Silverruder 2026Rekorde, Rettungen und Herzblut

Ursula Meer

 · 21.09.2026

Dicht an dicht gehen die Boote an den Start.
Foto: Silverrudder
Die 15. Edition der Einhand-Regatta rund Fünen war die härteste seit Jahren - und eine der eindrucksvollste. Drei Rekorde, Starkwind, mehrere Rettungseinsätze und 275 Finisher prägten das Silverruder 2026. Gefahren wurde bis an die eigenen Grenzen, manchmal darüber hinaus.

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„Segeln pur, kein Firlefanz" - so beschreibt Teilnehmer Michael Thomsen nach dem Regattaende knapp den besonderen Charakter der Amateurregatta: „Dieses Rennen fährst du gegen dich selbst. Du lernst dich und dein Boot ganz anders kennen." Am Ziel in Svendborg wurden gestern Abend (20.09.2026) die Finisher-T-Shirts ausgegeben. Etwa 275 der 332 Starter haben das Ziel erreicht. Das Silverruder 2026 ist vorbei. Und es war, wie Organisator Philip Cossen es ausdrückt, „a crazy, exciting race". Nicht nur wegen der Rekorde.

Es war auch ein Rennen, das seine Sicherheitskette ernsthaft forderte. Ein Segler wurde nachts gut eine Stunde lang hinter seinem weitersegelnden Boot hergezogen. Ein Teilnehmer erlitt kurz nach dem Start einen Herzinfarkt. Ein Trimaran kenterte, nach einer Kollision verlor eine Comfortina 32 eines deutschen Teilnehmers ihren Mast. Die gute Nachricht: Niemand kam ernsthaft zu Schaden. Das ausführliche Interview „Mayday um Mitternacht beim Silverrudder“ schildert, wie knapp die Rettung eines über Bord gegangenen Skippers war.

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Das Wetter: Härter als gedacht

Wettermann Juri Jehrmann hatte ein präzises Briefing geliefert. Trotzdem erwischte das Rennen viele Segler härter als erwartet. Nicht nur im Norden Fünens, wo man die schlimmsten Bedingungen befürchtet hatte, sondern ausgerechnet im Süden: Beim Ausgang aus dem Kleinen Belt traf viele Boote ein Raumschots-Szenario mit böigem Westsüdwestwind und kurzen steilen Wellen. Die meisten Boote segelten die letzten sechs bis acht Stunden unter Fock und doppelt gerefftem Groß. Kräftige, nicht vorhergesagte Regenschauer brachten außerdem Böen bis 32 Knoten.

Die Sieger und ihre Rekorde

Die herausragende Leistung bei den Einrümpfern lieferte Wolfram Heibeck. Mit seiner „Black Maggy" war der Hooksieler nach 17 Stunden, zehn Minuten und 34 Sekunden im Ziel. Er unterbot seinen eigenen Rekord aus dem Jahr 2021 um 26 Minuten und 16 Sekunden und war damit sogar schneller als der Sieger der nächstgrößeren Klasse. Für den Umbau-Open-40 war es ein Rekord unter Bedingungen, die sich kaum nach Rekordfahrt anfühlten. Heibeck fasst das Rennen schlicht zusammen: „Heavy, mega heavy. Es hat sich nicht angefühlt wie eine schnellste Runde. Das war richtig Arbeit."

Noch schneller war nur Jan Andersen. Der dänische Konstrukteur und Bootsbauer segelte seine selbst gebaute Marlin 33 „Black Marlin" in 14 Stunden, sieben Minuten und 21 Sekunden als erstes Boot überhaupt ins Ziel. Damit unterbot er seinen eigenen Rekord aus 2021 um eine Minute und 32 Sekunden. Andersen ist erst kürzlich mit der „Black Marlin“ nach Neuseeland gesegelt. Sein leichter Carbontrimaran, den die YACHT bereits ausführlich porträtiert hat, blieb auch bei dieser Silverruder-Ausgabe das Maß der Dinge.

In der Keelboats-Medium-Klasse setzte Jonas Hallberg das Ausrufezeichen. Der Deutsche gewann mit seiner JPK 10.50 „Hinden" in 17 Stunden, 47 Minuten und elf Sekunden und unterbot den seit 2021 bestehenden Rekord von Jan Hansen auf der Figaro 2 „The Beast" um 44 Minuten und 36 Sekunden. Nur fünf Minuten und 39 Sekunden später folgte Kim Haugaard auf seiner selbst gebauten Kimoca “Khaos”. Der Eigenbau hatte vor dem Start in der dänischen Segelszene für Gesprächsstoff gesorgt und lieferte nun das versprochene Tempo. Die YACHT stellt die Kimoca “Khaos” demnächst in einem ausführlichen Porträt vor.

