YACHT
· 11.05.2024
Liebe Leserinnen und Leser,
„Vom Segelvirus befallen“ ist eine arg strapazierte Metapher, die unser Dasein zwar trefflich beschreibt, selbst würde ich aber, wenn Außenstehende mich danach fragen würden, was es mit „dem Segeln“ auf sich habe, etwas freundlicher von einer „Lebensform“ sprechen. Zugegeben einer solchen, die das Dasein an Land nicht selten auf eine Art notwendiger Organisation des nächsten Auslaufens reduziert.
Wer nicht nur gern segelt, sondern auch selbst Eigner des schwimmenden Untersatzes ist, mit dem es regelmäßig aufs Wasser geht, wird den relativen Zusammenhang bestätigen, in dem dieser Aufwand mit dem Alter des Gefährts steht. Im Herbst bereits entstehen To-do-Listen, die spätestens im Frühjahr abgearbeitet werden müssen (und mit zunehmender Betagtheit des geliebten Schiffes immer länger werden), und auch im Sommer prägen Wartung und Pflege das Dasein des Bootsbesitzers.
Und das ist nur der „Normalfall“. Wer die Steigerung erleben möchte, sollte im Winterhalbjahr einmal einen Schuppen voller Klassiker betreten. Er wird dort eine Spezies von Eignern beobachten können, die gänzlich über diesen Dingen zu stehen scheint. Dort kennt man weder Jahreszeiten noch Feiertage, und mit näher rückendem Sliptermin bisweilen nicht mal mehr den Unterschied zwischen Tag und Nacht.
In der Redaktion haben wir in der vergangenen Woche unsere Sonderausgabe YACHT classic druckfertig gemacht. Das brachte die Beobachtung diverser Restaurierungsprojekte mit sich. Und wie schon so oft in der Vergangenheit drängte sich mir dabei der Eindruck auf, dass eine klassische Yacht – und das bestätigt meine obige „Relativitätstheorie“ – in jedem Winter ein größeres oder kleineres Restaurierungsprojekt ist.
Es soll nicht abfällig klingen, ganz im Gegenteil, mir nötigt es großen Respekt ab, zu beobachten, wie selbstverständlich diese Mühen als Teil eines Ganzen in Kauf genommen werden. Und es geht bisweilen ja auch nicht anders: Wer mit Lackierintervallen und Schleifzeiten jongliert, ordnet am Ende nicht selten selbst Grundbedürfnisse wie die Nahrungsaufnahme und Ähnliches mehr dem Zweck unter, der in diesen Zeiten nur unter Hilfe einer gewissen Gedankenakrobatik mit fröhlichen Stunden auf dem Wasser in Zusammenhang zu bringen ist.
Fällt es Außenstehenden schon schwer, sich in die Welt eines „normalen“ Bootseigners hineinzudenken, der im Sommer weder Freunde noch Familie kennt und ohne Rücksicht auf Verluste alles an Zeit und Geld zusammenkratzt, um möglichst viele Logbuchseiten füllen zu können, der wird blass, wenn er auf Menschen stößt, die einen Teil ihres Lebens dem Erhalt einer traditionell gebauten (und meist entsprechend in die Jahre gekommenen) Yacht widmen.
Wer in einem Hafen solch ein Überbleibsel der Zeit entdeckt, als Boote und Yachten aus mühevoll in Form gehobelten Holzteilen zusammengesetzt und mit handgeschmiedeten Beschlägen ausgestattet wurden, kann sich gegen das aufkommende Gefühl der Bewunderung kaum wehren. Die gilt dann aber aufgrund der im GFK-Zeitalter meist nur wagen Vorstellungen vom erforderlichen Erhaltungsaufwand meist den ebenfalls einst analog am Zeichentisch geschaffenen Formen des Betrachtungsgegenstandes. Und nicht zuletzt der Ästhetik seines Gesamteindrucks, der frei von „künstlich“ Hergestelltem und tatsächlich „echte Kunst“ zu sein scheint.
