Liebe Leserinnen und Leser,
die Frage wird seit Jahren gestellt, inzwischen aber mit deutlich mehr Nachdruck: Verschiebt sich der Segelyachtmarkt dauerhaft vom Einrumpfer zum Katamaran? Wer über große Bootsmessen geht, wer Charterflotten betrachtet oder die Neuheiten der Serienwerften verfolgt, kann den Eindruck bekommen: Ja, der Trend ist eindeutig. Katamarane sind sichtbarer und größer geworden und werden professioneller vermarktet als früher. Trotzdem wäre es zu einfach, daraus eine generelle Ablösung abzuleiten. Der Markt kippt nicht vollständig. Er differenziert sich eher. Und genau darin liegt die eigentlich interessante Entwicklung.
Der Katamaran hat unbestreitbare Vorteile. Er bietet viel Raum, eine hohe Formstabilität, kaum Krängung, meist großzügige Außenbereiche und eine Wohnqualität, die ein vergleichbar langes Einrumpfboot nicht erreichen kann. Für Charterkunden, Familien, Langfahrtcrews und Eigner, die viel Zeit vor Anker verbringen, sind das starke Argumente. Die Yacht wird weniger als sportliches Gerät verstanden, sondern vielmehr als schwimmender Lebensraum. In diesem Segment bietet der Katamaran einen strukturellen Vorteil.
Dazu kommt: Viele Käufer steigen heute mit anderen Erwartungen in den Markt ein als frühere Eignergenerationen. Sie suchen Komfort, einfache Nutzbarkeit, Privatsphäre in getrennten Kabinen, Platz für Gäste sowie viel Stauraum. Der Katamaran kann diesen Wünschen überzeugender nachkommen als das Einrumpfboot.
Die Kehrseite der Entwicklung: Katamarane sind in Anschaffung, Ausrüstung, Versicherung, Wartung und Liegeplatzkosten meist deutlich anspruchsvoller. Sie benötigen mehr Hafenfläche, passen nicht in jede Liegebox, sind generell in vielen Marinas schwieriger unterzubringen und verursachen zudem höhere Gebühren. Breite ist auf See häufig ein Vorteil, im Hafen aber oft ein Problem.
Hinzu kommt das Gewicht. Viele moderne Fahrtenkatamarane werden mit Ausrüstung und Bordtechnik förmlich vollgestopft – weil eben der Platz dafür vorhanden ist. Klimaanlagen, Wassermacher, zusätzliche Batteriekapazitäten oder Transportlösungen für das Beiboot gehören für das sorgenfreie Blauwasserkonzept schon fast zur Grundausstattung. Größe und Gewicht scheinen dabei oft nur eine untergeordnete Rolle zu spielen. Das passt zwar zum Nutzungskonzept, verschlechtert aber die Segeleigenschaften. Ein überladener Katamaran verliert schnell und spürbar an Dynamik. Dann bleibt von der theoretischen Effizienz zweier schlanker Rümpfe wenig übrig. Gerade bei schwachem Wind werden viele Kats schnell zu Motoryachten mit Segeloption.
Ein weiterer Punkt wird vor dem Kauf häufig unterschätzt: das Bewegungsverhalten im Seegang. Katamarane krängen kaum und liegen vor Anker oft deutlich ruhiger als Einrumpfer. Doch auf See bedeutet das nicht automatisch mehr Komfort. In kurzer, steiler oder konfuser Welle können Mehrrumpfboote hart, ruckartig und für viele Crews ungewohnt reagieren. Das Stampfen und die diagonalen Bewegungen können sehr unangenehm werden. Nicht wenige Segler stellen deshalb erst auf längeren Passagen fest, dass sie sich an diese Bewegungen eines Zweirumpfboots wohl eher nicht gewöhnen können. Komfort ist eben nicht nur eine Frage von Raum und Stabilität.
Das Einrumpfboot bleibt in dieser Gegenüberstellung in vielen Bereichen die einfachere, robustere und ökonomisch vernünftigere Lösung. Monohulls benötigen weniger Platz, sind günstiger im Unterhalt, lassen sich in den Häfen leichter unterbringen und bieten ein vertrautes Seeverhalten. Viele Segler schätzen genau diese Rückmeldung: Krängung, Ruderdruck und das spürbare Verhältnis zwischen Wind, Segel und Boot. Das ist kein nostalgisches Argument, sondern für viele ein wesentlicher Bestandteil des Sports.
Der Markt verschiebt sich zugunsten der Katamarane dort, wo Komfort und Raum im Vordergrund stehen. Gleichzeitig bleiben die Nachteile erheblich – und sie werden mit wachsender Bootsgröße nicht kleiner. Breite, Gewicht, Kosten, Hafenprobleme und das spezielle Bewegungsverhalten im Seegang sind keine Randnotizen. Sie entscheiden darüber, ob der Traum vom komfortablen Mehrrumpfboot im Alltag wirklich trägt.
Wer vor allem Raum, Stabilität und Komfort sucht, findet in zwei Rümpfen starke Argumente. Wer Seeverhalten, Kosten, Einfachheit und unmittelbares Segelgefühl höher gewichtet, hat weiterhin sehr gute Gründe für den Monohull. Der Markt kippt nicht. Er zwingt nur zu einer ehrlicheren Frage: Will man vor allem wohnen – oder segeln?
Michael Good
YACHT-Redakteur
Umfrage beendet
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