach Steuerbord.
Es ist Hanse Sail, am Anleger des Rostocker Stadthafens warten die Tagesgäste der nächsten Ausfahrt. Mehrfach täglich läuft das Schiff aus, macht Werbung und ermöglicht Traditionssegeln zum Anfassen. Doch zuerst muss Poirier das über 400 Tonnen schwere, 49,8 Meter lange Segelschulschiff sicher an die Kaikante bringen.Als er an einem Messinghebel neben dem Steuerstand zieht, zischt und schnaubt es und der Sechszylinder-Deutz mit 400 PS im Rumpf erwacht. Aus dem seitlich abstehenden Schornstein steigt Qualm wie aus einer Lokomotive. Mit einem tellergroßen Messingrad erhöht Poirier die Drehzahl. Das ganze Schiff vibriert, nimmt Fahrt auf. Dann das nächste Kommando, kurz und präzise: „Backbord, fünf.“ Die Antwort kommt sofort: „Backbord, fünf. Liegt.“ Poirier stoppt die Hauptmaschine, bedient zwei Hebel, und der Deutz brummt erneut auf, läuft nun rückwärts, und das Schiff steht.
Die „Thor Heyerdahl“ lief 1930 im niederländischen Westerbroek als Frachtmotorsegler vom Stapel. Bis sie Anfang der 80er-Jahre zum Segelschulschiff umgebaut wurde, fuhr sie jahrzehntelang zur See. Einzelteile von Rumpf, Rigg und Hauptmaschine tauschte man seither, teils mehrfach, aus. Kein Wunder also, dass das Schiff heute allerhand Eigenheiten hat.
Etwa bei der Bedienung der Maschine: Das ständige Starten und Stoppen ist nämlich keine Marotte des Kapitäns, sondern schlichte Notwendigkeit. Der Deutz ist Baujahr 1951, lief früher als Notstromaggregat in einem Krankenhaus. Er ist direkt mit der Propellerwelle verbunden, ein Getriebe fehlt, erklärt Hanna Stender. Sie ist die Maschinistin an Bord. Vor jedem Richtungswechsel muss die Nockenwelle verschoben, die Maschine neu gestartet werden, sagt sie. An Land arbeitet die studierte Maschinenbauingenieurin als Energieberaterin. Den Motor kennt sie durch und durch.
Mittlerweile liegen nur noch wenige Meter Wasser zwischen Rumpf und Pier. Dann gibt Lukas Reinmund, Wachführer auf dem Achterdeck, ein Handzeichen: Faust gegen flache Hand. Es gilt der Crew des Dingis als Zeichen zum Pushen. Das orange Schlauchboot, das sich gerade am Bug positioniert, ist der Schlepper der „Thor Heyerdahl“ und ersetzt die fehlenden Querstrahlruder. Mit dröhnendem Außenborder drückt es den Rumpf an den Kai.
Backbord, Steuerbord, fünf, zehn, dreißig. Pushen! Das Manöver braucht seine Zeit. Doch weder Kapitän Poirier noch die 18-köpfige Besatzung lassen sich hetzen. In aller Ruhe, trotz Seitenwind und engem Fahrwasser, drehen sie die „Thor Heyerdahl“ erst auf dem Teller. Dann manövrieren sie das Schiff längsseits an seinen Liegeplatz.
Während des Manövers wirkt die Crew wie ein Orchester: Poirier dirigiert, die Besatzung spielt Spring-, Vor- und Achterleinen, Fender und Dingi wie Musiker ihre Instrumente. Kein Gerenne, kein Geschreie. Der Umgang wirkt freundschaftlich, auf Augenhöhe. Klare Hierarchien gibt es trotzdem: Kapitän, Wachführer, Deckshand. Und die braucht es auch. 14 Segel verteilen sich auf Schoner-, Groß- und Besanmast. Verschiedene Rahsegel, Gaffelsegel und Toppsegel haben zusammen rund 830 Quadratmeter Segelfläche. Ohne Struktur lässt sich das kaum bändigen.
Genau wie die schiere Masse des Schiffes. Beim Anlegen ist das eine Herausforderung. „Das Schiff ist robust, gebaut für die weltweite Fahrt. Das rächt sich in der Agilität“, sagt Poirier. Dennoch fahre sich ein Großteil der Manöver wie bei einer Fahrtenyacht, nur einige Nummern höher skaliert.
