Antonia von Lamezan
· 27.09.2026
Ole Puls: Ja, das haben wir uns anders gedacht. Am Ende war es die Logge. Das Perfide: Sie leckte nur bei Fahrt durchs Wasser. Wir haben alles angeschaut, Seeventile, Durchlässe, alles, was undicht sein könnte. Die Wellendichtung machte ein bisschen Wasser, aber das hätte die Menge nicht erklärt. Weil wir das Leck nicht finden konnten, haben wir entschieden abzubrechen. Weiterfahren wäre unvernünftig gewesen.
Fabian Boerger: Das war ein Schock. Ole ging nach unten, um eine Cola zu holen, blieb weg. Als ich nachschaute, zog er die Bilgendeckel hoch, alles war voll mit Wasser. In dem Moment wussten wir nicht, was dahintersteckt. Das hat sich erst herausgestellt, als die Bilge leer war und kein Wasser mehr nachkam.
Fabian Boerger: Wir sind zur nächsten Anlegemöglichkeit gefahren, auf Höhe der Henningsen & Steckmest-Werft in Kappeln, nah am Kran. Ole schöpfte unten mit Eimern, ich brachte sie über Bord, dazu lief die Bilgepumpe. Das ging ungefähr 20 Minuten, bevor wir weiterschauen konnten. Das Verrückte: Als die Bilge leer war, floss kein Wasser mehr nach.
Ole Puls: Wir haben das Boot komplett leer gepützt, und es war einfach dicht. Normalerweise würde man sagen, bei der Menge muss irgendwo Wasser nachlaufen. Wir haben jedes Seeventil kontrolliert, den Motordurchlass und den Krümmer geprüft, alles ohne Befund. So verlierst du schnell zwei, drei Stunden. Auch bei 25 Fuß gibt es viele Stellen, wo Wasser reinkommen kann. Als Bootsbauer zweifelst du dann erst recht an dir selbst. Ich hab schon so viele Boote durchsucht. Warum finde ich's auf meinem eigenen nicht?
Ole Puls: Ich hatte sie im Frühjahr beim Antifouling-Malen zuletzt draußen. Angeschaut hab ich sie, aber nicht im Detail. Sah alles okay aus. Im Nachhinein, wenn ich mich mit meinem Opa drüber unterhalte, dem das Boot früher gehörte: Die Logge ist wahrscheinlich seit 30 Jahren drin. Ich würde fast drauf wetten, dass das noch die ersten O-Ringe sind. Man hat schlichtweg nicht dran gedacht. Das Boot war seit 50 Jahren trocken. Warum soll ausgerechnet jetzt Wasser reinkommen?
Fabian Boerger: Nein. Wir sind mit dem Boot sind bis zur Schleimündung gekommen. Dort stand die Frage: Segeln wir weiter? Versuchen wir, das Problem vor Ort zu lösen? Das Problem war, dass wir noch immer nicht wussten, was es eigentlich ist. Die Chancen, das in unserem Heimathafen in Schleswig zu klären, waren deutlich besser. Wir hatten das Glück, einige Teilnehmer zu kennen, und haben den Kontakt intensiviert. So konnten wir das Rennen zumindest aus der Ferne verfolgen.
Fabian Boerger: Eher zusammengeschweißt. Wir haben durch die Vorbereitung schon viel Zeit zusammen verbracht. Der Haken hinter dem Vegvisir ist noch nicht gesetzt. Nächstes Jahr starten wir wieder. Man kann so etwas nicht vorhersehen. Aber wir haben auf dem Weg so viel gelernt, das trägt uns.
Ole Puls: Definitiv. Das Vegvisir steht bei uns beiden auf der Segelbucketlist. Das Boot ist fertig, wir haben auf Lithium umgebaut, um die Nacht gut zu überstehen. Wir könnten eigentlich sofort losfahren. Im Winter kommen noch ein, zwei Sachen dazu, zum Beispiel ein besserer Block für die Barberholer des Spinnakers, damit das Heisen schneller geht. Aber das Boot ist ready to race.
Fabian Boerger: Das Entscheidende war die Nacht von Freitag auf Samstag. Die kürzere Distanz, für die wir angemeldet waren, startete am Freitag. In dieser Nacht zogen Böen von 30 bis 35 Knoten durch, in einem Revier mit Strömungen und flachen Stellen. Das zeigte sich an den Zahlen: Von 115 gemeldeten Booten kamen 40 ins Ziel. Allein beim letzten Rennen gaben 32 während des Rennens auf. Ich glaube, das wäre ein Rennen gewesen, das uns sehr herausgefordert hätte.
Fabian Boerger: Du fährst in den nächsten Hafen. Das ist der große Vorteil dieses Formats, weil in dem Gebiet so viele Häfen liegen. Dann informierst du die Rennleitung, damit alle wissen, dass kein Seenotfall vorliegt. Über den Tracker sieht man ohnehin, wenn jemand den Kurs verlässt. Wichtig ist, dass man das kommuniziert.
