Sydney. New York. Rio. Sassnitz. Sassnitz? Sassnitz! Auch im zweiten Jahr des deutschen SailGP-Gipfels bildete der Rügener Hafenort die Ausnahme in der Reihe strahlstarker Weltmetropolen, in deren Häfen die Segel-Formel 1 sonst gastiert. Und auch im zweiten Jahr hat die Ostseepiste gehalten, was sie schon bei der Premiere mit einem neuen Speedrekord – damals 103,93 km/h – versprochen hatte. Die Rügenrennstrecke ist die schnellste der Segelsuperliga. Ihren im vergangenen Jahr nach Kollisionen und Bruch erworbenen Spitznamen „Crashnitz“ tauschte sie in diesem Sommer rasant in „Flashnitz“ um.
Gewonnen haben beim Germany Sail Grand Prix viele. An Land und auf dem Wasser. Das Publikum im ausverkauften Stadion zählte dazu. Was mit Blick auf Sassnitz bei den ersten Ideen und Planungen noch als Risiko erschien – der international nicht so bekannte Ort („Where is this Sassnitz?“), die nicht ganz leichte Erreichbarkeit und auch die natürlich begrenzten Übernachtungskapazitäten in der Ferienzeit – hat sich nicht bewahrheitet. Aus rund 13.000 verkauften Tickets in 2025 wurden laut Liga gut 15.000 in diesem Jahr. Der scheinbar unscheinbare kleine Rügener Erholungsort, umgeben vom Nationalpark Jasmund, Königsstuhl und Kreidefelsen, hat sich zur internationalen Sportschauperle gemausert. Die Arena und ihre XL-Tribünen im Sassnitzer Hafen und an der Außenmole wirkten wieder wie ein Magnet.
Alessio Cristiano Scorrano arbeitet im Bella Vista in der Hafenstraße. Der Papa ist Italiener und kocht, Mama ist Sassnitzerin. Die Pizzeria unweit des Rennstadions ist schon an den Tagen vor dem ersten Startschuss gut besucht. Der junge Scorrano erzählt: „Als anfangs von diesem Segelereignis gesprochen wurde, klang das verrückt für Sassnitz. Niemand wusste, was das eigentlich ist. Aber man muss doch auch mal was wagen. Es ist toll für den Ort!“
Eine vom Veranstalter beauftragte Deloitte-Untersuchung bezifferte den wirtschaftlichen Effekt der Premiere 2025 auf rund zehn Millionen Euro. Die Vergleichszahl für dieses Jahr steht noch aus. Die Staatskanzlei Mecklenburg-Vorpommerns sieht den Rolex SailGP als „große Bühne für unsere Heimat“ und freute sich über „die Welt zu Gast in Sassnitz“. Noch während der Veranstaltung kündigte Ministerpräsidentin Manuela Schwesig mehr als vier Millionen Euro Fördermittel für Planungsleistungen im Fährhafen Sassnitz-Mukran an. Den Bescheid dazu hat der mutige Bürgermeister Leon Kräusche am Finaltag erhalten. Kräusche und sein Team hatten die Herausforderung SailGP 2025 angenommen und dabei nicht nur Rückenwind erlebt. Inzwischen aber ist die Mehrheit der Rügener und der nationalen und internationalen Gäste begeistert vom deutschen Hotspot für die Segel-Formel 1, auch wenn manch einen Gast die Kostenexplosion bei den Übernachtungsangeboten hart traf. Preissteigerungen von 50 Prozent und mehr binnen eines Jahres waren hinzunehmen.
Die dritte Auflage in Sassnitz ist längst beschlossene Sache. Ihr erneutes Comeback zelebriert die Liga am 14. und 15. August 2027. Auch liegen schon Vertragsentwürfe für die Fortsetzung in den Jahren 2028 bis 2030 vor. Team Germanys CEO Tim Krieglstein hielt fest: „Die Resonanz der Fans war einmalig. Wir arbeiten intensiv daran, SailGP langfristig nach Deutschland zu holen.“
„Nirgendwo sieht die Boxengasse so gut aus wie hier in Sassnitz“, schwärmte eine SailGP-Mitarbeiterin. Dass man die Tech Site mit den Team-Hangars und die an Renntagen davor im Hafen festgemachten Rennkatamarane beim Gang über die Sassnitzer Hängebrücke hinunter in den Hafen gut aus der Vogelperspektive betrachten konnte, versah schon den Weg zum Event-Gelände mit Wow-Bildern. Von dort betrachtet, stach auch der Glasbahnhof heraus. Bis 1998 als Fährbahnhof für die Verbindung zwischen Sassnitz und Trelleborg genutzt und inzwischen durch den Fährhafen Sassnitz in Mukran ersetzt, steht das alte Bahnhofsgelände als Teil des ehemaligen Stadthafens heute unter Denkmalschutz.
