Sophie SteinleinZwischen Foils und Formensprache

Martin Hager

 · 25.08.2026

Fokusiert: Sophie Steinlein, Strategin im deutschen SailGP-Team, schafft den Spagat zwischen Spitzensport und Studium.
Foto: Jon Buckle/SailGP
​Sophie Steinlein nimmt Kurs auf Olympia 2028. Im YACHT-Interview spricht die 49erFX-Steuerfrau und SailGP-Strateginüber Entscheidungen bei 50 Knoten, den Spagat zwischen Spitzensport und Studium sowie die Rolle der Frauen im professionellen Segelsport.

​Sophie Steinlein verfolgt ihren Kurs mit bemerkenswerter Konsequenz. Die DSV-Kaderseglerin richtet sportlich alles auf die Olympischen Spiele 2028 in Los Angeles aus. Im 49erFX kämpft sie als Steuerfrau um den Anschluss an die Weltspitze, beim deutschen SailGP-Team lernte sie die ebenso schnelle wie kompromisslose Welt der F50-Katamarane kennen. Gleichzeitig steht die angehende Architektin kurz vor dem Abschluss ihres Bachelorstudiums. Möglich macht diesen Spagat auch die Förderung durch die Deutsche Sporthilfe und das Deutsche Bank Sport-Stipendium. Wir trafen die zielstrebige Athletin am Rande des Rolex SailGP-Events in Sassnitz.

YACHT: Du bist seit 2023 Teil des deutschen SailGP-Teams und hast den F50 inzwischen aus nächster Nähe erlebt. Was hat dich an dem Format und an den extrem schnellen Katamaranen am meisten fasziniert und geprägt?

Sophie Steinlein: Natürlich zunächst die Geschwindigkeit – und wie schnell man an Bord Entscheidungen treffen muss. Besonders spannend fand ich aber auch die Zusammenarbeit mit den Menschen im Team. Viele von ihnen verfügen über enorm viel Erfahrung, sind sehr erfolgreich und teilweise doppelt so alt wie ich. Von ihnen kann ich unglaublich viel lernen. Das gilt übrigens nicht nur fürs Segeln. Ich habe auch an Land viel darüber erfahren, wie ein solch professionelles Projekt funktioniert und was organisatorisch, wirtschaftlich und rechtlich alles dazugehört.

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Was unterscheidet deine Arbeit als Strategin im SailGP von deiner Rolle als Steuerfrau im 49erFX? Gibt es Fähigkeiten, die du unmittelbar übertragen kannst?

Es gibt große Synergien. In unserer 49erFX-Kampagne bin ich ebenfalls Strategin und Taktikerin und stimme mich eng mit meiner Vorschoterin Catherine Bartelheimer ab. Grundsätzlich glaube ich, dass jeder Tag auf dem Wasser wertvoll ist. Ganz gleich, ob ich Wingfoilen gehe, mit meiner Motte trainiere oder F50 segle: Jede Erfahrung hilft mir auch in anderen Bootsklassen weiter.

Und wo liegen die Unterschiede?

Die Kommunikation ist anders. Im 49erFX sind wir nur zu zweit, meine Segelpartnerin kennt mich sehr gut und unsere Abstimmung ist entsprechend direkt. Dadurch trete ich dort auch selbstbewusster auf. Auf dem F50 ist das Team größer, die Abläufe sind komplexer und die Kommunikation muss noch präziser sein.

Im SailGP werden bei Geschwindigkeiten von mehr als 50 Knoten Entscheidungen in Sekundenbruchteilen getroffen. Was hast du dort über Kommunikation und Entscheidungsfindung gelernt?

Die gesamte Kommunikation läuft übers Funksystem. Dabei habe ich gelernt, sehr genau auf meine Tonalität zu achten. Es macht einen großen Unterschied, ob ich eine Information neutral weitergebe oder bewusst alarmierend spreche, weil unmittelbar gehandelt werden muss. Die Crew muss aus meiner Stimme erkennen können, wie dringend eine Situation ist. Dieses Mittel gezielt einzusetzen, war ein wichtiger Lernprozess. Darüber hinaus haben wir viele Situationen intensiv analysiert. Einige davon waren für mich neu, lassen sich in ähnlicher Form aber auch im 49erFX wiederfinden. Die theoretische Aufarbeitung hilft dabei, auf dem Wasser schneller und klarer zu entscheiden.

