Liebe Leserinnen und Leser,
ich glaube meine Augen lügen mich an! Tatsächlich – da steht mein alter Segelkumpel Heinz auf der Flybridge einer fetten Motorbratze im Hafen und grüßt mich fröhlich. Die Motoren laufen bereits, und die Gäste an Bord sind mit dem Loswerfen der Festmacher beschäftigt. Nach etwas Smalltalk wage ich die Gretchenfrage: Wie es denn dazu kommen kann, will ich gern wissen, und ich deute dabei auf die in meinen Augen ziemlich unförmig daherkommende GFK-Wohnburg am Steg. Als hätte er die Frage bereits erwartet, erklärt mir Heinz, der ehemals ambitionierte Segler und jetzt offenbar Neo-Motorbootfahrer, er möge halt einfach nicht mehr auf Wind warten. Punkt!
Freilich: Ein Blick auf die spiegelglatte Oberfläche des Bodensees an diesem sonnigen Morgen untermauert seinen Standpunkt. “Das hat vielleicht was”, denke ich mir arglos. Ich wünsche Heinz und seiner Familie jedenfalls noch ein schönes und erlebnisreiches Osterwochenende auf dem Wasser, verabschiede mich höflich und beobachte interessiert, wie die zwei Antriebe der brummenden Dieselmotoren die dralle, glänzend-weiße Kunststoff-Yacht langsam durch die Dalben der Hafenbox schieben.
“Jeder wie er mag und lustig ist. Leben und leben lassen”, denke ich beim Weitergehen, noch unwissend, dass ich wenig später an diesem schönen Tag meine Meinung nochmals radikal revidieren sollte. Wie kommt’s? Gerade habe ich bei aufkommender Thermik im Konstanzer Trichter die Segel gesetzt und freue mich über das lautlose, genussvolle Dahingleiten auf meinem alten, schlanken Klassiker.
Unvermittelt wird das nautische Behagen auf dem Wasser abrupt zerhackt vom Wummern nervöser Techno-Beats. Die Quelle der zunehmenden Unruhe scheint das in knalligen Metallicfarben lackierte Motorboot zu sein, das sich just in meine Richtung bewegt. Achtern reitet einer mit Surfbrett und buntem Neoprenanzug im Takt der Musik eine selten hohe Heckwelle ab. Wakesurfing nennt man das wohl. “Schon irgendwie cool”, denke ich – zunächst noch.
Was ich schon weiß: Damit die junge und trendige Sportart überhaupt funktioniert, werden die eigens dafür gebauten Motorboote nicht nur üppig motorisiert, sondern auch konstruktiv entsprechend um- und ausgerüstet. Nämlich mit riesigen Tanks im Heck für zusätzlichen Wasserballast sowie mit einer Art von Spoilern am Rumpf, die Widerstand erzeugen und die Fahrt abbremsen. Das Ziel dieser Maßnahmen: bei möglichst langsamer Fahrt gleichzeitig eine möglichst hohe Heckwelle aufzuwerfen, auf der man ganz lässig mit Brettchen runterreiten kann.
So pflügen sie dann an mir vorbei, an diesem bis dahin recht besinnlichen Tag an Ostern auf dem Bodensee. Und zwar so nah, dass ich leicht und mit bloßem Auge erkennen kann, welche Marke Bier die jungen Leute trinken, während ihr eigentümliches Gefährt augenscheinlich fast abzusaufen droht, so tief wie es im Wasser liegt. Die Jungs grölen dabei, die Mädels kreischen. Ich grüße noch verhalten – niemand grüßt zurück.
Zurück bleibt das langsam abklingende Dröhnen der Motoren und der immer noch ohrenbetäubende Sound der Musik, die zwei gigantische Boxen achteraus in die vermeintliche Idylle blasen. Und natürlich die Wellen – diese verdammten Wellen! Kurz, hoch, steil und mit erbarmungsloser Unaufhaltbarkeit rollen die Kaventsmänner in drei zerstörerischen Linien auf den niedrigen Freibord meines Klassikers zu. Das Schiff zu drehen ist jetzt nicht mehr rechtzeitig möglich. Schon die erste Welle steigt mit viel Gewalt über den Süllrand ins Cockpit ein und spült die zuvor liebevoll hergerichtete Brotzeit von den Duchten. Wild schlagen der Großbaum und die Segel hin und her. Es herrscht blankes Chaos.