Was man auf den ersten Blick nicht sieht: Die gesamte Crew ist ehrenamtlich an Bord. Statt bezahlter Profis stellen alle hier an Bord ihre Freizeit zur Verfügung, damit das Segelschulschiff betrieben werden kann. Dafür sind sie Mitglied im Verein Segelschiff „Thor Heyerdahl e.V.“. Der Verein zählt rund 1.700 Mitglieder, davon gehört etwa ein Viertel zur aktiven Stammcrew. Wer dazugehören will, muss mindestens einen zehntägigen Ausbildungstörn absolviert haben, bei dem man die nautischen, technischen und seglerischen Grundlagen erlernt. Die Mitglieder kommen aus allen Altersklassen, vom Schüler bis zum Rentner, wobei die U35-Jährigen deutlich überrepräsentiert sind.
Die hohe Zahl an aktiven Mitgliedern braucht es auch, da die „Thor Heyerdahl“ das ganze Jahr über im Einsatz ist. Im Winter ist sie mit 34 Jugendlichen und dem Klassenzimmer unter Segeln (KUS), einem Bildungsprojekt der Uni Erlangen-Nürnberg, auf dem Atlantik und in der Karibik. Im Sommer ist das Schiff auf Nord- und Ostsee unterwegs, zweimal im Jahr ist es in der Werft in Kiel.
„Von einer Nachmittagsfahrt bis zu dreiwöchigen Sommerreisen brauchen wir immer Leute“, sagt Verena Osterrieder. Die Geografin ist für das Crewing zuständig, koordiniert die ehrenamtliche Stammbesatzung. Seit mittlerweile 24 Jahren ist sie dabei. „Das ist manchmal ein Spagat“, sagt sie. Es brauche viel Professionalität und Motivation. Doch die haben die Vereinsmitglieder. Das spürt man an Bord und es zeigt sich auch an der Nachfrage. Schrumpfende Mitgliedszahlen sind kein Thema.
Nachwuchs gewinnen sie vor allem unter jungen Menschen, die bei Sommertörns oder der Atlantikreise an Bord waren. Rudergängerin Fenja etwa stieß erst im vergangenen Winter über das Klassenzimmer unter Segeln dazu und versucht seitdem so oft wie möglich mitzufahren.
Wachführer Lukas Reinmund, Gymnasiallehrer aus Bayern, begleitete vor drei Jahren eine Klasse über den Atlantik und gehört seither zur Stammbesatzung. Was ihn antreibt, ist nicht allein das Naturerlebnis, sondern der besondere Lernraum. „Wir bringen sie in Situationen, die sie herausfordern. Wir übergeben Verantwortung, ohne zu überfordern. Daran wachsen sie.“
Maschinistin Hanna Stender fuhr vor fünf Jahren ihren ersten Törn, heute hat sie die Technik an Bord im Blick. Ihre Begeisterung will sie weitergeben, vor allem an Frauen und Mädchen. „Ich weiß, dass es da manchmal Berührungsängste gibt“, sagt sie. „Doch hier kann man alles anfassen, berühren und auseinandernehmen.“
Kapitän Alexandre Poirier, studierter Schiffbauer, war 2012 beim Ausbildungstörn dabei, segelte kurz darauf über den Atlantik und arbeitete sich Schein für Schein von der Deckshand bis zum Kapitän. Ihn reize vor allem die seemännische Komplexität: „Mit 50 Leuten ein Manöver fahren, teils bei schwerer See, mit 14 Segeln. Das ist anspruchsvoll. Da müssen alle Zahnräder ineinandergreifen.“
Das Besondere, sagt Verena Osterrieder: „Die jungen Leute haben Lust und arbeiten sich tief in die Themen ein.“ Anschließend werde das Spezialwissen untereinander weitergegeben. „Daraus speist sich die Motivation.“ Eine, die davon berichten kann, ist Laura Lühnenschloss. Sie ist heute eine der wenigen Taklerinnen in Europa und arbeitete an den Riggs prominenter Traditionssegelschiffe wie der „Rickmer Rickmers“, der „Peking“ oder aktuell der „Sea Cloud“. Den Weg zu ihrem Handwerk fand sie auf der „Thor Heyerdahl“. Über ihre Diplomarbeit im Sportstudium kam sie mit dem Segelschulschiff in Kontakt. 2014 machte sie ihren Ausbildungstörn, verguckte sich ins Taklerhandwerk und lernte von älteren Bootsleuten. Später wechselte sie zum Hamburger Takler Jochen Gnass. „Mein Wissen kam von der ‚Thor Heyerdahl‘, meine Leidenschaft hat sich dort entwickelt. Professionalisiert habe ich das später in Hamburg.“
Ob Takelage, Maschinentechnik oder Nautik, die Möglichkeiten an Bord sind vielseitig. Doch eines nehmen alle mit: das seemännische Wissen. „Wir sind Vorreiter, es zu erhalten und unseren eigenen Nachwuchs zu entwickeln“, sagt Kapitän Poirier. Eine wichtige Aufgabe: Seit Mitte März 2023 steht Sail-Training auf Traditionsschiffen unter dem Schutz der UNESCO, als schützenswertes kulturelles Brauchtum in Deutschland. „Es herrscht Miteinander statt Ellenbogenmentalität“, sagt Poirier und bringt damit auf den Punkt, was viele an Bord verbindet. Sie schwärmen vom Toppsegelschoner, fast noch mehr aber von der Gemeinschaft.