Tom Wehde gewann die Mini-Klasse mit seiner Vector 650 „Osterrath" in 21 Stunden, 16 Minuten und 51 Sekunden, eine ganze Stunde vor Mattis Franken auf einer weiteren Vector 650. Für Wehde war es der erste Silverruder-Start. Er kam mit reichlich Offshore-Erfahrung nach Fünen: Bei der Mini Atlantique 2026 hatte er Hin- und Rücketappe gemeistert und die Serienbootwertung auf Platz 17 beendet.

Patrick Heinrichs holte in Keelboats Small mit seiner Esse 850 „Jynx" den Klassensieg mit 19 Stunden, 33 Minuten und 21 Sekunden. Damit bleibt der 2021 in dieser Klasse von Oliver Schmidt-Rybandt aufgestellte Rekord weiterhin unangetastet: Er segelte seinerzeit mit seiner Dehler 30 OD in gut einer Stunde weniger rund Fünen. Gut zwanzig Minuten nach Heinrichs ging der fünffache deutsche Meister in der Europe-Klasse und Offshore-Doppelhandsegler Sverre Reinke mit seiner Sun Fast 30 OD “Gaia” als zweiter durchs Ziel.

Martin Meredin gewann mit seiner Landmark 43 „Esbern Snare" die Extra-Large-Klasse in 17 Stunden, 23 Minuten und 44 Sekunden. Ganze 15 Minuten schneller noch brachte Rüdiger Schwarz seine Dragonfly 25 Sport „Gecko" in der Gruppe Multihull Small trotz denkbar widriger Bedingungen als erster von zwei Finishern ins Ziel.

​Der Kampf um den EM-Titel der First 27 SE endete mit einer Titelverteidigung: Uroš Kraševac verteidigte seinen Titel aus dem Vorjahr erfolgreich. Er war der einzige, der in den letzten windigen Meilen vor Svendborg noch die Energie aufbrachte, den Spinnaker zu setzen. Alle anderen waren nach 20 harten Stunden wohl schlicht zu erschöpft.

Eine Nacht, die niemand vergessen wird: Mann über Bord

Das Silverruder 2026 brachte gleich mehrere Einsätze für die dänische Seenotrettung. Der eindrücklichste: Ein Segler fiel von seiner Beneteau First 18 SE nachts nahe der Nordspitze Fünens über Bord. Matija - er möchte seinen Nachnahmen nicht veröffentlicht wissen - war angeleint, aber das Boot lief weiter. Mit über vier Knoten. Mehr als eine Stunde lang wurde er hinter seinem eigenen Boot hergezogen. Seine Rettung war ein Handfunkgerät, das er zum ersten Mal in neun Jahren am Körper trug und mit dem er schließlich ein Mayday absetzte. Im Interview mit der YACHT beschreibt er die dramatischen Ereignisse und seine Rettung.

Der deutsche Segler Max Käkenmeister erlebte die Situation aus nächster Nähe. Er war zum achten Mal beim Silverruder dabei. Der freiwillige Feuerwehrmann segelte nördlich von Æbelø, als auf Kanal 16 ein Ruf kam, der sich zunächst kaum einordnen ließ. „Es war so ein total übersteuertes, verrauschtes ‚I'm in the water, I'm in the water'", erinnert er sich. „Wo du denkst: Ist das ein Scherz? Ist das real?" Verständlich war vor allem: Jemand war im Wasser. Käkenmeister folgerte, dass ein Handfunkgerät im Wasser nicht weit von der Person sein könne.

Über Startnummer und Bootsname ließ sich das Boot schließlich im Tracker finden. Käkenmeister gab die Position, etwa anderthalb Meilen westlich von Æbelø, weiter an Lyngby Radio. Die dänischen Seenotretter hatten Schwierigkeiten, die Funksprüche des über Bord gegangenen zu verstehen. Während die Rettungskette anlief, suchte er selbst unter schwierigen Bedingungen weiter in dem Gebiet. Langsamer zu fahren war ihm kaum möglich, sein Boot musste in den stattlichen Wellen in Fahrt bleiben. Auf dem Funk herrschte viel Verkehr, Meldungen überlagerten sich. Für ihn war das in diesem Moment kein normales Regattasegeln mehr, sondern ein Einsatzszenario, in dem jede Entscheidung unter Zeitdruck fällt.

Eine Schrecksekunde gab es, als jemand eine aufgeblasene Rettungsweste ohne Person darin meldete. „Da stand ich im Cockpit und dachte: Das darf jetzt gerade einfach nicht passieren." Kurz darauf entdeckte jedoch die Helcopter-Crew Matija, der an seiner eigenen Lifeline hinter dem Boot hing. Das Rettungsboot wurde zur Position gelotst, der Segler aus dem Wasser gezogen und mit Unterkühlung behandelt. Um fünf Uhr morgens konnte er das Krankenhaus bereits wieder verlassen.

