Liebe Leserinnen und Leser,
ich gebe es nur ungern zu: Ausgerechnet die Deutschland-Premiere des SailGP 2025 hatte ich verpasst. Während Sassnitz damals unter dem wenig schmeichelhaften, aber durchaus treffenden Namen „Crashnitz“ in die Geschichte der Liga einging, saß der YACHT-Chefredakteur nicht auf der Tribüne. Das sollte mir kein zweites Mal passieren.
Und so stand ich am vergangenen Wochenende erstmals live vor diesem Circus Maximus des Segelsports – und war schon nach wenigen Minuten elektrisiert. SailGP im Fernsehen ist spektakulär. SailGP vor Ort ist etwas völlig anderes. Man hört das Pfeifen der Foils, spürt die Böen, sieht die Gischtfontänen und begreift plötzlich, wie absurd schnell diese Boote tatsächlich sind. Eben noch schwebt ein F50 am einen Ende des Kurses, einen Augenblick später schießt er vor den Tribünen vorbei. Das Auge kommt kaum hinterher, der Kopf noch weniger.
107,63 Kilometer pro Stunde! Frankreich trieb die Bestmarke am Samstag in Regionen, die man eher mit Autobahn als mit Segelsport verbindet. Zuvor hatten gleich mehrere Teams den alten Rekord überboten, darunter auch die deutsche Crew mit 104,6 km/h. Die F50 vibrierten, sprangen, beschleunigten und flogen dabei so dicht aneinander vorbei, dass man unwillkürlich die Luft anhielt. Das war kein bedächtiges Tonnensegeln, sondern Hochgeschwindigkeits-Sport auf Messers Schneide. Der Vergleich zur Formel 1 kommt nicht von ungefähr.
Mittendrin: Team Germany. Nach zwei schwierigen Rennen am Samstag gelang der Start-Ziel-Sieg und plötzlich stand die ganze Tribüne. Jubel, Fahnen, Arme in der Luft. Genau solche Momente braucht der deutsche Segelsport.
Am Sonntag folgte das nächste Kunststück: Die Crew setzte auf die andere Kursseite, fand dort den Druck, während die Konkurrenz von den Foils fiel, und gewann erneut. Ein mutiger Schachzug, der zeigte, dass Erik Kosegarten-Heil und sein Team nicht nur schnell, sondern auch sehr smart segeln können. Dass es am Ende trotzdem nicht fürs Finale reichte, gehörte zur Achterbahnfahrt dieses Wochenendes. Zwei Rennsiege bleiben dennoch ein starkes Ausrufezeichen.
Dunkle Wolken, Regenschauer, Sonne, Regenbogen und 20 Knoten Wind aus West sorgten für einen perfekten Mix und rasante, wie fotogene Segelaction. „Flashnitz“ statt „Crashnitz“, textete unsere Regatta-Reporterin Tatjana Pokorny treffend. Mehr Dramaturgie hätte sich auch eine Eventagentur kaum ausdenken können. Rund 15.000 Menschen verfolgten das Geschehen von den Tribünen, feuerten nicht nur die Deutschen an und ließen sich bereitwillig auf diese Mischung aus Spitzensport und Volksfest ein. Im Finale triumphierten schließlich erneut die Australier um Tom Slingsby vor Kanada und Spanien.
Natürlich kann man als Segelpurist die Nase rümpfen. Über laute Musik, kurze Rennen, große Bildschirme und eine Inszenierung, die bisweilen eher an die bereits erwähnte Formel 1 als an traditionelle Mittwochsregatten erinnert. Man kann aber auch anerkennen: Hier gelingt etwas, woran unser Sport sonst häufig scheitert. SailGP macht Segeln unmittelbar verständlich und damit auch massentauglich. Start, Geschwindigkeit, Zweikampf, Risiko, Sieg oder Niederlage – alles passiert direkt vor den Augen des Publikums und in einem Tempo, das fesselt. Niemand braucht ein Fernglas, um zu ahnen, wer gerade führt. Und niemand geht nach Hause, ohne etwas gespürt zu haben.
War das das größte internationale Segelevent, das Deutschland je erlebt hat? Für mich fühlte es sich genauso an. Weltklasse-Athleten, Hightech am Limit, eine volle Arena und eine deutsche Mannschaft, die ihr Publikum mitriss. Sassnitz hat gezeigt, welches Potenzial im Segelsport steckt, wenn man ihn nicht am Horizont versteckt, sondern mitten vor die Fans bringt.
Am 14. und 15. August 2027 kommt der SailGP zurück nach Sassnitz. Der Termin steht bereits in meinem Kalender. In Ihrem auch? Schreiben Sie mir Ihre Meinung zum SailGP-Spektakel an hager@yacht.de oder in die Kommentare.
Martin Hager
YACHT-Chefredakteur
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