MeinungWas Olympia und das Kaleidoskop miteinander zu tun haben

YACHT

 · 27.07.2024

Meinung: Was Olympia und das Kaleidoskop miteinander zu tun haben
YACHT-Woche – Der Rückblick
yacht/bullseye-yacht-woche-tati-2000x500_2a41d43b24e5e91b17613fe121e9f86f

Liebe Leserinnen und Leser,

am Sonntag beginnt die Regatta der XXXIII. Olympischen Spiele. Der 28. Juli markiert den Auftakt für die Windsurfer und die Skiff-Akteure. Gefordert sind die iQFoil-Könner Sebastian „Basti“ Kördel und Theresa „Resi“ Steinlein, beide vom Norddeutschen Regatta Verein, Marla Bergmann und Hanna Wille vom Mühlenberger Segel-Club sowie die für den Bayerischen Yacht-Club startenden Jakob Meggendorfer und Andreas Spranger. Alle sechs Athleten aus dem Olympia-Kader der Segelnationalmannschaft stehen vor ihrer Olympia-Premiere. Diesen Lebenstraum haben sie sich mit viel harter Arbeit und großer Leidenschaft für ihren Sport erfüllt.

Jetzt soll er weitergehen, der Traum auf der olympischen Weltbühne. Ab 1. August eröffnen im Ilca 7 Philipp Buhl (NRV/SCAI) und im Ilca 6 Julia Büsselberg (VSaW) ihre Serien. Ab 2. August feiert die 470er-Mixed-Flotte mit Simon Diesch/Anna Markfort (WYC/VSaW/JSC) olympische Premiere. Einen Tag danach steigen die schnellen Kieler Nacra-17-Foiler Paul Kohlhoff/Alica Stuhlemmer (KYC) in ihre zweiten gemeinsamen Spiele ein. Las, but not least sind ab 4. August die neuolympischen Formula-Kiter mit Jannis Maus (Cuxkiters) und Leonie Meyer (NRV) gefordert.

Meistgelesen

1

2

3

4

5

Für insgesamt 330 Segler, Windsurfer und Kiter – 165 Frauen und 165 Männer – ist es die bildschöne Bucht von Marseille, in der sie sich bewähren und Großes leisten wollen. In Tagestemperaturen deutlich jenseits der 30 Grad treten sie zum heißen Tanz in kühlen Fluten an. Sie wollen in der Hitzeschlacht zeigen, was sie können, ihre Stärken ausspielen, schneller und smarter sein als die Konkurrenz.

Nicht wenige von ihnen werden sich fest vorgenommen haben, möglichst alles wie bei jeder anderen Regatta auch zu machen, konzentriert ihre Routinen abzurufen, sich auf Gelerntes zu besinnen, den Gipfelsturm einen Schritt nach dem anderen anzugehen. So weit die Theorie.

Olympia aber ist keine normale Regatta.

Schon die riesigen Countdown-Uhren an den Startschiffen signalisieren das XXXL-Format der Spiele. Der Medienauflauf übersteigt die übliche überschaubare Zahl an Berichterstattern im internationalen Segelsport um ein Vielfaches. Der Wunsch nach Erfolg ist noch größer als sonst, weil schon die Chance dazu schwerer zu erkämpfen und seltener zu erreichen ist als beispielsweise bei Welt- oder Europameisterschaften, wo jeweils viele Athleten einer Nation teilnehmen dürfen. Im olympischen Segelsport darf es nur ein Boot oder Board pro Land und Disziplin geben.

Das größte Sportfest der Welt lässt bekannte Horizonte explodieren wie ein Kaleidoskop.

Beide sind griechischen Ursprungs: Olympia und das Kaleidoskop. Olympia ist die griechische Ortschaft, in der zwischen 776 vor Christus und 393 nach Christus alle vier Jahre Sportwettkämpfe stattfanden. Nicht öfter, weil die Athleten von einst oft lange Reisen unternehmen mussten, um Olympia zu erreichen. Das Kaleidoskop ließ zwar erst 1816 der schottische Physiker David Brewster patentieren, doch soll es wie Olympia schon bei den alten Griechen bekannt gewesen sein. Übersetzt aus dem Griechischen bedeutet Kaleidoskop: schöne Formen sehen.

