MeinungOcean Globe Race – wofür braucht es Retro-Regatten?

YACHT

 · 23.09.2023

Meinung: Ocean Globe Race – wofür braucht es Retro-Regatten?
YACHT-Woche – Der Rückblick

yacht/bullseye-yacht-woche-morten-2000x500_326ce1a8b6424d0489c0a378c61fae0d

Liebe Leserinnen und Leser,

gerade läuft das Ocean Globe Race ein paar Tage, und schon musste ein schwerverletzter Teilnehmer aufwändig per Hubschrauber auf dem Nordatlantik gerettet werden. Zum Glück ist das gut gegangen dank der Professionalität aller Beteiligten. Beste Genesungswünsche an den Verletzten Stéphane Raguenes und alles Gute der Crew für den weiteren Verlauf der Retro-Teamregatta um die Welt. Bleibt zu hoffen, dass es nicht zu weiteren Unfällen, Bruch und womöglich Havarien kommt.

Im Frühjahr erst ging das Golden Globe Race 2022/23 zu Ende, ein weiteres Retro-Rennen, jedoch für Solisten, das Kirsten Neuschäfer spektakulär für sich entscheiden konnte. Eine Wahnsinnsleistung auf einem 36-Fuß-Langkieler ganz ohne elektronische Hilfsmittel zur Navigation. Da die zugelassenen Fahrtenyachten, die vor 1988 konstruiert sein mussten, entsprechend langsam um die Welt buckeln, sind sie zudem kaum in der Lage, einem sich nähernden Sturm auszuweichen. Was kommt, das kommt.

Dementsprechend dramatisch waren die sturmbedingten Havarien während der zwei bisher ausgetragenen Retro-Regatten. Sechs Entmastungen in den abgelegensten Teilen der Welt sind ein Beleg für die Gefahren dieser Rennen. Dazu kommen noch weitere Havarien aufgrund körperlicher und mentaler Erschöpfung, die mit modernen Autopiloten wahrscheinlich nicht passiert wären. Bisher ist alles gut ausgegangen.

Meistgelesene Artikel

1

2

3

4

5

Aber warum auf die technischen Errungenschaften verzichten, nur um wie vor 50 Jahren auf den Weltmeeren zu segeln? Man gefährdet ja nicht nur sich selbst, sondern provoziert auch teure Rettungsmanöver und bringt eventuell sogar die Retter in Gefahr. Auch wenn der Vergleich zugegebenermaßen etwas hinkt, aber in der Formel 1 käme wohl auch niemand auf die Idee, eine Retro-Version ausschließlich mit den technischen Möglichkeiten der siebziger Jahre auszurichten. Bezüglich der Sicherheit der Fahrer liegen Welten zwischen damals und heutzutage.

Speed fasziniert immer, vor allem wenn dieser bildgewaltig von On-Board-Reportern festgehalten und quasi in Echtzeit mit der Segelwelt geteilt wird, wie etwa bei der Vendée Globe. Die Videos nehmen den Zuschauer mit in eine spannende Welt, die für 99,9 Prozent aller Segelbegeisterten aber so weit weg ist wie eine Reise zum Mond. Denn es braucht schon einen zweistelligen Millionenbetrag, um einen neuen Imoca zu entwickeln und zu bauen. Nur die besten und renommiertesten Offshore-Segler, die sich darüber hinaus gut vermarkten können, kommen daher überhaupt in Frage für eine solche Kampagne.

Die frühere Königsdisziplin, die Navigation auf hoher See, sowie das Einschätzen von Wind und Wetter geraten dabei aber immer mehr in den Hintergrund. Vielmehr sitzen die Solo-Skipper beziehungsweise die Navigatoren in einer futuristischen Kommandozentrale, während der Computer Vorschläge für das optimale Wetterrouting anhand der spezifischen Leistungsdaten des Bootes macht. Dafür sind die Decksarbeiten mit den Riesensegeln körperliche Schwerstarbeit und der ohrenbetäubende Geräuschpegel unter Deck mentaler Dauerstress.

