Liebe Leserinnen und Leser,
„Sollte das ein Wohnwagen werden?“, fragt ein Facebook-User in seinem Kommentar zu den ersten Fotos der neuen Dufour 41 auf unserer Webseite. Ein weiterer ergänzt: „Wäre schön, wenn sie schön wäre.“ Um die Frage zu beantworten und die Aussage zu relativieren: Ja es soll ein Wohnwagen sein, ein Fahrtenboot soll sich gut bewohnen und dabei bewegen lassen. Viel Platz für viel Komfort ist eine Grundforderung, und die Umsetzung dieses Kundenwunsches treibt die Branche derzeit immer weiter auf die Spitze. Jedes neue Modell ist breiter als das vorherige. Damit längst nicht genug: Die Konstrukteure reizen über die Rumpfform die vorgegebene Länge brutal aus: Die Rümpfe werden breiter, bleiben es im Heck. Sie wachsen in der Höhe, und sie werden vorn rund, sie haben von oben betrachtet die Umrissform eines Bügelbretts. Zur annähernd schon motorbootähnlichen Optik gesellen sich fast lotrechte Freibords, die erst unterhalb von Kimmkanten zu einer schmaleren Wasserlinie verlaufen.
Diese Maßnahmen ermöglichen neben einem willkommenen großzügigen Raumgefühl schlichtweg mehr Platz für Mensch und Material. Etwa ab der Größe 40 Fuß sind bis zu vier Kabinen und drei Toiletten möglich. Drei! Wer braucht das?
Kollektive Diarrhö durch verdorbenen Fisch beim Crewdinner dürfte kaum Grund genug sein, vorsichtshalber drei Räume nebst Installationen vorzuhalten. Pro Kabine eine Nasszelle mag Kundenwunsch in der Charterszene sein, okay. Aber weiter: vier Kabinen auf 40 Fuß? Bedeutet eine Belegung von bis zu acht Personen, den Schlafplatz im Salon noch nicht eingerechnet. Acht Personen, die man erst mal im Cockpit unterbekommen muss, beim Segeln und beim Essen oder Trinken. Dufour macht es konsequent, das Cockpit wird durch eine achtern im Cockpit quer über das breite Heck verlaufende Sitzbank tatschlich für mehr als zehn Personen nutzbar. Kehrseite des Wunsches nach vielen Bädern und großer Plicht: Der Salon muss schrumpfen. Was für den Gebrauch als Charteryacht wie auch als Eignerschiff verschmerzbar ist. Die einen sind meist im Warmen unterwegs und die anderen mit kleineren Crews.
Die modernen Rümpfe sind also durchaus sinnvoll, aber sind sie auch ansehnlich? Torsten Conradi, Chef vom renommierten Konstruktionsbüro Judel/Vrolijk: „Der Geschmack auch von Fahrtenseglern folgt meist dem, was auf der Regattabahn modern ist. Die prägt die Vorstellung von modernen, schnellen Booten.“ Waren früher IOR, dann IMS und später ORC in Deutschland stilbildend, beeinflusst immer mehr die französische Hochseeszene die optische Mode. Imocas und Class 40 sind für viel Formstabilität und gute Gleiteigenschaften breit und vorn für viel Auftrieb rund. Diesem Vorbild nähern sich besonders zeitgenössische Fahrtenyachten, auch wenn die Form einem anderen Zweck dient. Moderne Cruiser sind zu vier Fünfteln französisch geprägt. Beneteau, Jeanneau und Dufour entstehen jenseits des Rheins, Hanse wird von einem Konstruktionsteam aus La Rochelle versorgt. Und Bavaria folgt dem Trend ebenfalls.
Moderne Boote darf man hässlich finden, keine Frage. Aber wer will heute noch auf einem flachen, schmalen und achtern noch engeren Boot segeln? Wer kommt mit einer Hundekoje im Heck und Kriechhöhe klar und braucht keine Dusche an Bord, obwohl das Boot 35 Fuß und größer ist? Warum bauen die Großserienwerften keine Boote vom Schlage einer Luffe, Faurby oder Aphrodite? Der Markt hat’s geregelt. Die Entwicklung folgt dem allgemeinen Wunsch nach mehr Komfort, der uns längst Rollgroßsegel, Heckstrahler, Waschmaschine, Fernseher und Geschirrspüler an Bord beschert hat.
Muss keiner kaufen, machen aber die meisten. Jeder, wie er will. Passt.
stellv. Chefredakteur YACHT
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