Tatjana Pokorny
· 15.01.2024
Ein Teamerlebnis wie kein anderes. Ein opulentes Segelabenteuer über sechs Monate, sieben Etappen und 32.000 Seemeilen. Eine urgewaltige Ozeanarena mit Seehelden zum Mitfiebern. Ein Drama in drei Akten. Ein sozial starker Event, der niemanden zurücklässt. Das 14. Ocean Race war all das – und ganz viel Meer. Es kommt nur auf die Perspektive an, aus der man auf den gerade beendeten Meeres- Marathon zurückblickt.
Boris Herrmann sagte nach seiner fünften Weltumsegelung, dass sie sein Leben verändert hat. Er meint damit das Teamerlebnis, das er so genossen hat. Dabei hatte der Hamburger Gründer und Skipper von Team Malizia die Erde auch zuvor nicht nur solo oder zu zweit, sondern schon 2015 mit größerer Crew auf Francis Joyons Rekordjägerin „Idec Sport“ umrundet. Dieses Mal aber war er der geistige Vater des eigenen Bootes und Teamchef der Malizianer. Das Gefühl der erfolgreichen Mission erfüllt ihn.
Dieses Rennen um die Welt war größer als die kleine, wenngleich feine Flotte der fünf Imocas es zum Start signalisiert hat. Und größer auch, als es sich Boris vor Rennbeginn vorgestellt hatte. Am Ende des Meeres-Marathons pries der Mann mit dem langen Atem sein Team: „Wir sind alle sehr wehmütig, dass das Rennen zu Ende geht. Es war wie das Zusammenwachsen einer großen Familie. Es war ein großes Abenteuer, gemeinsam die Welt zu umsegeln und sie zu entdecken. Nun trage ich das Virus in mir und werde es so schnell nicht wieder los. Wir wollen gern wieder dabei sein.“
Fünf Ziele hatte Boris Herrmann seinem Team vor dem Jubiläumsrennen im 50. Jahr des 1973/1974 als Whitbread Round the World Race durchgestarteten Rennens gesteckt: „Wir wollen sportlich eine Rolle spielen. Wir wollen um die Welt kommen, das Publikum begeistern, Kinder für die Ozeane und ihre Gesundheit sensibilisieren und CO2-Daten für die Wissenschaft sammeln.“ Am Ende hatten die Malizianer die Liste Punkt für Punkt abgehakt.
Tatsächlich hat Team Malizia mehr erreicht, die alte Liebe der deutschen Ocean-Race-Fans wachgeküsst und in eine neue Dimension geführt. Allein bei Youtube verzeichnete das Malizia-Presseteam über 7,5 Millionen Seitenaufrufe. Insgesamt gehen die Ocean-Race-Veranstalter sogar von rund zwölf Millionen Youtube-Aufrufen aus. Gesehen wurden nur via Youtube 451.000 Minuten bewegter und bewegender Malizia- Bilder, die zum Großteil und in wunderbar erfrischender wie unterhaltsamer Art von An-Bord-Reporter Antoine Auriol produziert wurden. Der selbst ernannte „Flight Captain“ hatte mit seinen Mitseglern sichtlich Spaß an Bord, die Zuschauer kamen so ganz nah an ihre Segelhelden heran. Die eigene Filmcrew, ARD, ZDF, Eurosport und Co. produzierten sehenswerte Reportagen und Dokumentationen. Immer wieder schaffte es das Ocean Race mit Boris als zugkräftigem Botschafter in deutsche Hauptnachrichten oder auf andere Mainstream- Sendeplätze.