Ole Puls: Ich kenn das von anderen Regatten: Irgendwann musst du abwägen, ob es sich noch lohnt, für Material und Sicherheit. Wir haben ein altes Boot. Abends beim Bier sitzen und sagen, war richtig geil, 35 Knoten, zwei Spinnaker zerrissen, die Fock auch kaputt, das hilft uns nicht. Erst recht nicht mit einem ungeklärten Leck.
Fabian Boerger: Wir haben von allen, mit denen wir gesprochen haben, Verständnis bekommen. Niemand hat gesagt, hättet ihr doch mal weitergemacht. Im Gegenteil: Alle haben gesagt, das war die richtige Entscheidung, auch seemännisch. Im Nachhinein fühle ich mich darin bestärkt, so schwer der Moment auch war.
Fabian Boerger: Wir haben mit ihm telefoniert. Er sprach davon, wie kräftezehrend das war: nachts viel Wind, dazu Regen. Vor allem die Kreuzschläge waren sehr fordernd. Das Revier ist flach, die Welle kurz und steil. Wenn man dann gegen Westwind ankreuzen muss, ist das sehr unangenehm. Die Veranstalter haben den Kurs auch abgekürzt. Ursprünglich sollte es um Langeland herum bis in die Flensburger Förde gehen, ein sehr langer Kreuzschlag. Den haben sie gestrichen, und das kam bei allen gut an.
Ole Puls: Jochen Rieker hat uns den Kontakt gehalten, es reichte von einem schönen Sonnenuntergang bis zu Bedingungen, bei denen sich kaum jemand traute, den Gennaker zu setzen. Selbst Leute mit reinen Rennbooten haben gezögert. Auch die kurze Strecke wurde nochmals auf knapp 60 Meilen verkürzt und der Kurs komplett geändert, nicht Richtung Guldborgsund, sondern etwas nach Norden, damit man etwas vor Wellen geschützt ist. Alle, die mitgefahren sind, sagen: Das war kein Rennen, das viel Spaß gemacht hat. Alle waren froh, durchzukommen und wenn nichts kaputtgegangen ist.
Ole Puls: Klar, zumal das ein Rennen ist, bei dem viele mitfahren, die noch am Anfang stehen, so wie wir eigentlich auch. Das ist für die Veranstalter auch nicht einfach. Aber natürlich die richtige Entscheidung.
Fabian Boerger: Das Wetterbriefing vor dem Start war wichtig. Man wusste, was kommt. Die Einhandsegler und Segelerinnen bei der großen Distanz haben geschlossen entschieden, nicht zu starten. Das zeigt, wie ernst die Lage eingeschätzt wurde und wie gut man untereinander im Austausch war.
Ole Puls: Normalerweise habe ich mit Aberglauben gar nichts am Hut. Wenn eine schwarze Katze vorbeiläuft, ist es halt eine schwarze Katze. Aber wenn man dann zu Hause sitzt, kommt man ins Grübeln. Vielleicht hat das Universum gesagt: Bis hierher ist okay, aber nicht weiter. Ob das Aberglauben ist oder ob man sich eine Situation im Nachhinein zurechtlegt, ist dahingestellt. Irgendwo liegt trotzdem noch der Gedanke: Hätte ich das Leck noch gefunden und wäre fünf Minuten zu spät zum Start gekommen.
Fabian Boerger: Ich gestehe, ich bin etwas abergläubisch. Der Gedanke war da. Aber am Ende spekuliert man nur, was wäre wenn. Ich habe mich damit abgefunden, dass wir die richtige Entscheidung getroffen haben. Das hat mein abergläubisches Gewissen ganz gut besänftigt.
Fabian Boerger: Nein, überhaupt nicht. Es war eine gemeinsame Entscheidung, und sie war richtig. Es ist immer noch “nur” eine Regatta und die Enttäuschung nicht groß genug, um sie nicht anders verarbeiten zu können.
Ole Puls: Die Tränen wurden mit zwei Bier begossen. Aber der Vorteil bei uns: Wir können nicht nur gut miteinander segeln, sondern auch gut miteinander reden. Wir haben lange darüber gesprochen, und irgendwann muss eine Entscheidung fallen. Klar gibt es auch Leute die sagen: So schlimm wär's doch gar nicht gewesen, das Boot kann das ab, Spaß macht's erst ab 30 Knoten. Das kenne ich selbst von anderen Regatten. Wenn man aber selber für alles verantwortlich ist, kommt man schnell dahin: Wir haben das richtig gemacht. Nächstes gucken wir weiter und probieren es nochmal.
Das Interview führte Timm Kruse.
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