Liebe Leserinnen und Leser,
mit sechzig beginnt in Deutschland statistisch gesehen der Rückzug aus dem aktiven Sportleben. Mit siebzig ist man froh, wenn die Knie noch mitspielen und der Rücken nicht allzusehr zwickt. Mit achtzig? Da lässt man es dann gerne gut sein.
Unter Seglern hat sich das offensichtlich noch nicht herumgesprochen, wie ein Blick auf die Crewlisten zahlreicher Holzbootregatten verrät. Eine davon – die Hamburg Summer Classics – fand letztes Wochenende auf der Außenalster in Hamburg statt und die YACHT war mit dem ersten Zugvogel, Baujahr 1962, dabei.
Wer mitsegelte oder am Steg stand und dabei zuschaute, wie Drachen, H-Boote und Jollenkreuzer aus einer anderen Epoche an die Startlinie auf der Außenalster zusegelten, der wird sich unter Umständen die Augen gerieben haben. Nicht nur wegen der wunderschönen alten Holzrümpfe, die sich an diesen Sommertagen einem schwimmenden Museum gleich über das Binnengewässer der Metropole bewegten. Gaffelsegel standen top getrimmt im leichten Wind und das hochglanzpolierte Mahagoni-Furnier frisch restaurierter Klassiker glänzte in der August-Sonne. Sondern auch wegen der Menschen, die in den Booten saßen.
Die Eigner und Crews genossen die Segelmomente sichtlich, auch wenn es nach dem Startschuss überaus ambitioniert zuging und an den Tonnen um jeden Platz gekämpft wurde. Besonders Nils-Geertsen Schildt zog die Blicke auf sich. Der knapp 80 Jahre alte Segler vom Blankeneser Segel-Club saß bestens gelaunt und in rote Cowes-Hose und Poloshirt gekleidet in seinem 3,66 Meter langen 12 Fuß Dinghy, einem Boot, dass seit über 100 Jahren gebaut und gesegelt wird. Seine Segelvita ist lang, 1972 segelte er im Olympiakader, 40 Jahre Drachensegeln folgten, bevor er vor zehn Jahren in die Holzbootszene einstieg und zwei 12-Fuß-Dinghies selbst restaurierte. Während andere im Alter auf Motorboote umsteigen, wählte er den gegensätzlichen Weg.
Nils-Geertsen Schildt ist ein herrliches Beispiel dafür, dass Segeln keine Altersgrenze kennt. Kein anderer Sport verbindet körperliches Engagement, geistige Konzentration und soziales Miteinander so selbstverständlich über alle Lebensphasen hinweg. Und kein anderer Sport belohnt Erfahrung so konsequent. Der Wind interessiert sich nicht für dein Geburtsjahr. Aber er belohnt denjenigen, der gelernt hat, Wetter einzuschätzen und den richtigen Kurs zu wählen.
Die Hamburg Summer Classics zeigen das jedes Jahr aufs Neue. Rund 70 Segler auf 31 Booten waren dieses Jahr dabei, vier Wettfahrten wurden gesegelt und zwölf Klassen von der Hansa-Jolle, über Holzdachen bis zum Flying Dutchman waren gemeldet. Der Känguruh-Start – das langsamste Boot zuerst, das schnellste zuletzt – schafft dabei eine spannende Dynamik. Am Ende zählt nicht rohe Kraft, sondern Klugheit, Timing und manchmal auch Geduld. Eigenschaften, die mit den Jahren nicht schwinden, sondern wachsen.
Was die Klassiker-Szene darüber hinaus prägt, ist ihre Atmosphäre. Kein Ellenbogendenken am Steg, keine Berührungsangst zwischen den Generationen. Stattdessen Geschichten über aufwändige Restaurierungen, über vergangene Regatten, über Boote, die mehrere Besitzergenerationen erlebt haben und immer noch fahren. Segeln schafft soziale Verbindungen, die tragen. Und das über viele Jahrzehnte. Es ist kein Zufall, dass die Menschen in dieser Szene häufig seit einem halben Jahrhundert dabei sind.
Genau darin liegt vielleicht das eigentliche Geheimnis. Segler hören nicht auf, weil Segeln kein Sport ist, der irgendwann endet. Es ist eine Lebensform. Eine, die körperlich fordert, geistig wachhält und sozial einbettet. Und das ein Leben lang. Wer mit achtzig Jahren noch im Cockpit eines alten Holzboots sitzt, schnell und konzentriert, mit einem zufriedenen Lächeln, der beweist, das Alter auch bloß eine Zahl ist.
Die Hamburg Summer Classics finden auch im nächsten Jahr wieder statt. Mitmachen lohnt sich, versprochen.
Martin Hager
YACHT-Chefedakteur
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