HavarieTödlicher Bootsunfall auf dem Greifswalder Bodden

Havarie: Tödlicher Bootsunfall auf dem Greifswalder BoddenFoto: seenotretter.de
Die “Berthold Beitz”. Das Schiff lief am Samstag von der Station Greifswalder Oie aus, um Unterstützung für die vor Lubmin ins Wasser gestürzten und von Seglern geretteten Angler zu leisten
Bei der Kenterung eines Angelboots vor Lubmin auf dem Greifswalder Bodden stirbt ein Mann trotz schneller Rettung durch eine Segelyacht. Sein Begleiter überlebt stark unterkühlt. Der Vorfall zeigt die tödliche Gefahr kalten Wassers und die Bedeutung richtiger Erste-Hilfe-Maßnahmen bei Unterkühlung.

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Am Samstag gegen 16.45 Uhr kentert ein Miet-Angelboot auf dem Greifswalder Bodden vor Lubmin. Die beiden Insassen, 43 und 45 Jahre alt, fallen ins Wasser. Die Besatzung einer Segelyacht beobachtet den Vorfall und setzt über Kanal 16 einen Notruf ab. Die Rettungsleitstelle der DGzRS alarmiert umgehend ein Seenotrettungsboot von der Station Freest und den Seenotrettungskreuzer von der Station Greifswalder Oie. Zusätzlich startet ein Rettungshubschrauber von NHC Northern Helicopter.

Die Verkehrszentrale informiert zudem die Wasserschutzpolizeiinspektion Wolgast, die ein Streifenboot zum Unfallort verlegt. Die Crew der Segelyacht kann beide Männer aus dem Wasser bergen, noch bevor professionelle Rettungskräfte eintreffen, und nimmt Kurs auf den Hafen. Noch auf dem Weg dorthin winscht der Rettungshubschrauber medizinisches Personal auf die Segelyacht ab, das die Versorgung übernimmt.

Vergebliche Rettungsversuche

Trotz sofortiger Reanimationsmaßnahmen verstirbt einer der beiden Männer noch in der Marina. Der zweite Mann wird stark unterkühlt in ein Krankenhaus gebracht und überlebt. Der Besatzung des Seenotkreuzers bleibt danach nur noch, das gekenterte Angelboot in einen nahen Hafen zu schleppen.

Der Grund für die Kenterung ist bislang nicht bekannt. Der Kriminaldauerdienst der Kriminalpolizeiinspektion Anklam und die Wasserschutzpolizeiinspektion Wolgast nehmen Ermittlungen zur Todesursache und zum Unfallhergang auf. Und auch die Bundesstelle für Seeunfalluntersuchung ist über das Unglück informiert worden.

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Tückisches kaltes Wasser

Der tragische Unfall zeigt die extreme Gefahr kalten Wassers, gerade jetzt im Frühjahr, wenn die Lufttemperaturen bisweilen deutlich schneller stiegen als die des Wassers. Wer ohne Schutzkleidung ins kalte Nass fällt, kühlt extrem viel schneller aus als im kalten Wind. Seenotretter sehen Wassertemperaturen unter 15 Grad als kalt und unter 10 Grad Celsius als sehr kalt an.

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Der Mediziner und Seenotretter Jens Kohfahl erklärt in seinem Buch „Medizin auf See" vier Phasen, die der Organismus nach dem Sturz ins kalte Wasser durchmacht. Die erste Phase ist die Kälteschockreaktion. Der Körper reagiert auf den Kältereiz mit einem tiefen Atemzug, gefolgt von hektischer Hyperventilation. Die größte Gefahr besteht darin, Wasser einzuatmen und zu ertrinken. Diese Phase dauert zwischen einer und drei Minuten.

Vier Phasen der Unterkühlung

Die zweite Phase beginnt nach etwa zehn Minuten. Die Kälte bewirkt ein Nachlassen der Nerven- und Muskelfunktion. Kohfahl spricht von Schwimmversagen. Feinmotorische Fähigkeiten fallen bereits vorher schwer, danach kann sich die Person nicht mehr aus eigener Kraft über Wasser halten.

Die dritte Phase ist die Unterkühlung oder Hypothermie. Sie setzt je nach Wassertemperatur und körperlicher Verfassung nach etwa 30 Minuten ein. Zuerst kühlen Arme und Beine aus, die Blutgefäße ziehen sich durch Kältereiz und Stress zusammen. Die Extremitäten werden nicht mehr ausreichend durchblutet. Sinkt die Körperkerntemperatur unter 35 Grad, sprechen Experten von einer Hypothermie. Die unterkühlte Person kann bei fünf Grad Wassertemperatur bis zu zwei Stunden überleben. Voraussetzung ist eine ohnmachtssichere Rettungsweste mit Spraycap.

