Liebe Leserinnen und Leser,
woran denken Sie beim Wort „Ehrenamt“? Ich gebe zu, ich denke zuerst an Dinge wie Vorstandswahlen, zähe Vereinssitzungen und Kuchenbacken für den guten Zweck. Klar, all das ist nötig, damit der Laden läuft. Keine Frage. Nach Abenteuer, Begeisterung und Aufbruch klingt es allerdings nicht.
Doch wie verzerrt und klischeebehaftet dieses Bild ist, wurde mir vor Kurzem an Bord der „Thor Heyerdahl“ bewusst.
Der knapp 50 Meter lange Toppsegelschoner ist ein Segelschulschiff. Junge Menschen kommen an Bord, segeln, gehen Wache und übernehmen Verantwortung. Möglich wird all das erst durch Menschen, die ihre Fähigkeiten und ihre Freizeit freiwillig einbringen. Die Stammcrew fährt nach dem Prinzip „Hand gegen Koje“. Sie wird nicht bezahlt, sondern packt an, damit andere an Bord lernen und etwas erleben können.
Das klingt zunächst nach einem guten Tauschgeschäft. Tatsächlich ist es viel mehr. Denn an Bord begegnet man traditioneller Seemannschaft, einem Wissensschatz, der in unserer digitalen, städtisch geprägten Welt immer seltener wird. Dort klettert man meterhoch ins Rigg, tüftelt an alten Maschinen, in denen es knallt, zischt und rattert, oder leitet Manöver an.
An Bord traf ich zum Beispiel Hanna Stender, die Maschinistin. Wenn sie von der alten Maschine erzählte, strahlte sie eine Begeisterung aus, die keinen Zweifel daran ließ, warum sie hier war. Und da war Lukas Reinmund, ein junger Lehrer aus Bayern. Schon in seinem Beruf beschäftigt er sich mit Jugendbildung. In seiner Freizeit macht er auf der „Thor Heyerdahl“ einfach weiter – unter anderen Bedingungen, aber mit derselben Überzeugung.
Die Begeisterung, die an Bord herrschte, sprang auf mich über. Je länger ich dort war, desto deutlicher wurde mir: Dieses Schiff wird nicht nur von Wind und Diesel angetrieben, sondern vor allem von der Begeisterung der vielen Ehrenamtlichen.
Die Taklerin Laura Lühnenschloss machte ihre Leidenschaft für das Rigg sogar zum Beruf – mit Erfolg. Heute arbeitet sie an der Takelage legendärer Großsegler wie der „Rickmer Rickmers“, Hamburgs grünem Wahrzeichen, oder der „Peking“. Ein Satz von ihr ist mir besonders in der Erinnerung geblieben:
„Nichts ist stärker als eine freiwillige Gemeinschaft, die das gleiche Ziel verfolgt.“
Genau diese Gemeinschaft braucht es, um ein Traditionsschiff wie die „Thor Heyerdahl“ zu erhalten. Das ist schließlich keine Liebhaberei. Der Rumpf muss gepflegt, die Maschine gewartet, das Rigg kontrolliert werden. Segel, Leinen und Beschläge verschleißen. Reparaturen sind aufwendig, Material ist teuer, und an jeder Ecke braucht es Menschen, die wissen, was sie tun.
Ehrenamt macht all das nicht kostenlos. Auch freiwillige Arbeit kann weder neue Segel nähen noch Werftrechnungen bezahlen. Aber sie schafft etwas, das sich mit Geld allein kaum herstellen lässt: eine Gemeinschaft, die Verantwortung nicht weiterreicht, sondern übernimmt. Genau darin liegt ihre Stärke – und wohl auch die Verwirklichung jener Vision, die Projektgründer Detlef Soitzek vor mehr als 40 Jahren hatte.
Auf der „Thor Heyerdahl“ wird nicht nur ein altes Schiff erhalten. Es wird Wissen bewahrt. Menschen kommen mit traditionellem Handwerk, komplexen Manövern und alter Technik in Berührung. Sie lernen, werden sicherer, übernehmen Verantwortung – und geben ihr Können später selbst weiter. So entsteht ein Kreislauf, von dem am Ende alle profitieren.
Die „Thor Heyerdahl“ ist ein besonderes Beispiel dafür, wie sehr das Ehrenamt tragen kann - und wie es den gesamten Segelsport trägt. Denn ohne Ehrenamtliche gäbe es viele Jugendabteilungen, Regatten, Trainingsgruppen, Vereinsheime und Traditionsschiffe nicht. Oft fällt ihr Einsatz kaum auf. Doch erst wenn niemand mehr den Krantermin organisiert, das Regattabüro besetzt oder mit den Jugendlichen aufs Wasser geht, merken alle, was fehlt.
Ein schönes Wochenende wünscht
Fabian Boerger
YACHT-Redakteur
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