ManöverkundeHafenmanöver: Anlegen – 15 Tipps für Anfänger und Profis

Felix Keßler

 · 18.10.2017

Manöverkunde: Hafenmanöver: Anlegen – 15 Tipps für Anfänger und ProfisFoto: YACHT
Selten sind die Lücken beim Anlegen so groß, wie bei diesem Manöver. Kommt noch starker Seitenwind hinzu, wird das Einparken im Rückwärtsgang heikel.

Anlegen vor Zuschauern bedeutet meist Stress für die Crew. Mit diesen Tipps für Hafenmanöver von YACHT-Autor Lars Bolle kann nichts mehr schiefgehen

1. Die Eigenschaften der Yacht kennenlernen

Auch wenn die Abläufe bekannt sind und schon dutzendfach geübt: Ein Anflug von Aufregung vor dem Anlegen erfasst auch erfahrene Skipper. Denn: Kein Anlegemanöver ist wie das andere – und keine Yacht ist wie die andere. Besonders Charterer haben es schwer, mit dem ungewohnten Boot auf Anhieb sicher umzugehen. Und trotzdem will man sich vor den vielen gaffenden Zuschauern im hochsommerlichen Hafenkino nicht blamieren. Dass ihre gesamte Crew nur aus Segel-Laien bestand, kauft Ihnen hinterher ohnehin niemand ab.

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Nehmen Sie sich daher Zeit, die Eigenschaften der Yacht kennenzulernen. Je genauer Sie über Stoppwege, Rückwärtsfahrt und Wendekreise Bescheid wissen, desto einfacher können Sie Längen und Distanzen im Hafen einschätzen. So erspart man sich Stress und riskante Experimente im Hafenbecken. – YACHT-Experte Lars Bolle, Autor von "Hafenmanöver Schritt für Schritt"

Wichtig dabei: Bereits kleine Unterschiede bei Windstärke und -richtung beeinflussen das Verhalten der Yacht deutlich. Bei modernen Yachten macht sich dies umso stärker bemerkbar. Der Grund: Heutzutage stehen den hohen Aufbauten, die viel Angriffsfläche für den Wind bieten, nur schmale Anhänge und wenig Fläche unter Wasser gegenüber. Das macht sie insgesamt wendiger und agiler und hat bessere Segeleigenschaften zur Folge. Doch während ein klassischer Langkieler bei einer leichten Brise noch auf der Stelle dümpelt, treibt ein schnittiger Performance-Cruiser bereits mit einiger Geschwindigkeit auf die Mole zu.

2. Mittelspring nutzen

Die Mittelspring ist bei den meisten Yachten der Festmacher, mit dem sich am leichtesten manövrieren lässt. Der Drehpunkt liegt in der Mitte des Schiffs, und mit Ruderlage und Schub voraus lässt sich auch sehr gut ein Vertreiben vermeiden. Außerdem verlängert dieser Anschlagpunkt den Bremsweg in kurzen Boxen um die Hälfte der Bootslänge. Ein Crewmitglied bringt die Mittelspring auf Wantenhöhe aus, sie ist zum Steuermann geführt, dieser kann so mit der Spring abbremsen. Durch Regulieren der Schubstärke und Ruderlage kann der Steuermann den Bug in Luv halten und die Yacht gleichzeitig dosiert an den Steg führen.

3. Ausreichend Festmacher anschlagen

Foto: YACHT / M.S. Kreplin

Belegen Sie vorn und hinten auf beiden Seiten die Klampen auf Slip, auch wenn Sie sich schon eine Seite zum Längsseits-Gehen ausgesucht haben. Mit einem durch die Klampe gezogenen Achtknoten können Sie die Länge des Festmachers problemlos von Bord aus regulieren. Die Doppelbelegung erspart Hektik bei einer kurzfristigen Planänderung, später werden die Festmacher ohnehin als Spring gebraucht.

4. Fokus auf die Luvleinen

Der Versuch, mit kleiner Crew beim Einfahren in die Box trotz Seitenwind gleich alle vier Festmacher zu belegen, ist riskant – zu groß ist die Gefahr, beim Verfehlen der Luvpfähle seitlich in die Nachbarn hineinzudriften. Konzentrieren Sie sich daher auf die beiden Luvleinen, so liegt die Yacht trotz Seitenwind zunächst stabil. Die Leeleinen können Sie später noch in aller Ruhe, etwa mit dem Dingi, ausbringen. Das "Luvleinen-Prinzip" gilt übrigens auch für’s Rückwärts-Anlegen mit Anker bzw. Muring und zwei Heckleinen.