Kein Wunder aber, dass die Zieleinläufe der modernen Imocas trotz Mammutdistanzen denkbar knapp sind – sofern die fragilen Hochleistungsmaschinen nicht mit Bruch zu kämpfen haben. Am Ende gewinnt dann entweder das Boot mit dem Quäntchen Glück oder das mit dem größten Budget beziehungsweise dem innovativsten Design.

Anders bei den Retro-Regatten, wo bewusst auf alle elektronischen Hilfsmittel verzichtet wird. Navigiert wird mit dem Sextanten, und der Kurs wird nach Gefühl, altem Wissen oder der aktuellen Wettersituation entsprechend ausgerichtet. Hat man Pech, hängt man entweder wochenlang in den Doldrums fest oder muss tagelang vor Topp und Takel vor einem Monstersturm ablaufen. Im Notfall darf natürlich trotzdem auf moderne Kommunikationsmittel zurückgegriffen werden, aber dann ist das Rennen sowieso schon gelaufen.

Die Kosten für die zugelassenen, relativ alten Boote sind im Vergleich überschaubar und für viele Skipper oder Teams im Zweifelsfall auch ohne Sponsoren zu stemmen. Für die Teilnahme am Ocean Globe Race beispielsweise, zahlt auf dem südafrikanischen Schiff, einer Swan 53, jedes Teammitglied 60.000 bis 70.000 Euro. Sponsoren hat das Boot nicht, deshalb müssen alle Teilnehmer sich auch am Refit beteiligen und alle Kosten für Klamotten, Reise und Ausrüstung selbst übernehmen. Immer noch viel Geld, aber dafür bekommen die Teilnehmer über acht Monate ein unvergleichliches Abenteuer auf den Weltmeeren geboten. Und sie müssen dafür auch keine Segelprofis sein.

Für mich sind die Retro-Regatten der Inbegriff von Sehnsucht und Abenteuer. Und eine Rückbesinnung auf das, was Segeln wirklich ausmacht: mit beschränkten Mitteln sich den Elementen der Natur zu stellen. Eine Art Flashback in eine Zeit, die weniger technologiegetrieben und computergesteuert schien und eher an Huckleberry Finn als an Science-Fiction erinnert. Ich als Zuschauer kann mich damit besser identifizieren, denn die Hobby-Abenteurer segeln vermeintlich auf Augenhöhe und lassen mich zumindest zu eigenen Träumereien hinreißen.

Und sie liefern große Geschichten: Die Südafrikanerin Kirsten Neuschäfer gewann als erste Frau eine Regatta um die Welt, nach acht langen Monaten allein auf See. Zudem rettete sie den Finnen Tapio Lehtinen, nachdem sein Boot innerhalb kürzester Zeit im Indischen Ozean auf Tiefe ging. Der Inder Abhilash Tomy wurde während der ersten Auflage des OGR schwer verletzt unter hoch dramatischen Umständen abgeborgen, um vier Jahre später erneut zu starten. Es folgte ein nervenaufreibender Zweikampf mit Neuschäfer um den Sieg. Und nicht zu vergessen der Franzose Jean-Luc van den Heede, der mit 73 Jahren das erste GGR 2018/19 gewann – Seemannskunst par excellence!

Morten Strauch,

YACHT-Redakteur

Newsletter: YACHT-Woche

Der Yacht Newsletter fasst die wichtigsten Themen der Woche zusammen, alle Top-Themen kompakt und direkt in deiner Mail-Box. Einfach anmelden:


Draufklicken zum Durchblicken

Die Woche in Bildern:

Voller Einsatz bei der 52 Super Series
Foto: Nico Martinez/52 Super Series

Lese-Empfehlungen der Redaktion:

yacht/Myproject-122_588dd1e2bf08c53ce7f0b81757956597

Neue Podcast-Folge

FreeNauticalChart – Das BSH nimmt Stellung

yacht/bsh-podcast-teaser_88ca5e03f72337ed892bbbd92e7c3f10

Letzte Woche sprach Adam Lucke im YACHT-Segelpodcast über FreeNauticalChart – seine kostenlose Seekarte aus öffentlich zugänglichen BSH-Daten. In Episode 75 erläutert Thomas Dehling, Leiter der Abteilung Nautische Hydrographie beim Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH), die Behördenperspektive.