Wirklich nachvollziehen, was es heißt, ein aus witterungsanfälligem Material gebautes – und seit Jahrzehnten in Fahrt befindliches – Boot im Frühjahr wieder fast wie neu aussehen zu lassen, das können hingegen nur die Angehörigen dieser Bekenntnisgemeinschaft selbst.
Dass die nicht auszusterben droht, zeigen gut besuchte Klassikertreffen allerorten. Und so beeindruckende Projekte wie das der „Tally Ho“, die dieser Tage nach einer siebenjährigen Auferstehungsgeschichte ein zweites Mal vom Stapel lief. Der Engländer Leo Sampson Goolden hatte den 1910 gebauten Gaffelkutter vor dem Abwracken gerettet und damit ein yachthistorisches Juwel vor dem Untergang bewahrt.
Der Riss trägt die Handschrift des britischen Konstrukteurs Albert Strange, der sich, was damals durchaus nicht als exotisch wahrgenommen wurde, im Hauptberuf als Direktor einer Kunsthochschule verdingte. In der Brust seines Auftraggebers schlugen zwei Herzen. Der Fahrtensegler Charles Hellyer fühlte sich der seinerzeit noch überwiegend besegelten Fischerei ebenso verbunden wie dem aufkommenden Fahrtensegelsport. „Tally Ho“ legt mit ihrer stäbigen Erscheinung bis heute Zeugnis davon ab.
Zugute kam ihr dieses Wesen in dem legendären Fastnet-Rennen des Jahres 1927. Auf dem ging es so stürmisch zu, dass die Crews fast aller teilnehmenden Yachten aufgeben mussten. Bis auf zwei. Der Schoner „La Goleta“ war groß genug, um den Elementen zu trotzen, die 14 Meter lange „Tally Ho“ war deutlich kleiner, aber eben stark genug.
Der Zahn der Zeit hingegen setzte ihr dann doch irgendwann zu, und nachdem sie auch in ihren späteren Jahren weiterhin sowohl als Fahrtenyacht als auch zur Fischerei eingesetzt worden ist, wurde sie kurz nach ihrem 100. Geburtstag auf einer Werft im Nordwesten der USA aufgelegt. Der Kutter hatte nicht nur Yachtsportgeschichte geschrieben, sondern auch diversen Eignern ein Jahrhundert lang treu gedient. Nun sollte er abgewrackt werden. Bootsbauer Goolden wollte das nicht geschehen lassen und erstand die „Tally Ho“ für einen symbolischen Pfund Sterling.
Der maritime Lebenskünstler hatte zu dem Zeitpunkt gerade eine Atlantiküberquerung im hölzernen Folkeboot hinter sich und suchte nach einer neuen Aufgabe. Wie groß die schließlich wurde, belegen seine hochprofessionell gedrehten Youtube-Videos, in denen Goolden die Restaurierung weltweit erlebbar machte. Er traf damit einen Nerv. Eine immer größer werdende Fangemeinde von zuletzt einer halben Million Followern lernte von ihm und seiner Mannschaft fortan die Liebe zu hölzernen Booten und dem traditionellen Handwerk.
Mit einem klassischen Broterwerb hatte es nicht viel zu tun, was Goolden da trieb, eher mit dem eingangs beschriebenen Virusbefall in Potenz. Der „Tally Ho“ jedoch wurde durch seine Bemühungen – inklusive der generierten Aufmerksamkeit – ein zweites Leben geschenkt, denn das Projekt ließ sich auf diese Weise finanzieren.
Wie das aufkommende Gefühl der Bewunderung, das Betrachter klassischer Yachten unvermittelt beschleicht, wenn sie auf ein liebevoll bewahrtes Holzboot treffen, ist es eine emotionale Angelegenheit, so einen Prozess zu verfolgen. Es löst Anerkennung vor dem Mut und der Einsatzbereitschaft der Initiatoren aus und Respekt vor der Leistung und den handwerklichen Fähigkeiten der beteiligten Bootsbauer. Und vor der Historie der an durchsegelten Jahren reichen Boote.
