Liebe Leserinnen und Leser,
die Tage werden wärmer und die Winterarbeiten schreiten voran, am Boot ist schon vieles für die Saison vorbereitet, aber auch zu Hause liegt schon einiges, was bereits fertig ist und noch an Bord installiert werden muss. Besonders im Winter sind diese kleinen Projekte, die man zu Hause im Warmen erledigen kann, schön. Man kommt voran, ohne in der Halle oder im Freilager zu frieren, und die fertigen Ausrüstungsteile steigern automatisch die Vorfreude auf die Saison.
Während ich diesen Text tippe, liegen unter anderem neben mir die Säcke mit den vom Segelmacher durchgesehenen Segeln, der zerlegte und glänzend polierte Propeller steht im Regal (was für ein schönes Gefühl, wenn das matte, von Bewuchs verdreckte Metall wieder anfängt zu schimmern!), daneben sauber aufgeschossen mein neues Achterstag aus Dyneema. Die Spleißarbeit ging leicht von der Hand und machte großen Spaß. Das leichte Material lässt sich wunderbar selbst konfektionieren, nicht wie schwerer, sperriger Draht. Wer hat schon die Gerätschaften zu Hause, um Terminals auf den Draht zu walzen?
Nun kann ich es natürlich kaum erwarten, diese ganzen Dinge aus meinem Regal auch einzubauen, anzuschrauben oder anzuschlagen. Die Liste mit Aufgaben bis zum Krantermin wird kürzer, und ich frage mich beim Abhaken, ob ich wirklich nichts vergessen habe. Beim Blick auf das silbrige Tauwerk meines zukünftigen Achterstags gehe ich automatisch alle Leinen an Bord durch: Die Fallen und Schoten sind noch gut, die Reffleinen wollte ich noch gegen dünneres und reckärmeres Material tauschen. Das geht jedoch besser mit stehendem Rigg, wenn man die passende Länge direkt erproben kann. Aber habe ich nicht etwas vergessen? Nämlich die wichtigste Leine an Bord? Aber welche sollte das sein, wenn nicht Fall oder Schot? Bei schwerem Wetter eventuell die Lifeline?
So wichtig diese auch ist, viel entscheidender für die Sicherheit des Bootes ist der Festmacher. Wenn das Schiff nicht gerade an Land steht, ist er 99 Prozent der Saison im Einsatz. Selbst auf Sommertörn hält er zumindest in der Nacht (außer man überquert einen Ozean oder ankert sehr viel) das Boot an Ort und Stelle und bewahrt es vor Schäden. Was passiert, wenn die Festmacherleine versagt, haben wir nach der Ostseesturmflut im vergangenen Herbst gesehen: starke Beschädigungen, klaffende Löcher im Rumpf durch Scheuern am Steg und auf Tiefe gegangene Yachten im Hafen.
Losgerissene Boote hatten dabei vielfach noch andere beschädigt oder eine Kettenreaktion ausgelöst, wobei sich dann eine Yacht nach der anderen losriss. Einschränkend muss gesagt werden, dass bei diesem Jahrhundertereignis in vielen Fällen auch nagelneue Festmacher nicht geholfen hätten. Zu gewaltig war die Wucht der in die Häfen schlagenden Wellen, etwa in Schilksee oder Damp. Aber selbst bei normalen Starkwindereignissen, die auch in der Saison immer wieder auftreten, werden die Festmacherleinen auf die Probe gestellt. Deswegen müssen auch sie genau angeschaut werden. Sind sie noch gut oder schon zu abgenutzt?
Ich fand beim vergangenen Festmachertest besonders erstaunlich, wie die Leinen nach dem simulierten Anscheuern aussahen: noch erstaunlich gut. Im Test sind Fotos zu sehen, schauen sie selbst. Das Tauwerk sieht etwas flauschiger aus als die neue Leine, aber nichts, was man im Hafen nicht auch sehen könnte. Das geht sicher noch, könnte man denken, ist ja nur äußerlich. Dabei zeigt der Test, dass sich die Bruchlast mehr als halbiert hatte! Was ich für mich aus diesem Test mitgenommen habe, ist, wenn der Festmacher schon sichtbare Abnutzungsspuren zeigt, ist es Zeit für Ersatz.
Denn die Anforderungen an diese Leinen sind extrem: Ruckt die Yacht in einer Bö oder bei Schwell (auch von passierenden anderen Booten) in die Leine ein, entstehen extreme Lastspitzen. Und das eventuell Hunderte Mal am Tag. Reißt eine Schot oder ein Strecker, kann man sofort reagieren. Bricht der Festmacher, bekommt man das erst später mit. Hier ist also besondere Zuverlässigkeit gefragt. Um die Lebensdauer dieser Arbeitstiere unter den Leinen an Bord zu erhöhen, gibt es zwei wesentliche Maßnahmen: Scheuerschutz an den gefährdeten Stellen mit Schlauchstücken und Ruckdämpfer, um die Lastspitzen etwas zu dämpfen. Wenn die Leine zusätzlich noch genügend Reck hat, ruckt die Yacht nicht mehr so hart ein. Das ist auch angenehm, wenn man an Bord ist.
Leinen mit wenig Reck hingegen sind sehr unkomfortabel, und die hohen Lastspitzen beim Einrucken erhöhen die Gefahr, dass die Leine reißt. Deswegen verbieten sich auch alte Schoten oder Fallen als Festmacher. Zudem ist der Gedanke auch absurd, für die wichtigste Leine an Bord eine Schot zu benutzen, die zu kaputt ist, um damit das Segel zu trimmen. Da hilft nur wegwerfen und neu kaufen. Damit das Boot in der neuen Saison auch sicher am Steg liegt, wenn man gerade nicht da ist. Also Hand aufs Herz, schon die wichtigste Leine an Bord gecheckt?
YACHT-Redakteur
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