YACHT
· 11.11.2023
Liebe Leserinnen und Leser,
vor nun bald 15 Jahren hatte ich mir einen 20er-Jollenkreuzer von 1970 gekauft. Vollholz Mahagoni, Sanierungsstau, aber segelbar. Eigentlich war das Ziel, eine Saison lang auszuprobieren, ob er das richtige Boot für die Elbe und Familie sei, und ihn dann entweder wieder zu verkaufen oder weiter zu betreiben. Leider machte der Jolli aber unter Segeln, wenn die Lasten von Vor- und Achterstag die Planken auseinanderzogen, so viel Wasser, dass schon der erste Törn recht schnell wieder im Hafen und mit Pumpen endete. Die Entscheidung war dann, ob verkaufen oder ein Totalrefit angehen.
Ich entschied mich für das Zweitgenannte. Was bedeutete: Einen Winter lang Lacke runter, ausleisten, mit Glasfaser beziehen, Beschläge erneuern und, und, und. Doch dabei blieb es nicht. Der Kajütaufbau war sehr eckig, mit den kantigen Fenstern der 70er, eingefasst von Aluprofilen. „Telefonzelle“ wurde diese Art Aufbau genannt. Das fand ich hässlich. Ich kreierte neue Fensterformen, die große Frontscheibe wich zwei Bullaugen, das Süll wurde niedriger. Ich arbeitete mit Kohlefaser, in sichtbaren wie verborgenen Bereichen, änderte die Beschlagsanordnung und Bedienung, orderte Laminatsegel, versuchte, das Boot so gut es geht in die Neuzeit zu überführen.
Eines Winters saß ich bei einem Empfang einem Konstrukteur gegenüber. Erzählte voller Stolz, was ich nicht alles gemacht hätte und wie toll das Boot jetzt aussehen würde. Mein Gegenüber fiel aus allen Wolken: „Das kannst du doch nicht machen, so ein Boot ist auch ein Stück Zeitgeschichte, der Konstrukteur hat sich ursprünglich etwas dabei gedacht, das darf man nicht einfach verändern!“
Was heißt darf? „Das ist mein Boot, damit kann ich machen, was ich will“, entgegnete ich. „Wenn ich es zum Osterfeuer anzünde, ist das auch meine Sache.“ Schließlich sei ich ja nicht in einem Förderverein zum Erhalt maritimer Preziosen. Ich habe nichts dagegen, wenn Segler ihre Boote im Originalzustand erhalten wollen, im Gegenteil. Das sind dann echte Zeitzeugen, und das Bestreben ist hoch anzurechnen. Aber verpflichtet man sich mit dem Kauf eines alten Bootes auch zu so etwas wie Denkmalschutz?
Vor ein paar Jahren haben wir hier bei der YACHT einer schrottreifen Dehlya 25 ein völlig neues Interieur nebst modernem Rigg verpasst. Da gab es anfangs ähnliche Kommentare, dass man das doch nicht machen könne. Als das Boot dann aber auf verschiedenen Messen stand, habe ich niemanden erlebt, der nicht toll fand, was er sah.
Gerade haben wir wieder eine Serie laufen, in der es darum geht, einer betagten Yacht ein moderneres Aussehen zu verleihen. Ohne gewaltige Umbauten wie damals bei der Dehlya, eher mit optischen Veränderungen. Und wieder gibt es auf Youtube oder Facebook eine kontroverse Diskussion. „Aus wertigem Look wird Joghurtbecher-Look. Muss man nicht unbedingt mögen“, heißt es da. Aber auch: „Mir gefällt es super. Haben auch ein ‚älteres‘ Schiff und werden den Salon auch aufhellen.“
Über Geschmack lässt sich ja bekanntlich trefflich streiten. So wie die eine Yacht auch im Originalzustand dem einen gefällt und dem anderen eben nicht, so gilt das auch für Veränderungen am Boot. Mich wundert nur die Vehemenz, mit der da manche Diskussion geführt wird. In meinem Fall mit dem Konstrukteur, aber auch in öffentlichen Kanälen.
Was geht es jemand anderen an, was ich mit meinem Boot anstelle? Nichts, so ist meine Meinung. Erhaltenswertes findet seinen Weg in Museen oder wird von Enthusiasten gepflegt. Wenn nicht, landet es oft, obwohl eine gewisse Historie daran hängt, auf dem Müll. Meinen Jollenkreuzer dagegen gibt es noch, allerdings nicht mehr bei mir, weil ich ihn verkauft habe.
Hätte ich ihn aber nicht instand gesetzt und im Originalzustand belassen, wäre es fraglich, ob ich einen Käufer gefunden hätte. Da ist es doch besser, dass dieses Boot und viele andere immer noch gesegelt werden, an den Zeitgeschmack angepasst, statt dass ein neues bei der Werft geordert wird. Den Nachhaltigkeitsgedanken möchte ich hier gar nicht erst bemühen.
Chefredakteur Wassersport digital
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