Die Essenz – Schönes, Spannendes, Großes zu sehen, zu erleben und zu erreichen – verbindet Olympia und das Kaleidoskop. Wer als Sportler kann, umarmt die Spiele. Das ist leichter gesagt als getan. Denn auch der Druck, der auf den Sportlern lastet, den sie sich selbst auferlegen oder der in Form von Erwartungshaltungen, Hoffnungen und Wünschen von außen kommt, ist bei Olympischen Spielen so viel höher als sonst irgendwo. Nicht immer sind Ziele und Wille mit Tagesform, Möglichkeiten und dem Spiel der Konkurrenz vereinbar.

Mit den insgesamt 10.500 Olympioniken in Paris und den anderen französischen Gastgeberstädten werden Mütter, Väter, Kinder, Freunde und Fans in aller Welt mitfiebern. In Deutschland sind die Daumen für 463 Athleten gedrückt. Vor drei Jahren in Japan beendete die deutsche Olympiamannschaft die Spiele mit Rang neun im Medaillenspiegel. Zu zehnmal Gold, elfmal Silber und 16-mal Bronze trugen die Segler in Enoshima mit einmal Silber durch die 49er-FX-Crew Tina Lutz/Susann Beucke (Chiemsee Yacht-Club/NRV) sowie zweimal Bronze für die 49er-Segler Erik Heil/Thomas Plößel (NRV) und Paul Kohlhoff/Alica Stuhlemmer (KYC) bemerkenswert stark bei. Die drei Medaillen gewannen sie am 3. August binnen unvergesslicher dreieinhalb Stunden. Erik Heil, der inzwischen am Aufstieg des deutschen Teams im SailGP arbeitet, prägte damals das Bild, sagte: „Das war ein Giganten-Tag für den deutschen Segelsport.“ 21 Jahre hatten deutsche Medaillenjäger unter Segeln nicht mehr drei Medaillen bei den Spielen gewonnen. Schon gar nicht an einem Tag.

„Die größte Kunst bestand darin, vor dem Finale nicht an die Medaille zu denken, denn sonst kann ich nicht mehr segeln, weil der Druck einfach zu groß wird“, sagte Steuerfrau Tina Lutz nach dem größten Erfolg ihrer Karriere in Enoshima.

Was wird den 14 deutschen Seglern, Windsurfern und Kitern in der Bucht von Marseille gelingen? Kann sich der 2020er-Weltmeister Philipp Buhl im dritten Anlauf seinen großen Traum von der Olympiamedaille in der engen Ilca-7-Spitze mit mindestens sieben Medaillenkandidaten erfüllen? Kann iQFoil-Windsurfriese Sebastian Kördel wieder zu der Form auflaufen, in der er 2022 so mitreißend Weltmeister wurde und 2023 die herausragende Leistung als Vizeweltmeister bestätigte? Kann das 470er-Duo Simon Diesch und Anna Markfort die klar ins Visier genommene Medaille bei der olympischen Mixed-Premiere erkämpfen und damit auch die gesamte deutsche Trainingsgruppe ehren, die sie so stark gemacht hat? Können Paul Kohlhoff und Alica Stuhlemmer trotz der Hürden, die sie auf Kurs Marseille nach Verlust ihres Trainers zu nehmen hatten, noch einmal so glänzen wie in Marseille? Wozu werden die weiteren deutschen Olympia-Novizen in Frankreich imstande sein?

Weder die Fragen nach den Medaillen noch die Prognose über Leistungen, Coups, Rück- oder K.-o.-Schläge kann der Blick ins olympische Kaleidoskop vor den Spielen ihres Lebens beantworten. Aber eines ist sicher: Die Marseille-Momente werden jenen unvergesslich bleiben, die es geschafft haben, Olympioniken zu sein.