Du bist in der vierten SailGP-Saison unter anderem in San Francisco und New York gesegelt. Wie ließ sich das mit deiner 49erFX-Kampagne und weiteren Projekten vereinbaren?

Anna Barth und ich haben uns damals abgewechselt. Dabei wurde darauf geachtet, dass ich parallel meine Regatten und die wichtigen Qualifikationswettkämpfe im 49erFX bestreiten konnte. Gleichzeitig war ich auch noch Teil der Women’s-America’s-Cup-Kampagne und war mittendrin im Architekturstudium. Irgendwann wurde das Gesamtpaket einfach zu groß. Deshalb habe ich mich entschieden, meinen Fokus vollständig auf den 49erFX und das Ziel einer olympischen Medaille zu richten. Mit dieser Entscheidung bin ich sehr zufrieden.

Gibt es einen bestimmten Moment im SailGP, von dem du sagen würdest, dass er dich als Seglerin entscheidend weitergebracht hat?

Es ist weniger der eine besondere Moment. Mich haben vor allem die professionellen Strukturen, die konsequente Analyse und die Zusammenarbeit mit sehr erfahrenen Seglern weitergebracht. Diese vielen einzelnen Erfahrungen sind für mich entscheidender als ein bestimmtes Erlebnis.

Seit Anfang 2025 wirst du über das Deutsche Bank Sport-Stipendium in Zusammenarbeit mit der Deutschen Sporthilfe gefördert. Wie wichtig ist diese Unterstützung, um Leistungssport und Architekturstudium miteinander zu verbinden?

Die Förderung ist für mich sehr wichtig, weil sie einen wesentlichen Teil meines monatlichen Einkommens bildet. Andere Sportlerinnen und Sportler sind beispielsweise bei der Bundeswehr angestellt. Durch die Deutsche Sporthilfe und das Deutsche Bank Sportstipendium muss ich mir deutlich weniger Sorgen um meinen Lebensunterhalt machen. Das gibt mir die Freiheit, mich auf meinen Sport und gleichzeitig auf mein Studium zu konzentrieren. Außerdem arbeitet die Sporthilfe mit starken Partnern zusammen, über die sich immer wieder weitere Unterstützungsmöglichkeiten ergeben.

Wie teilst du deine Zeit zwischen Segeln und Studium auf?

Der Sport hat momentan eindeutig Priorität. Im Bachelorstudium fehlen mir noch drei größere Fächer beziehungsweise Projekte. Diese werde ich nach und nach abschließen. Mein Studium wird mich deshalb voraussichtlich bis 2028 begleiten. Wenn eine Prüfung ansteht, versuche ich, mir gezielt Zeit zum Lernen zu nehmen. Gleichzeitig ist Architektur ein sehr kreatives Studium. Deshalb halte ich auch unterwegs die Augen offen, tausche mich mit Menschen aus und nehme viele Eindrücke mit. Das lässt sich in gewisser Weise auch mit dem Reisen und Segelsport verbinden.

Die Förderung soll Athletinnen und Athleten auch eine berufliche Perspektive für die Zeit nach dem Leistungssport eröffnen. Warum ist es dir wichtig, parallel Architektur zu studieren?

Ich wollte schon als kleines Kind Architektin werden. Diesen Weg möchte ich unbedingt weitergehen. Ich weiß heute noch nicht genau, in welchem Bereich ich später arbeiten werde, aber mr ist klar: Die Richtung stimmt. Für mich ist es wichtig, neben dem Sport etwas zu haben, für das ich ebenfalls Leidenschaft empfinde. Die Architektur ist nicht einfach nur eine Absicherung für die Zeit nach dem Segeln. Sie ist ein eigener beruflicher Wunsch.

„Wir sind auf einem guten Weg, aber wir sind noch lange nicht angekommen.“
Sophie Steinlein

Du möchtest jungen Frauen Mut machen, ihren Weg im Sport zu verfolgen. Welche Rolle spielen weibliche Vorbilder in einer weiterhin stark männlich geprägten Sportart?

Es ist meiner Meinung nach extrem wichtig, dass junge Frauen andere Frauen in verantwortungsvollen und sichtbaren Positionen erleben. Im SailGP sind die Teams auf ihre Seglerinnen angewiesen. Dadurch liegt es auch im Interesse der Männer und der gesamten Teams, uns gut auszubilden. Das Ziel muss sein, dass Frauen die gleiche seglerische Ausbildung und die gleichen Möglichkeiten erhalten wie Männer. Wir sind dabei auf einem guten Weg. Im professionellen Segelsport sind wir aber noch nicht am Ziel. Frauen werden häufig noch anders wahrgenommen und behandelt als Männer. Ich möchte meinen Teil dazu beitragen, dass sich das verändert.

