Liebe Leserinnen und Leser,
gerade läuft das Ocean Globe Race ein paar Tage, und schon musste ein schwerverletzter Teilnehmer aufwändig per Hubschrauber auf dem Nordatlantik gerettet werden. Zum Glück ist das gut gegangen dank der Professionalität aller Beteiligten. Beste Genesungswünsche an den Verletzten Stéphane Raguenes und alles Gute der Crew für den weiteren Verlauf der Retro-Teamregatta um die Welt. Bleibt zu hoffen, dass es nicht zu weiteren Unfällen, Bruch und womöglich Havarien kommt.
Im Frühjahr erst ging das Golden Globe Race 2022/23 zu Ende, ein weiteres Retro-Rennen, jedoch für Solisten, das Kirsten Neuschäfer spektakulär für sich entscheiden konnte. Eine Wahnsinnsleistung auf einem 36-Fuß-Langkieler ganz ohne elektronische Hilfsmittel zur Navigation. Da die zugelassenen Fahrtenyachten, die vor 1988 konstruiert sein mussten, entsprechend langsam um die Welt buckeln, sind sie zudem kaum in der Lage, einem sich nähernden Sturm auszuweichen. Was kommt, das kommt.
Dementsprechend dramatisch waren die sturmbedingten Havarien während der zwei bisher ausgetragenen Retro-Regatten. Sechs Entmastungen in den abgelegensten Teilen der Welt sind ein Beleg für die Gefahren dieser Rennen. Dazu kommen noch weitere Havarien aufgrund körperlicher und mentaler Erschöpfung, die mit modernen Autopiloten wahrscheinlich nicht passiert wären. Bisher ist alles gut ausgegangen.
Aber warum auf die technischen Errungenschaften verzichten, nur um wie vor 50 Jahren auf den Weltmeeren zu segeln? Man gefährdet ja nicht nur sich selbst, sondern provoziert auch teure Rettungsmanöver und bringt eventuell sogar die Retter in Gefahr. Auch wenn der Vergleich zugegebenermaßen etwas hinkt, aber in der Formel 1 käme wohl auch niemand auf die Idee, eine Retro-Version ausschließlich mit den technischen Möglichkeiten der siebziger Jahre auszurichten. Bezüglich der Sicherheit der Fahrer liegen Welten zwischen damals und heutzutage.
Speed fasziniert immer, vor allem wenn dieser bildgewaltig von On-Board-Reportern festgehalten und quasi in Echtzeit mit der Segelwelt geteilt wird, wie etwa bei der Vendée Globe. Die Videos nehmen den Zuschauer mit in eine spannende Welt, die für 99,9 Prozent aller Segelbegeisterten aber so weit weg ist wie eine Reise zum Mond. Denn es braucht schon einen zweistelligen Millionenbetrag, um einen neuen Imoca zu entwickeln und zu bauen. Nur die besten und renommiertesten Offshore-Segler, die sich darüber hinaus gut vermarkten können, kommen daher überhaupt in Frage für eine solche Kampagne.
Die frühere Königsdisziplin, die Navigation auf hoher See, sowie das Einschätzen von Wind und Wetter geraten dabei aber immer mehr in den Hintergrund. Vielmehr sitzen die Solo-Skipper beziehungsweise die Navigatoren in einer futuristischen Kommandozentrale, während der Computer Vorschläge für das optimale Wetterrouting anhand der spezifischen Leistungsdaten des Bootes macht. Dafür sind die Decksarbeiten mit den Riesensegeln körperliche Schwerstarbeit und der ohrenbetäubende Geräuschpegel unter Deck mentaler Dauerstress.
Kein Wunder aber, dass die Zieleinläufe der modernen Imocas trotz Mammutdistanzen denkbar knapp sind – sofern die fragilen Hochleistungsmaschinen nicht mit Bruch zu kämpfen haben. Am Ende gewinnt dann entweder das Boot mit dem Quäntchen Glück oder das mit dem größten Budget beziehungsweise dem innovativsten Design.
Anders bei den Retro-Regatten, wo bewusst auf alle elektronischen Hilfsmittel verzichtet wird. Navigiert wird mit dem Sextanten, und der Kurs wird nach Gefühl, altem Wissen oder der aktuellen Wettersituation entsprechend ausgerichtet. Hat man Pech, hängt man entweder wochenlang in den Doldrums fest oder muss tagelang vor Topp und Takel vor einem Monstersturm ablaufen. Im Notfall darf natürlich trotzdem auf moderne Kommunikationsmittel zurückgegriffen werden, aber dann ist das Rennen sowieso schon gelaufen.
Die Kosten für die zugelassenen, relativ alten Boote sind im Vergleich überschaubar und für viele Skipper oder Teams im Zweifelsfall auch ohne Sponsoren zu stemmen. Für die Teilnahme am Ocean Globe Race beispielsweise, zahlt auf dem südafrikanischen Schiff, einer Swan 53, jedes Teammitglied 60.000 bis 70.000 Euro. Sponsoren hat das Boot nicht, deshalb müssen alle Teilnehmer sich auch am Refit beteiligen und alle Kosten für Klamotten, Reise und Ausrüstung selbst übernehmen. Immer noch viel Geld, aber dafür bekommen die Teilnehmer über acht Monate ein unvergleichliches Abenteuer auf den Weltmeeren geboten. Und sie müssen dafür auch keine Segelprofis sein.
Für mich sind die Retro-Regatten der Inbegriff von Sehnsucht und Abenteuer. Und eine Rückbesinnung auf das, was Segeln wirklich ausmacht: mit beschränkten Mitteln sich den Elementen der Natur zu stellen. Eine Art Flashback in eine Zeit, die weniger technologiegetrieben und computergesteuert schien und eher an Huckleberry Finn als an Science-Fiction erinnert. Ich als Zuschauer kann mich damit besser identifizieren, denn die Hobby-Abenteurer segeln vermeintlich auf Augenhöhe und lassen mich zumindest zu eigenen Träumereien hinreißen.
Und sie liefern große Geschichten: Die Südafrikanerin Kirsten Neuschäfer gewann als erste Frau eine Regatta um die Welt, nach acht langen Monaten allein auf See. Zudem rettete sie den Finnen Tapio Lehtinen, nachdem sein Boot innerhalb kürzester Zeit im Indischen Ozean auf Tiefe ging. Der Inder Abhilash Tomy wurde während der ersten Auflage des OGR schwer verletzt unter hoch dramatischen Umständen abgeborgen, um vier Jahre später erneut zu starten. Es folgte ein nervenaufreibender Zweikampf mit Neuschäfer um den Sieg. Und nicht zu vergessen der Franzose Jean-Luc van den Heede, der mit 73 Jahren das erste GGR 2018/19 gewann – Seemannskunst par excellence!
YACHT-Redakteur
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