Team Malizia konnte 26.500 neue Abonnenten für den eigenen Video-Kanal gewinnen. Daran hatten auch die authentischen, per Hand und Handy realisierten Live-Schalten mit Teamdirektorin Holly Cova als talentierter Kommentatorin großen Anteil. Während die Ocean-Race-Organisatoren kurz nach den Rennen noch ihre medialen Zahlen zusammentrugen, war der Trend längst klar: Das größte Publikum kam bei diesem Rennen um die Welt aus Deutschland. Das bezeugten auch die rund 120.000 Menschen auf und an der Kieler Förde, die den Fly-by zum Fan-Gipfel der Weltumsegelung machten. Der französische Imoca-Klassenpräsident Antoine Mermod schwärmte: „Ich kann euch sagen, dass die Segler niemals so viele Menschen gesehen haben. Sie waren wirklich sehr, sehr beeindruckt vom Fly-by in Kiel. Sie wären glücklich, dahin zurückzukehren und dort vielleicht auch ein bisschen zu verweilen …“ Kiel und die deutschen Fans haben ihre Reifeprüfung als potenzieller Etappenhafen für das 15. Ocean Race mit Bravour bestanden. Boris Herrmann nutzte die Gunst der Stunde und warf eine kühne Idee in den Ring: „Wir könnten nächstes Mal in Hamburg starten und vor Kiel ins Ziel gehen.“
Mit quantitativer Einschränkung darf man auch der Imoca-Klasse einen gelungenen Ocean-Race-Aufgalopp bescheinigen. Fünf Boote nur waren zum Aufbruch in die neue Ära aufgekreuzt. Nie waren es im Ocean Race weniger. Das Mini-Feld war den Planungsunsicherheiten nach der Corona-Zeit und dem Umstieg auf die futuristischen Foiler geschuldet, die bis dato nicht als Mannschaftsboote bekannt waren, sondern von Solisten und Zweihand-Crews über die Meere gepeitscht wurden. Mit den Imocas und der vom Flirt in Liebe umgeschlagenen Beziehung zu ihrer Klassenvereinigung hat das Ocean-Race-Management offenbar auf die richtigen Rennpferde gesetzt. Die Imocas sind gekommen, um zu bleiben.
Noch einmal an den VO65-Yachten festzuhalten hat sich dagegen als einer der wenigen Irrtümer erwiesen. „Es war – bei allem Respekt für das Management, das viele tolle Entscheidungen getroffen hat – von Beginn an ein großer Fehler, die 65er am Leben zu erhalten. Das hat die Flotte gespalten und das Momentum verwässert“, urteilte Boris Herrmann ungewöhnlich deutlich.
Weil nicht genügend 65er-Kampagnen ausreichend Sponsorenmittel für die ganze Runde um die Erde fanden, musste lange vor dem Start umdisponiert werden. Sechs VO65er starteten schließlich in den Sprint Cup, der sich aus nur drei Etappen zusammensetzte und wenig mit einer Weltumsegelung zu tun hatte. Tragisch war das für Kampagnen wie das WindWhisper Racing Team, das alle Hafenrennen und alle drei Etappen gewann. Nicht nur Boris hätte das unter polnischer Flagge segelnde Team gern als sechstes Boot im eigenen Feld erlebt. Er sagte: „Die hätten eine starke Imoca-Kampagne aufstellen können. Und sie hätten es auch gemacht, wenn es von vornherein nur eine Klasse gegeben hätte.“
Das überschaubare Imoca-Feld hingegen barg ein rechnerisches Problem: Große Sprünge und Veränderungen waren im Klassement nach Punkten nicht zu machen. Die Top-Teams kristallisierten sich aber schnell heraus. Dabei eröffneten die Vorstart-Favoriten des US-Teams 11th Hour Racing den dritten Ocean-Race-Anlauf ihres Skippers Charlie Enright bei viel Materialbruch zunächst schwach. Stattdessen holte das Schweizer Team Holcim – PRB mit seinem dynamischen Skipper Kevin Escoffier drei Siege in Folge.
Die Kap-Hoorn-Krone aber schnappte sich entschlossen Boris Herrmann. Vor dem Legendenfelsen auf der Landspitze der chilenischen Isla Hornos feierte Team Malizia den grandiosen Gipfelsturm trotz Gehirnerschütterung bei Rosie Kuiper. Die Niederländerin war kurz zuvor von einer Monsterwelle schlafend aus der Koje katapultiert worden. Das nicht mit Punkten belohnte Bergfest auf der Kap-Hoorn-Königsetappe bleibt Boris Herrmanns schönste Erinnerung an die eigene Ocean-Race-Premiere.
Noch süßer schmeckte das Gipfelglück in der Retrospektive aber aus zwei Gründen: Zuvor hatte in der Anfangsphase der dritten Etappe ein Riss im Mast der „Malizia – Seaexplorer“ die Herrmann-Crew beinahe zum Umkehren gezwungen. Dank heldenhafter Reparaturleistungen in schwindelerregender Höhe durch Will Harris und Rosie Kuiper konnte die deutsche „Starkwind-Rakete“ ihren unwiderstehlichen Lauf aber doch fortsetzen und mit dem Sieg auf dem mit 12.750 Seemeilen historisch längsten Abschnitt vollenden.