Hier hat die Liga in diesem Jahr ihr Rennhauptquartier eingerichtet. Hier waren die sogenannten „Coach Booths“, die offenen „Kabinen“ für die Trainer eingerichtet, die ihre Crews während der Rennen mit Daten und Informationen versorgen. Zwei bis drei Coaches pro Team saßen dort vor ihren Bildschirmen, erfassten in Windeseile die Kursdaten, die Daten vom Boot und berieten ihre Crews via Funk. Mit freiem Blick auf diese Arbeitsplätze konnten die geladene Gäste Formel-1-Atmosphäre tanken. Die Nähe SailGP-Herzkammer, die möglichen Interaktionen mit den Profis sind ein interessanter Teil der Show. Riesige Glasfenster gaben dazu den Blick über das Ostseerevier frei.
Hochmotiviert trat der deutsche Segelrennstall zum Heimspiel an. Das Team gehört Unternehmer Thomas Riedel, dem viermaligen Formel-1-Weltmeister Sebastian Vettel und weiteren Investoren wie Wacken-Festival-Initiator Holger Hübner, ESL-Gründer Ralf Reichert, der Viessman Generations Group und der internationalen Gruppe Bolt Ventures. Größter Partner ist die Deutsche Bank, die alleine 200 der 500 Gäste von Team Germany nach Sassnitz eingeladen hatte. Für viele war es die erste Begegnung mit der Segel-Formel 1. Sie strömten an den beiden Renntagen aufs Veranstaltungsgelände und in den deutschen Hangar in der Boxengasse, wo 13 Teams aus ebenso vielen Nationen für den Erfolg auf dem Wasser arbeiten und ihre F50-Rennkatamarane warten.
Ende August wurde der ein Jahr unangefochtene Geschwindigkeitsrekord beim Rockwool Germany Sail Grand Prix binnen eines Tages von sieben Teams überboten! Auch das Germany SailGP Team hielt mit 104,6 km/h kurz eine neue Bestmarke. Dann kletterten wie im Rausch. Am Ende war es das DS Automobiles Team France, das sich nach seinem Event-Sieg im vergangenen Jahr dieses Mal mit 107,63 km/h als neuer Rekordhalter ins Rampenlicht katapultierte. Quentin Delapierre und Les Bleus sind nun das schnellste Team in der Segel-Formel 1. Und Sassnitz hat das schnellste Wochenende in der achtjährigen SailGP-Geschichte serviert.
Auf dem Kurs wurde erstmals auch in Sassnitz das neue Split-Fleet-Format umgesetzt: Die Teams bestreiten ihre Hauptrunde nicht mehr in einer, sondern in zwei Gruppen. Von den meisten Aktiven wird das neue SailGP-Format begrüßt, das bei inzwischen 13 Booten an der Startlinie das Chaos entzerren und gefährlichen Kollisionen wie auch 2025 in Sassnitz vorbeugen soll. In dieser Saison aufgrund der ungeraden Starterzahl mit sieben und sechs Teams noch nicht ganz gleichgewichtig verteilt, bringt das Gruppensegeln auch den Zuschauern mehr. Mehr Rennen und mehr Action als zuvor: sechs statt drei Läufe an Tag eins, jeweils drei für die Gruppen A und B. Vier statt zwei Gruppenrennen an Tag zwei, dann das Finale. Bei einer Renndauer von deutlich unter zehn Minuten ergab sich daraus eine Etwa-Nettosegelzeit von eineinhalb Stunden fürs gesamte Wochenende. Eine weitere „Weniger ist mehr“-Parallele zur Formel 1 im Automobilrennsport: Ein Formel-1-Rennen dauert in der Regel ohne Unterbrechungen rund 90 Minuten.
An Adrenalin aber waren die Rennen maximal geladen. Allen voran stürmte der dreimalige SailGP-Rekordsieger Tom Slingsby mit seinen Bonds Flying Roos über den Kurs. Ohnehin als Starkwind-Powerplayer bekannt, meisterten die Grün-Goldenen nicht nur die Rekordwinde in den Samstag-Rennen konsequent und erfolgreich. Sie ließen sich auch von den dunklen Wolken über dem Rennkurs, den ungnädigen Wolkenbrüchen und den stark inkonstanten Winden am Finalsonntag nicht aus der Erfolgsspur drängen. Egal, ob zehn oder 23 Knoten, egal, ob Wind aus oder heftigste Böen an: Die „fliegenden Kängurus“ sprangen im Vierer-Finale mit einem kraftvollen Satz zum Triumph in Sassnitz. Chancenlos konnten die allesamt von den Foils gefallenen Teams NorthStar Canada, Los Gallos und die Black Foils in den fast verrückten Finalbedingungen erst lange nach den Siegern ins Ziel kriechen.
