Liebe Leserinnen und Leser,
noch bis Sonntag ist die Kieler Förde das Weltschaufenster zum internationalen Segelsport in seiner ganzen Bandbreite. Schleswig-Holsteins Innen- und Sportministerin Sabine Sütterlin-Waack nannte Kiel schon bei der Eröffnung „World Sailing City“. Ihr fulminanter Aufschlag kam nicht von ungefähr.
Kiel möchte zum dritten Mal nach 1936 und 1972 Austragungsort für eine olympische Segelregatta werden. Die sportliche Konkurrenz dafür kommt aus Rostock-Warnemünde, wo ebenfalls intensiv für die Chance zur Ausrichtung von Segelspielen in der Zukunft gearbeitet wird.
In Deutschland läuft aktuell das Bewerbungsverfahren mit vier Kandidaten, die 2036, 2040 oder 2044 Olympia-Gastgeber werden wollen: Hamburg, München, Berlin und Rhein-Ruhr bestreiten diesen Vierkampf, über den national Ende 2026 entschieden wird.
Alle vier Kandidaten haben bereits erklärt, mit welchen Segelrevieren sie planen: München, Berlin und Rhein-Ruhr lassen sich die Entscheidung zwischen Kiel und Rostock-Warnemünde noch offen, haben in ihren Bewerbungsdokumenten beide als potenzielle Partner angegeben. Nur Hamburg hat bereits dem Kieler Förderevier das alleinige Votum gegeben.
Anders herum betrachtet: Kiel ist bei allen deutschen Olympia-Bewerbungen im Spiel. „Wir haben Bock auf Olympia!“, erklärte Schleswig-Holsteins erfrischende Staatssekretärin im Ministerium für Inneres und auch für den Sport. Magdalena Finke sprach bei einer Podiumsdiskussion zur Kieler Woche aus, was im Norden regelmäßig gefeiert wird: Segelsport satt.
Das zeigten in der Vergangenheit Hunderttausende Fans auch bei anderen Kieler Segelsportgipfeln wie dem Ocean-Race-Flyby 2023. Mit noch mehr Besuchern wird in der Woche zum Start des Ocean Race Europe am 10. August gerechnet.
„Wir haben hier in Kiel wirkliche Unterstützung der Bevölkerung“, hielt Oberbürgermeister Ulf Kämpfer fest. Als zwei weitere Argumente für Olympia in Kiel nannte er auf der Kieler-Woche-Bühne „den Standort der Segelnationalmannschaft“ und „das Renommee des Segelstandorts Kiel in der Welt und auch in den Weltfachverbänden.“
Alle drei Argumente sind gut und richtig. Da kam es höchst ungelegen, dass der dreimalige Olympiateilnehmer und Weltmeister Philipp Buhl und andere Segler mit ihrer Kieler-Woche-Kritik mächtig an der deutschen Segelsportfestung rüttelten.
Buhl hatte harte Worte wie „Trauerspiel“ und „nicht olympiareif“ gewählt, die wie Tiefschläge wirkten und die Kieler-Woche-Macher empörten. Die Wogen schlugen hoch, die Auseinandersetzung war scharf und hat fast überdeckt, dass es gar nicht ums Große und Ganze, sondern Ärgernisse in manchen Klassen oder auf einigen Bahnen ging, die benennbar und – wichtiger – behebbar sind.
Noch vor dem Wunsch nach besserer Kommunikation mit den Aktiven sorgten in diesem Jahr einige Startboote für Verdruss, weil die Anker in steifen oder stürmischen Winden bei entsprechendem Wellengang nicht hielten. Die Folgen waren Rennausfälle – was die segelhungrigen Kieler-Woche-Akteure auch auf der Seebahn stark frustrierte.
Kieler-Woche-Sportchef Dirk Ramhorst räumte angesichts der Häufung „Baustellen“ ein und erklärte, dass eine Mischung aus teilweise sehr schwerem Wetter, den zur Verfügung stehenden Startbooten, ihrer Ausrüstung und manchen vorsichtigen Eignern „die bei bestimmten Bedingungen Nein sagen“, zu den Schwierigkeiten geführt haben.
Kein Geheimnis: Die Mittel der Kieler Woche sind nicht unendlich. Es können nicht kurzerhand neue Startschiffe eingekauft werden, weil die vorhandenen den Ansprüchen bei extremen Wetterlagen nicht genügen. Aber sogar bei dieser Herausforderung könnte mittel- und langfristig Olympia helfen, denn: Mit den Spielen fließen Mittel auch für die Ausrüstung zur Ausrichtung der Sportwettkämpfe, von denen die Gastgeber vor und nach den Spielen profitieren. Zudem wollen die Kieler-Woche-Macher schauen, ob sie nicht im vereinsübergreifenden Gemeinschaftsakt ein gutes Startschiff anschaffen können.
Dass alle Beteiligten – Kritiker und Kritisierte – Bock auf Olympia haben, steht außer Frage. Dass die Baustellen behoben gehören, ebenso. Kiels Chancen als aussichtsreicher Kandidat bleiben neben denen von Rostock-Warnemünde sehr gut, auch wenn mal scharf „geschossen“ wird. Was niemand tut, dem das Wohlergehen der Kieler Woche oder der Kampf um Olympische Spiele hierzulande egal wären.
Wer immer sich im nationalen Vierkampf mit welchem Segelrevier als deutscher Kandidat für den internationalen Wettbewerb um die Olympia-Ausrichtung bis Ende 2026 durchsetzt: Die Spiele bringen der jungen Generation sportliche Vorbilder, unvergessliche Lebensmomente und in heutiger Zeit auch nachhaltigere Infrastruktur inklusive neuer oder umgebauter oder renovierter Sportstätten, von deren Anschlussnutzung die Bevölkerung profitieren soll. Vielleicht bringen sie auch das eine oder andere neue Startboot?
Es grüßt Euch und Sie mit viel Bock auf Olympia im eigenen Land
YACHT Sportreporterin
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