Die vierte Phase ist der Rettungskollaps. Das unterkühlte Crewmitglied wird nur noch von einem Minimalkreislauf am Leben gehalten.

Erste Hilfe an Bord

Der erste Schritt nach der Rettung ist ein Notruf. Selbst dann, wenn eine Person von der Crew ohne fremde Hilfe zurück an Bord gezogen werden kann. „Ein Crewmitglied, das 30 Minuten im kalten Wasser war, ist als unterkühlt anzusehen", so Kohfahl. Ist die gerettete Person noch ansprechbar und zittert, ist das ein gutes Zeichen. Die erste Phase der Unterkühlung hat erst begonnen.

Andere Seenotfälle mit unterkühlten Personen:

In der zweiten Phase sinkt die Körperkerntemperatur auf 32 bis 28 Grad. Der Patient erscheint bewusstseinsgetrübt und zittert nicht mehr. In der dritten Phase ist der Patient bewusstlos, atmet aber noch. In der vierten Phase ist die Kerntemperatur auf unter 24 Grad gefallen. Der Patient ist bewusstlos und hat keinen Herzschlag.

Laien sollten mit der Suche nach dem Puls keine Zeit verschwenden, da selbst Experten den leichten Puls eines Unterkühlten nur schwer ertasten können.

Richtige Versorgung unter Deck

Die durchweichten Klamotten sollten im Idealfall entfernt werden. Für bessere Beweglichkeit wird zuerst die Luft aus der aufgeblasenen Rettungsweste abgelassen. Dazu wird die längliche Ausbuchtung am Deckel des roten Mundstücks von oben in das Ventil gedrückt und gehalten. Unter Deck wird der unterkühlte Mitsegler auf die Salonbank oder bei starken Schiffsbewegungen auf den Boden gelegt.

Das nasse Ölzeug sollte nicht zerschnitten werden. Die Jacke kann unter dem Rücken hochgerollt, von hinten über den Kopf gestülpt und dann die Ärmel Richtung Füße abgezogen werden. Pullover und T-Shirts können aufgeschnitten werden. Den Patienten mit dem Handtuch abtupfen, nicht rubbeln. Aufgewärmt wird er in der sogenannten Hypothermia Wrap. Eine warme Decke wird über den abgetrockneten Patienten gelegt. Darüber kommt eine Rettungsfolie und dann wieder ein Schlafsack oder weitere Decken.

Ständige Ansprache wichtig

Den Abschluss bilden eine Plane, ein Segel oder eine weitere Rettungsfolie, damit alles vor Wasser geschützt ist. Während dieser Zeit ist eine ständige Ansprache wichtig, die nicht beruhigen soll. Im Gegenteil soll der Stresslevel hoch gehalten werden. Kreislauferhaltende Stresshormone wie Adrenalin helfen.

„Bleib bei mir! Nicht schlafen! Noch ist es nicht überstanden!" Wenn sich die unterkühlte Person zu sehr entspannt, droht der nur noch schwache Kreislauf endgültig zu kollabieren. Ist der Patient bei Bewusstsein, kann heißer Tee helfen. Wärmflaschen unterstützen beim Aufwärmen, dürfen aber nicht auf die nackte Haut gelegt werden. Es drohen Verbrennungen. Alkohol verbietet sich. Der Stoff weitet die Blutgefäße und lässt den Blutdruck gefährlich absacken. Hört der Patient auf zu atmen, ist direkt mit der Wiederbelebung zu beginnen.

​Detailliert zum Thema Unterkühlung, aber auch, wie man ein Überbordgehen wirkungsvoll verhindern kann, haben wir in einem früheren Artikel berichtet (hier klicken!).

Dass Angelboote kentern und die Personen an Bord ins kalte Wasser stürzen, passiert leider häufiger. Erst Ende April hatte es zwei Angler auf der Unterwarnow getroffen. Für sie ging die Havarie zum Glück glimpflich aus. Nur einer von beiden zog sich eine leichtere Unterkühlung zu. Beide konnten rasch von einem Behördenschiff gerettet und an Land gebracht werden, wo sie vom Rettungsdienst weiter versorgt wurden.

Pascal Schürmann

Pascal Schürmann

Textchef YACHT

Pascal Schürmann hat 2001 bei der YACHT in Hamburg als Textchef angeheuert. Den Umgang mit Pinne und Schot lernte er als Jugendlicher in der Wanderjolle auf dem Sneeker Meer sowie auf dem Dickschiff auf dem IJsselmeer. Während und nach dem Studium folgten Törns auf der Ostsee und im Mittelmeer. Als gelernter Wirtschaftsjournalist kümmert er sich zudem um Bootsfinanzierungs- und Yachtversicherungsberichte, hegt aber auch ein Faible für Blauwasserthemen.

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