„Momentum ist eine gewaltige Kraft!“, hielt Tom Slingsby nach dem kuriosen Finale grinsend fest. An diesem Tag hatten sogar die Besten Schwierigkeiten, in den diesigen Bedingungen Regenschauer und Windböen voneinander zu unterscheiden und zu bändigen. Sogar der hartgesottenste America’s-Cup-Maestro Pete Burling beschrieb, wie der Regen bei den Geschwindigkeiten im Gesicht und auf den Händen weh tat.
Ganz im Sinne der australischen Nationalhymne „Advance Australia Fair“ (dt.: „Schreite voran, schönes glückliches Australien“) war den Bonds Flying Roos im Kampf um den Sassnitz-Sieg auf dem windlöchrigen Parcours ein imposanter Durchmarsch gelungen.
„Manchmal“, erklärte der Laser-Olympiasieger Tom Slingsby danach, „ist es einfach so, dass der Wind abgeschaltet wird. Wir haben es trotzdem geschafft, auf den Foils zu bleiben und über die Ziellinie zu flitzen. Wir waren an Land und auf dem Podium, als die anderen gerade erst das Rennen beendeten. Das ist sehr selten.“
Seine ganz eigene Achterbahnfahrt erlebte beim Heimspiel das Germany SailGP Team. Stark angefeuert vom Publikum, wollten Erik Kosegarten-Heil und seine Crew glänzen. Doch der Auftakt misslang nach schwachen Starts mit den Rängen sechs und fünf in den ersten beiden Rennen. Unter Druck gelang dann im dritten Samstag-Rennen aber der Befreiungsschlag. Mit einem Rennsieg holte Schwarz-Rot-Gold die Fans von den Stühlen – und sich selbst zurück in den Wettkampf.
Auch der Finalsonntag blieb für den gebürtigen Berliner Erik Kosegarten-Heil, seine Strategin Anna Barth, Flügeltrimmer Kevin Peponnet, Flight Controller James Wierzbowski und die beiden Grinder Linov Scheel und Will Tiller ein Wechselbad. Was nicht nur an den Regenüberfällen lag. Wieder misslang die Eröffnung: Wie auch den Kanadiern, unterlief Team Germany ein knapper Frühstart. „Wir hatten einen Start-Penalty, mussten uns zurückfallen lassen und waren auch an der Leemarke noch Letzte“, beschrieb Anna Barth die ungute Ausgangslage für das vierte von fünf Gruppenrennen der Deutschen. Sie mussten das Feld von hinten aufrollen. Das aber taten sie in sehenswerter Weise. „Wir hatten auch ein bisschen Glück, dass der Regenschauer gerade vorüber war und der Kurs damit wieder offen“, beschrieb Erik Kosegarten-Heil die Situation. Mit diesem freien Blick machte das Team in der Ferne eine Entdeckung. Der Fahrer erzählte später lachend: „Es war die einzige große Chance, die wir an diesem Wochenende bekommen haben: Dass oben links Druck gekommen ist, sich aber keiner entschlossen hat, da schnell hinzuwechseln. Das war eine gute Entscheidung. Noch cooler war, dass alle anderen von den Foils gefallen sind. Dann hatten wir ein leichtes Leben.“ Der schicke Schachzug war ganz nach dem Geschmack des gelernten Berliner Seenseglers mit Vorliebe für „tricky“ Bedingungen. Anna Barth war beteiligt, sagte: „Der dichteste Druck war auf der rechten Seite, aber da kam auch was aus der Richtung, wo die Zuschauerboote lagen, auf der linken Seite. Ich habe darüber an Bord gesprochen. Erik hat das auch gesehen. Da sind wir hin. Das war gut für uns.“ Dieser zweite Rennsieg schmeckte Schwarz-Rot-Gold besonders gut, denn er war mit klassischer Segelkunst formidabel errungen.
Wieder sprang das Publikum von den Sitzen, sorgte in der Arena für Gänsehautatmosphäre. Die meisten waren längst durchnässt. Auch, weil Regenschirme auf den Tribünen nicht erlaubt waren, um nur ja nicht die gute Aussicht zu riskieren – die richtige Entscheidung für den Sport. Die Zuschauer zeigten sich davon unbeeindruckt. Das Adrenalin wirkte Wunder gegen die klammen Klamotten am Leib. Die Ränge blieben bis zum Schluss vollbesetzt. Bei nur noch einem Punkt Rückstand des Heimteams auf den zum Finaleinzug notwendigen zweiten Gruppenplatz witterten die Fans nun die große Chance.
