Liebe Leserinnen und Leser,
es bläst mit 20 Knoten gegenan. Und es muss gewendet werden. Früher hätte in dieser Situation jemand an der Großschot geschuftet, ein anderer die Genua dicht gewinscht und ein dritter am Ruder gestanden und Kommandos gebrüllt – mindestens. Heute drückt man zwei Tasten. Die Winschen surren, der Autopilot fährt das perfekte Manöver im Alleingang, niemand schwitzt, niemand flucht, alles fein.
Elektrische Dichtholer, Rollgroßsegel, KI-gesteuerte Autopiloten oder integrierte Bord- und Assistenzsysteme – moderne Yachten sind längst zu komplexen Systemlandschaften geworden. Wer heute eine Yacht segelt, bewegt nicht selten ein ganzes Netzwerk aus Sensoren, elektrischen Antrieben und Steuerimpulsen. Die Entwicklung und ihre technischen Möglichkeiten sind beeindruckend. Und sie verändern das Segeln als Sport fundamental.
Der Trend kommt nicht von ungefähr. Mannschaften sind kleiner geworden. Viele Seglerinnen und Segler – nicht selten jenseits der 60 – sind oft nur noch zu zweit unterwegs. Auch die lange Fahrt auf hoher See wird meist im Paar bestritten. Ohne technische Unterstützung ist das physisch kaum zu noch bewältigen. Eine moderne Yacht um 50 Fuß Länge zum Beispiel trägt Segelflächen, für welche man früher eine eingespielte Mannschaft benötigte. Elektrische Winschen und Autopilot sind längst kein Luxus mehr, sondern mittlerweile schon Voraussetzung und ein Sicherheitsgewinn. Und das ist auch gut so.
Und doch bleibt bei diesem Thema bei mir stets eine leise Irritation haften. Segeln ist für mich mehr als Fortbewegung. Es ist eine körperliche Herausforderung. Das direkte Spüren von Druck im Ruder, das kraftintensive Ziehen an der Schot. Ich mag die Kräfte, die durch Hände und Arme gehen – und nicht durch elektrische Antriebe oder fette Hydraulik aufgefangen werden. Ich bin als Segler so aufgewachsen. Segeln ist für mich immer noch ein Sport – und soll es auch bleiben.
Klar: Moderne Technik und effiziente Antriebe nehmen uns Arbeit ab, aber immer öfter auch Entscheidungen und Kompetenz. Wer ständig unter Autopilot segelt, erlebt Winddreher anders. Wer per Knopfdruck wendet, muss das Timing nicht mehr körperlich antizipieren. Wer nie an der Winsch kurbelt, entwickelt kein Gespür dafür, wann das Material an seine Grenze kommt. Im modernen Yachtsport wandert der Blick deshalb auch immer häufiger auf den Bildschirm statt auf das Wasser. Der Mensch überwacht – und das System steuert. Aus aktivem Segeln wird immer häufiger Systemmanagement.
Und genau hier liegt der eigentliche Kern der Kontroverse. Automatisierung erfordert Verständnis. Wer sich auf Technik verlässt, muss sie auch beherrschen und nicht nur bedienen können. Ein Autopilot ist nur so gut wie sein Setup. Systeme können ausfallen – und sie fallen aus, irgendwann mal. Der Unterschied zeigt sich oft in Extremsituationen. Der Einhandsegler auf einer modernen, hochentwickelten Hochsee-Rennyacht zum Beispiel ist vollständig von seinem Autopiloten abhängig. Die modernen Anlagen sind mittlerweile so gut, dass er auch in haarigen Bedingungen kaum mehr selbst steuern muss. Die Maschine kann das auch – und sie kann es sogar besser. Dafür kennt der Skipper jedes Kabel, jede Sicherung, jede Notlösung. Für den Segler ist die moderne Technik zwar ein wichtiges Werkzeug, darf aber niemals Ersatz für das Können sein. Die Frage ist daher nicht, ob die Automatisierung an Bord gut oder schlecht ist – sondern ob sie die nautische Kompetenz sinnvoll erweitert oder nur ersetzt.
Hightech und innovative Technologien an Bord sind kein Verrat am Segeln. Sie sind eine Erweiterung der Möglichkeiten. Sie erlauben längere Törns, kleinere Crews, größere Yachten. Sie können Sicherheit erhöhen und Belastung reduzieren. Aber sie verlangen auch Bewusstsein. Vielleicht ist die eigentliche Konstante im Segelsport nicht das Material oder die Mechanik – sondern die Frage nach richtigem Maß und Umgang.
Michael Good
YACHT-Redakteur
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