​GlückstadtregattaWas auf der Elbe wirklich passiert ist

Lars Bolle

 · 27.04.2026

​Glückstadtregatta: Was auf der Elbe wirklich passiert istFoto: DLRG-Drochtersen
Die auf einem Steindamm festgekommene Bavaria 36.
Mehrere Havarien, eine größere Suchaktion und am Ende auch Glück: Bei der Glückstadtregatta kam es am Wochenende auf der Elbe zu einer Reihe von Vorfällen. In ersten Berichten war von dramatischen Szenen die Rede. Wettfahrtleiter Michael Aldag ordnet die Ereignisse nun aus Sicht der Wettfahrtleitung ein.

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Die wichtigste Klarstellung von Wettfahrtleiter Michael Aldag lautet: „Es gab keinerlei Personenschäden.“ Zwar mussten mehrere Boote unterstützt werden, zwei Segler wurden vorsorglich ins Krankenhaus gebracht. Schwer verletzt wurde jedoch niemand. Noch am Abend seien sie wieder in Glückstadt gewesen.

Aldag betont zugleich, dass die Wettfahrtleitung auf dem Wasser gut vorbereitet gewesen sei: „Wir waren mit einem Startschiff und vier Sicherungs-Mobos mit zwölf Helfern auf dem Wasser und einer Landcrew sehr gut aufgestellt.“ Diese Struktur habe geholfen, die Lage trotz mehrerer paralleler Ereignisse unter Kontrolle zu halten.

Nicht der Wind war das Hauptproblem, sondern die Welle

Der Wind war kräftig, aber aus Sicht der Wettfahrtleitung nicht außergewöhnlich. Aldag nennt Mittelwerte von 22 bis 23 Knoten, in Böen seien maximal 33 Knoten gemessen worden. Das sei „viel, aber händelbar“ gewesen.

Das eigentliche Problem lag nach seiner Einschätzung auf dem Wasser: „Problem waren die für die Elbe sehr ungewöhnlich hohen Wellen.“ Auch Brunsbüttel Elbe Traffic habe ihm später mitgeteilt, dass die Wellenhöhe für diese Windstärke außergewöhnlich gewesen sei. „Wenn wir in einem Wellental waren, konnten wir den Horizont nicht mehr sehen“, sagt Aldag.

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Damit entstand eine Lage, die vor allem auf der Elbe kritisch werden kann: kurze, steile Wellen, Strömung, Berufsschifffahrt, enge Fahrwasserbereiche und sehr unterschiedliche Bootstypen im Regattafeld. Einige Crews entschieden sich deshalb auch gegen einen Start oder brachen die Wettfahrt ab. Was später noch zu Problemen führen sollte.

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Erster Vorfall: Mastbruch bei einer 38-Fuß-Yacht

Die erste größere Havarie betraf eine rund 38 Fuß lange Yacht. In Höhe der Glückstadt-Fähren kam der Mast herunter. Die Sicherungsboote der Wettfahrtleitung wurden umgehend eingesetzt.

Nach wenigen Minuten konnte Aldag Brunsbüttel Elbe Traffic Entwarnung geben: keine Personenschäden, keine weitere Hilfe notwendig. Die Crew schnitt das Rigg ab und markierte den am Grund liegenden Mast mit einer Boje.

Nach Rücksprache zwischen Brunsbüttel Elbe Traffic, dem Zollboot und der Wettfahrtleitung wurde entschieden, dass von dem Mast zunächst keine akute Gefahr ausging. Am Sonntag wurde er durch ein Bergungsunternehmen geborgen.

Kurz darauf: Melges 20 kentert durch

Fast unmittelbar danach kam es in der Nähe zu einem weiteren Vorfall. Eine Melges 20 kenterte durch und lag kieloben. Drei Personen befanden sich an Bord beziehungsweise am Boot.

Die Crew konnte das Boot wieder aufrichten. Ein sofort eintreffendes Sicherungsboot nahm eine Person aus dem Wasser auf und brachte sie nach Glückstadt. Auch hier konnte die Wettfahrtleitung schnell an Brunsbüttel Elbe Traffic melden, dass keine Person verletzt wurde und die Lage geklärt war.

Bavaria 36 liegt auf Steinböschung fest

Ein weiterer Vorfall betraf eine Bavaria 36. Die Yacht geriet direkt an einer Steinböschung auf Grund legte sich mit ablaufendem Wasser an die Steine. Dort blieb sie bis zum nächsten Hochwasser liegen. Nach Angaben der Wettfahrtleitung lagen auch hier keine Personenschäden vor. Eine unmittelbare weitere Gefahr bestand zunächst nicht.

Beim nächsten Hochwasser am Abend wurde die Yacht durch Feuerwehr und DLRG mit Luftkissen geborgen. Anschließend konnte sie aus eigener Kraft nach Glückstadt einlaufen. Der Schaden blieb begrenzt; die Yacht hatte ein kleines Leck, das provisorisch abgedichtet werden konnte.