Wie beeinflussen sich dein Engagement im SailGP und deine olympische Kampagne im 49erFX gegenseitig?

Mein Ziel ist zunächst, im olympischen Segeln erfolgreich zu sein und mir dort ein höheres sportliches Standing zu erarbeiten. Als ich zum SailGP kam, war ich das sehr junge, talentierte Mädchen. Künftig möchte ich nicht nur als Nachwuchsseglerin wahrgenommen werden, sondern als erfahrene und erfolgreiche Athletin, die einen noch größeren Wert für das Team besitzt. Erfolge im 49erFX und idealerweise bei den Olympischen Spielen wären dafür natürlich ein starkes Einstiegsticket. Die Erfahrung aus beiden Bereichen kann sich gegenseitig ergänzen.

Welche Bedeutung soll der SailGP auf deinem Weg zu den Olympischen Spielen 2028 in Los Angeles haben?

Bis 2028 liegt mein Fokus klar auf dem 49erFX und den Spielen. Danach möchte ich aber sehr gern in den SailGP zurückkehren – möglichst in einer größeren Rolle an Bord. Als Strategin ist man in den aktiven Abläufen irgendwann limitiert. Man liefert Informationen und ist an den Entscheidungen beteiligt, führt aber beispielsweise nicht selbst die Manöver aus. Langfristig würde ich gern eine Position übernehmen, in der ich das Boot auch aktiv mitsegele und nicht nur strategische Entscheidungen vorbereite.

Was wünschst du dir von der Sporthilfe und von der Förderung junger Athletinnen?

Mit der Sporthilfe bin ich sehr glücklich. Dort erlebe ich keinen Unterschied zwischen Männern und Frauen. Die Verantwortlichen glauben an mich und geben mir die Sicherheit, meinen sportlichen Weg zu verfolgen, ohne dass ich mich permanent um meine finanzielle Grundlage sorgen muss. Für junge Seglerinnen braucht es vor allem sichtbare Perspektiven. Als ich klein war, gab es keine Strateginnen im SailGP, an denen ich mich hätte orientieren können. Wenn ein Mädchen keine Frauen in solchen Positionen sieht, stellt sich irgendwann die Frage, warum es über Jahre so viele andere Dinge zurückstellen und vielleicht sogar das Studium für den Sport nach hinten stellen soll. Wir müssen zeigen, dass Frauen im Segelsport erfolgreich sein, gemeinsam mit Männern auf höchstem Niveau antreten und perspektivisch auch von diesem Sport leben können. Dann bleiben mehr Mädchen dabei, die Leistungsdichte steigt – und daraus entstehen wiederum neue Vorbilder.

Ist der SailGP und das Segeln auf radikal schnellen F50 gut geeignet, um Frauen im Segelsport sichtbarer zu machen?

Auf jeden Fall. Das Boot ist körperlich anspruchsvoll und die Geschwindigkeiten sind extrem, aber viele Aufgaben an Bord können Frauen genauso übernehmen. Es sollte langfristig darum gehen, mehr als den vorgeschriebenen einen Platz – die Quoten-Frau – zu besetzen. Frauen müssen selbstverständlicher Teil der gesamten Crew werden.

Sophie, vielen Dank für das Gespräch und viel Erfolg auf Deinem Weg nach Los Angeles.

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Martin Hager

Martin Hager

Chefredakteur YACHT und BOOTE Exclusiv

Martin Hager ist Chefredakteur der Magazine YACHT und BOOTE EXCLUSIV. Er segelt seit seiner Kindheit, Surfen, Kitesurfen und Wingfoilen ergänzen seit vielen Jahren seinen sportlichen Horizont. Die Liebe zum Wassersport führte ihn zum Schiffbaustudium und von dort im Jahr 2004 in die Hamburger Redaktion des Delius Klasing Verlages. Seine Leidenschaft für den Bootsbau, die Yachtbranche und die spannenden Charaktere, die das Yachting prägen, gibt er mit Freude weiter – sei es in seinen Artikeln, als auch im Gespräch mit Lesern und der Branche.

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