Liebe Leserinnen und Leser,
Mein Boot habe ich vor anderthalb Jahren verkauft. Nicht, weil ich nicht mehr segeln wollte. Sondern weil ich es zu selten tat. Das Boot lag an der Elbe, war bezahlt, gepflegt und grundsätzlich startklar. Nur ich war es deutlich seltener, als ich mir beim Kauf vorgestellt hatte. Arbeit, Familie, andere Termine, Wetter, Tide: Schon war wieder ein Wochenende vorbei, an dem das Schiff keinen Meter gefahren war.
Irgendwann waren nicht einmal die laufenden Kosten das Lästigste. Es war der Gedanke, dass dieses schöne Boot im Hafen lag und man doch eigentlich losmüsste. Stattdessen besuchte man Freunde, kümmerte sich um den Garten, fuhr übers Wochenende weg oder hatte schlicht keine Lust.
Nach dem Verkauf war dieses Gefühl weg. Kein Auskranen, Einwintern, Schleifen, Polieren und Antifouling. Kein Termin zum Mastlegen. Keine sorgenvollen Gedanken bei Sturm oder Sturmflut. Kein Samstag, an dem man eigentlich etwas anderes vorhat, aber noch zum Boot muss, weil wieder eine Arbeit wartet oder um die Festmacher zu kontrollieren.
Ich fand das erstaunlich befreiend. Und ich habe gelernt: Auch ohne eigenes Boot kann man gute Wochenenden und schöne Urlaube verbringen. Für einen Segler ist das vielleicht keine ganz ungefährliche Erkenntnis.
Inzwischen hat die Sache allerdings einen Haken: Langsam fehlt mir das Boot wieder. Nicht unbedingt das komplette Paket. Auf Winterlager und die üblichen Arbeiten könnte ich weiter gut verzichten. Aber das Segeln fehlt: Ein Boot zu kennen, spontan losfahren zu können, längere Törns zu planen und die eigenen Sachen an Bord zu haben. Nicht jedes Mal chartern, einweisen lassen, auspacken und wieder einpacken. Oder auch nur mal ein Wochenende auf dem Boot verbringen - als Ferienhaus mit Wassergrundstück.
Ein eigenes Boot hätte also wieder seinen Reiz. Nur bitte nicht noch einmal auf dieselbe Weise. Denn warum soll eine Yacht eigentlich immer einer Person allein gehören? Wer montags durch einen Yachthafen geht, sieht viele Boote, die vermutlich erst am nächsten Wochenende wieder bewegt werden. Manche auch dann nicht. Trotzdem stehen Liegeplatz, Versicherung, Winterlager, Krantermine, Wartung und Reparaturen das ganze Jahr über auf der Rechnung. Vom Kaufpreis ganz zu schweigen.
Natürlich gibt es Eigner, die fast jedes Wochenende segeln oder monatelang unterwegs sind. Für sie stellt sich diese Frage kaum. Aber für Leute wie mich schon. Warum nicht zu zweit oder zu dritt ein Boot besitzen?
Am Anfang der Saison würden Urlaube, Feiertage und die begehrten Wochenenden verteilt. Was frei bleibt, könnte spontan genutzt werden. Und ja: Dann kommt dieser Freitag mit Sonne und 15 Knoten Wind, an dem ausgerechnet jemand anderes das Boot hat. Ärgerlich.
Dafür wäre vieles, was sich bisher nach einem großen Posten anfühlte, plötzlich aufgeteilt. Beim Kauf ebenso wie beim Liegeplatz, im Winterlager, bei den unvermeidlichen Rechnungen dazwischen und auch bei den Sorgen. Eigentlich ziemlich naheliegend. Umso mehr wundert mich, dass es nicht viel mehr Eignergemeinschaften gibt.
Vielleicht liegt es daran, dass ein Boot eben nicht nur ein Gebrauchsgegenstand ist. Es ist ein kleines Zuhause. Die Jacke hängt dort, wo sie immer hängt. Die Kaffeetasse steht im richtigen Schapp. Man weiß, welche Schublade klemmt und wo die Taschenlampe liegt. Und die Zahnbürste bleibt einfach an Bord.