Möge die Feststellung des viermaligen Olympiasiegers Paul Elvstrøm sie auf ihrem olympischen Kurs begleiten: „Du hast keine Regatta gewonnen, wenn du beim Siegen den Respekt der Konkurrenten verloren hast.“ In dunkleren Stunden könnte der Rat der fünfmaligen Olympiasiegerin Venus Williams den Weg weisen: „Du musst an dich selbst glauben, wenn es kein anderer tut. Genau das macht dich zum Gewinner.“

Ich wünsche der Segelnationalmannschaft einen Teamgeist, der sie trägt, und die Erfolge, die sie verdient. Ich wünsche den Aktiven – Philipp, Sebastian, Simon, Anna, Paul, Alica, Jannis, Leonie, Theresa, Marla, Hanna, Julia, Jakob und Andreas – starke Momente auf dem Wasser und gute Begegnungen an Land, an die sie ein Leben lang gern zurückdenken. Auch diesbezüglich ist Olympia ein Verstärker. „Basti“ Kördel fasste noch ein anderes olympisches Gefühl in gute Worte: „Das Besondere an den Spielen ist, dass man ein bisschen die Nation hinter sich vereint. Alle wollen, dass man gut fährt. Das ist ein schönes Gefühl.“

Ihnen und Euch, liebe YACHT-Leser, wünsche ich packenden Olympiasport, Spaß beim Mitfiebern, Tapferkeit beim Mitleiden und Gänsehaut beim Mitfreuen. In unserem großen Olympia-Spezial finden sich bei Yacht online alle Informationen zum Team, zu Marseille, zu den TV-Übertragungszeiten, ein spannendes Quiz mit begehrenswertem Unikat als Preis. Und natürlich berichten wir täglich direkt aus Marseille.

Für mich werden es als Reporterin die neunten Olympischen Spiele sein, von denen ich vor Ort berichte. Frankreichs Spiele werden hoffentlich friedliche und freudvolle Spiele sein. Sie werden wieder anders sein als Barcelona, Savannah, Sydney, Athen, Qingdao, Weymouth, Rio und Enoshima. Ich bin wieder genauso gespannt auf den olympischen Gipfelsturm wie beim ersten Mal 1992 in der Stadt, die in diesem Herbst die Bühne für den America’s Cup bietet: Barcelona.

Der olympische Segelvorhang öffnet sich jetzt in Marseille.

Tout est possible à qui rêve, ose, travaille et n’abendonne jamais. Alles ist denen möglich, die träumen, wagen, arbeiten und niemals aufgeben.

Mit herzlichen vorolympischen Grüßen, Ihre und Eure

Tatjana Pokorny,

YACHT-Sport-Expertin


Draufklicken zum Durchblicken:

Die Woche in Bildern

Nein, kein dramatischer Crash vor der Küste, sondern ein Fundstück aus dem YACHT-Archiv: Zum 120. Geburtstag kramen prägende Menschen ihre besten Anekdoten heraus, wie hier von einem Yacht-Crashtest
Foto: Kiesel, Hans-Günter

Lese-Empfehlungen der Redaktion

yacht/Myproject-122_588dd1e2bf08c53ce7f0b81757956597

Malizia 4

Erst der Foil-Schaden, jetzt reißt das Großsegel

yacht/261007-champolion-malizia-841_c06b8a0b0105b29220ee86f3f10a8107

Erst der Foil-Schaden, dann gebrochene Rumpfverstärkungen und nun ein Riss im Großsegel. Zwei neue Videos zeigen, wie Team Malizia den IMOCA vor der Route du Rhum repariert und weiterentwickelt.


Verschlickung der Elbe

Kleine Häfen kämpfen um jeden Meter Wassertiefe

yacht/100226754_cc5dabaf4f4f82a167e1f0282e35d759

Die Unterelbe verschlickt, Zeitfenster schrumpfen und Häfen werden schwer erreichbar. Mit flachen Booten und selbst gebauten Schlickmaschinen kämpfen Segler um ihr Revier.


Antrieb

Drehflügelpropeller Max Bianchi verstellt die Steigung während der Fahrt

yacht/max-prop-03_d71c162431257fcf66b1a95a9046dad2

Ein Drehflügelpropeller, der die Steigung während der Fahrt selbst verändert: Was Max Props Modell Max Bianchi beim Motoren und Motorsegeln leisten soll.