5. Zeigen statt Brüllen

Foto: YACHT/M. Amme

Lautes Geschrei zwischen Skipper und Crew wirkt unprofessionell und sorgt für Stress an Bord. Gelassener und obendrein ohne akustische Missverständnisse kommuniziert es sich mit Handzeichen. Mit den Fingern lässt sich der Abstand zur Pier angeben, vorher abgesprochene Zeichen signalisieren dem Skipper, was außerhalb seines Sichtfeldes passiert (z.B., ob Festmacher bereits belegt sind).

6. Einsatz einer Manöverleine

Haben Sie die Box verpasst? Macht nichts, nicht alle Manöver klappen auf Anhieb. Um Zeit zu gewinnen und zu verhindern, dass die Yacht abtreibt, bietet sich der Einsatz einer Manöverleine an. Wie auf dieser Abbildung zu sehen, wird sie etwa als Vorleine an einem der Pfähle in der Nähe des Liegeplatzes festgemacht. Mit Einsatz von Gashebel und Ruder lässt sich die Yacht nun in Stellung bringen. Gleichzeitig wird die Vorleine kontrolliert gefiert, bis die Höhe der Box erreicht ist. Nun läuft die Yacht etwa zur Hälfte in die Box ein, bis die Achterleinen angebracht werden können. Die Manöverleine wird gelöst, und die Yacht schiebt sich vollständig in die Box, bis die Vorleine am Steg fixiert werden kann.
So wird aus einem verkorksten Manöver ein professionell wirkender Anleger.

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Foto: YACHT/A. Worms

7. Verklicker beobachten

Der Windanzeiger im Masttopp, in Zeiten der elektronischen Instrumente fast in Vergessenheit geraten, erweist gerade im Hafenbecken gute Dienste. Ein Blick nach oben genügt: Da, wo die Spitze hinzeigt, Leinen raus.

8. Plan B zurechtlegen

Ist im ohnehin schon kleinen Hafen viel Betrieb zu erwarten? Wenn ein Hafenplan vorliegt, bietet es sich an, eine Skizze anzufertigen. Auf einer Folie über dem Plan mit Farben Windrichtung und mögliche Legerwallsituationen einzeichnen. So weiß der Skipper auf einen Blick, wohin er sich im Hafenbecken bewegen darf und wohin nicht.

9. Aufgaben verteilen

Zumindest beim Ablegen ist eine klare Aufgabenverteilung schon vor dem Manöver leicht zu realisieren. Beziehen Sie dafür unbedingt auch unerfahrene Crew-Mitglieder mit ein und sorgen Sie dafür, dass niemand arbeitslos herumsteht. Unbeschäftigte Personen an Bord, vor allem Kinder, tendieren eher zu Aktionismus und bringen schlimmstenfalls Unruhe und Chaos ins Manöver. Und wenn alle Aufgaben schon verteilt sind: Drücken Sie den Kleinen einen Kugelfender in die Hand – zum Dazwischenhalten, wenn es eng wird.

10. Mit Luv-Achterleinen ablegen

Ein sehr elegantes Manöver, um in einer Legerwallsituation, ob an Pfählen oder einer Pier, abzulegen. Es funktioniert jedoch nur zuverlässig bei einem breiten Heck und mit starker Maschine. Der Vorteil gegenüber dem klassischen Eindampfen in die Vor- oder Achterspring ist, dass die Yacht bis zum Ende des Manövers unter voller Kontrolle bleibt. Es muss nicht vom Vorwärts- in den Rückwärtsgang oder umgekehrt geschaltet werden, wodurch die Yacht unkontrolliert vertreiben kann. Von der Luvseite der Yacht eine Achterleine auf Slip nach Lee auf einen anderen Pfahl (bzw. Poller oder Ring) ausbringen. Je länger die Leine, desto besser. Ruder zur Landseite legen, hier Steuerbord. Vollschub voraus. Zunächst setzt das Heck sich vom Hindernis ab. Ruder mittschiffs, dann weg von der Landseite legen. Zuerst langsam, dann immer schneller schwenkt der Bug herum. Wenn der gewünschte Winkel erreicht ist, Schub dosieren und Achterleine nach und nach lösen.