Es liegt in der Natur der Sache, dass die heute noch gut erhaltenen Klassiker meist mehrere Eigner überlebt haben, die sie umsorgten und segelten und dabei oft ganz unterschiedliche Qualitäten derselben Yacht schätzten. Und dass sie ihre Schiffe entsprechend nutzten und ausstatteten. Selbst die im Rahmen aufwändiger Restaurierungen in ihren Originalzustand zurückversetzten Klassiker tragen daher meist noch Spuren dieser verschiedenen Lebensabschnitte und erzählen so ihre eigene Geschichte.
Auch wer sich nicht zutraut, selbst ein solches Kulturgut zu bewahren, kann und darf sich ihnen gern nähern. Zahlreiche Klassikerveranstaltungen stehen in diesem Sommer in unseren Revieren auf dem Programm. Und die Teilnehmer sind offen für interessierte Besucher, nicht selten werden sogar Mitsegler gesucht.
Zusammengehalten wird die Gemeinde in Deutschland seit 30 Jahren vom Freundeskreis Klassische Yachten, dessen ausschließlich ehrenamtlich tätige Mitstreiter sich mit viel Enthusiasmus und Engagement um die Bewahrung unseres yachthistorischen Erbes kümmern.
In diesem Jahr etwa organisieren die Klassikerfreunde eine mehrtägige Regattaserie, die nicht nur den Teilnehmern einen Augenschmaus bereiten wird. Während der Classic Week geht es vom 15. bis 23. Juni nach Apenrade, Dyvig, Høruphav, Kappeln und Kiel, wo die Flotte im Hafen und auf See auch von Schaulustigen bewundert werden kann und soll. Nach 2006, 2010, 2014 und 2019 findet das Spektakel zum fünften Mal statt. Es wird ein Festival für alle, die solche Schiffe lieben. Auch Schlachtenbummler werden auf ihre Kosten kommen – nur wenige Tage nach Öffnung der Meldeliste wurden schon mehr als 200 Klassiker von ihren Crews angemeldet.
Dafür, dass auch unsere Leser sich an traditionellen Yachten und Booten erfreuen können, haben wir einmal mehr mit der YACHT gesorgt. Und ich möchte diese Gelegenheit nutzen, um dafür im wahrsten Wortsinn zu werben. Nicht zuletzt, weil jede Aufmerksamkeit am Ende der Klassiker-Flotte zugutekommt, wie das Beispiel „Tally Ho“ zeigt, und weil uns die Ursprünge unseres Sports als seglerische DNA am Herzen liegen sollten.
Am 29. Mai erscheint unsere Sonderausgabe YACHT classic, in der vergangenen Woche haben wir sie fertiggestellt, und wenn Sie diese Zeilen lesen, ist das Magazin bereits frisch gedruckt. Abonnenten der YACHT bekommen das Heft erstmals als Sonderausgabe 11a kostenlos zugeschickt. Bestellen kann man es hier:
Neben den Klassikern behandeln wir darin auch bootsbauerische Themen und solche der maritimen Kultur. Wir stellen Menschen aus der Szene vor und geben Einblicke in dieselbe. Und nicht zuletzt handelt es sich bei dem aufwändig hergestellten Druckerzeugnis selbst um einen echten Klassiker – ein Seite für Seite liebevoll gestaltetes und auf hochwertigem Papier gedrucktes Magazin mit opulenter Fotografie und künstlerischer Illustration. Ich würde mich freuen, Sie als Leser begrüßen und auf eine Reise in die schöne Parallelwelt des klassischen Segelsports mitnehmen zu dürfen.
Chefredakteur YACHT classic und stellv. Chefredakteur YACHT
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