Liebe Leserinnen und Leser,
kennen Sie das? Auf dem Weg zum Segeltörn ärgert man sich noch über Zugausfälle und Flugverspätungen, aber kaum ist man an Bord, nimmt man Verzögerungen gelassener hin. Vorausgesetzt natürlich, man verbringt nicht die komplette Urlaubswoche eingeweht im Hafen. Aber abgesehen vom Worstcase Szenario: Zu wenig Wind? Zu viel? Dann verschiebt sich die Etappe eben auf morgen. Schließlich lässt sich das Wetter nicht diskutieren.
Oder vielleicht doch?
Eigentlich verbringen Segler erstaunlich viel Zeit damit, genau das zu tun. Ich möchte an dieser Stelle eine kontroverse und auf den ersten Blick widersprüchliche These aufstellen: Segler sind gleichzeitig die gelassensten Menschen und die größten Nörgler. Ist Flaute, wünschen wir uns Wind. Bläst es kräftig, dürfte es gern etwas weniger sein. Und aus der richtigen Richtung kommt er auch selten. Dreht der Wind ständig, nervt das Trimmen. Bleibt er dagegen stundenlang konstant, wird es irgendwie auch langweilig. Ständig ist man auf der Jagd nach dem perfekten Segeltag: genug Wind, aber bitte nicht zu viel. Konstant, aber bitte nicht langweilig. Anspruchsvoll, aber bloß nicht anstrengend.
Vor einem Jahr war ich in der Bretagne unterwegs. Statt der erhofften Brise herrschte tagelang Flaute. Dieses Jahr im Solent wartete das andere Extrem. Schon am ersten Tag blieben wir wegen Starkwinds im Hafen, und auch in den folgenden Tagen wechselten Windstärke und Richtung gefühlt im Minutentakt. Kaum waren die Segel sauber getrimmt, kam die nächste Böe oder der nächste Dreher. Für einen Urlaubstörn, bei dem man möglichst entspannt Strecke machen möchte, wäre das wahrscheinlich anstrengend gewesen. Für einen Ausbildungstörn war es dagegen perfekt.
Ständig gab es etwas zu tun: Segel neu trimmen, reffen, den Kurs anpassen oder den Wetterbericht neu bewerten. Sicher ist: Ich habe in dieser Woche mehr gelernt als auf einem Törn mit durchgehend zwölf Knoten aus der richtigen Richtung.
Ich glaube, genau das macht für viele Segler die Faszination dieses Sports aus. So sehr wir über den Wind schimpfen – wir wollen ihn genau so: unberechenbar und unkontrollierbar, wie es im Alltag nur noch wenige Dinge sind. Wir können den äußeren Umständen nicht unseren Willen aufzwingen. Der Wind interessiert sich weder für unseren Törnplan noch für die Reservierung im nächsten Hafen. Also passen wir uns an. Wir warten. Wir ändern den Plan. Oder wir nutzen die Zeit, um etwas zu lernen. Im Falle meines Manövertörns im Solent waren das Theorieblöcke bei dampfendem Tee unter Deck während draußen 30 Knoten Böen an unserer Ankerkette zerrten.
Und vielleicht ist das auch der Grund, warum ich nach dieser Segelwoche mal wieder deutlich gelassener nach Hause gekommen bin, als ich losgefahren bin. Weil man beim Segeln jeden Tag aufs Neue lernt, mit dem zurechtzukommen, was sich ohnehin nicht ändern lässt.
Jill Grigoleit
YACHT-Redakteurin
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