Was man in diesem Moment und bei zunehmend schwindender Contenance den jungen Leuten auf dem Motorboot hinterherrufen möchte, behält man besser für sich. Es würde auch nicht viel nützen, weil erbarmungslose Fluchtiraden meinerseits ohnehin im abziehenden Lärm der nautischen Apokalypse untergehen würden. Was bleibt, ist ein patschnasser Skipper ohne Ersatzkleidung, jede Menge Wasser im Schiff und eine weit verstreute Brotzeit im Cockpit, was im Nachhinein reflektiert fast am schlimmsten ist. In dem Moment öffne ich mir ebenfalls ein Bier und suche nach Besinnung und Ansätzen für Verständnis – leider umsonst.
Während das wirre Wellenbild langsam abklingt, sehe ich in der Ferne das bunte Boot im Konstanzer Trichter einen weiten Bogen fährt. Und wieder nehmen sie Kurs direkt in meine Richtung. Dieses Mal kommt das Grauen von der anderen Seite. Himmel hilf!
Michael Good, Redakteur YACHT
Der Yacht Newsletter fasst die wichtigsten Themen der Woche zusammen, alle Top-Themen kompakt und direkt in deiner Mail-Box. Einfach anmelden:
Pause bei “The Ocean Race” – doch hier auf yacht.de gibt es auch weiterhin regelmäßig News, Hintergründe und Updates zu den Reparaturen und den nächsten Etappen!
Windgeneratoren liefern auch nachts und bei bedecktem Himmel Strom. Was Eigner über realistische Leistung, Starkwindregelung, Montage und Sicherheit wissen müssen.
Karte, Wetter, Routing und Bootsdaten: So lesen Sie den PredictWind-Tracker zum Ocean Race Atlantic richtig.
21 Yachten treten beim European Yacht of the Year 2027 an. Sieben Mehrrumpfer und nur zwei klassische Seriencruiser zeigen, wie stark sich der Yachtbau verändert.
Volamare stellt ein aufblasbares Sonnensegel für Segelyachten, Motorboote und Katamarane vor. Die Konstruktion soll ohne Gestänge auskommen und rund 4,5 Quadratmeter Schatten liefern.
Am 1. September beginnt das Ocean Race Atlantic mit der Parade in New York. Boris Herrmanns Neue ist dabei. Erwartet wird ein Highspeed-Rennen nach Lorient.
Ein schwer erkrankter Einhandsegler hat am Donnerstag, 27. August 2026, einen aufwendigen Rettungseinsatz auf der Nordsee ausgelöst und wurde per Hubschrauber und Seilwinde von Bord geflogen.
Am kommenden Wochenende, vom Freitag, den 24., bis Sonntag den 26. September 2026, findet im Hafen von Maasholm das alljährliche Treffen der GFK-Klassiker statt. Dort wird das schönste Boot gekürt, eine Wettfahrt gesegelt und gemeinsam gefeiert.
Starlink führt den Tarif Personal Maritime für private Boote ein. Er beendet die 30-Tage-Grenze im Ausland, gilt aber nur bis 40 Fuß und verteuert Daten auf hoher See deutlich.
Endlich beginnt die neue Saison. Bevor das Boot aber wieder in sein angestammtes Element kommt und es auf den ersten Törn geht, stehen einige Vorbereitungen an. Der große Saisonstart-Ratgeber für alle To-dos!
Der Begriff Osmose ist für viele Eigner mit Schrecken verbunden. Meist zu Unrecht. Worum es bei Osmose geht, ab wann Handlungsbedarf besteht und wie man der Blasenkrankheit vorbeugen kann, klärt dieses Special
Der Yacht Newsletter fasst die wichtigsten Themen der Woche zusammen, alle Top-Themen kompakt und direkt in deiner Mail-Box. Einfach anmelden:
Diskutieren Sie mit – fair, sachlich und respektvoll. Es gilt unsere Netiquette.