Die ist das Produkt eines pädagogischen Konzepts, das dem Projekt „Thor Heyerdahl“ seit Beginn innewohnt. Eines, das Gründer Detlef Soitzek Anfang der achtziger Jahre mit seinem damaligen Partner Günter Hoffmann und einer Handvoll Gleichgesinnter ins Leben gerufen hat. Dabei begann alles mit einem Wagnis, wie Soitzek in einem Buch zum 40. Jubiläum des Projekts schreibt. Demnach ersteigerte er 1979 die „Minnow“, damals unter panamaischer Flagge, bei einer Zwangsversteigerung des Amtsgerichts Hamburg.
Das damals noch als Frachtmotorsegler fahrende Schiff lag im Harburger Binnenhafen. Besichtigt hatte Soitzek es nicht. Er war mit 5.700 DM schlicht der Höchstbietende und bekam den Zuschlag. Der Zustand des Schiffes war akzeptabel, schreibt er, aber eine Grundsanierung und das vollständige Auftakeln standen bevor.
Noch während der Umbauarbeiten in der Howaldtswerke-Deutsche Werft (HDW) in Kiel, heute TKMS, taufte Soitzek 1981 das Schiff auf den Namen „Thor Heyerdahl“. Der Name war kein Zufall. Soitzek hatte 1977/78 als Navigator an der „Tigris“-Expedition des norwegischen Forschers teilgenommen. Sie sollte beweisen, dass die Sumerer schon vor 6.000 Jahren mit Schilfbooten das Meer befuhren und Handel trieben. Bei der Schiffstaufe hielt Namensgeber Heyerdahl fest, wozu das Schiff die folgenden Jahrzehnte dienen sollte: „Um eine heranwachsende Generation zu Pionieren zu machen und eine sterbende Fertigkeit aufrechtzuerhalten, die alte Kunst des Segelns.“
Wenig später gründeten Soitzek und seine Mitstreiter den gemeinnützigen Verein. Im Mai 1983 waren die Arbeiten schließlich abgeschlossen. Unzählige Arbeitsstunden und rund 500.000 DM Materialkosten verschlang der Umbau. Ab 1995 wurde das Projekt erweitert. Unter dem Namen High Seas High School fuhr die „Thor Heyerdahl“ nun in jedem Winter mit Schulklassen über den Atlantik. Im Sommerhalbjahr standen Jugendreisen in Nord- und Ostsee auf dem Programm.
Bis 2007 lief das so, bis schließlich das Ende drohte. Bei einer Routinemessung stellte sich heraus, dass ein Großteil der Stahlplatten der Außenhaut zu dünn geworden war. Reparieren lohne sich nicht, hieß es vonseiten der Werft. Man riet dazu, den Rumpf teilweise neu zu bauen.
Der Neubau dauerte zwei Jahre und kostete rund 2,7 Millionen Euro. Neben dem Rumpf wurde auch der Motor generalüberholt, weite Teile des Riggs wurden ausgetauscht. Seitdem heißt das Winterprogramm Klassenzimmer unter Segeln (KUS), heute wichtiger Bestandteil des Projekts und einer der Gründe, warum das Schiff das gesamte Jahr über ausgelastet ist. Über 40 Jahre besteht die Vision des Gründers mittlerweile. Nach Meilen soll das Schiff rund 30-mal um die Welt gesegelt, mehr als 30.000 Menschen sollen an Bord gewesen sein, junge Menschen unterschiedlichster Herkunft, denen neue Horizonte eröffnet wurden.