Doch diese Hoffnung platzte fast so schnell, wie sie gekommen war: Mit einem technischen Manöverfehler im Start brachte sich das deutsche Sextett um einen guten Einstieg ins entscheidende Rennen. Dieses Mal erholte sich das Team davon nicht mehr.
„Das Finale so knapp zu verpassen, das tut weh“, sagte Coach Lennart Briesenick in Sassnitz. Er weiß, woran das Team zu arbeiten hat: „Wenn man sich das ganze Wochenende anschaut, ist relativ klar, dass wir uns weiterhin mit den Starts beschäftigen müssen.“ Die deutsche Achillesferse schmerzt chronisch. Umso mehr, als das Team auf dem Kurs oft stark agiert. Auf der Haben-Seite blieben die beiden Rennsiege. Nur die Australier holten drei inklusive Finale, die Black Foils und Los Gallos ebenfalls zwei.
Rang sieben beim Heimspiel und Platz acht in der Saisonmeisterschaft nach neun von 13 Events: Das ist noch nicht die Position, die das Germany SailGP Team by Deutsche Bank zu Jahresbeginn ins Visier genommen hatte. Platz sechs hatten sie sich bewusst ehrgeizig zum Ziel gesetzt. Vier Gipfel in Valencia, auf dem Genfersee, wo im vergangenen Jahr der historisch erste deutsche Event-Sieg gelungen war, in Dubai und Abu Dhabi stehen noch aus. Das ist fast ein Saisondrittel, in dem viel passieren kann. Es bringt dem deutschen Team nach jeweils neunten Plätzen in 2024 und 2025 die Chance, im dritten Jahr seiner Ligazugehörigkeit noch weiter vorzudringen – und seinen Startknoten zu lösen. Den anhaltenden Kampf darum haben im ZDF am Sassnitz-Samstag 750.000 Menschen verfolgt, am Sonntag eine knappe Million.
Die Top-Vier der Saisonwertung bilden nach dem Ostseespektakel Australiens Liga-Löwen (76 Punkte) vor den 2024er-Meistern Los Gallos (62 Punkte) und dem vorgerückten schwedischen Team Artemis (53 Punkte).
Zurückgefallen sind die britischen Titelverteidiger. Das noch zu Jahresbeginn so starke Emirates Team GBR schlingert nach Crew-Wechseln durch die Saison, kam mit 49er-Olympiasieger und America’s-Cup-Finalist Dylan Fletcher, Doppel-Olympiasiegerin und Strategin Hannah Mills, Team Germanys Ex-Flügeltrimmer Stu Bithell und weiteren Top-Akteuren bei den letzten drei Events nicht über die Ränge 11, 11 und 9 hinaus. CEO Sir Ben Ainslie dürfte „not amused“ sein. Der mit vier Goldmedaillen erfolgreichste Olympiasegler der Sportgeschichte, der mit den meisten seiner SailGP-Kräfte 2027 wieder den America’s Cup jagt, musste miterleben, wie seinem Team zwei Punkte zum Finaleinzug fehlten. Ein Foto von Ainslie im angeregten Gespräch mit Sebastian Vettel kommentierte ein Facebook-Fan frech in Richtung Briten-Fahrer Dylan Fletcher: „Seb ist doch immer gut vom Start weggekommen. Vielleicht sollte er sich mal mit Dylan unterhalten.“ Im Kampf auf dem Wasser waren das Vettel-Team (7.) dieses Mal besser als die Ainslie-Crew (9.) – ein kleiner Punktsieg auf dem langen und dornenreichen Weg an die Spitze im SailGP.
Gewonnen hat beim deutschen Grand Prix vor allem das Revier – und damit Sassnitz. Das Loblied von der strömungs- und wellenarmen Rekordpiste sangen fast alle Top-Profis. 49er-Olympiasieger Nathan Outteridge sagte: „Wenn jedes Wochenende so sein könnte – Rennen unter solchen Bedingungen, bei denen jeder Lauf super eng ist –, das wäre großartig!“
Regattasegeln von Malte Philipp erklärt Strategie und Taktik von der Vorbereitung über den Start bis zur Analyse nach der Wettfahrt. Das Buch passt besonders zu den entscheidenden Szenen des deutschen Heimrennens: Frühstarts, taktische Entscheidungen bei wechselndem Wind und die Suche nach dem schnellsten Weg über den Kurs. Klare Abbildungen und eine Checkliste machen die beschriebenen Grundlagen auch für die eigene Regattapraxis nutzbar.
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