Für den „symbolischen Ort“ Kap Hoorn wünscht sich Boris Herrmann für die Zukunft ein weiteres Wertungstor. Er sagt: „Es ist eine große Wendemarke, an die sich nach Norden auf Kurs Newport noch einmal eine ganz eigene Etappe anschließt.“ Diese und andere Veränderungen diskutieren die Veranstalter für das 15. The Ocean Race. Nach der Etappe entlang der drei Kaps, für viele Seele und Herz des Rennens, wendete sich das Schicksal in der zweiten Halbzeit für drei Teams extrem.
Zwei Mastbrüche erschütterten die Ocean-Race-Welt auf Etappe vier von Itajaí nach Newport. Erst versagte das Rigg auf „Holcim – PRB“, dann schien Team Guyots Schicksal in einem 60-Knoten-Sturm dort besiegelt, wo einst die „Titanic“ sank. So stieg die Mastbruchquote binnen zwei Wochen auf 40 Prozent. Die Kritiker schrien, dass die für Solisten und Doublehander gebauten Boote nicht tauglich seien für das harte Pushen durch vierköpfige Crews. Doch die Segler selbst gaben Entwarnung: Im Fall von der noch jungen „Holcim – PRB“ hatte ein Ausrüstungsteil versagt. Im Fall „Guyot“ war „das Desaster“, wie es Co-Skipper Stanjek formulierte, vermutlich zu hohen Lasten und möglicherweise kurz zuvor gebrochenen Schottwänden des acht Jahre alten Bootes geschuldet.
Für ein Team ging es auf Etappe vier steil bergauf: 11th Hour tat endlich, wofür der in Bristol auf Rhode Island geborene Skipper Charlie Enright, sein erfahrener britischer Navigator Simon „Sifi“ Fisher bei seiner sechsten Runde um die Welt und ihr Team angetreten waren: gewinnen! Mit den originalen Foils zurück unter dem Rumpf, drehte die Crew so auf, wie Enright seine Augen gern aufreißt, wenn er wieder einmal vor der Kamera Faxen macht, es aber trotzdem ernst meint. „Charlie ist wie ein Comic-Charakter aus einem Cartoon, einfach sehr lustig, aber auch sehr ehrgeizig“, sagt Boris Herrmann über seinen Bezwinger aus Neuengland.
Das Team des 38 Jahre alten Ocean-Race-Dauerläufers Enright hatte die längste Vorbereitungszeit. Keine andere Mannschaft kam auf so viel Ocean-Race-Erfahrung wie 11th Hour Racing. Nach Materialstress, Ruder- und Foil-Problemen sowie einem riesigen Riss im Großsegel im Südmeer läuteten Charlie und seine drei „Engel“ die Aufholjagd mit dem Heimsieg auf Kurs Newport ein. Danach gewannen sie den doppelt gewerteten Transatlantik-Abschnitt zurück nach Europa und den Sprint von Aarhus via Kiel ins niederländische Den Haag.
Wer sollte dieses Team noch stoppen? Einzig Team Holcim – PRB hatte dazu bei zwei Zählern Rückstand vor dem Endspurt nach Genua noch die Chance. Die überwiegend französischen „Eidgenossen“ um Ersatzskipper Benjamin Schwartz, der Kevin Escoffier ab Etappe sechs ersetzte, wollten noch einmal angreifen. Daraus aber wurde – dreifach – nichts: Ein folgenschwerer Crash, nur Rang drei auf der letzten Etappe, auf der „Holcim – PRB“ nach langer Führung auf den letzten Metern im Flautenpoker noch von Team Malizia und Team Biotherm nach hinten durchgereicht wurde, sowie die Jury-Entscheidung in Genua ließen Holcim – PRBs XL-Träume vom Sieg platzen.
Es war eine schicksalsträchtige Szene, die zuvor am 15. Juni die gesamte Ocean-Race-Familie erschütterte. Der von Team Guyot verursachte Crash mit 11th Hour Racings „Malama“ gerät vor Den Haag zum großen Drama. Dort, wo Tage zuvor noch das niederländische Königspaar seiner Landsfrau Rosalin Kuiper an Bord von „Malizia – Seaexplorer“ so herzlich gratuliert hatte, sorgte die Kollision nun für Bruch und Tränen.