Die SeaHorse-Kenterung löste die große Suchaktion aus

Der kritischste und aufwendigste Einsatz entstand wegen einer Kenterung einer SeaHorse. Zwei Personen befanden sich auf beziehungsweise bei dem kieloben treibenden Boot im Wasser. Die Crew erreichte das Startschiff telefonisch und forderte Hilfe an.

Entscheidend war nun die Positionsangabe. Nach Aldags Angaben meldete die Crew, sie treibe „vor Pagensand“. Was eigentlich nach dem Zeitverlauf und der Geschwindigkeit des Bootes nicht sein konnte. Tatsächlich lag das Boot kieloben in der Fahrrinne vor der Rhinplatte, zwischen den Tonnen 82 und 84.

Diese falsche Positionsangabe hatte erhebliche Folgen. Die Sicherungsboote suchten zunächst in der falschen Richtung. Parallel lief nach Absprache mit Brunsbüttel Elbe Traffic eine größere Suchaktion an. Beteiligt waren Feuerwehr, DLRG, Zoll, Wasserschutzpolizei, ein Hubschrauber sowie auch die Berufsschifffahrt.

Die entscheidende Information kam schließlich von der Berufsschifffahrt: Gemeldet wurde ein kleiner blauer Rumpf, kieloben treibend, mit zwei Personen im Wasser zwischen Tonne 82 und 84.

War es die SeaHorse oder noch ein anderes Boot?

Selbst mit dieser Meldung war die Lage zunächst nicht vollständig geklärt. Die Wettfahrtleitung wusste zu diesem Zeitpunkt noch nicht sicher, ob es sich tatsächlich um die SeaHorse handelte oder möglicherweise um eine ebenfalls kleine Renn-H-Jolle.

Diese Renn-H-Jolle war früh nach dem Start nach Wedel zurückgesegelt. Sie hatte sich jedoch nicht bei der Wettfahrtleitung abgemeldet und war zunächst telefonisch nicht erreichbar. Damit blieb für die Einsatzleitung offen, ob womöglich noch ein weiteres Boot vermisst wurde.

Zu diesem Zeitpunkt zeigte sich für Aldag eines der zentralen Probleme des Tages. „Es ist wichtig, dass sich Boote, die die Wettfahrt abbrechen oder nicht starten, auch bei der Wettfahrtleitung abmelden.“ Das sei „leider von vielen“ unterblieben.

Für eine Regatta auf einem Revier wie der Elbe sei das mehr als eine Formalität. Wenn Boote nicht starten, abbrechen oder zurücksegeln, ohne sich abzumelden, müsse die Wettfahrtleitung im Notfall wertvolle Zeit darauf verwenden, ihren Status zu klären.

„Hamburg Express“ bestätigt die SeaHorse

Die Yacht „Hamburg Express“, die nicht zur Regatta gehörte, sich aber an der Suche beteiligte, konnte schließlich bestätigen, dass es sich bei dem kieloben treibenden Boot um die SeaHorse handelte. Die „Hamburg Express“ nahm eine Person aus dem Wasser auf.

Die zweite Person wurde von einem Sicherungsboot der Wettfahrtleitung geborgen und anschließend ebenfalls an die „Hamburg Express“ übergeben. Diese brachte beide Segler nach Glückstadt. Die beiden kamen vorsorglich ins Krankenhaus, obwohl sie das nach Angaben Aldags selbst nicht gewollt hätten. Am Abend waren sie wieder in Glückstadt. Ihr Boot wurde am Sonntag von Rettungskräften im Schlepp nach Wedel gebracht.

Währenddessen war die Wettfahrtleitung weiterhin in die Suche eingebunden. Das Startschiff brach den Zieleinlauf ab und beteiligte sich an der Klärung der Lage.

Erst nach vollständiger Klärung kam die Entwarnung

Die größte Herausforderung bestand nun darin, sicher festzustellen, dass niemand mehr vermisst wurde. Dafür mussten alle teilnehmenden Boote entweder klar gesichtet, in Glückstadt gemeldet oder telefonisch mittels Notfallkontaktnummern erreicht werden. Erst danach konnte die Wettfahrtleitung Brunsbüttel Elbe Traffic und der Rettungsleitstelle Bremen melden, dass keine Person mehr in Gefahr war.

Aldag beschreibt damit eine Lage, die nach außen schnell wie ein einzelner Rettungseinsatz aussieht, intern aber aus vielen parallelen Prüfungen bestand: Wo sind die Boote? Wer hat abgebrochen? Wer ist sicher im Hafen? Wer ist noch auf der Bahn? Und welche Meldung gehört zu welchem Vorfall?