La Solitaire du Figaro Paprec

Nico Lunven siegt, Boris Herrmann gratuliert

yacht/714792130-18551662174070849-1144572743152071785-n_b2ccd2ecce1d9f7c9079f77e55e32855

Finale im La Solitaire du Figaro Paprec: Boris Herrmanns langjähriger Navigator Nico Lunven hat das Rennen gemacht. Die Segelwelt huldigt dem Franzosen.


“Magic”

44-Meter-Vitters sucht neue Eignerfamilie

yacht/magic-10002026-vb5548777_bf5ffdc922f9b1c3375f4a629ba0baf4

Mit der 44 Meter langen „Magic“ lieferte Vitters ein hochbordiges Meisterwerk, das mit Ruhe und viel Raum überzeugt. Das sportliche Reichel/Pugh-Design entstand nach den präzisen Vorstellungen eines erfahrenen Seglers und sucht für 45 Millionen Euro einen neuen Eigner.


Amel 50.2

Ein neues Kapitel für die lange Fahrt

yacht/bildschirmfoto-2026-06-03-um-095409_004f23bc5c386149c3c530d86fad8839

Amel stellt die 50.2 vor: Der neue Blauwasserkreuzer folgt auf die erfolgreiche Amel 50, ist aber eine eigenständige Neukonstruktion von Berret-Racoupeau. Mit modernisierten Linien, überarbeitetem Cockpit und neuem Innenlayout bleibt sie dem Amel-Konzept treu: sicher, komfortabel und von kleiner Crew beherrschbar.


Klassiker

Wiederauferstehung der “Klaus Störtebeker III”

yacht/100137147_d7fb4b84226f2f1d37f3b46ceadf454c

Der gemeinnützige Verin Jadewind e.V. aus Oldenburg hat die Restaurierung der “Störtebeker III” fast abgeschlossen. Die Yacht soll künftig im Wilhelmshavener Museumshafen liegen und für Hochseereisen eingesetzt werden, auf denen traditionelle Seemannschaft vermittelt wird. Dafür werden segelbegeisterte Jugendliche gesucht.


​Grand Soleil Plus 80 LC

Neues Flaggschiff für lange Reisen

yacht/6-dji-20260520171639-0399-d-alta_16c85ed11d719a630bc3d4ce61eca937

Grand Soleil zeigt mit der Plus 80 Long Cruise ein neues Flaggschiff für Eigner, die große Distanzen unter Segeln zurücklegen wollen.


Fyn Cup 2026

Neuer Rekord und deutsche Erfolge

yacht/709407281-1583463400455648-7984058871174808655-n_ecf8fee9d1a2f4c2f4677d120b063549

Der Fyn Cup 2026 brachte den Crews stabile Westwinde und eine niedrige Ausfallquote. 212 von 220 gestarteten Booten beendeten die Regatta um Fünen.


Elektronik

Garmin Signal VHF 400/220 – UKW-Funkgeräte mit AIS, die keinen Splitter brauchen

yacht/garmin-marine-signal-vhf-funkgerat-mit-handmikrofon-c-garmin-deutschland-gmbh_193559135a82ec97877a3c4060b7e87c

Garmin bringt die Signal-Serie: UKW-Funkgeräte mit integriertem AIS-Transponder, basierend auf Vesper-Technologie. Drahtloses Handmikrofon ermöglicht flexible Installation.


SailGP

Dreier-Crash in New York, schwarzer Tag für Team Germany

yacht/rp1-0127-7_cac8b2d36d63cea5cd15166b18babece

Chaos, Crash und Bruch: Beim SailGP in New York lief so einiges aus dem Ruder. Auch für das Germany SailGP Team schmeckte der "Big Apple" eher sauer.


Kairos-Trimaran

Regatta-Speed mit Komfort für die Langfahrt

yacht/kairos-exterior-1_5e4b3a8c4164e6a7e57af8b6af03f8c1

Independent Catamaran baut eine neue Trimaranreihe aus Carbon und mit bis zu acht Kojen.



Newsletter: YACHT-Woche

Der Yacht Newsletter fasst die wichtigsten Themen der Woche zusammen, alle Top-Themen kompakt und direkt in deiner Mail-Box. Einfach anmelden:


Artikel teilen:

Meistgelesen in der Rubrik Special