17 Minuten nach dem Start versetzte sich das bereits von zwei Etappenaufgaben sowie Rumpfdelamination, Mastbruch und schwersten Comeback-Prüfungen gepeinigte Team Guyot selbst den finalen K.-o.-Schlag. Es kollidierte mit „Malama“, weil weder Steuermann Ben Dutreux noch sein Navigator Sébastien Simon die amerikanische Imoca rechtzeitig sahen. Ihr Bug bohrte sich in die hintere Backbord-Rumpfseite und bis ins Innere der „Malama“. Nur durch Glück wurde niemand verletzt. Schnell war klar, dass keine der beiden Mannschaften die Abschlussetappe würde segeln können.
Das Happy End nach dem Schock konnte 11th Hour Racing dann wenig später feiern. Die Jury gab dem US-Antrag auf Wiedergutmachung statt und katapultierte Charlie und seine Verbündeten damit auf den Ocean-Race-Thron. „Niemand hätte sich vorher den Verlauf dieses Rennens ausmalen können. Ich habe zehn Jahre für diesen Sieg gearbeitet und ihn mit einem fantastischen Team geholt“, sagte der als erster amerikanischer Skipper im Ocean Race gekrönte Charles. Aus seinen bitteren Tränen von Den Haag wurden Freudentränen.
Und was bleibt noch auf Kurs Zukunft? Sicher der 24-Stunden-Weltrekord für Einrumpfboote, den „Holcim – PRB“ auf Etappe vier mit fabelhaften 640,48 Seemeilen ersegelte – die Messlatte und der Ansporn für kommende Generationen. Zwar konnte Boris Herrmanns “Malizia – Seaexplorer” diese sogar nur wenig später übertreffen und 641,13 Seemeilen loggen, aufgrund des zu geringen Unterschieds zum zuvor aufgestellten Rekord durch “Holcim – PRB” wurde diese Bestmarke allerdings nicht anerkannt. Dennoch feierte Malizias Kernteam mit Boris Herrmann, Will Harris, Rosalin Kuiper und Navigator „The Brain“ Nico Lunven diese Bestleistung, den Kap-Hoorn-Triumph, den fulminanten Kieler Fly-by, zwei Etappensiege und Bronze in der Gesamtwertung in der Bucht von Genua Arm in Arm, einträchtig planschend auf dem roten Foil der Yacht, die sie so bravourös um die Welt getragen hat. Die deutsche Imoca, die am Ende auch in leichten Winden siegen konnte, war das einzige Boot der Flotte, das alle sieben Etappen ohne Ausfälle in voller Länge absolviert hat. Für viele Fans ist „Malizia – Seaexplorer“ deshalb nach 97 Tagen, 12 Stunden, 32 Minuten und 16 Sekunden die Königin des 14. The Ocean Race.
Auf ihr wird Skipper Boris Herrmann am 10. November 2024 zur 10. Vendée Globe aufbrechen. Von Les Sables-d’Olonne aus stellen sich 40 Einhandsegler der Herausforderung, allein und nonstop um die Welt zu segeln. Wer hier besteht, steigt in den Olymp der Offshore-Segelszene auf. Bei Boris Herrmanns Premiere 2020 war die Welt im Lockdown und hat hierzulande insbesondere den Hamburger verfolgt. Jetzt legt er erneut ab, ihm und seinem Boot wird nach einem gelungenen Saisonabschluss 2023 mit Transat Jacques Vabre und Retour à la Base Großes zugetraut. Anfang April erwartet der Hamburger zudem ein Paar neue Foils. Die aktuellen Anhänge von “Malizia – Seaexplorer” sind etwa zehn Prozent kleiner, als es die Klassenregeln erlauben. Die bei CDK gebauten neuen Foils sollen auf die Zwischenlösung nach Foil-Schaden in Alicante folgen, somit wieder für das Schiff optimiert sein und auch die maximale Foilgröße der Klassenregeln ausnutzen.
Wenn es nach der Vendée Globe wieder in einem neuen Zyklus in Richtung Ocean Race geht, wird voraussichtlich schon die nächste Generation Imocas geboren. Denn 2025 steht mit dem Ocean Race Europe bereits die Generalprobe für das nächste große Rennen um die Welt auf dem Programm. Die Imocas sind dafür bereits als Klasse gesetzt und sollen mit einem möglichst großen Starterfeld 2026/27 auch die 15. Ausgabe von The Ocean Race bestreiten. Sicher ist die Zukunft des Rennens allerdings nicht, die kommende Ausgabe ist weder fest terminiert noch überhaupt bestätigt. Langweile wird im harten und spektakulären Imoca-Zirkus jedoch auch so in den nächsten Jahren ganz sicher nicht aufkommen.

Freie Reporterin Sport