In einer Eignergemeinschaft müsste man sich arrangieren. Private Fächer schaffen, das Boot ordentlich übergeben und vermutlich akzeptieren, dass jemand die Fender grundsätzlich an anderen Stellen aufhängt als man selbst. Das kann nerven.
Aber ist mir die gewisse Freiheit des Alleineigentums wirklich so viel wert, dass ich dafür sämtliche Kosten und Arbeiten sowie das schlechte Gewissen allein übernehme? Da bin ich mir inzwischen nicht mehr sicher.
Denn gemeinsam ließe sich nicht nur die Rechnung teilen, wobei das noch nicht mal mein Hauptargument wäre.
Da wäre auch die Arbeit. Einen Samstag unter dem Rumpf mit Schleifgerät in der Hand vermisse ich nicht. Zu zweit oder zu dritt sähe selbst das vielleicht anders aus. Einer kümmert sich um den Motor, einer um das Unterwasserschiff, einer poliert. Oder alle machen eines zusammen. Zwischendurch Kaffee, ein bisschen schnacken und abends ist die Arbeit erledigt.
Vielleicht macht dann sogar Winterlager Spaß. Zumindest ein bisschen. Und noch etwas finde ich reizvoll: Eine Eignergemeinschaft könnte Menschen zusammenbringen, die sich gut ergänzen. Da sind ältere Segler mit jahrzehntelanger Erfahrung, die ihr Boot finanziell problemlos unterhalten können. Aber Kranen, Maststellen und die Arbeiten im Winter werden nicht leichter.
Auf der anderen Seite gibt es jüngere Segler, die Zeit, Kraft und Lust mitbringen, für die ein eigenes Schiff aber finanziell kaum erreichbar ist. Warum eigentlich nicht zusammen?
Nicht nach dem Modell: Der eine zahlt und der andere arbeitet. Sondern weil jeder etwas mitbringt. Erfahrung, Zeit, Geld, handwerkliches Können, Revierkenntnis. Und am Ende wollen sowieso alle dasselbe: segeln. Oder stelle ich mir das zu einfach vor?
Natürlich gibt es Gründe, warum eine Eignergemeinschaft schiefgehen kann. Vielleicht behandelt einer das Boot anders als die anderen. Vielleicht ist plötzlich ein neues Großsegel fällig. Vielleicht will einer jedes Wochenende fahren und der andere nur im Hochsommer. Vielleicht passt es einfach menschlich nicht.
Vor allem aber frage ich mich: Wie findet man überhaupt die richtigen Leute? Deshalb würde ich es gern wissen. Haben Sie ein Boot gemeinsam mit anderen oder hatten Sie einmal eines? Wie funktioniert das bei Ihnen? Wie haben Sie sich gefunden? Was hat Sie überrascht? Was nervt – und was würden Sie trotz allem nicht mehr missen wollen?
Mich interessieren ausdrücklich auch die schlechten Erfahrungen. Und genauso die Gegenmeinung: Wenn eine Eignergemeinschaft für Sie niemals infrage käme, warum nicht?
Vielleicht ist das eigene Boot tatsächlich einer dieser Bereiche, in denen Teilen in der Theorie viel vernünftiger klingt als in der Realität. Vielleicht aber auch nicht.
Denn für mich ist die Frage inzwischen ziemlich konkret. Wenn ich wieder ein Boot kaufen würde, dann könnte ich mir heute gut vorstellen, es gemeinsam mit zwei oder drei anderen zu tun. Eher an der Ostsee als wieder an der Elbe.
Und vermutlich gibt es noch mehr Segler, denen es ähnlich geht: Das eigene Boot fehlt ihnen irgendwann. Das komplette Paket aus Kosten, Arbeit und schlechtem Gewissen aber überhaupt nicht. Vielleicht haben viele nur dasselbe Problem: Sie würden gern teilen, wissen aber nicht, mit wem.
Dann müsste man beim nächsten Boot vielleicht tatsächlich nicht mehr fragen: Welches kann ich mir leisten, welche Strecken schaffe ich - Stichwort Kettentörn, wer schaut mal nach dem Boot? Sondern: Wie können wir das Beste aus dem Boot für uns herausholen?
Lars Bolle
Chefredakteur YACHT-Digital
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