2021 zeichnete das Land Schleswig-Holstein die „Thor Heyerdahl“ mit dem Blauen Band aus. Doch so bewährt das Konzept sein mag, das Projekt steht vor Herausforderungen, die den Fortbestand gefährden. „Rahmenbedingungen und die Bürokratie sind strenger geworden“, sagt Osterrieder. Da sind gestiegene Kosten für Diesel und Material. Andererseits die neue Schiffssicherheitsverordnung mit strengeren Anforderungen. Hinzu kommt eine weitere Entwicklung: Projektgründer Detlef Soitzek geht in den Ruhestand. Um das Projekt im ursprünglichen Sinne zu erhalten, wird zur Zeit eine Stiftung gegründet. Sie soll das Schiff finanziell absichern und sicherstellen, dass die Vision weiterlebt. Derzeit sammeln die Mitglieder Spenden, um die Stiftung auf ein sicheres Fundament zu stellen.
An der Kaikante des Rostocker Stadthafens wartet schon die nächste Gruppe. Neue Gesichter, die meisten ohne Ahnung, was sie erwartet. Vielleicht wird der eine oder andere wiederkommen: als Stammbesatzung, Deckshand, irgendwann vielleicht sogar als Kapitän. Dann gibt Poirier eine kurze Einweisung, kurz danach sind alle auf Position. Die Leinen kommen vom Poller, das orange Dingi drückt den Bug von der Kaikante. „Steuerbord, dreißig.“ „Steuerbord, dreißig. Liegt.“ Erneut ertönt das Zischen, das Schnauben aus dem Rumpf. Der Deutz-Motor erwacht aufs Neue und die „Thor Heyerdahl“ fährt hinaus auf die Warnow zu ihrer zweiten Rundtour an diesem Tag.
Es ist ein dreimastiger Toppsegelschoner. Dieser Rigg-Typ ist für ein Schulschiff interessant, weil fast jeder Segeltyp vertreten ist: drei Rahsegel, Gaffelsegel, Toppsegel, Stagsegel und Vorsegel. Das Handling ist aufwendiger, doch dank der etwas überdimensionierten Takelage können bei 30 Schülern alle mithelfen.
Als früheres Frachtschiff läuft es nicht besonders gut Höhe. Dafür kann man das Setzen, Bergen und Reffen von Segeln sehr gut trainieren. Weil das Schiff sehr steif ist, kann es bei viel Wind noch viele Segel tragen.
Die vielen kleinen Segel erzeugen tote Stellen, an denen der Wind nicht genutzt wird. Weniger und größere Segel wären effizienter. Zum Üben sind die vielen kleinen Segel allerdings besser.
Viel. Es gibt einen Wartungsplan mit unterschiedlichen Intervallen: Das Leder in der Takelage wird möglichst alle zwei Wochen eingefettet, die Drähte des stehenden Guts alle sechs Monate konserviert. Abgeriebenes laufendes Gut wird gewechselt. In der Werft kochen wir Holzbelegnägel und ausgebaute Holzblöcke in Leinöl ein.
Vor allem durch die Jugendarbeit vieler Jahrzehnte. Das ist ein Alleinstellungsmerkmal. Ziel ist es, jungen Menschen zu zeigen, wie das Leben sein kann.
Die Seemannschaft behandelt Manöver, Navigation, Wetterkunde, Sicherheit und Bootsführung bis hin zum Schwerwettersegeln.
Knoten – Spleißen – Takeln konzentriert sich auf die praktische Arbeit mit Tauwerk und ergänzt damit den Blick auf die Takelage des Traditionsseglers. Anhand zahlreicher Zeichnungen erklärt der Titel Gebrauchsknoten, Steke, Spleiße, Takelarbeiten und das fachgerechte Belegen von Leinen.
Kann ehrenamtliches Engagement ein großes Segelschulschiff dauerhaft tragen oder braucht der Erhalt traditioneller Seemannschaft stärkere öffentliche Unterstützung? Schreiben Sie Ihre Meinung in die Kommentare.

Redakteur News & Panorama
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