11. Landleinen an der breitesten Stelle überlegen

Soll an Pfählen oder längsseits angelegt werden, die Leinen möglichst auf Höhe der Wanten übergeben und auch an dieser Stelle an Land übersteigen. Dort ist die Yacht annähernd am breitesten, der Abstand zum Pfahl oder zum Land also am kürzesten. Außerdem kann sich die Person, die den Festmacher belegt, am Want zum Sichern, Hinausbeugen oder Übersteigen festhalten. Dem Steuermann wird so zusätzlich ermöglicht, die Yacht auf direktem Kurs an den Liegeplatz zu manövrieren. Steht die Person, die den Festmacher belegen soll, dagegen auf dem Bug, wird der Steuermann zu einem Anfahrtswinkel gezwungen, um die Person an den Pfahl heranzubringen oder zum Übersteigen dicht an die Pier. Damit werden mehrere Kurskorrekturen nötig, was zusätzlich zum Abschätzen der Annäherungsgeschwindigkeit und des Bremsweges eine unnötige Ablenkung darstellt. Außerdem müsste der Steuermann dann über den Bug peilen, um den Abstand zum Land oder Pfahl zu schätzen, was bei sehr schrägen Steven und tiefen Stegen schwierig sein kann.

12. Ablegehilfen nutzen

Um das Vertreiben des Bugs beim Ablegen bei starkem Seitenwind zu vermeiden, vorhandene Sorgleinen wie gezeigt durch einen Festmacher auf Slip nutzen. Alternativ kann auch eine lange Vorleine so weit wie möglich nach Luv ausgebracht werden. Oder der nette Nachbar hilft, indem er die Vorleine per Hand oder über die eigenen Klampen mit nach achtern führt.

13. Fender korrekt platzieren

Dass man beim "Einparken" die Nachbarn versehentlich touchiert, ist, anders als beim Autofahren, kein großes Problem – solange jene Berührungspunkte abgefendert sind. Häufig ist jedoch zu beobachten, dass Crews die Fender schon vor dem Durchfahren der Pfähle anbringen. Bleiben die Fender dort hängen, drohen Schäden an der Reling und das Querdrehen der Yacht. Besser ist, die Fender bereits festgebunden und korrekt platziert an Bord bereitzulegen und sie dann per Fußtritt außenbords zu befördern.

14. Provisorisch anlegen

Hektik an Bord kann gerade in einer heiklen Situation niemand gebrauchen. Weht eine kräftige Brise und lässt sich nicht unmittelbar ein Platz im Hafenbecken ausmachen, stürzen vor allem auf den Steuermann viele Anforderungen ein: die Yacht sicher zu manövrieren und zugleich den Überblick über den Hafen, die Bedingungen und die Aufgaben der Crew zu behalten. Damit dabei keine gefährliche Hektik entsteht, ist die Crew gut beraten, eine Pause einzulegen, also vorübergehend festzumachen: einfach einen Pfahl oder anderen Befestigungspunkt in Luv suchen und daran mit einer Vor- oder Achterleine festmachen.
Die Yacht wird vom Wind nach Lee gedrückt und hängt sicher an ihrer Leine. Nun kann die Crew in Ruhe aufklaren, erhitzte Gemüter abkühlen lassen, sich einen Überblick verschaffen und wenn nötig Hilfe suchen, per Funk beim Hafenmeister oder von Skippern, die in der Nähe liegen.

15. Rückwärts breitseitig anlegen

1. Übers Heck kann der Steuer­mann den Abstand zum Steg besser einschätzen als über den Bug, Leinen lassen sich über die Badeplattform oft leichter be­legen. Der Steuermann muss sich bei ablandigem Wind nicht so sehr auf andere Yachten konzentrieren wie beim Längsseitsanlegen, da die Yacht kaum vertreibt. Voraussetzung ist gute Manövrierbarkeit achteraus.

2. Sobald der Steg erreicht ist, einen Festmacher auf der Seite ausbringen, auf der angelegt werden soll. Bei breiten Hecks eignet sich eine normale Achterleine. Bei schmaleren Hecks liegt der Anschlagpunkt auf der Yacht oftmals zu weit innen, um ausreichend Hebelwirkung und damit Drehmoment zu erzeugen. Dann eine Mittelspring statt Achterleine ausbringen.

3. Ruder zu der Seite legen, auf der angelegt werden soll, und Propellerschub voraus geben. Durch die Anströmung des Ruderblatts dreht das Heck vom Steg weg, durch die Hebelwirkung der Bug in Richtung Steg. Mit Schub und Ruderlage den Drehwinkel des Bootes und die Drehgeschwindigkeit regulieren. Sobald möglich, eine Vorleine ausbringen.

Foto: DK
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