Die Sicherungsboote und das Startschiff liefen erst spät wieder in Glückstadt ein.

Professionelle Zusammenarbeit mit den Leitstellen

Während der Einsätze stand die Wettfahrtleitung nach eigenen Angaben fortlaufend über Funk und Telefon mit Brunsbüttel Elbe Traffic, der Rettungsleitstelle Bremen der DGzRS, Feuerwehr, Zollschiff und Wasserschutzpolizei in Verbindung.

Aldag zufolge lobte Brunsbüttel Elbe Traffic die Zusammenarbeit ausdrücklich. Auch die Wasserschutzpolizei habe dies am Sonntag bestätigt, nachdem Aldag dort noch einmal ausführlich berichtet hatte.

Lob an die Helfer

Am Ende steht für Aldag trotz aller Belastung vor allem der Dank an die Helfer. Sie hätten unter schwierigen Bedingungen zuverlässig gearbeitet und mehrere Situationen parallel bewältigt. „Ich möchte noch einmal ein ausdrückliches Lob an alle unsere Helfer aussprechen“, sagt er. „Sie haben einen Mega-Job unter schwierigsten Bedingungen gemacht“.

Dass die Bilanz trotz Mastbruch, Kenterungen, einer festgekommenen Yacht und einer großen Suchaktion ohne Personenschäden ausfiel, lag nicht nur am Glück. Es lag auch daran, dass Sicherungsboote schnell vor Ort waren, Berufsschifffahrt und Leitstellen eingebunden wurden und die Wettfahrtleitung die Lage bis zur vollständigen Klärung offenhielt.

Lange Tradition

​Die Glückstadt-Regatta ist ein Elbklassiker mit langer Geschichte. 1948 wurde sie erstmals ausgesegelt, seit Beginn wird sie vom Norddeutschen Regatta Verein und dem Hamburger Segel-Club gemeinsam ausgerichtet. Traditionell führt die Regatta am Sonnabend von Wedel elbabwärts nach Glückstadt, am Sonntag geht es zurück in den Hamburger Yachthafen. Das Feld ist breit gemischt, von ORC-Yachten über Kielboote und Jollenkreuzer bis zu reviergeeigneten Jollen. In den vergangenen Jahren bewegte sich die Beteiligung meist in einer Größenordnung von etwa 30 bis 45 Booten.

Übrigens: Michael Aldag ist Eigner des Congers, der mit Flügeln foilen soll. Noch ist das nicht unter Segeln, nur im Schlepp gelungen, aber er sagt: „Wir versuchen es weiter.“

Zusammengefasst

  • Keine Personenschäden: Alle Beteiligten kamen ohne ernsthafte Verletzungen davon.
  • Schwierige Bedingungen: 22–23 Knoten Wind im Mittel, Böen bis 33 Knoten, dazu ungewöhnlich hohe Elbwellen.
  • Mastbruch: Bei einer 38-Fuß-Yacht kam nahe der Glückstadt-Fähren der Mast herunter; Crew unverletzt, Rigg markiert und später geborgen.
  • Melges 20 gekentert: Boot lag kieloben, Crew richtete es wieder auf; eine Person wurde aus dem Wasser geholt.
  • Bavaria 36 festgekommen: Yacht lag auf einer Steinböschung, wurde beim Hochwasser mit Luftkissen geborgen und lief selbstständig nach Glückstadt ein.
  • SeaHorse gekentert: Zwei Personen im Wasser, zunächst falsche Positionsangabe „Pagensand“, tatsächlich Rhinplatte/Tonnen 82–84.
  • Große Suchaktion: Feuerwehr, DLRG, Zoll, Wasserschutzpolizei, Hubschrauber, Berufsschifffahrt und Sicherungsboote beteiligt.
  • Bergung der SeaHorse-Crew: Eine Person durch „Hamburg Express“, eine durch ein Sicherungsboot; beide vorsorglich im Krankenhaus, abends zurück.
  • Zieleinlauf abgebrochen: Wettfahrtleitung beteiligte sich mit dem Startschiff an der Suche.
  • Kernlehre: Abbrechende oder nicht startende Boote müssen sich zuverlässig abmelden, sonst wird eine Rettungslage unnötig unübersichtlich.

Lars Bolle

Lars Bolle

Chefredakteur Digital

Lars Bolle ist Chefredakteur Digital und Gründer von YACHT-Online. Viele Jahre war der Diplom-Sportwissenschaftler als Redakteur der YACHT in den Bereichen Sport und Seemannschaft tätig und hat die größten Segelsport-Veranstaltungen der Welt begleitet, vom America's Cup bis zu Olympischen Spielen. Seine persönliche Segel-Vita reicht vom Leistungssport in der Jolle (Deutscher Meister 1992 im Finn Dinghi) über historische und moderne Jollenkreuzer bis hin zu europaweiten Charter-Törns.

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