Käkenmeister betont, dass die Rettung nicht das Werk eines Einzelnen war. Mehrere Teilnehmer hatten auf dem Funk die richtigen Fragen gestellt, die Rettungsleitstelle „Lyngby Radio" und das Sicherheitsteam des Silverruders glichen Positionen ab und gaben sie weiter. Der Hubschrauber war nach seiner Erinnerung sehr schnell vor Ort.

Eine wichtige technische Ergänzung erfuhr Matija später im Gespräch mit dem Hubschrauberpiloten: Für ihn war die Funkpeilung eine wichtige Orientierung. Er konnte den Segler im Wasser jedoch nur dann orten, wenn dieser das Handfunkgerät aktiv betätigte.

​Der Vorfall mit Matija hat eine Debatte angestoßen, die die Organisatoren des Silverruder in den kommenden Monaten beschäftigen wird. Philip Cossen kündigt an: „Wir werden das Rennen eingehend auswerten und ernsthaft prüfen, wie wir die Sicherheit verbessern können, einschließlich der Option, ein PLB zur Pflichtausrüstung zu machen."

Cossen weist aber auch auf regulatorische Hürden hin: In Dänemark muss eine PLB registriert sein, was eine UKW-Funkzeugnis und eine Funkstationslizenz voraussetzt. „Wir müssen die Konsequenzen erst durchdenken." Das Silverruder sei bewusst eine Regatta, bei der grundsätzlich jeder mitmachen könne – erschwinglich, keine komplizierten ORC-Regeln. Zusätzliche bürokratische Hürden bei der Pflichtausrüstung könnten genau das gefährden. Die Abwägung zwischen mehr Sicherheit und niedrigschwelligem Zugang ist eine, die das Silverruder in den kommenden Monaten sorgfältig treffen will. Die Sicherheitskette, so Cossen, habe auch bei der diesjährigen Regatta reibungslos funktioniert.

Das Silverrudder ist keine kommerzielle Regatta. Hinter jeder Ausgabe stehen mehr als 120 Ehrenamtliche, die wochenlang – und während des Rennwochenendes rund um die Uhr – arbeiten. Sie koordinieren Starts, betreiben die Sicherheitsboote, verteilen Finisher-Shirts, helfen beim Einlaufen, stehen am Steg, manchmal die ganze Nacht.

Drei weitere Zwischenfälle

Nur rund eine halbe Stunde nach dem Start erlebte ein dänischer Teilnehmer starke Brustschmerzen und rief sofort die Sicherheitskommission um Hilfe. Sofort begaben sich die freiwilligen Sicherheitshelfer und ein SAR-Boot zu dem Dänen. Auf dem Weg zurück in den Hafen erlitt Oksberg einen Herzinfarkt. Er wurde reanimiert, im Krankenwagen mit einem Defibrillator behandelt und notoperiert. Inzwischen ist er auf dem Weg der Besserung.

Kurz nach dem Start ging der Trimaran Farrier F82R „Flaneur" von André Bätz etwa eine Seemeile vor Lundeborg über Kopf und kenterte durch. Der Lee-Schwimmer brach beim Auftreffen einer Welle. Das Boot verlor seine Stabilität und kippte über den Bug. Bätz konnte sich auf den Rumpfboden retten und sich am Schwert festhalten, bis die Seenotrettung eintraf. Ein weiterer Teilnehmer blieb bei ihm, bis er abgeborgen wurde. Sein Kommentar: „Ich hoffe, bald wieder beim Silverruder zu sein, aber wahrscheinlich auf einem anderen Boot." Die zum Renntrimaran umgebaute „Flaneur“ war bereits 2023 in einem Porträt vorgestellt worden. Ein weiteres Mehrrumpfboot musste nach einem Auslegerbruch aufgeben.

Das vielleicht bitterste Ende erwischte einen deutschen Teilnehmer auf einer Comfortina 32. Nach einer Kollision mit einer Sun Fast 3300 brach der Mast. Segel und Mast gingen auf Tiefe. Cossen: „Er ist in guter Stimmung, macht sich aber verständlicherweise Sorgen um sein Boot."

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Ursula Meer

Ursula Meer

Redakteurin Panorama und Reise

Ursula Meer ist Redakteurin für Reisen, News und Panorama. Sie schreibt Segler-Porträts, Reportagen von Booten, Küsten & Meer und berichtet über Seenot und Sicherheit an Bord. Die Schönheit der Ostsee und ihrer Landschaften, erfahren auf langen Sommertörns, beschrieb sie im Bildband „Mare Balticum“. Ihr Fokus liegt jedoch auf Gezeitenrevieren, besonders der Nordsee und dem Wattenmeer, ihrem Heimatrevier.

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