Interview

Was bedeutet es an Bord der „Thor Heyerdahl” zu arbeiten?

yacht/00-vorlage-podcast-artikel-teaserbild-2026-6_11b1c7a8a0dcb778cfd557b3041e5f6e

Seit mehr als 40 Jahren segelt die „Thor Heyerdahl“ durch die Weltmeere. YACHT-Redakteur Fabian Boerger erklärt, warum das Traditionsschiff relevant ist.


Hurrikans 2026

Dramatische Rettung vor Kalifornien – El Niño prägt die Sturmsaison

yacht/screenshot-2026-10-13-115041_64230bb6c91709fa2abf7f09494f4bee

Ein Rettungsschwimmer befreit einen Segler aus einer teilweise überfluteten Yacht vor Kalifornien. Warum die Hurrikansaison 2026 zwischen Atlantik und Pazifik so unterschiedlich verläuft.


Blauwasseryachten

Diese fünf wollen ans Ende der Welt

yacht/te-der-20-tonner-immer-wieder-zweistellige-werte-durchs-wasser-und-blieb-dabei-die-ruhe-selbst_f3068a158d6522ee5c589c0c35a736e1

Fünf Blauwasseryachten, fünf Konzepte: Boréal 56, Kraken 58, Pure 49, Stem 50 und Breehorn 55 zeigen ihre Stärken und Schwächen auf Langfahrt.


Rekordtief im Zürichsee

Segelyacht fliegt per Helikopter ins Winterlager

yacht/yacht-in-der-luft_05131d03241c95e263d11ca6f8cfe3ac

Die Pegelstände im Zürichsee liegen unter dem bisherigen Niedrigwasserrekord. Weil seine Segelyacht im flachen Wasser festzusitzen und zu kippen drohte, ließ ein 65-jähriger Eigner sein Boot mit einem Helikopter ausfliegen. Die Aktion kostete rund 2000 Franken zeigt, wie sehr der außergewöhnlich niedrige Wasserstand die Schifffahrt inzwischen beeinträchtigt.


Diebstahlserie geht weiter

Täter entwenden zwei 300-PS-Außenborder am Wieltsee

yacht/7b70726e-0143-47d1-a536-7c33bb106b0e_3204fffa58099a1681b4a9abad958e1d

Erneut schlagen Diebe am Wieltsee zu: Sie entwenden zwei Boote und demontieren schwere Außenbordmotoren. Es ist bereits der vierte Vorfall innerhalb von drei Monaten.


Gebrauchtboot der Woche

Arietta 31 - Anfang einer Ära

yacht/p1150741_760582d5c30e30dfa0fc0c0ed46a0882

Schmale Taille, Mahagonirumpf und elegante Überhänge: Die von Olle Enderlein entworfene Arietta 31 setzt auf ausgewogene Linien und Seetüchtigkeit statt auf maximalen Wohnraum. Als Vorläufer späterer skandinavischer Fahrtenboote ist sie heute ein interessanter Klassiker für Segler, die ein traditionelles, kompaktes Fahrtenboot suchen.


Breehorn 55 im Test

Ist sie das ideale Zuhause auf See?

yacht/m-verglast-hier-sitzt-man-bequem-zusammen-mit-mehreren-personen-mit-freier-sicht-nach-draussen_33f438de0ebff79c172bd9ce3671d65b

Pilothouse, Teakholzausbau und ein ungewöhnlich gut zugänglicher Technikkanal: So funktioniert die Breehorn 55 unter Deck und diese Kompromisse bleiben.



Newsletter: YACHT-Woche

Der Yacht Newsletter fasst die wichtigsten Themen der Woche zusammen, alle Top-Themen kompakt und direkt in deiner Mail-Box. Einfach anmelden:

Artikel teilen:
Kommentare

Diskutieren Sie mit – fair, sachlich und respektvoll. Es gilt unsere Netiquette.

Meistgelesen in der Rubrik Allgemeiner Service